1. Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.
<9. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Ans Grimmerde.
Noma» von K. Saline-Z»ayscn.
bs geigte sich das kleine spöttische Lächeln um Maricttas Livven als er vorsichtig das Hinderniß umritt und jenseits ^alt machte, um ihre Ankunft zu erwarten. v Mein Heilwitz hätte den längst genommen," dachte sie, lenkte einige Schritte zurück, gab ihrem schnaubenden Goldfuchs einen Gertenhieb, einige Galoppschritte und mit mächtigem Satze war das Pferd hinüber.
Du scheinst keine Hindernisse zu lieben," bemerkte sie mit unverhohlenem Spott in der Stimme.
Er sah sie ernst an. . . . ^
Ich wußte nicht," erwiderte er, „daß eine Dame an einem Wagnitz Geschmack finden könnte; an mich habe ich
'E Eine billige Entschuldigung," dachte Marietta; sie hatte eher" eine Artigkeit über ihre Geschicklichkeit, als einen Tadel erwartet. Herr von Heilwitz hätte ihr zweifellos außerordentliche Elogen gemacht.
„Wagniß," wiederholte sie; „wie kann man einen regelrechten Galoppsprung so benennen?"
„Für eine Dame ist es das. Das glückliche Gelingen oder das Mißlingen hängt immer nur von Zufälligkeiten ab, weil ihr eben die Hülfen und Mittel, die wir haben, fehlen."
„Dann müßte keine Dame reiten."
„Warum das so schroff auffassen? Sie mag reiten, ohne stets ^ wagen zu wollen. „Aber," fuhr er fort, einen beschneiten Tannenzweig zurnckbiegcnd, der sonst Mariettas Antlitz gestreift hätte, „wie kommt es, daß,ch ,n Unkenntniß über Deinen Reitunterricht gehalten worden bin? Die Professorin hat sich doch verpflichtet, mich an kalt in Allem zu halten, was Deine Erziehung betrifft. Den Gesangunterricht, von dem ich ebenfalls nichts gewußt, hätte ich selbstverständlich zugegeben, das Reiten nicht. Die Verantwortung würde ich niemals übernommen haben."
„Das eben fürchtete ich," erwiderte sie etwas schnippisch, „und deshalb unterblieb es."
„Sieh, wie überlegt! Daß aber die Professorin —'
„Die Professorin!" unterbrach sie ihn im wegwerfenden Tone, „eine Spitzenhaube, ein Nippesstück brach alle Schranken, die ihr Pflicht und Gewissen auferlegtcn. Die Menschen sind fast alle eigenützig, scbstsüchtig und berechnend."
„Welch menschenfeindliche Anschauung für eine neunzehnjährige Dame."
„O, neunzehn Jahre! kein Zeitraum für Erfahrungen, für Schooßkinder des Glücks, die Heimath und Eltern haben, — ein halbes Leben voll schmerzlicher Erlebnisse für ein Waisenkind."
Es lag ein zitternder Klang in dem sonst so leichten Ton ihrer Rede.
Reimer sah sie verwundert an.
„Hast Du wirklich schmerzliche Erfahrungen gemacht?"
fragte er.
„Ich bin ein Waisenkind."
„Ich begreife," erwiderte er ernst, „daß der frühzeitige Tod der Eltern für Kinder von herben Folgen sein muß, indessen — ein so trauriges Ereigniß wirkt doch immer verschieden auf das Eine oder Andere; denn äußere Erlebnisse stehen oft in gar keinem Zusammenhang mit der
Innerlichkeit. Was diesem ins Herz greift, daß er es sein Leben hindurch nicht vergessen, verwinden kann, an Jenem mag es spurlos vorübergehen, ohne mehr als eine momentane Aufwallung hervorzubringen. So nachhaltige Empfindung hätte ich einem heiteren Weltkinde nicht zugetraut."
„Hättest Du mir nicht zugetraut," betonte sie, „o, cs ist sehr bequem, nur nach dem äußeren Schein zu urtheilen."
„Du bist empfindlich, Marietta."
„Ich bin es und mißtrauisch dazu. Ich habe keine Freundin, ich, ein neunzehnjähriges Mädchen, welches ihr Leben bisher in Pensionen zugebracht, das ist seltsam, nicht wahr? Ich glaubte einmal, eine solche zu besitzen, aber neben dieser stand ein älterer Bruder, und einmal verrieth cs sich, daß Beide ein Bündniß mit meinem Vermögen mindestens ebenso anziehend und wünschenswerth fanden, als das Freundschaftsbündniß. — Um des Geldes willen umworben zu sein! O, welch ein Gedanke! Um meiner selbst willen will ich cs, und leidenschaftlich und demüthig wieder lieben und so viel ich gebe, so viel auch zurückempfangen."
„Darin gebe ich Dir Recht. Und Berechnungen dieser Art sind verächtlich. Aber Erfahrungen sollen nicht Härten erzeugen, sondern Härten abschleifen. Alle Menschen für Spitzbuben halten, weil uns Einer einmal betrogen, ist eine trostlose Philosophie, die sehr unglücklich macht."
„Ich brauche keine Menschen zu meinem Glück."
„Nun, ich denke doch. Um das Entzücken, oder die Wonne einer berühmten Schauspielerin oder Sängerin nachempfinden zu können, dazu braucht man ein Publikum," sagte er lächelnd.
„Sagt' ich sv?" erwiderte sie crröthend. „Run ja, den Ausspruch so allgemein genommen, allerdings. Und da Du dies berührst, so lass' inich's nur gleich sagen — daß ich mir ein Lebensziel gesteckt, daß ich Sängerin zu werden wünsche, Onkel Reimer. Mein Lehrer," fuhr sie fort, ohne sein Befremden merken zu wollen, „garantirt, meine Stimme in zwei Jahren anszubilden, es fehlt nur noch die Erlaubniß meines gestrengen Vormundes, diese Pläne ausznführen."
Sie stäubte mit ihrer Reitgerte den Schnee von einem Tannenzweig, eine Gleichgültigkeit zeigend, dst ihr sehr fern lag.
„Dein Vormund bedauert, die Erlaubniß zu so außergewöhnlichen Wünschen nicht geben zu können," antwortete Reimer ebenso bestimmt wie ernst.
Sie athmcte hock auf. Niemals hatte sie so empfindlich das Abhängigkeitsverhältniß empfunden, niemals so ruhigem Widerstand gegenüber gestanden.
„Ich will dir meine abschlägige Antwort begründen," sprach Reimer. „Abgesehen, daß ich weiß, daß Dein Vater, lebte er noch, solche Lebensbestimmung für sein Kind nicht gewollt, so bringt eine Künstlerlaufbahn Dir, einer alleinstehenden jungen Dame, besondere Gefahren und Schwierigkeiten. Als Deines Vaters Stellvertreter spreche ich in seiner Denkungsart. Gegen den Wunsch des Verstorbenen möchtest Du doch nicht handeln?"
Sie machte eine abwehrende Bewegung.
„O, bitte, nur nicht auch von Deinen Lippen diese Redensarten, die mir von Kindheit an, bei jedem ungehörigen Thun und Treiben, von den sogenannten — Stellvertretern gemacht sind. Nenne einem Kinde täglich und bei den geringfügigsten Dingen den Namen Gottes und er wird ihm geläufig gleichgültig werden. Selten und bei erhabenen Naturerscheinungen, in Augenblicken ausgesprochen, wo Geist und Gemüth empfänglich auf das Höchste gerichtet, wird er einen
unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Man hat zu meiner Erziehung aus den Verstorbenen Kapital schlagen wollen und mir dadurch den Heiligenschein zertrümmert, mit dem der Kindersinn die Häupter todter Ellern verklärt."
Sie wandte ihr Antlitz ab, vielleicht, um die schimmernde Thräne im Auge zu verbergen, vielleicht gereute es sie auch, etwas aus ihrer Gefühlswelt verrathen zu haben.
„Bleiben wir bei Deinem Vergleich," erwiderte Reimer, „weißt Du ein Ercigniß, das bedcutungsreicher, entscheidender ist als solch' ein Lebensabschnitt, als die Wahl einer Lebensbestimmung? Wann soll man, wenn nicht hierbei, das Andenken verstorbener Lieben wachrufen?"
„Ein Talent ist ein Geschenk Gottes, es ist Pflicht und Freude, es zur Geltung zu bringen," erwiderte sie ausweichend.
„Und ist es in der That nur die Liebe zur Kunst, die so außergewöhnliche Wünsche in Dir erweckt?"
Resiner richtete seinen Blick voll und forschend ans sie.
„Ich glaube es," stammelte sie ganz verwirrt, denn es war ihr, als könne sein Auge auf den Grund ihrer Seele blicken. — __ ,
„Marietta ist mir noch ein Räthsel," sagte der Gutsherr Abends zu seiner Tante Sophie. „Es sind so unvermittelte Widersprüche in ihrem Charakter. Herz hat sie, aber sie ist ruhmsüchtig und für Schmeichelei empfänglich. Selbstlose Liebe hat dem jungen Gemüth gefehlt, die gieb ihr, wenn Du kannst, und vor Allem suche die unweibliche Ruhmsucht zu tilgen."
X.
Der Wilddieb war zur Verurtheilung dem KreiSgcricht in N. überliefert, von diesem als ein bereits häufig bestraftes Individuum erkannt und nach Gesetz und Recht gefänglich eingczogcn worden.
Der Winter verging, ohne Herrn Hartmann, bezüglich seines Forstes, weitere Aergerniffe gebracht zn haben. Zu jagen gab es zudem nichts in diesen Monaten. Wenn er mit seinen Hunden und der Flinte über der Schulter auszog, so war es, um, nach frischgefallenem Schnee, Füchse, Marter und Wildkatzen abznspüren, deren Raubsinn seinen Jagd- thieren zu dieser Jahreszeit am verderblichsten wurde. Er verlor sich dann tief in den Wald und blieb oft halbe Tage ans.
Im Hause hatte sich durch die Anwesenheit des jugendlichen Gastes die Lebensweise der Familie weit geselliger gestaltet. Häufiger als sonst wiederholte Hermine ihre Besuche. Mit der Glätte und gleichmäßigen Heiterkeit ihres Wesens deckte sie die bitter empfundene Kränkung zu, ohne jedoch die glühenden Wünsche zu vergessen, deren Erfüllung ihr ein Lebensziel geworden. Damit stimmte sie ihr Benehmen zn dem Gutsherrn auf den alten, ungezwungenen Ton.
Auch Herrn Böhnes lange Gestalt zeigte sich ab und zu Abends im Familienzinimer. Das geschah freilich nur daun, wenn Fräulein Sophie „Nachbarsbesuch" oder „musikalische Abenduntcrhaltung" in die neben den Wirthschafts- gebäuden liegende Verwalterwohnung telegraphiren ließ.
„Mamas Kleinster" besaß nämlich einen recht klangvollen Bariton. Freilich vermuthete man in der langen, schmalbrüstigen Gestalt nichts weniger als einen Sänger, und wollte man sich an seinem Gesang erfreuen, so war es rathsam, den Blick entweder an ein schönes Bild an der Wand, oder auf eine blühende Blume am Fenster zu richten, nur aber nicht auf das Gesicht des Sängers selbst, wo er ini bodenlosen Abgrnnd des weitgeöffneten Mundes versinkend, Ideal und Aesthetik mit hinabgezogen hätte.
(Fortsetzung folgt.)
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