1. Beilage ntm Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 238. Morgen-Ausgabe.
Mittwoch» den 23. Mai.
48. Jahrgang. 1900.
(6. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Auf Grünweide.
Nomau von K. Z-almv-Aat-s-n.
Aber warum denn auch eine so lächerliche, tiefe Verneigung, dem Zuschnappen einer Messerklinge vergleichbar, und dies Emporrecken des schmalen, bartlosen Kopfes mit dem glatten, fahlblonden Haar, das an den Seiten militärisch ins Gesicht gestrichen — und jetzt griffen die schlänkernden Arme nach ihrem Mantel, der von den Schultern geglitten, und trugen ihn „mit ländlicher Nonchalance" zum nächststehcnden Stuhle, einem lässigen Stallburschen gleich, der eine Pferdedecke nach sich schleift.
„Lange nicht auf Grünweide gewesen, Fräulein, wie gehört habe?" begann Herr Bohne, seine langen Gliedmaßen in steter Bewegung haltend. Er fühlte die Verpflichtung. die Kosten der Unterhaltung augeblich auf sich zu nehmen, da sich Fräulein Sophie am Theetisch beschäftigte und Herr Hartmann in Zeitungen vertieft war.
„Seit meiner Kindheit nicht," antwortete die junge Dame, mühsam ihre Heiterkeit unterdrückend.
„Großer Unterschied, Stadt und Land. Einsamkeit hier. Aber gesund. Formidable gesund. Blasse Gesichtsfarbe, Theerofen, gehen fort. Prophezeie rothe Pigeonbacken nächstes Jahr."
„Sehr gütig, die überlasse ich Ihnen lieber."
„Mir?" er schlug sich an die bartlosen Gesichtsseiten; „Juchtenleder das, wenn Märzsonne scheint. Fräulein kommen mir bekannt vor. Schon begegnet vielleicht, hm?"
„Sicherlich nicht, das hätte ich niemals vergessen."
„Ha, ha, ich auch nicht. — Ruhig, Philo!"
Der Zuruf galt einem kleinen, feisten Hunde, der den neuen Gast mit lautem Gebell umkreiste.
„Ah, — habe es. — sehen Schwester Synchen ähnlich. Auch so große Gestalt. Augen nicht ganz so braun, eher blau, Nase — weniger schmal, etwas Mops — aber trotzdem — frappant, frappant!"
„Merkwürdige Aehnlichkeit, Herr —"
„Bohne, Bohne!"
Er lehnte sich gegen die Tischkante und streckte die Extremitäten von sich. Unwillkürlich glitten Mariettas Augen die Länge hinunter und blieben an den Füßen haften. — Er schien es zu bemerken.
„Ja, ein wenig lang. Plattfüße das. Aber doch ein Glück. Militärfrei dadurch."
„Welch ein Verlust für die Armee, Herr —"
„Bohne, Bohne!"
„Herr Bohne, Sie wären sicher rechter Flügelmann in der Garde geworden. . .
Inzwischen hatte Sophie den Thee bereitet.
„Ich hatte mir Marietta doch anders gedacht," bemerkte sie, M gefüllte Theekanne bei Seite setzend, „schlank und zart, wie ihre nordische Mutter. Diese schöne, kräftige Gestalt kleidet reizend zu dem zarten Kopf. Aber sie sieht blaß aus."
„Sage vertanzt," bemerkte Annette trocken.
„Wie sich das schwarze Sammetkleid an die schönen Formen schließt. Die Spitzen oben an dem viereckigen Ausschnitt sind kaum wcißer wie der reizende Hals."
„Viel zu elegant fürs Land."
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„Nun, sie kommt ja auch aus der Stadt, und dahin paßt's. Reimer, gleicht sie nicht ihrem Vater Zug für Zug?"
Hartmann blickte von einem Buche auf, in dem er Notizen gemacht.
Das junge Mädchen bog gerade einen Tannenzweig herunter, uni ein niedergebranutes Licht auszulöschen. Von Lichtglanz überstrahlt stand sie da. Das im Nacken gekämmte, in einem Knoten verschlungene Haar zeigte deutlich die schöne Kopfform. Die klare Stirn, ein wenig beschattet von braunem, keck sich vordrängendem Haargekraus, die mädchenhafte Figur, der graziös erhobene Arm» die lächelnden Lippen, — es war ein Bild der Heiterkeit, Jugend und Schönheit.
„Ja, ja," erwiderte Reimer betrachtend, „es ist Tonellis fesselnde Schönheit, sein lebhaftes Mienenspiel, aber das ist noch kein Veleg, ob sie auch in Geist und Herz sein Kind ist."
„Ich glaube," bemerkte Annette, aufmerksam hinüberschauend, „sie zieht unseren braven Bohne auf. Sieh' doch dies moquante Lächeln. Ja, ja, diese Stadtdamen!"
„Bohne, ich bitte um einen Augenblick Gehör!" rief Herr Hartmann.
„Pardon Fräulein," entschuldigte sich dieser gegen Marietta, „Geschüftssachen noch, reise morgen. Familie hat Sehnsucht. Ha, ha, erklärlich, bin Mamas Kleinster. Ruhig Philo!"
Er legte die ganze Breite des großen Zimmers in drei großen Schritten zurück.
Marietta sah ihm lachend nach.
„Ruhig, Philo!" wiederholte sie, und da das Bellen und Kläffen sich dadurch nur verstärkte, zog sie den sich heftig sträubenden Liebling Annettens an den Vorderpfoten aus dem Zimmer hinaus.
Als sie sich uuiwandte, stand Fräulein Annette mit dunkelrothem Gesich ihr gegenüber.
„Liebes Kind," sagte sic, sich sehr gerade haltend im strengen Ton, „ich muß doch sehr bitten, nicht so eigenmächtig mit Anderer Eigenthum zu verfahren. Mein Philo ist eine rauhe Behandlung durchaus nicht gewohnt und auch noch niemals aus der Thür geworfen."
„Beste Tante, ich setzte ihn ja nur hinaus."
„Ohne Flanelldeckchen darf der Kleine niemals der Külte ausgesetzt sein, außerdem —"
„Luft und Bewegung wird ihm gerade gut sein, er ist ja viel, viel zu fett, Tante."
„Du wirst begreifen, daß dies Ansicht ist und lediglich meine Sache. Windhunde, denen man die Rippen am Leibe zählen kann, sind mir ebenso fatal, wie vorlaute junge Damen."
Sie wandte sich kurz ab und verließ das Zimmer. Marietta warf den Kopf auf, schürzte die Lippe und sagte: „Lächerlich!"
VIII.
Die Lichter am Baume waren verlöscht. Es brannte nur noch die grünverhaugene Lampe über dem Theetisch. Sophie war der Schwester nachgegangen und Herr Bohne hatte sich mit tiefer Verneigung empfohlen.
„Mein Gott," dachte das junge Mädchen, flüchtig zu ihrem Vormund hiuüberblickend, der in Zeitungen vertieft schien, „wie das hier langweilig ist zwischen diesen alten, grauköpfigen Leuten."
Sie schritt langsam die Seiten des Zimmers entlang und betrachtete die Bilder an der Wand. Ein kleines Pastcllbild fesselte gleich ihre volle Aufmerksamkeit. War das Onkel Reimer - in seinen Jüglingsjahren? Welch männlich schönes Gesicht! Was für sprühendes Feuer, was für Lebenslust und Geist blitzte da in den blauen Augen! Nein, nicht denkbar, so sehr konnte das Alter nicht verändern.
Sie nahm das Bild von der Wand und trat an den Tisch.
Hartmann blickte auf.
„Onkel Reimer, das kannst Du doch unmöglich sein, trotz der außerordentlichen Aehnlichkeit."
Es lag in ihrem Ton etwas von ihrem Gedanken, das er zu crrathen schien.
„Der schöne Mann da ist mein Bruder," sagte er. „Du siehst, es giebt Aehnlichkeitcn, die weder einen Vorwurf noch eine Schmeichelei sein können. In hohen Lüften der Adler hat mit der Krähe, die auf den Saaten ihre Nahrung sucht, die Federn gemein. Sie sind eben aus einer Familie. So hier. Verwandtschaftliche Aehnlichkeit ist mir nicht abzustreiten."
Sie nahm es für Scherz.
„Welch drolliger Vergleich. Du spielst auf Deinen Beruf an," lachte sie, „das Bild entzückt mich, darf ich es
zeichnen?"
„Du weißt nicht," sagte er, „was für einen wunden Punkt Du da berührst. Gottfried war wie ich Deines Vaters Freund. Sind Dir Erinnerungen davon aus der Kindheit geblieben?"
Sie sah ihn erst an.
„Ich war ein neunjähriges Kind, als meine Eltern starben, und bin seitdem unter Fremden aufgewachsen. Was also kann ich von der Vergangenheit wissen, die niemals berührt worden ist? Nicht einmal die Gegend hier erkannte ich wieder. Nur der Weiher haftet noch in meinem Gedächtniß. Wie mir der ungeheuerlich vorkam. Du schossest Enten da, Onkel Reimer, und Papa und ich begleiteten Dich oftmals. Doch ließ er mich niemals von der Hand, weil das Wasser tief sei und ich ein wildes Kind. Auch den alten Thurm erkannte ich. Ich kletterte die alten, zerfallenen Stiegen hinauf und sah da oben eine himmlisch schöne Gegend."
„Diesen Thurm eben, bitte ich Dich, nicht zu betreten. Er ist meines Bruders Wohnung geworden. Gottfried ist ein Hypochonder, eine unglückliche Herzenserfahrung hat ihn dazu gemacht."
„Wie traurig."
„Nicht wahr, Du hältst Dich streng an meine Bitte?"
„Ja, Onkel Reimer."
Sie betrachtete sinnend das Bild.
„Der ist sicher einmal sehr glücklich gewesen."
„Ja, aber er flog zu hoch, desto tiefer der Sturz. Ruhm allein macht nicht glücklich."
„Ah," sagte sie, „ich verstehe diesen Geist. Ich habe den Wonneschauer empfunden, den Ruhm geben kann."
Reimer sah sie erstaunt an. Sie bemerkte es nicht. Sie lehnte den Kopf an den Stuhlrücken, die schönen Hände lässig übereinander, die Augen ein wenig zugedrückt, als sähe sie in lichte Ferne.
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