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1. Mage jum Miesdaüener Tagblatt.

Uo. $34. Worgeir-A«s-«ds.

K*»m1«A, den LO. Mai.

48. JatzrKLNß. 1W0.

(4. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Ans Grünn»»rde.

Roman von K. V«»seu.

Ihre Ehe wurde ohne tiefere Ucberlegung und genaue Bekanntschaft, von des Landraths Seite aber doch nicht ohne Liebe zu dem schönen Mädchen geschlossen, während Hermine, kalt berechnend, ein reiches, genußsüchtiges Leben in der großen Welt verlockend genug fand, die angetragenc Hand anzunchmeu, die sie am liebsten wieder von sich ge­stoßen hätte, als sich der Besitzer derselben in der Ehe als ein oftmals bis zur Rohheit jähzorniger, dem Spiele und Trunk ergebener, herrischer Mann offenbarte. Vielleicht Hütte die Liebe Macht über die unedlen Regungen seines Charakters gehabt, aber Hermine liebte ihn nicht, hatte ihn niemals geliebt, bis plötzlich diese Mbcherrscherin auch über ihre Seele Macht gewonnen und ihr herrschsüchtiges Streben und Sehnen niedesgezwungen zur drmüthigen Anbetung, zu eben Jenem, der ihr in der Blüthe der Mädchcnzcit den Platz an seinem Herzen geboten, den sic verschmäht, kaltherzig verschmäht aus nichtigen Gründen. Und von diesem, dem ihre erste, wahre Leidenschaft gehörte, mußte sie es erleben, zurückgewicsen zu werden! Solche Gedanken bestürmten sie jetzt. Still, regungslos, die glühende Stirn in die Hand gepreßt, saß sie in dem Schlitten, der pfeilschnell den Weg zu ihrem Gute dahinsiog. Dasselbe war bald erreicht.

Kurz, herrisch, wie cs ihre Art gegen die Dienerschaft war, wies sie die herbeieilende Jungfer viit der Bemerkung zurück, sie wünsche allein zu sein, habe bereits gespeist; dies möge dem Herrn Weilland gesagt werden.

Das Mädchen schien eine Bestellung machen zu wolle», sie achtete nicht darauf, auch nicht auf leises Weinen und Rufen, das oben auf dem Korridor aus einem Zimmer drang, an dem sie in hastiger Eile vorüberging, um zu ihrem Boudoir zu gelangen.

Sie wollte allein sein, endlich die Maske fallen lassen, die ihr unglaubliche Beherrschung aufgczwungen. Jetzt, unbeachtet und ungehört, zeigte sie, was sie war, ein leiden­schaftliches, in der Liebe getroffenes Weib, das sein Weh in Strömen von Thränen ergoß. Lange lag sie da, das Antlitz in die Kissen des Divans gedrückt. Dann sänstigten sich die Wogen und die Vergangenheit mit ihren Anklagen und Vorwürfen zog in Bildern an ihrem Geiste vorüber. Ein blüthenduftiger Frühlingsabcnd, wo der Mond in einer Sichel über den Laubgängen des Gartens stand, in denen sie an der Seite eines Mannes wandelte, der in tiefen Gefühlstönen von seiner Liebe sprach. Sie halte da§ frevelnde Spiel, das sie mit seinem Herzen getrieben, ge­wonnen, konnte sich vor Freundinnen und Bekannten aber­mals — eines ertheilten Korbes rühmen. Heute hatte das Schicksal diesen unedlen Triumph gerächt. Heute war sie jurückgewiesen. Warum? Vielleicht aus Rache? Nun, so war diese gestillt. Oder aus Trotz? Der ließ sich brechen. Aus verlorener Liebe? Die ließ sich wiedcrgcwinnen. — Sie war älter geworden, aber mitsammen waren sic's ge­worden. Wenn auch nicht mehr in erster, so stand sie doch noch in voller Jugendschöne. Warum sollte sie nicht noch liebens- und begehrenswerth sein!

Sie erhob sich rasch und trat mit der brennenden, hoch­

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gehaltenen Kerze vor den Pfeilerspiegel. Die blonden Flechten hatten sich gelöst und hingen reich und prächtig über den Schultern. Ein sehnsüchtiger, lhränenfeuchter Glanz schimmerte in den großen Augen, höher gefärbt war die weiche Wange. Die bebende Lippe verrieth die Leiden­schaft des Innern, und eben diese war es, welche die er­regte Frau so schön machte, und daß sie dies war, sah sie jetzt. Ein tiefer Athemzug hob die Brust.

„Ich muß und ich werde ihn wiedergewinnen, das soll jetzt meines Lebens Zweck sein," murmelte sie, trat dann aber schnell vom Spiegel fort, da sich ein leises Klopfen vernehmen ließ.

Herr Weilland, ein korpulenter, alter Herr, mit jovialen, gutmüthigen Zügen trat ins Zimnier. „Verzeihe, daß ich Dich störe, Hermine," sprach er höflich, „Minna sagte Dir nicht, daß Alice krank ist, das Kind fiebert, und —"

„So schickt nach dem Arzt, was ist anders zu machen?"

„Das habe ich bereits gethan. Er erklärte es für einen Kartarrh, hat Medizin verschrieben. Müchtcst Du das Kind nicht diese Nacht in Dein Schlafzimmer nehmen? Minna ist so unzuverlässig."

„Bei einem Kartarrh Nachtwache halten? Lächerlich! ich bin selbst nicht wohl und bedarf der Ruhe."

„Bei guter Pflege könnte das Kind zum Weihnachtsabend vielleicht wieder hergcstettt sein. Das kleine Ding, es hatte sich so sehr darauf gefreut!"

„Wie Du sprichst! Gute Pflege, hat es denn die nicht? Ein weiches Bett, ein warmes Zimmer, nahrhafte Speisen, was fehlt denn noch?"

„Mutterliebe, Hermine!" sagte der alte Herr ernst. Sie runzelte die Stirn.

„Den Vorwurf solltest Du mir doch nicht machen. Kann nian lieben, was einem täglich, stündlich, wie ein Hohn, schmachvolle Erinnerungen verkörpert? Diese schwarzen Rabcnlockcu, diese dunkelgkühenden Augen — ich hasse sie! Nicht mein Kind, der Vater desselben blickt mich daraus an, und daher kann von — Mutterliebe keine Rede sein!"

„Brechen wir ab, Hermine; das. Reden führt ja doch zu nichts," entgegnete Herr Weilland. „Willst Du Alice aber nicht vor der Nacht noch sehen? Sie glüht wie Feuer."

„Wenn Dich das beruhigen kann, warum nicht? Nach Deiner Schilderung könnte man glauben, das Kind läge im Sterben."

Der alte Herr erwiderte nichts, aber er dachte: Wäre es so, vielleicht wär's das Beste. Dann folgte er kummervoll der Tochter ins Krankenzimmer. Dasselbe war schwach er­hellt, aber deutlich hob sich das dunkle Kinderköpfchcn von dem weißen Linnen des Bettes ab.

Das Kind phantasirte lebhaft.

„Großpapa", rief cs, „siehst Du den Weihnachtsbaum und die Goldäpfel und die Silbernüsse! O, wie schön, Großpapa! Und wie hell die Lichter brennen. Aber Mama löscht sie alle aus. Großpapa, schnell, verstecke die Lichter, und wenn Mama fort ist, brennen wir andere an. Komm, komm, Großpapa, Mama kommt und nimmt sie uns alle weg." Das Kind richtete sich auf und griff mit den Hündchen in die Luft. Sanft drückte es Herr Weilland in die Kissen nieder und flüsterte ihm Liebkosungen zu.

„Da hörst Du," bemerkte Hermine; „spricht nicht schon ein Teufelchen aus diesem Kindermund?"

„In der Natur eine? jeden Kindes liegt ein Dämon und ein Engel. Es ist Sache der Eltern, jenen zu ersticken,

diesen zu wecken."

„Du trägst heute einmal wieder Deinen Moralrock, bester Vater," spottete Hermine, „und deßhalb — da bist Du ja, Minna," unterbrach sie sich, als die Jungfer eintrat, „Du mußt die Nacht wachen, Minna, Alice Medizin reichen und sorgen, daß sie zugedeckt bleibt. Verpflegst Du sie gut, so schenke ich Dir morgen ein Häubchen! — Gute Nacht, Vater, ich leide an Kopfschmerzen und lege mich sogleich zur Ruhe. — Minna, alle zwei Stunden einen Löffel Medizin, hörst D», und halte Dich hübsch wach, denke au das Häubchen."

Mit diesen Worte» verließ die Laudräthin das Zimmer. Herr Weilland aber befahl dem Mädchen, sich heule anderswo ein Nachtlager zu bereiten, er selbst gedenke bei dem Kinde zu wachen.

Minna vollzog mürrisch den Auftrag. Sie wußte, daß sie sich das Häubchen auf alle Fälle, selbstredend auch im Schlaf, verdient hätte.

VI.

Der Zug brauste an den Perron heran, Reisende in Menge strömten 'herbei, denn es war der Tag vor dem Weihnachtsfest, an dem Diejenigen, denen die tzeimath lieb und erreichbar ist, derselben zueilten.

In der geöffneten Thür eines Dameu-Coupos erschien die Gestalt einer jungen, eleganten Dame. Sie blieb zögernd stehen, denn das Drängen und Treiben der Menge verhinderte für de» Augenblick das Anssleigcn. Ein junger Dragoner-Offizier wußte sich indessen Bahn zu brechen, und sein Ziel schien eben das Coupe zu sein, in dem die junge Dame noch wartend stand. Gewandt schwang er sich daselbst auf das Trittbrett, blieb salutircnd stehen und sagte mit etwas näselnder Stimme: „Fünf Minuten Aufenthalt, mein gnädiges Fräulein, darf ich dieselben benutzen, um mich von Ihnen zu verabschieden?"

Die junge Dame lachte belustigt.

„Das haben Sie noch an jeder Station gethan, Herr von Heilwitz, und wenn Sie alle Minuten zusammenrechnen, so ist zum Abschiednehmen mehr als eine Stunde gebraucht worden. Bitte, nur keine tragische Miene, die lustige kleidet Sie weit besser."

„Ich danke einem glücklichen Zufall, daß es mir über­haupt vergönnt ist, Ihnen Lebewohl zu sagen," antwortete der Offizier.

„Ich glaube, der glückliche Zufall läßt sich durch Ihren Burschen und Professors Leuchen persoiiifizircn. Die Absicht, Ihre Eltern am Weihnachtsabend zu überraschet, kam Ihnen anscheinend eben so schnell, wie mir der Befehl in das Exil?"

„Wann werden Sie aus diesem zurückkehrcn?" fragte Herr von Heilwitz.

„Nicht gar so bald, bis —" die junge Dame lachte amüsirt, „nun, bis ich mich von den Strapazen des Salon- lebens erholt habe, wie die gute Professorin sagt."

„Das ist ein dehnbarer Begriff, auf Ehre."

„Und ein recht langweiliger. Grützen Sie mir Ihren Fuchs, Ihren Ali, sie ließen sich herrlich reiten, jetzt werde ich mit einem Ackergaul fürlieb nehmen müssen."

(Fortsetzung folgt.)

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