WikMkner Ulatt.
48. Jahrg-nig.
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Verlag: Langgasse 27.
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N». 233.
Fernsprecher No. 52.
Samstag, den 19. Mar«
Fernsprecher No. 52.
1900.
Hor|tn4Ujiwa^e«
Maris und Frankreich.
Unser Pariser v-Korrespondent schreibt uns unterm 16. d.: Während die Departements am Sonntag bei den Stichwahlen für die Gemeindcräthe aufs Neue, wie im ersten Wahlgang, ihr Festhalten an der republikanischen und parlamentarischen Staatsform bekundet haben, ( sind der Opposition in Paris noch eine Anzahl weiterer Sitze in der städtischen Vertretung zugefallen; sic triumphirt geräuschvoll und behauptet, sie verfüge jetzt über die Mehrheit im Stadthaus. Genaues vermag bis jetzt Niemand darüber zu sagen. Die unter nationalistischer Flagge Gewählten gehören so verschiedenen politischen Richtungen an, daß es sehr schwierig sei dürfte, sie für positive Verwaltungs- zweeke dauernd unter einen Hut zu bringen. 18 von ihnen bezeichnen sich als Anhänger Dorouledes und haben bereits die Wallfahrt zu ihrem verbannten Chef nach San Sebastian angetreten, um sich Weisungen für ihr Verhalten zu holen. Ein Neunzehnte^ erklärt sich für einen „unabhängigen Socialisven".
9 weitere sind konservativ, und noch 9 andere erklären, sie seien „Munizipal-Republikaner" und wollten sich nicht mit der Politik, sondern nur mit städtischen Angelegenheiten befassen. Das macht erst 37 Mitglieder von den 80, welche die Körperschaft zählt.
Auf der anderen Seite hat sich die socialistische Fraktion mit 20 und die (stark gelichtete) radikale mit 14 Mann konstituirt. Diese 34 stellen vorerst den Rest der alten Majorität dar. Es bleiben mithin noch 9 Neugewählte unklassifizirt, die nach der einen oder anderen Seite, dauernd oder abwechselnd, den Ausschlag geben werden, die aber vorerst über ihre An- und Absichten ein kluges — oder auch verlegenes — Schweigen beobachten. Aus den Wahlaufrufen dieser hybriden Mitglieder ist kein Schluß zu ziehen: sie haben einfach „Alles und noch einiges Andere" versprochen. Auch die Zusammensetzung ihrer Wahlcomitäs ist bunt und vielsagend, und darum nichtssagend. Das sind also offenbar geschickte Lokalpolitiker, die erst abwarten wollen, wohin die Strömung ‘ treibt, ehe sic sich entscheiden. Immer mit der Strömung der öffentlichen Meinung gehen, ist ihr oberster Grundsatz, und demgemäß beobachten sie alle Wetterfahnen mit gespanntester Aufmerksamkeit. Zunächst wollen sie sehen, welchen Eindruck die Ergebnisse der Gcmeinderathswahlen auf das Parlament gemacht haben. Die Provinz hat durch ihre Wahlkundgebung die Regierungspolitik gutgeheißen, dem Kabinett ein glänzendes Vertrauensvotum ertheilt. Paris, oder wenigstens die Mehrheit einiger Stadtviertel' von Paris, hat Verurtheilte oder Angeklagte des Komplottprozesses gewählt und sich damit gegen die Einleitung und Verhandlung dieses Prozesses, das heißt gegen das Kabinett und beide Kamnicrn aus
gesprochen. Werden die Kammern darum jetzt ihre Politik ändern, das Kabinett stürzen und eine den Nationalisten genchnlcre Negierung einsetzcn? Das erscheint wenig wahrscheinlich. Dann war aber der nationalistische Wahlerfolg in Paris ei» Degenstoß ins Wasser, eine wirkungslose Kundgebung, und die schwankenden Neutralen im Stadthause werden sich beeilen, die Reihen derjenigen Partei zu verstärken, welche mit der Staatsgewalt Fühlung hat und darum allein im Stande
ist, die Geschäfte der Hauptstadt mit Erfolg zu besorgen. Wenn übrigens sogar das Umgekehrte einträte und Nationalisten und Konservative vorübergehend die Mehrheit im Stadthause hätten, so würde das immer noch an der Gesammtlage wenig ändern. Die Zeiten, wo eine gut organisirte Vereinigung Paris beherrschen und durch Paris ganz Frankreich ihren Willen diktiren konnte, wie es im Konvent geschah, sind für inimer vorbei. Die Provinz amüsirt sich in und über Paris, aber sie führt ein selbständiges Dasein und weigert sich entschieden, den Launen der Hauptstadt blindlings zu folgen. Paris ist längst nicht mehr Frankreich.
Der Troradero aus!>kl'Pari serWfltansstellung.
Unter den vielen palastartigen Bauten auf dem Terrain der Pariser Weltausstellung nimmt wohl der Trocadero, von dem wir unseren Lesern in dem bcistehenden Bilde eine Ansicht geben, den hervorragendsten Platz ein. Dieser kolossale Palast wurde ans der gleichnamigen Anhöhe auf dem rechten Seineufer, gegenüber der Jenabrücke, schon zur Weltausstellung 1878 von Davioud und Bourdais erbaut. Der Grund
riß zeigt eine halb elliptische Form. Der mächtige Mittelbau wird zu Festen, Mnsikanfführungen re. benutzt, während die beiden Flügel zu einem knnstgcschichtlichcn Museum von Gipsabgüssen eingerichtet sind. Der Trocadero bildet mit seinen großen Seitenflügeln einen Kreisbogen von über 400 m Länge. Den enormen runden Mittelbau krönt eine kolossale Ruhmesgöttin, und zu beiden Seiten erhebt sich je ein eleganter Thurm von 90 m Höhe. Im Vorderarnnde des Baues zieht sich von einem Ende bis zum anbei cn eine Arkaden-Promenade hin. Der Platz vor derselben ist mit gärtnerischen Anlagen, großen Blumenbeeten, Lauben, Grotten und Springbrunnen bedeckt. Die große Cascade in der
(Nachdruck verboten.)
Mflege der Auge».
Von »r. in cd. R. Keh».
Das Auge ist eine wunderbare Gottesgabe. Ein gutes, starkes, gesundes Auge ist ein Glück und ein Schniuck zugleich. Das Auge ist der Spiegel der Seele, es verleiht dem menschlichen Antlitz Ausdruck, Leben und Bedeutung. Ein schwaches Auge ist niemals schön, nur arbeitsfähig, ein blindes gar macht den Menschen hülflos und einsam. Jeder fiirchlet zwar den Verlust des Augenlichts, aber kaum wird ein Organ des Körpers mehr mißhandelt als gerade das Auge durch Nichtachtung oder Ileberanstrenguug. Die meisten Menschen werden erst auf eine schonende Behandlung ihrer Augen hingewiesen, wenn sie schon erkrankt sind. Die Augenpflege ist freilich im Großen und Ganzen nichts Anderes, als eine zweckmäßig, naturgemäße Lebensweise überhaupt. Leider aber ist unsere moderne Lebensweise ganz darnach eingerichtet, die Augen zu schwächen und sie 'kurzsichtig zu machen. Die moderne Ueberanstrengung hat schon manche Krankheiten erzeugt, aber keine von ihnen hat eine solche Ausdehnung angenommen, wie die Kurzsichtigkeit. Dieses Leiden, diese Augenschwäche ist umso schlimmer, als die Anlage dazu sehr erblich ist.
Im Volk herrscht leider vielfach die Meinung, ein kurzsichtiges Auge sei kein krankes, sondern sogar ein starkes Auge, das ist ein sehr großer und böser Jrrthum. Tritt in dieser Hinsicht nicht bald Besserung ein, werden unsere Urenkel alle kurzsichtig sein. Ausnahmen werden nur die Regel bestätigen.
Das Auge ist das Lichtorgan und erfordert zur Nahrung und Stärkung Licht und immer wieder gutes, natürliches Licht.
Personen, die lange in Finsterniß leben, die erblinden, Menschen, welche immer im Dämmerlicht znbringen, bekommen schwache und kranke Augen. Das Auge verträgt niemals blendendes, scharfes Licht noch einen schroffen Wechsel von Hell und Dunkel. So wenig die Haut einen jähen Wechsel von Warm und Kalt ertrügt, ebenso erkrankt das Auge bei zu schnellem Wechsel von Hell und Dunkel. Das muß man schon bei den kleinsten Kindern beachten. Auch stelle man nie etwas an das Kopfende des Kinderbettes, was die Aufmerksamkeit der Kleinen auzieht, denn die Augäpfel bei Kindern nehmen gar zu leicht eine falsche und schielende Stellung an. Auch lasse man nie die Haare bei den Kindern zu lang in die Stirn fallen, denn sie stören den Blick und reizen die Augen. Auch schneide man das Kopfhaar nie plötzlich kurz und stumpf ab, es entsteht dadurch leicht Erkältung des Kopfes und hierdurch Augenröthe. Auch anhaltendes Weinen schwächt dieAugen. Jungen wie alten Augen gönne man so oft wie möglich den Anblick grüner Flächen im Freien. Man glaubt nicht, wie wohlthuend für Augen grüne Rasen- und Waldflächen sind. Dagegen meide man weiße, von der Sonne beschienene Flächen, im Freien wie im Hause. Ist mau gezwungen, lange auf blendende Flächen zu sehen, so schütze man die Augen durch eine blaue Brille. Das Schauen in flackerndes Feuer, in elektrisches Licht, in den zuckenden Blitz ist Gift für das Augenlicht. Beim Schreiben achte man darauf, daß das Licht von der linken Seite auf das Papier fällt. Arbeitet man bei Lampenlicht, so muß die Lampe hoch stehen und das Licht ebenfalls von links anffallen. Das Fahren auf der Eisenbahn bei offenen Fenstern und gegen den Wind, das zu lange Hinansstarren hat schon manches Auge geschwächt.
Man gebrauche und schone das Auge wie jedes andere
Glied unseres Körpers, welches arbeitet. Im Allgemeinen gilt die Regel, die Augen mehr kalt wie warm zu behandeln. Man wasche sie daher oft mit kaltem Wasser, aber niemals gleich nach einer Erhitzung. Alles, was dieAugen zu warm macht, wie enge Halstücher, zu starkes Neigen des Kopfes bei der Arbeit, heiße und schlechte Zimmerluft, scharfe Dämpfe und Gase, Stnhlverhaltung, alles dieses muß nach Kräften vermieden werden. Hat Jemand Disposition zu Angenschwäche oder Erkrankungen, so ist natürlich doppelte Vorsicht nöthig. Die Schwäche des Auges zeigt sich durch beginnende Weitsichtigkeit an. Tritt dieser Zeitpunkt ein, wo man also nicht mehr so leicht und klar sehen kann wie früher und die Schrift immer mehr von den Augen entfernen muß, so strenge man gar nicht das Auge gewaltsam an, im Gegentheil, man schone es und lasse es vom Arzt untersuchen, damit eine passende Brille verschrieben wird. Triitbei dieser Schwäche auch noch Röthung ein, so gebrauche man zur Kühlung und Stärkung der Augen Fenchelwasscr oder Romcrshausens Angenwasser. Unbedingt aber muß der Arzt zu Rathe gezogen werden, wenn sich das Sehen von Nebeln, von fliegenden Mücken und Flocken selbst bei geschlossenen Augen einstcllt. Eine Augenpflege ohne allgemeine diätetische Körperpflege hat gar keinen Sinn. Wenn man nicht die Ursache beS Ucbels beseitigen kann oder will, dann hat eine Angenbchandlnng absolut keinen Zweck. So sind nervös machende Umstände, geistige oder körperliche Ueberanstrengung, Ausschweifungen, Schlemmereien, Verweichlichung und habituelle Leibcsvcrstopf- ungen alles Sachen, die unbedingt beseitigt werden müssen, wenn man das Auge heilen will. Mit der Weitsichtigkeit tritt auch mit sinkender Ncrvenkraft die Schwachsichtigkeit ein, sodaß nur noch große Gegenstände deutlich gesehen werden können. Ein allmähliches Verdichten der Augenlinse bis zur theilweisen oder gänzlichen Undurchsichtigkeit ver-
