i Der Roman, i
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fr —a Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. - ^g)
Nr. 87.
Donnerstag, 15.-April.
1915.
(17. Fortsetzung.)
Var adlige Keihsur.
Roman von Albert Peterseu.
Nachdruck verboten.
Henning Tiedemann mutzte an Gardby denken, an Las traute Städtchen und seine Bewohner, an das adlige Freihaus und seinen großen Garten, in dem er ernst mit Grethenfraucke gespielt. Er sah den alten
f eint Wilmsen vor sich und Großvater Peder, die ltern und Kollegen, und dann — einen frischwangigen Mädchenkopf mit vollen Locken und leuchtenden Augen — Rieke Meetz.
Und jetzt lag die Zukunft so leer, so hoffnungslos vor ihm; ein Tag wiirde wie der andere dahingehen.
„Nein, nein", rief er laut, und mit einem Sprung war er an seinem Bett und holte aus dem Strohsack eine Geldkatze — die Ersparnisse, die ihm der Vetter Friedrich gelassen.
Und mit glühenden Augen zählte er die harten Silberstiicke. Da lag seine Zukunft, das Geld hier würde ihrn helfen.
Einige Jahre, dann würde in Gardby vergessen fern, daß er gefehlt. Er würde ein kleines Geschäft einrichten und Weiterftreben. Und wenn er als Herr des Freihauses auch nicht der erste Mann in Gardby werden könnte, er würde doch als fleitziger Bürger in der Heimat weilen. Und mit einem Male packte ihn bitteres Heimweh.
Er wurde aus seinem schnrevzlichen Grübeln ge- pissen durch das ächzende Knarren der Treppe. Kaum hatte er die Silüerftapel in die Geldkatze geworfen, als das Schlürfen von Filzpantoffeln sich der Stube näherte und die Tür geöffnet wurde. Die alte Wirtin steckte ihren hageren Kopf mit der Raubvogelnase durch Lie Türspalte.
„Frohe Weihnacht wollt ich man wünschen —" sagte sie mit süßlichem Lächeln, dann aber, als sie bemerkte, daß ihr Mieter rauchte, „o Gott, sehen Sie sich doch man bloß wegen der Funken vor. Nicht wahr, Streichhölzer brauchen Sie doch wirklich nichts es ist- so gefährlich."
Henning war dieses ewige Lamentieren wegen der Streichhölzer eigentlich längst müde, aber heute abend sehnte er sich danach, ein wenig zu plaudern, und er bat die alte Frau, doch nicht an der Tür stehen zu bleiben.
Und darauf schien sie gewartet zu haben; sie trat ein und verscheuchte Henning Tiedemann durch langatmiges Geplapper und Gestöhn über die entschwundenen guten Zeiten und die heutige neumodische Zeit, die schon Fuhrwerke ohne Pferde erfunden habe, die Grillen, aber auch die stille Weihnachtsstiinmuug.
Der Jahreswechsel brachte viel Arbeit. Aber Henning war unermüdlich, und Paridom Puttfarken, der sonst nie lobte, nickte wohlgefällig und sagte: „Gut, Tiede- mann, ich hoffe Ihnen bald mal,'ne bessere Stelle geben zu können." Und da Henning wußte, .daß er wegen feines Hochmuts bei seinen Gardbyer Kollegen nicht beliebt gewesen war, stellte er sich seinen Mitarbeitern in Puttfarkens Geschäft gegenüber bescheiden und freundlich. Und mit Ausnahme kleiner Reibereien
gingen die Tage und Wochen ohne besondere Zwischen» fälle dahin.
Von St. Nikolai, St. Petri und St. Jakoba wurde das Osterfest eingeläutet, und die warme Frühlingssonne tvarf ihre freundlich gelben Strahlen auch auf die düsterengen Straßen Hainburgs. Die Alleebäume am Jungfernstieg trugen schwellende Knospen,, und der „.tzamborger Börger" setzte den hohen Zylinder auf, Madame band sich den steifgeplätteten Kappenhut unr das wohlgenährte Gesicht, und man machte den ersten Spaziergang, freute sich, daß die Sonnenstrahlen mit den leichten Wellen spielten, beobachtete die vornehm ziehenden Schwäne und warf hier und da einem Bekannten ein halb würdevolles, halb vertrariliches „Ser- vus, Servus, go'n Dag ok", zu. Man bewunderte von neuem den wuchtigen Bau der Börse, welcher int Dezember des Vorjahres beendet war, und sprach über bas große Einweihungssest -der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn, welches am 5. Mai stattfinden sollte. —■ Ter April ging dahin. Der Mai hielt mit sonnigen Tagen seinen Einzug. ,
Henning war, da er am nächsten Tage, am Himmel- fahrtsfest, erst später ins Geschäft zu geheir brauchte, noch ein paar Stündchen „buten Dammthor" spazieren gegangen und erst gegen Mitternacht heimgekommen.
Als er oben erst im Bett lag, hörte er plötzlich das Staffeln und Rufen der Wächter, die Signalschüsse der Soldaten, das Läuten der Sturmglocken — Feuer.
„Na, brennen lassen", dachte Henning und drehte sich müde auf die andere Seite.
Im Halbschlafe hörte er rrachher das bekannte Schlürfen der Filzpantoffeln. Einmal war es ihm, als luge seiner Wirtin Vogelkopf durch den Tiirspalt.
Und als die Sonnenstrahlen nur noch die obersten Spitzen der Kirchtürme beleuchteten, wurde Henning durch lautes Rufen geweckt. Die Alte hatte es nicht länger abwarten können, ihrem Mieter die Neuigkeit zu berichten. . t , , o
„Herr, Herr Tiedemann, denken Sie doch, großes Feuer in der Deichstratze, sie sagen, die Engländer hoben es mit ihren neumodischen Streichhölzerir angeftcckt. Henning rieb sich schlaftrunken die Augen. „Engländer? — Streichhölzer — dummmes Zeug. Doch als er völlig wach geworden, hörte er unten auf der Straße lebhaftes Treiben. ,
„Ja, ja, ich habe es ja immer gesagt — diese Streich- Hölzer —" redete die Alte weiter, „Spritzmeister Rep- fold ist schon seit Mitternacht beim Feuer, aber dre . Speicher brennen, und da ist soviel Gummi uird Spvrt drin. ' Denken sie, übers Deichstraßenfleth ist das Feuer schon weg, und nmn meinte es geht jetzt arrch noch nach der Steintwiete — und nun will ich wieder nach der Straße; die Leute erzählen soviel."
Als die Alte verschwunden war, sprang Henmng aus dem Bett. Deichstraße, Steintwiete? Ach waS, dre lagen noch ein Stückchen von Puttfarkens Geschäft Speicher. Mer sie hatten große Mengen Schellack.
