Einzelbild herunterladen
 

I. Mage Min Wiesbadener Tagblatt.

K«. 240. M»r,k„.A, _ D«,m-rft«k den 84. Wai.

(7. Fortsetzuilg.) (Nachdruck verboten.)

Anf GrLmveide.

Non,an von K. ^akm^-?aysen.

„Wenn mir im hellerleuchtcten Salon nach Gesangs­vorträgen rauschender Beifall gespendet, dann habe ich etwas von dem Entzücken gespürt, welches eine Schauspielerin überflulhet, wenn ihr Spiel hingerissen, oder einen Redner, wenn sein Wort flammende Begeisterung erweckt, wie eine Sängerin, die durch Wort und Ton die Herzen erwärmt. Ja, ja, ich möchte auch fliegen, und wenn ich auch stürzte, ich habe dann doch einmal in hohen Lüften geschwebt?"

„Wenn das allein und nichts Anderes Deines Lebens Ziel ist, dann fliegst Du nahe über der Erde, dann fliegst Du sehr niedrig, Marietta."

„Es kommt darauf an, mit welchem Maßstab man mißt. Der des Poetischen schwingt sich auf Idealen in die Höhe, die Flügel der Prosa haben freilich keine Tragkraft. Ich nenne es schon ein Glücksgefühl, durch eine uneingeschränkte Lebensstellung unabhängig zu sein von den Beschäftigungen der Alltäglichkeit. Slrüvipfc stopfen, Kartoffeln kochen, brr, welch entsetzlicher Gedanke!"

Sein Befremden wuchs, doch beherrschte er sich.

„Also, Du bist musikalisch, Du singst? Mir war das nicht bekannt."

„Es bildet ein Talent sich in der Stille," rezitirte sie, in einen lustigen Ton fallend, „ich sehe da einen Flügel. Du hast wohl auch früher Musik getrieben?"

„Noch jetzt, wenn auch nicht oft."

„Ah, das ist angenehm." Sie erhob sich und trat an den Flügel. „Du bildest eine Ausnahme von so Bielen, die, wenn sie alt werden, ihr Kunstinteresse verlieren."

Er preßte die Lippen aufeinander und griff hastig zur Zeitung.

Sic präludirte und summte ein Lied. So traf sie Fräulein Sophie.

„Kind, Kind," sagte die alte Dame bekümmert, „Du hast es mit meiner Schwester ganz verdorben, sie wird anf chrem Zimmer den Thee einnehmen und nicht mehr herunter­kommen."

Das junge Mädchen zuckte die Achsel. „Mein Gott," sagte sie, „geht es denn hier wie in Aegypten her. wo man nicht ungestraft die heiligen Störche und Tauben tödten darf? Und ich habe den verzogenen, häßlichen Hund doch nur angefaßt."

IX.

Eine breite Treppe führt zu dem Korridor des ersten Stockwerks. Arbeits- und Schlafzimmer des Hausherrn nahmen die Mitte desselben ein, dann folgten rechts die Bibliothek und die zwei Fremdcnstuben, die Marietta be­wohnte, während die am entgegengesetzten Ende liegenden Räume den beiden alten Damen gehörten.

Ein leuchtendes Morgengold weckte das junge Mädchen aus tiefen Träumen. Sie hatte sich Abends spät zur Ruhe begeben, nachdem sie ihre ganze nächste Umgebung noch einer genauen Musterung unterworfen.

Traulich und nicht ohne Geschmack hatte Sophiens llebevolle Hand das Zimmer ausgestattet, mit Teppichen, Wintervorhängen, zierlichen Meubles, Nippes und grüne Epheurankcn sandten ihre Arme weit hinaus um die Bilder der Sophawand. Jetzt im Sonnenschein sah das Alles freilich recht verblichen und altmodisch aus, immerhin aber

behaglich, und vor Allem gefiel Marietta die Lage des

Zimmers, denn rechts blickte man in den weiten, baum­reichen Garten, während das andere Fenster — es war ein Eckzimmer — anf den großen Gutshof hinansging.

Sie hatte lange geschlafen, lange Toilette gemacht und vertändelte anch jetzt noch die Zeit mit tausend kleinen Be­schäftigungen, obgleich der Morgen weit vorgerückt war. — Festtag war's. Dorfglocken läuteten in der Ferne, da­zwischen tönten die Stimmen ländlicher Thiere, das Krähen des umherstolzirenden Hahnes, aus den Ställen ab und zu das Brüllen der Kühe. —

Es überkam sie so fremd, und ein unendlich gelang- weiltes Gefühl in deni Gedanken, hier Wochen, Monate zubringcn zu müssen. — Um diese Zeit courbettirte in der Stadt gewöhnlich ein schlanker blonder Dragoner-Offizier vor ihrem Fenster vorbei, Nachmittags ritt sie wohl selbst mit bekannten Familien aus, und dann fügte cs ein „glück­licher Zufall", das ihnen der blonde Paradercitcr begegnete und sich ihnen anschloß. Abends gab es Konzerte, Bälle, Soiröcn, wo ihre Schönheit, ihre Talente bewundert wurden; das Alles gab doch dem Leben Färbung. Hier aber war man eben ganz auf sich selbst angewiesen, es bedurfte eines ge­wissen inneren Haltes, um sich ohne jegliche äußere An­regung das Leben zu schmücken.

In dem bunten Durcheinander dieser Gedanken siel ihr Blick anf den Blunienstrauß, aus welchem sie jetzt vom äußersten Rande vorsichtig ein Veilchen zog nnd es in ein Buch preßte. Die übrigen Blumen konnten keine Ver­wendung finden, weil sich gestern Herrn Böhnes lange Nase darin versenkt. Auseinander gelöst flatterten dieselben aus dem Fenster in den blendenden Schnee und etliche sielen dem alten Christian vor die Füße, der unten vor der Thurm­thür freien Weg fegte, in seiner Thätigkeit aber inne hielt, weniger erstaunt über den plötzlichen Blumenregen, als über einen Trupp Menschen, der die Kastanien-Allee heraufkam und an der Hausecke Halt machte.

„Der Herr da?" fragte ein stämmiger Bursche, dessen nervige Faust einen im Anzug verkomnienen Kerl vor sich her schob, der mit höhnischer Miene auf die Umherstehcnden, Taglöhner, Knechte und gaffende Kinder, blickte. Ein todtes Reh mit noch blutender Wunde und eine Flinte lagen auf dem Steinpflaster. Der Diener deutete nach dem Hofe und das junge Mädchen oben lehnte sich aus dem Fenster und sah der Richtung nach.

Ein Reiter sprengte heran, saß ab und kam kräftigen Schrittes daher. Das volle Sonnenlicht lag auf der großen, schönen Gestalt, jede der Bewegungen zeigte Frische, Elastizität; die verrätherisch grauen Haare widersprachen seltsam der energischen Haltung, der sonoren Stimme.

„Haben wir den Hallunken endlich!" ries er, mit einem Blick die Sachlage erfassend, „wie kann Er sich unterstehen, Spitzbube, in meinem Forst zu wildern?"

„Hoho," fiel ihm der Geschmähte ins Wort, „foll Alles erst bewiesen werden! Der Herr thut gut, bis dahin mit dem Hallnnken und Spitzbuben hauSznhalten!"

„Er bestreitet also den Schuß hier?" fragte Herr Hart­mann und wies auf das getroffene Wild.

„Den Kuckuck auch, soll man eingestchen, was man nicht gethan hat? Daher — losgelassen, Kerl, oder —" Er suchte sich gewaltsam von der Faust im Nacken zu befreien.

Hartmanns Arm legte sich schwer auf seine Schulter. „Ruhig mein Bester, wenn Er die Hände frei behalten will. Wie hängt die Sache zusammen?" wandte er sich an den Waldhüter.

48 . I«kjr-<rr-. 1900 *

„Ich ging mit dem Großknccht durch den Wald, Herr," antwortete dieser, „da hörten wir einen Schuß und bald darauf sahen wir Diesen hier mit dem Wilde über dem Rücken daherkomme» und Reisans nehmen, als er uns be­merkte. Wir hinterdrein, und so bringen wir ihn. Daß just er geschaffen, haben mir nicht gesehen, aber wer Anders soll es gewesen sein? Die Flinte hat er wohl von sich geworfen, wir fanden sie anf der Erde."

„Nun streitet Er noch?" fragte der Gutsherr streng.

„Ich habe nicht geschossen. Der Forst hat Platz für mehr Leute."

„So hat Er Komplizen?"

Der Gefragte zuckte höhnisch die Achseln.

„Und wie kommt Er zu dem Wild, wenn Er von dem Schuß nichts wissen will?"

„Wie man zu einer Blume kommt, die man im Schnee findet und anfnimmt." Er stampfte dabei mit dem Fuße eine rothe Verbene in den Schnee.

„Der „Fund" soll Ihm theucr zu stehen kommen. Wie ist Sein Name?"

„Ist der Herr KrciSgerichtsrath?"

Es folgte nach dieser neuen unverschämten Erwiderung eine augenblickliche Stille.

Der lauschenden Marietta schoß das Blut in die Wangen, als gälten ihr die Frechheiten. Immer dachte sie, die Reit­gerte, mit der ihr Vormund den Schnee fuchtelte, würde endlich niedersausen auf den Unverschämten, oder der Zorn würde ihn übermannen und ein schneidiges Wort über seine Lippen treten lassen, das den frechen Reden ein Ziel setzte. Nichts von alledem. Wäre nicht die eine unruhige Bewegung der Hand gewesen, man hätte auf den voll­kommensten Gleichmuth schließen müssen, denn selbst die Stimme klang, wenn auch gebieterisch streng, völlig be­herrscht, als er dem Mann erklärte, bis der Dorfvoigt gekommen und weitere Maßregeln getroffen, sei er sein Gefangener.

Ein Gelaß unten im Thurni wurde auf- und hinter dem Widerstrebenden zugeschlossen, eine gebieterische Handbe­wegung Reimers verscheuchte die gaffenden Gesichter aus der Nähe, Reh und Flinte wurden vom Waldhüter ins Haus gebracht und der Gutsherr folgte ruhigen Schrittes.

Langsam zog Marietta oben das Fenster zu. Es zuckte verächtlich in ihren Zügen. „Fischblütig wie meist alle Nordländer," murmelte sie. Sie schrak plötzlich zusammen. Zwei so seltsame Augen blickten drüben vom Thurme zu ihr herüber. War das Gottfried, der mystische Bewohner des Thurmes? Sie legte die Hand über die sonnenge­blendeten Augen, die Vorhänge bewegten sich noch; lächerlich, wie man sich täuschen konnte, der alte Christian stand ja da und grüßte herüber.

Unten, auf dem großen Hausflur, stand Reimer zwischen Koffern nnd Schachteln, als Marietta die Treppe hinab kam.

„Du wunderst Dich über mein Reisegepäck," rief sie nach gegenseitiger Begrüßung, „ich reise wie eine Marie Antoinette niemals ohne meine ganze Garderobe."

„So," sagte er gelassen, „ich vermuthe Bücher und Noten darin. Dies wäre unnöthig gewesen, da ich Dir eine Bibliothek zur Verfügung stellen kann. Hiermit sei es geschehen."

„So? Hast Du etwas Bemerkenswerthes darin?" Es zuckte ein Lächeln um seine Lippen.

„Ich habe den bemerkenswerthen Schiller, Goethe, Lessing und andere Dichter, Mode-Journale freilich nicht."

(Fortsetzung folgt.)

J Wilhelm Klotz, «.

«3

ständ. Versteigerungs- und BnSstellunas-Lokal St E-g |«r 8. Adolphstratze 3. 'PK 'S

Mobilien aller Art, Maaren rc. können täglich zu- n K'L gebracht, auf Wunsch aucki abgcbolt werden. -S

K Lagergeld wird nicht berechnet. 1557 3

Am 31. Mai

Ziehung der Caffeler Ktrchenbau -Lotterie.

Loose L 1 Mk., 11 Stück 10 Mt. empfehlen da« General-Debit J. Blassen, Kirchgasse 00,

sowie alle Loose-Verkaufs stellen am Platze. 7038

Vor den bevorstehenden $OItlllierrelse«l empfehlen wir dringend, Hallemobiliar und Werthgegenständc gegen

Eliibriich fi. Diebstahl bei der Aachener und Münchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft

zu versichern. Die Bedingungen sind liberal und frei von Härten. Coupon-Policen für Haushaltungen bis zum Werthe von .. .

Mit. 10.000 Jahrespramie Mb. S —

„ 20.00» dto. „ IO.—

„ 30,000 dto. „ 15.- Prospecte werden ans Wunsch kostenfrei zugesandt. Auskunft

ertheilt Pfsuiiikuch, Hauptagent,

Friedrichstratze 31. §71

‘ Vfsitkarten 9

Ycrlobuiigs- u. Einladungs-Karten etc.

in schönster Ausführung zu billigsten Preisen empfiehlt 3313

lf\£* lüciivh Friedricbstrasse 30,

JUS. UH 11/il, nächst der Kirchgasse.

Einzige Detail-Verkaufsstelle für Wiesbaden:

J. Speier Nacht.»

18. Langgasse 18.

^Telephon 840.