Wiesbadener Tsgblsü.
18. Jahrgang.
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Dienstag, den 29. Mai«
Mo. 247.
Fernsprecher Wo. 52.
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190«.
Abend-Ausgabe.
Die wiederrrstandene „Affairr".
Unser Pari sei ^-Korrespondent schreibt uns unterm 27 . d. M.:
Nachdem das Ministerium Waldcck-Nousseau am vorigen Dienstag bei der Wiedereröffnung der Session sein Vertrauensvotum mit einer Mehrheit von 45 Stimmen weghaite, faßte die Kammer mit über 400 gegen etwa 70 Stimmen den Beschluß, die Negierung solle Maßregeln ergreifen, um „jede Wiederaufnahme der Dreyfus-Angelegenhcit zu verhindern". Dreyfusisten und Antidreysusisten, gemäßigte und radikale Republikaner, Monarchisten und Nationalisten hatten sich zu dieser Majorität vereinigt, nicht ohne daß vorher in der Debatte die bunteste Meinungsverschiedenheit über die Tragweite und Bedeutung des Beschlusses zu Tage getreten wäre. Die Regierung bczeichnete ihn als eine Bestätigung ihrer Amnesticpolitik, die Rechte als eine dem Kabinett ertheilte Verwarnung. Es war klar, daß ein so vielsinniger, von so entgegengesetzten Elementen sanktionirter Beschluß keine politische Wirkung haben, die Akten der Drcysussache nicht schließen konnte. Im Volke blieben die Ansichten über den Fall nach wie vor getheilt; Dreyfus und seine Freunde fuhren fort, seine Rehabilitation zu erstreben, und die Militärpartei fuhr gleichfalls fort, diese Bestrebungen mit allen Mitteln zu durchkreuzen. Das Bedenkliche dabei ist, daß beide Parteien in der Staatsverwaltung vertreten sind, in Behörden, welche die ihnen zur Verfügung gestellte» Mittel dazu verwenden, einen heimlichen, aber erbitterten Miuenkrieg gegen einander zu führen, einen Krieg, der in vielen Beziehungen an die Fehde erinnert, welche s. Z. in Deutschland zwischen dem Auswärtigen Amt und der politischen Polizei bestand und zu dem berühmten Tausch-Prozeß Anlaß gab. Nach dem Renner Urtheilsspruch wurde bekanntlich, uni die Wiederholung von Thaien, wie sie Henry, du Paty de Clam und Esterhazy fertig gebracht haben, die Aufgabe, die Spionage in Frankreich zu verfolgen, dem Generalstab entzogen und der Landespolizei im Ministerium des Innern, der sogen. „Allgemeinen Sicherheit", übertragen. Nichtsdestoweniger fuhr da§ zweite Bürcau des Generalstabs, das diesen Dienst unter sich gehabt hatte, fort, sich mit demselben zu befassen, und beschäftigte seine Agenten (die offenbar überhaupt nichts Anderes zu thun hatten) damit, die Agenten der Allgemeinen Sicherheit irrezuleitcn. ihnen Fallen zu legen und speziell ihnen Miiiheilnngen und Dokumente in die Hände zu spielen, die angeblich eine Handhabe für Dreyfus zur Wiederaufnahme seines Prozesses bieten konnten. Nach zehnmaligen Ablehnungen derartiger Angebote scheint endlich Toms, ein Kommissar der Allgemeinen Sicherheit, angebiffen zu haben: Toms erklärte
sich brieflich bereit, die ihm in Aussicht gestellten Beweise, daß Cernuski, der bekannte Belastungszeuge von Neunes, bestochen worden sei, entgegenzunehmen. Im Grunde war er, wie jeder Kriminalbeamte, zur Annahme solcher Mitiheilungcn verpflichtet. Nichtsdestoweniger versetzte ihn der Minister des Innern strafweise, weil er nicht zuvor über die Sache berichtete und Weisungen eingeholt habe. Der Leiter des zweiten Gencralstabs-Büreans, Hanptmann Fritsch, hatte aber nichts Eiligeres zu thun, als den Brief von Toms bent Herausgeber des nationalistischen „Eclair", dem Abg. Humbcrt, mitzniheilcn, der nun die Regierung beschuldigt, entgegen dem Kammerbeschluß an der Wiederaufnahme der Dreyfnssache zu arbeiten. Natürlich hat der Kriegsminister den intriganten Offizier, der sich frech damit zu rechtfertigen suchte, er habe „einen politischen Akt vollzogen", sofort aus dem Dienst entlassen. Morgen Montag tvird die Angelegenheit aufs Neue die Kammer beschäftigen und voraussichtlich aufs Neue riesigen Skandal erregen. (Die Negierung hat auch diesmal ein Vertrauensvotum mit 46 Stimmen Majorität erhalten. D.N.) Die gesammteRegierung tritt fürdieCivilgewalt ein, auch dcrKriegs- minister; es märe merkwürdig, wenn die Kammer in dieser Frage sich auf die Seite der frvndirenden Generalstäbler steilen wollte. Ein Kabinett, das unter solchen Umständen die Regierung übernähme, würde einen schweren Stand haben, und vor Allem würde die Dreyfnssache weniger als je abgethan und begraben sein. Der ganze neue Zwischenfall bestätigt nur das Dichterwort: Das ist der Fluch der bösen Thai, daß sie fortzengend Böses muß gebären.
Deutsches Reich.
Zur Kanalfrage.
L. Berlin, 28. Mai.
Gegenüber jeder neu auftanchcndeu Meldung von der baldigen Einbringung der Kanalvorlage ist ein umso stärkerer Zweifel Pflicht, je weiter sich die Landtagsscssion in den Sommer hinein erstreckt. Alle betreffenden bisherigen Ankündigungen haben sich als unzuireffend erwiesen. Die neueste derartige Botschaft, die ein hannoversches Blatt gebracht hat, wird wohl nicht wahrer sein, als ihre Vorgängerinnen. Wieder, und ganz wie früher, erscheint es dem Beobachter als das Wichligste an diesen Ankündigungen, daß sie schwerlich bloße Erffndungcn sind, sondern den Ausdruck von Wünschen und Absichten innerhalb der Negierung darstellen, so aber, daß man deutlich merkt, wie unmöglich es den Trägern dieser Wünsche und Absichten ist und bleiben wird, ihr Vorhaben gegenüber den mächtigeren Gegenwirkungen durchzusetzen, die ebenfalls in der Negierungswelt ihren Ursprung haben. Man kann über diese Verhältnisse nicht anders als mit dem Ausdruck des tiefsten Bedauerns darüber sprechen, daß die Pferde gleichzeitig vor und hinter den Wagen gespannt werden. Kein Zweifel, daß es möglich gewesen wäre, die
Kanalvorlage rechtzeitig fertigzustcllen. Alles, was über dir Schwierigkeit ihrer Durcharbeitung, über die Schwierigkeit zumal der Verhandlungen mit den betheiligtcn Provinzen und Jnteressenverbänden gesagt worden ist, kann nur auf Denjenigen Eindruck machen, der die naive Gläubigkeit besitzt, mit der offiziöse Weisheiten «rnst genommen sein wollen. Die Kanalvorlage wird dann also in dieser Session nicht mehr kommen, weil man nicht will, daß sie kommen möge. Wer dieser „man" ist, weiß Jeder; der unbestimmte Begriff setzt sich etwas bunt zusammen, und Persönlichkeiten, wie bestimmte politische und Wirthschaftsrichtungen, die von einzelnen Personen mehr repräsentirt als ausschließlich gestützt werden, wirken einträchtig zu demselben fatalen Ziele hin. Auch darüber braucht man nicht zu streiten, daß der große Kanalplan zu verwirklichen wäre, wenn nur immer ein einheitlicher fester Wille vorhanden wäre, ein Wille und eine Kraft, wie sie im Begriff sind, die Flottenvorlage trotz noch größerer Schmierigkeiten in den Hafen des Erfolgs zu bringen. Die Kanalgcgner weisen mit Begeisterung eine Kundgebung aus dem Centrnmslager vor, aus der die Regierung entnehmen soll, daß sie auf den Mittellandkanal unbedingt zu verzichten hat, während die Verbesserung der Wasserstraßen vom Süden nach dem Norden allerdings mehr Aussicht ans Gelingen haben soll. Freilich steht zu fürchten, daß die Negierung dem Geheiß des Centruins hier ebenso bereitwillig sich beugen wird, wie das bei anderen Gelegenheiten geschehen ist, aber die Fügsamkeit wird eben nur die Folge des so leicht zu fassenden Entschlusses sein, sich fügen zu wollen, und eine innere Nothwendigkeit zu solcher Unterwerfung unter das Centrumsdiktat wird Niemand anerkennen, der da weiß, daß das Centrum mit der Negierung sehr gern seine Handelsgeschäfte macht und die größten Zugeständnisse gewähren würde, falls es nur verlangt und der Gegenpreis dafür gezahlt wird. Noch einmal: die Negierung kann ihre Kanäle haben, wenn sie will. Man soll nichts verschwören, und man hat deshalb abzuwarten, ob sie will. So sehr man es den Siettinern gönnen würde, wenn sie den Großschiffahrtöweg nack Berlin bekämen, so bedenklich wäre die Vorwcgnahme dieses Theils des Gesamnttplanes. Als die Kanalgcgner zuerst die Bewilligung der Berlin- Sicltiner Wasserstraße gleichsam wie eine Gelegenheit zum Loskauf vorschlugen, wnrde ihnen officiös erwidert, daß nicht ä la carte servirt werden könne, sondern nur tadle d’höte. Heute sieht es denn doch so aus, als ob sich die Regierung auch hier besinnen und gerade das thun könnte, was sie Tags zuvor durchaus nicht thun zu können erklärt hatte. In der nächsten Sitzung des Abgeordnetenhauses, am 7. Juni, wird man hierüber vielleicht die erforderlichen Aufschlüsse erhalten, da die Anfrage des Abg. Brömel wegen des Berlin-Steitiner Schiffahrtskanals auf der Tagesordnung steht. Verfahren ist und bleibt nun einmal die ganze Kanalsache, und je geringer die Erwartungen sind und sein müssen, desto eher kann man sich vor Enttäuschungen bewahren.
(Nachdruck verboten.)
Oberommerganer Gindriicke.
(Von unsere m eigenen Berichterstatter.)
Vor wenigen Tagen haben sich die Pforten des großen neuen Passionsspielhauses, das der Münchener Theater- Ingenieur Schmieker den Oberammergauern mit einem Kostenaufwand von 180,000 Mk. gebaut hat, zuin ersten Male geöffnet, um einer internationalen Zuhörerschaft, wie nun schon seit einer Reihe von Jahrzehnten, das altberühmte Passionsspiel (das seit 1680 regelmäßig alle zehn Jahre erschienen ist) vorzuführen. In alle Welt hat dieses Passionsspiel den Ruf des stillen Passionsdorfes hinans- gctragen, und wie dieser Ruf und die Zahl der Besucher von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gestiegen ist, so hat sich auch, Schritt haltend, der äußere Glanz vermehrt, mit dem das Passionsspiel auflritt. Sicherlich besteht zwischen dem gegenwärtigen Text, der zwar von dem alten Geistlichen Rath Daisenberger erst vor 50 Jahren verfaßt ist, der aber von einem naiv empfindenden Manne geschrieben ist und auch an vielen Stellen alte Passionstexte bis zum 15. Jahrhundert hinab zur Grundlage hat, und der Ausstattung, die mit allen Mitteln der modernen Dekoration-- und Kostümkunst arbeitet, ein sehr merklicher Unterschied. Aber die Darsteller sind deshalb nicht dem Geiste der Gegenwart gefolgt, sondern in ihnen lebt noch die alte Naivetät und der alte gläubige Sinn, der trotz allen äußeren Prunkes auch heute noch zur eigenen Erbauung das Leiden und Sterben und die Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn vorführt. Nach dem, was ich namentlich in den Tagen nach der Aufführung in Oberammergau gesehen und gehört habe, steht es mir vollkommen fest, daß hier keine Mache, sondern Natur vorliegt, daß alle diese Darsteller in diesem Passionsspiel ein tiefes, inneres Erlebniß sehen. Sie bilden eine ganz eigenthümliche Menschenart, diese Männer von Oberammergau. Schon wenn man mit der Bahn in dem (erst seit diesem Jahre mit diesem modernen Verkehrsmittel erreichbaren) Ort ankommt, umfängt einen so etwas wie eine fromme Atmosphäre.
Zahlreich sichen die Bewohner am Bahnhof mit langen, über die Schulter hcrabfallendcu Haaren, Knaben, Jünglinge, Männer, Greise, wundervolle Charakterköpfe, in denen man auch ohne näheres Wissen leicht einen Johannes, Petrus, Judas vermnthen kann. Denn die Oberammergaucr ver- thcilen sozusagen die Nöllen nach der Maske, die einem Jeden die unverfälschte Natur zuweist. Schon mehrere Jahre vor dein Spieljahr lassen sie sich Haar und Bart wachsen und ihr Aeußeres spricht bei der Vertheilnng der Rollen, diesem wichttgsteu Ereigniß im Leben des Ober- ammergancrs, sehr wesentlich mit. Freilich gehört zur Darstellung wichtiger Rollen auch Spielbegabnng: so sah ich bei einem Rundgang durch den Ort einen prachtvollen Christuskopf und erfuhr, daß man auch gern diesem Darsteller die Christus-Rolle gegeben hätte, wenn er nur ein besserer Spieler gewesen wäre.
Diese eigcnthümlichen Gestalten also geben dem Orte ein ganz bestimmtes künstlerisches Aussehen. Und in der That ist die durch lange Jahrhunderte vererbte künstlerische Begabung ein charakteristisches Kennzeichen der Obcrammergauer. Wie sich dieses Erblheil in einer erstaunlich verfeinerten Haltung und Bewegungen von abgeklärter Schönheit auf der Bühne kundgicbt, so im läglichen Leben durch eine gewisse freie Unbefangenheit des Verkehrs. Die Obernmmer- gauer nehmen zwischen Bauer und Städter eine eigen- tbümliche Zwischenstcllring ein. Die bäuerliche Schlichtheit, Einfachheit und Tiefe des Gefühlslebens haben sie bewahrt, aber die Befangenheit, das Mißtrauen und die Ungcwandt- heit haben sie durch den Verkehr mit dem intcrnntionalen Publikum verloren. Daß sie mit dieser neuen Wellgewandtheit zugleich aber auch den skrupellosen Geschäftssinn der großen Welt angenommen hätten, ist eine Behauptung, die man zwar oft hören kann, die aber nach meinen Erfahrurigen durchaus nicht zutrifft. Es ist nach den natioualökonomischen Gesetzen der Preisbildung nur in der Ordnung, daß die Preise im Spieljahr, und zumal an den Spieltagen in Oberammergau, andere sind, als die sonst in dem stillen Gebirgsdorf üblichen. Und es
ist auch wiederum durchaus berechtigt, daß in diesen Preisen die Kosten in Betracht komme», die sich die Einwohner speziell für diese nur alle 10 Jahre mieder- kehrende Zeit des kolossalen Fremdenandranges gemacht haben. Dieses erwogen, kann der Preis eines Privat- nachtquartiers, mit '4 Mk. berechnet, als nicht hoch gelten, und auch die Berpflegungspreise sind namentlich bei den Privatquartieren, die man bei Anmeldung beim Wohnungscomitv 8 Tage vor dem Spiel erhält, durchaus nicht unerschwinglich. Selbst in den Hotels fand ich sie nicht so enorm: ein Mittagessen, bestehend au- Suppe, Fisch, Gemüse mit Beilage, Braten, .Kompott, Pudding, Butter und Käse, von dessen einzelnen Gängen man sich ä discretion aufthnn kann, ist mit 3 Mk. doch nicht über den Wcrth bezahltl In früheren Jahren (namentlich 1880) hatten allerdings fremde Unternehmer die Preise unverschämt in die Höhe getrieben. In diesem Jahr aber hat man, wie es scheint, nicht an Auswärtige verpachtet, sondern die Beivohncr behalten den Verdienst lieber im Orte. Natürlich wird es stets räudige Schafe geben, wie denn gleich am Tage der Hauptprobe ein biederer Bauer einem Besucher für ein Zimmerchcn 15 Mk. pro Nacht abverlangen wollte, aber im Großen und Ganzen kann man bei rechtzeitiger Anmeldung sicher sein, für verhältuißmäßig wenig Geld verhällnißmäßig gut bedient zu werden.
Die BilletS zur Vorstellung erhält Jeder von seinem Quartierwirih, denn zu den Hauptspieltagcn ist es. wenn auch nicht durchaus nöthig. so doch sehr wünschenswerth, die Nacht vorher im Ort zu wohnen. Die Nachtgäste werden bei der Billetvertheilung in erster Linie berücksichtigt. Ein Zwischenhandel mit den Billets ist dadurch so gut wie ausgeschlossen, und »ran hat nur den aufgedruckten Preis zu zahlen (von 10 bis zu 2 Mk.).
Die Plätze sind in diesem Jahre zum ersten Mal durchweg gedeckt, da aber die mächtige neue Halle, deren Bogen eine Spannweite von 43 Meter haben, nach der Bühne zu offen ist und ein großer Theil der Bühne den freien Himmelsraum zur Kuppel Hai, so bleibt trotz der neuen
