Jahrgang.
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Fernsprecher No. 52.
Morgen-Ausgabe.
Politische Uelirrsichl.
Im Reichstag hat der große parlamentarische Kehraus begonnen, denn nach den heftigen und praktisch ,umeist ergebnißlosen Kämpfen der letzten Zeit ist allseitig der Wunsch vorhanden, möglichst schnell mit dem „Rest zu räumen", der von den Aufgaben der Session noch rückständig geblieben ist. Auf die Tage des heißen erbitterten Kampfes ist im Reichstag unerwartet schnell eine Zeit des tiefen Friedens gefolgt, der freilich vom höheren politischen Standpunkt aus nur als ein Waffenstillstand mit längerer Gültigkeitsdauer bezeichnet werden kann. Die dreitägige Schlacht um die lex Heinze hat mit dem Rückzug der unter der Führung des Centrums kämpfenden Reichstagsmehrheit geendet, welche ihre Sache als hoffnungslos aufgeben mußte. Die Opposition gegen die kunstfeindlichen Bestimmungen der lex Heinze hat einen vollständigen Sieg errungen, und wenn das Centrum seinen Parteigängern versichert, daß auch die lex Heinze mit den ausgebrochenen Giftzähnen im Grunde genommen einen Sieg des Cenirums bedeutet, so ist es damit lediglich eines Heiterkeitserfolgs sicher.
Glücklich beendet ist auch der heftige Kampf um das Fleischbeschau-Gesetz, der die Gcmüthcr nicht viel weniger erregt hat, als der Streit um die lex Heinze. Aber auch der Kampf um die Fleischbeschau, der zu einer scharfen und tiefgreifenden Fehde zwischen der konservativen Partei und dem Bund der Landwirthe geführt und eine nachhaltige Verstimmung zwischen den „feindlichen Brüdern" zurückgelassen hat, ist im letzten Stadium mit unerwarteter Schnelligkeit zu Ende geführt worden, nachdem die Negierung sich endlich zu der entschiedenen Erklärung entschlossen hatte: Bis hierher und nicht weiter! Es wären mancherlei Kümpfe und viel werthvolle Zeit gespart worden, wenn die Regierung sich in letzter Zeit des Oefteren zu einer solchen Erklärung aufgeschwungen hätte, statt mit fatalistischem Gleichmuth ab- zuwarten, wie die Dinge sich gestalten werden.
Nach der Erledigung der beiden umstrittensten Vorlagen ging und geht das parlamentarische Aufräumen ohne sonderliche Schwierigkeiten vor sich. Die Nachtragserats, die Gcwerbeordnungsnovelle und das Münzgesetz sind — das letztcre zur großen Betrübniß der Bimetallisten — in den sicheren Hafen gebracht worden, und vor den Pfingstferien hat das Haus, abgesehen von der socialdcmokratischen Interpellation, betreffend die cinzelstaatliche Gesetzgebung über den Kontraktbruch ländlicher Arbeiter, nur noch die dritte Berathung der Unfallversicherungsgesetze zu Ende zu führen. Somit bleibt, da das Zustandekommen des Reichsseuchengesetzes sehr unwahrscheinlich geworden ist, dem Reichstag für den Rest der Tagung nach Pfingsten nur noch die Erledigung der Flottenvorlage, die aber in dem jetzigen Stadium auf keinerlei Hindernisse mehr stoßen wird, sodaß mit dem Schluß der Tagung bis spätestens am 13. Juni gerechnet werden darf. Die ersehnte Pfingstferienmuße hat sich bereits der preußische Landtag gegönnt, nachdem das Abgeordnetenhaus in seiner letzten Sitzung die Maaren - Haussteuervorlage in einer Form angenommen hat, welche von der preußischen Regierung durch den Mund des Finanzministers v. Miguel für unannehmbar erklärt worden
Sonntag, den 27 *
ist. Wenn die Negierung, was mehrfach noch bestritten wird, bei dieser ihrer Erklärung verharren sollte, dann würde mithin diese mit so großem Eifer unternommene Aktion ausgehen wie das Hornberger Schießen.
Recht undurchsichtig und trostlos sehen die politischen und parlamentarischen Verhältnisse in unserem Nachbarland Oesterreich aus, wo das begehrliche Tschechenthum jetzt völlig seine Maske abgeworfen und den Entschluß kundgegeben hat: Nichts von Verträgen, nichts von Uebergabe! Unter diesen Umständen wird dem Kabinett Körber, wenn es den Gang der politischen Geschäfte in Oesterreich nicht völlig zum Stocken bringen will, nichts übrig bleiben, als zur Auflösung des Reichsraths zu schreiten. Dieser Entschluß würde freilich nichts nutzen, wenn das Kabinett nicht gleichzeitig entschlossen ist, mit allen Mitteln das Tschechenthum zu bekämpfen, dessen Macht durch die falsche Politik der früheren österreichischen Kabinette auf eine so gefährliche Höhe gestiegen ist.
Zu dem Mittel der Kammerauflösung mußte auch das italienische Kabinett Pclloux wohl oder übel seine Zuflucht nehmen, obwohl Herr Pelloux dem Ausfall der Neuwahlen, die bereits in nächster Zeit stattsinden, mit schwerem Bangen entgegensieht. Denn mag auch der Einfluß der Opposition gering sein, so ist doch auf die regierungsfreundlichen Parteien wenig Verlaß, und die jetzige Regierungsmehrheit kann sich, wenn nicht über Nacht, so doch über die Neuwahlen in eine Minderheit verwandeln.
Vor diesem Geschick ist das französische Kabinett Waldeck-Rousseau, welches dem am 22. d. M. erfolgten Wiederzusammentritt der Kammer mit starker Sorge entgegengesehen hatte, glücklich bewahrt geblieben. Der Sieg, den das Kabinett über die nationalistische Opposition davongetragen hat, ist nicht überwältigend groß, aber er genügt vielleicht, um sein Leben für die Dauer der Weltausstellung zu sicher». Diese Annahme ist umso wahrscheinlicher, als die Position der Regierung durch die Erfolge der marokkanischen Eroberungsexpedition eine wesentliche Stärkung erfahren hat.
Diese Erfolge gereichen den Engländern, welche sich dadurch in ihren eigenen Interessen aufs Schwerste bedroht sehen, zu bitterer Betrübniß, über die sie sich durch die unbestreitbaren Erfolge auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatz hinwegzutrösten suchen. In der That erscheint die Lage für die Buren von Tag zu Tag als hoffnungsloser. Wenn sich dieser unselige Krieg auch noch lange Zeit hinzieht und viel Opfer auf beiden Seiten erfordern wird, so kann doch, nachdem die Hoffnung aus eine Intervention der Vereinigten Staaten von Amerika zu Nichte geworden ist, über das Ende des blutigen Dramas in Südafrika leider keinerlei Zweifel mehr bestehen.
Ausland.
Rußlands Politik in Asien.
Petersburg. 28. Mai.
Rußlands, man könnte beinahe sagen, fast „überkorrekte" neutrale Haltung in dem Konflikte zwischen England und Transvaal hat die Phantasie einiger unruhiger Köpfe mächtig angeregt, was in dem Schlagworte Ansdruck fand, es sei ein Geheimvertrag mit Großbritannien vorhanden. Das ist eine ganz willkürliche Annahme, und die
Fernsprecher No. 58.
Haltung unserer Negierung ist eine wohl erwogene. Es ist ihr ziemlich gleichgültig, wie sich die Dinge in Südafrika gestalten: das Einzige, was dabei für sie in Betracht kommt, ist die Unmöglichkeit, daß Großbritannien ihr bei ihren weitgehenden Plänen in Asien Widerstand leistet. Rußland hat daher auch die Zeit wohl ausgenutzt und so- wohl in Persien seinen Einfluß ausgedehnt, in Afghanistan sich eine derartige Position verschafft, daß es, ohne großen Widerstand zu finden, Hcrat besetzen kann. In Peking haben wir zwar keine besonderen Erfolgt zu verzeichnen infolge von Verwickelungen, bei denen ziemlich alle Großmächte bctheiligt sind, umso mehr jedoch im Norden, wo es Herrin von Port Arthur, Talienwan, der Mandschurei ist: es umspannt das „Himmlische Reich" mit einer eisernen Kette, der sibirischen Eisenbahn. In Korea konzentriren sich die augenblicklichen Bestrebungen der russischen Diplomatie. Der Geschäftsträger Pawloff hatte einen schweren Stand, wie sein Vorgehen in Peking zeigte, wo die Gegensätze zwischen Rußland und England sich auf das Schärfste zugespitzt halten. Damals wäre beinahe Alles aufs Spiel gesetzt worden, doch der energische Diplomat ließ sich nicht entmuthigcn, sondern bekämpfte mit Ausdauer die Hartnäckigkeit der Koreaner, den Einfluß Chinas, die englische Politik und den Widerstand Japans und erreichte sein Ziel mit dem Erwerb eines koreanischen Hafens als „Kohlenstation". Rußland verpflichtete sich, von jeder weiteren Occupation abzusehen, wogegen Korea das Versprechen geben mußte, an keine fremde Macht auf dem betreffenden Gebiet das kleinste Stück Land abzutreten. Das war ein Hieb gegen Japan, denn Rußland sicherte sich auf diese Weise einen erheblichen Einfluß, da der Vertrag es berechtigt, eine reguläre Kontrolle auszuüben. Die Position des Grafen Murawjew hat durch diese Erfolge ungemein an Stärke gewonnen, besonders, da es ihm gelungen ist, den Czaren zu überzeugen, daß die ^Diplomatie zu allen geiten das Prinzip der Schadloshaltung rücksichtslos verfolgt habe, und daß es daher auch moralisch vollständig Recht hätte, die Verlegenheiten Englands zu benützen, um Rußland eine Kompensation für des erstcren voraussichtlichen Gebietszuwachs in Südafrika zu verschaffen.
Die Torpedoboot-Division in Wiesbaden.
Als in der letzten Stodtverordneten-Sitzung der Herr Vorsitzende die Mittheilung machte, die zuvor schon die Blätter gebracht
hatten, daß SamstagNachmittag und Samstag Abend inWiesbaden festlicher Empfang und festliche Fortsetzung des Empfanges der Torpedoboot-Division stattfinde, und der Herr Oberbürgermeister zur zahlreichen Betheiligung an der Feier anffordcrte, da nahin die geehrte Versammlung Mittheilung und Aufforderung ohne sichtbare Zeichen der Gcmüthsstimmung auf. Selbstverständlich — denn in eine Stadtvcrordneten-Versammlung. in der nicht gleichgestimmte politische Gesinnung herrscht, gehört keine politische Demonstration. Was dem einen Politiker eine Wonne ist, kann dem anderen das Gegentheil sein. Wir für unseren Thcil heißen jedenfalls die Gäste willkommenI Der Magistrat hatte also seine Gedanken über die Einladung der Flottille ein Weilchen für sich behalten, und wir haben ihm Unrecht gethan, als wir kürzlich bezweifelten, daß Wiesbaden sich überhaupt dazu verstehen würde, die Blaujacken einzuladen, um auch, wie unsere Nachbarstädte und -Städtchen, der deutschen Seemacht in ihren Vertretern, den Offizieren und Mannschaften der Flottille,
(Nachdruck verboten.)
Derliner Krief.
—, den 25. Mai.
Das waren heiße Tage! Der Ausstand der „Straßenbahner" hat sich, wie vorhergesehen, abgespielt, um ein wenig schlimmer ist es dabei zugegangen, als man erwartet hatte. Aber das war nicht die Schuld der Ausständigen. Diese haben sich damit begnügt, Forderungen aufzustellen, die in erster Reihe die Aufbesserung ihrer Gehaltsverhältnisse und die Errichtung der längst versprochenen Pensionskasse bezweckten. Das haben sie erreicht, und nach zweitägiger Pause sind sie ruhig und vernünftig wieder an die Arbeit gegangen; eigentlich halb und halb zum Bedauern des Publikums, das garnichts dagegen gehabt hätte, wenn die Leute etwas länger gefeiert und die „Große Berliner", wie man die Gesellschaft in vertraulicher Abkürzung nennt, noch ein bischen mehr Geld dabei eingebüßt hätte. Grün ist dieser Gesellschaft kein Mensch und gegönnt ist ihr die Niederlage von Allen, die sich je über sie geärgert haben, also von „den breitesten Schichten der Bevölkerung". Aber die Ausständigen haben sich musterhaft benommen und waren an den Ausschreitungen, die während der Streiktage vorkamen, nicht im Geringsten betheiligl, was auch von der gesummten Berliner Presse anerkannt worden ist. Daß der Berliner Pöbel eine so glänzende Gelegenheit, Radau zu machen, nicht unbenutzt vorüber gehen lassen würde, konnte Jeder voraussehen, der dieses Gesindel und seine Gepflogenheiten auch nur oberflächlich kennt. Es kann der Polizei das Zeugniß nicht vorenthalten werden, daß sie bei
den Vorgängen der letzten Tage, so lange es möglich war, weise Mäßigung beobachtet hat und erst blank zog, als es nicht anders ging. Daß es dann blutige Köpfe gab, ließ sich ebensowenig vermeiden, als daß auch mancher Un- betheiligte etwas abbekam. Aber daran tragen die Betroffenen selbst Schuld. Anständige, ruhige Bürger haben da nichts zu suchen, wo sich die Hefe der weltstädtischen Bevölkerung zusammenrottet, um llnfug zu verüben und die öffentliche Ordnung zu stören. Wer doch dabei sein will, thut es ans eigene Gefahr und kann nicht verlangen, daß die Polizei lange Erhebungen über schuldig und unschuldig anstellt, wenn sie sich gezwungen sieht, zur Offensive überzugehen.
Während die meisten unserer ureigenen Berliner Theater jetzt ihre Pforten schließen und ihre Mitglieder entweder Gastspiele auf eigene Faust unternehmen oder sich einem wohlverdienten „äolos kur nisnts" hingeben, hat der rührige und erfolgreiche Direktor des Deutschen Theaters, Dr. Brahm, ein Tauschgeschäft gemacht, bei dem er in doppelter Beziehung der Gewinner ist, in pekuniärer sowohl als in künstlerischer. Er ist mit den besten Mitgliedern seiner Gesellschaft nach Wien gegangen und spielt dort im Wiener Deutschen Volksthcater, während jene Gesellschaft hier im Deutschen Theater gastirt. Man hat diesem Gastspiel mit großem Interesse entgcgengcsehen, ist aber einigermaßen enttäuscht worden, am meisten wohl durch ein Stück, das deshalb besonderes Interesse erregte, weil die Wiener Censur es verboten hatte. So ein Verbot ist ja natürlicher Weise stets die beste Reklame, und wie vorauszusehen, war das Haus bei dieser Premiere auch überfüllt. „König Harlekin", ein Maskenspiel von Rudolf Lothar, hat
aber leider weder die Erwartungen des Publikums erfüllt, noch die Strenge der Wiener Censur gerechtfertigt.
Eine Schanspielergesellschaft ganz anderer Art ist in das hübsche, durch seinen prächtig beleuchteten großen Garten bekannte Belle-Alliance-Theater eingezogen. Dort erscheinen auf der Bühne die Ungeheuer der Vorwelt, die selbst der Unwissenschaftlichste aus den köstlichen Schcffel'schen Gedichten kennt. Hier „rauschen die Schachtelhalme", hier schwimmen Jchtyosaurus und -saura, hier schlügt der ungeschlachte Pterodactylus mit den Flcdermausflügeln und der Plesio- saurus, — oder ist es der Jgnanodon, der Lümmel — reckt den ungeheuren Hals nach Beute. Wohlgenährte Dickhäuter, Mammuth und Mastodon, spazieren im hohen Grase, und zwischen all diesen Herrschaften wimmeln als lebendige Anachronismen drei wirkliche Menschlein aus dem Jahre 1900 umher. Hier hat einer der Gründer deö „Wissenschaftlichen Theaters" der Urania, der aus persönlichen Gründen seine Beziehungen zu diesem Institut gelöst hat, vr. M. Wilhelm Meyer, ein ähnliches Etablissement eingerichtet und vergangene Woche mit einer ganz originellen Schaustellung eröffnet. Man könnte dieselbe „Natürliche Schöpfungsgeschichte in 12 Bildern" betiteln. Der Verfasser läßt drei Personen einen kleinen Weltuntergang und dann die Neuschöpfung einer Welt dnrchmachen. Nichts wird ihnen erspart: Urnebel und gluthflüssige Sonne. Kreidemeer und Saurierzeit, Eiszeit und abermaliger Weltuntergang. Die Dekorationen sind prächtig, das Urgethier möglichst getreu nachkonstruirt, ob aber in Berlin das Interesse an diesen wissenschaftlichen Schaustellungen groß genug ist, um zwei derartige Theater zu erhalten, scheint doch problematisch, v. H.
