1. Beilage jum Wiesbadener Tagblatt.
No. 2Ä. Morgen-AusKal»e.
Samstag, den 26. Mai.
18. Jahrgang. 1966.
(8. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Auf Grnnmeide.
Roman von K. ^alinö - I'aysen.
Sie hatte seine Antwort nicht beachtet, da ein in Leinen gehüllter Damensattel ihre Aufmerksamkeit in An- svruch nahm.
' V „Und hast Du auch Reitpferde?" fragte sie, die Umhüllung lösend.
„Allerdings, auch einen „Lessing" darunter, der Dich vielleicht mehr als der im Bücherbord interessirt."
„Ja, warum soll ich es leugnen. Ich reite so gern, so leidenschaftlich gern. Wie frei, wie herrschend fühlt man sich auf einem edlen Pferde. Ein Zügeldruck und es gehorcht, dann fortgestürmt, je nach Stimmung. Die Welt scheint einem zu gehören."
„Darin begegnen sich unsere Interessen; ich liebe schöne Pferde und halte mir welche."
Ihre Augen leuchteten.
„So reiten wir heute?"
„Für eine Dame auf Schneewegen doch zu unbequem."
„Ach, was macht's! Sind die Hufe geschürft und ballt fich der Schnee nicht, so ist keine Gefahr dabei."
Er zog seine Uhr hervor und sagte nicht ohne Ironie:
„Halb elf. Möchtest Du nicht vorerst den Kaffee einnehmen?"
Sie lachte.
„Denke nicht, daß ich so lange geschlafen. Das Ereigniß mit dem Wilddieb hal mich oben zurückgchaltcn. Onkel Reimer, wie konntest Du die Unverschämtheiten entgegnungslos und so geduldig hinnehmen?"
„Geduldig! Meine Lungen waren mir zu lieb, sie für ein mauvais sujet anzustrengen. — Bitte."
Er öffnete die Thür zum Wohnzimmer, in dem sich seine Tanten befanden, zugleich die Haushälterin, um den Küchenzettel für den Mittag bestimmen zu lassen.
„Fräulein Rempel," sagte Herr Hartmann vorstellend, und leise fügte er hinzu, „eine jener Unglücklichen, dazu verurtheilt, Strümpfe zu stopfen und Kartoffeln zu kochen."
Die etwas peinliche Begegnung zwischen Annette und Marietta verwischte bald das sehr eifrig besprochene Ereigniß mit dem Wilddieb.
„Kennen Sie den Mann?" fragte Hartmann die Haushälterin, eine robuste, äußerst sauber gekleidete Frau.
„Aus dem Dorf ist er nicht, Herr, aber ich will nicht Rempel, heißen wenn der nicht mit dem Großknecht in Verbindung steht, den der Herr vor einiger Zeit fortgejagt."
„Wie kommen Sie auf den Verdacht?"
„Ja, man macht fich so seine Gedanken. Taugen thut er nichts. Hier hat er gestohlen —"
„Das aber ist ihm nicht bewiesen, Rempel", fiel Fräulein Sophie ein.
„Na, wenn auch nicht; gethan hat er's. das glaubt Jeder, und daß er ein fixer Schütze ist, weiß man auch, und das Wild wird wohl da abgesetzt, wo sonst das Korn."
„Unfinn, Rempel, für so gerieben und dreist halte ich den Kerl nicht. Die Frau soll brav sein; hat sie nicht ab und zu bei uns gearbeitet?"
»Ja, Herr. Aber wovon lebt die jetzt? Arbeit hat der
Mann nicht. Dann geht er plötzlich tagelang fort und kommt mit Geld in Menge wieder. Die Fran sieht jetzt auch aus wie das böse Gewissen I"
„Nun, man kann ja Acht auf die Leute haben. Ohne Beweise ist nichts zu machen. Einen haben wir vorläufig, der soll heute noch der Polizei übergeben werden, ich will jetzt das Nöthige besorgen."
Herr Hartmann schritt zur Thür. „Ja. so," sagte er, sich nochmals umwendend, „wünschest Du wirklich heute zu reiten, Marietta?"
„Wie kannst Du zweifeln, natürlich auf einem guten Pferde."
„Sei unbesorgt, einen Ackergaul biete ich Dir nicht an."
Sie erröthete leicht, denn es fielen ihr bei seiner Bemerkung ihre eigenen Worte ein. Hatte er diese etwa gehört, sie am Bahnhöfe erkannt und beobachtet? Unmöglich, obgleich das kleine Spoitlächeln so bezichungsvoll aussah. Dabei erblickte sie zum ersten Male die Reihen weißer Zähne, und als Hartmann und gleich darauf die Haushälterin das Zimmer verlassen, wandte sie sich lebhaft an Sophie.
„Tante", fragte sie, „ist Onkel Reimer alt oder jung? Nach seinem Aussehen kann er das Eine und das Andere sein."
„Reimer ist vierzig Jahre alt, Kind."
„Vierzig Jahre und Euer Bruder, das ist ja nicht denkbar."
„Unser Bruder? Welcher Chronik hast Du diese sonderbare Idee entnommen?" fragte Annette, die wie immer in Pelerine und Halbhandschuhen kerzengerade im Sopha saß.
„Meinen Kinder-Erinnerungen, Tante. Ihr kämet mir alle gleich alt vor, und die grauen Haare sprechen ja auch dafür, — freilich nur diese."
„Ja, wenn's darnach ginge," antwortete Sophie, dem jungen Mädchen die gefüllte Kaffeetasse reichend, „das liegt leider Gottes in der Hartmann'schen Familie. Mit siebzehn, achtzehn Jahren spinnen sich schon die Silberfäden in das braune Haar; ein paar Jahre weiter und der Kopf ist grau So gings mit uns Allen."
Mariettas Blick streifte den Scheitel der Sprecherin, dann blieb derselbe mit dem Ausdruck schalkhaften Uebermulhs auf der braunen Lockentour Anneitas haften.
„Alle?" fragte sie mit ernstem Verwundern, „Tante Annette macht ja noch heute eine Ausnahme."
Diese Bemerkung brachte eine Wirkung hervor, als wenn der alte Christian erschienen. Annette erhob sich, legte hastig ihr Strickzeug zusammen und verließ das Zimmer.
„Kind, warum immer Krieg," sprach vorwurfsvoll Sophie, „Du richtest die Pfeile ja gegen Dich selbst, indem Du Dir Annette zur Feindin machst. In diesem Punkte ist sie sehr sensible. Ich merke, Du verstehst es nicht, mit alten Leuten zu verkehren."
„Doch, doch, Tante. Aber lächerliche Eigenthümlichkeiten reizen mich zu Spott und Neckereien, und das finde ich amüsant; würdige alte Damen" — sie zog Sophiens Hand an ihre Lippen — „liebe und verehre ich, wie ein Liebhaber seine Braut."
„Wenn ich Dir rathen soll," bemerkte lächelnd die schnell Versöhnte, indem sie sich aufs Sopha niederließ, „so berühre in unserem Hause dies heikle Thema nicht. Darin,
wenn auch in anderer Weise, ist auch Reimer empfindlich. — Worüber grübelst Du? Zählst Du die Rahmblascn in Deinem Kaffee?"
Marietta blickte zerstreut auf.
„Vierzig Jahre! Wie kann man vmnuthen, zumal im Halbdunkeln. Ja, wenn ich das gewußt k"
„Nun, was denn?"
„Dann hätte ich Onkel Reimer bei meiner Ankunft nicht so ungenirt geküßt."
„Was sagst Du? — Gegrüßt?"
Geküßt — ich habe ihn geküßt. Mein Gott, Tante, was ist da zu lachen? — Tante, Deine Heiterkeit ist fast verletzend — Tante Sophie, wie kannst Du über etwas lachen, was mir im höchsten Grade ärgerlich ist?"
Sie rief dies mit der Röthe des Unwillens und der Verlegenheit im Antlitz. — Aber Tante Sophie lachte, lachte, daß die kleine, rundliche Gestalt auf dem Federrahmen des Sophas auf und nieder tanzte, und das sah so drollig auS, daß Marietta zuletzt wider Willen einstimmte. —
Die Pferde standen gesattelt vor der Thür.
„Nun, wie gefällt Dir mein „Lessing"?" fragte Reimer, der mit Sporen an den Kniestiefeln in seinem grauen Jagdkostümen eben seinem Mündel stand; „nicht wahr, ein Damenpferd, wie cs sein soll. Schlanke Beine, der Rücken breit und kurz, lebhaft, ohne Unarten. Sieh, dies feurige Auge, die geblähten Nüstern."
Die junge Dame nickte vergnügt. „Auch die Farbe gefällt mir," sagte sie, „auf dem Goldfuchs nimmt sich daS dunkle Tuch des Reitkleides immer vortheilhaft aus. — Hier, die schwellenden Halsadern verrothen die edle Raffe. Laß mich versuchen, ob er sich auch wie am Fädchen lenken läßt."
Dabei setzte sie ihren zierlichen Fuß auf HartmannS Hand und schwang sich gewandt in den Sattel.
Beide ritten von dannen. !
Reimer wählte einen Weg durch seinen ausgedehnten Forst, der sich in großem Bogen an einen Höhenzug lehnte. Da, wo sein Grundbesitz aufhörte und der Wald, nunmehr Eigenthum des im Auslande lebenden Grafen Erich, sich weiter fortsetzte, hatte er, ein leidenschaftlicher Jagdfreund, auf Meilen hinaus das ergiebige Terrain der Jagd gepachtet. Die Aufsicht eines von ihm angestellten Försters, der an der Grenze seine Wohnung hatte, erwies sich für das ausgedehnte Gebiet indessen für unzulänglich, wie die vielen und frech betriebenen Wilddiebereien in letzter Zeit offenbar bekundeten. Diesem Manne schärfere Kontrolle anzuempfehlen, war heute sein Zweck, das ForsthauS das Ziel des Rittes.
Die Sonne glitzerte krystallartig auf dem bereiften Geäst der Bäume, mächtige Tannen trugen auf schwarzgrünen Armen schimmernde Schneelasten und der borkigen Rinde der Eichen haftete schuppcnartig der Schnee an, den der Wind dagegen getrieben. Oftmals lugten unter Disteln und bereiften Sträuchern die Blätter der Brombeere hervor- die sich bis weit in den Winter hinein grün erhalten und zwischen Reif und Schnee jetzt seltsam abstachen.
Die Pferde trabten nebeneinander leicht dahin. Als ein breiter Graben den Weg sperrte, bog Reimer rechts ab und bat seine Begleiterin, ihm zu folgen.
(Fortsetzung folgt.)
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