1. Mage ;»m Wiesbadener Tagklatt.
Uo. Wor-e«-Att*gade.
Freila-, de« 18. Mai.
48. I«chrß»mg. 1900.
(2. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Auf Grunmeide.
Roman von K. ^akmö-Zfaystn.
„Ja, wenn er das leidet. Wie stcht's denn augenblicklich?"
„O, die alte Geschichte. Er macht Gold und schreibt darüber, bis der Schlaf komuit und ihm die Feder aus der Hand fällt. Ich fürchte nur die Nacht — nach solchem Anfall folgen immer die bösen Träume —"
„Und gewöhnlich ein heftiger Paroxismus; ja, ja, so ist es immer gewesen. Zur Nachtzeit komme ich deshalb hinauf und bringe die Geige mit; dann kannst Du schlafen, alter Christian, ich rufe Dich, wenn's nöthig ist."
Der Alte entfernte sich. Die Damen unterhielten sich flüsternd; als Herr Hartmann wieder zu ihnen trat, sagte Sophie:
„Wir sprechen soeben davon, was und wie viel wir Marietta von Gottfried sagen sollen."
„Nun Alles, und genau, wie es ist."
„Sie wird sich fürchten, ängstigen." meinte Sophie, „in dem Gedanken, daß da oben ein Wahnsinniger haust."
„Wie leicht können Sie solchen Eventualitäten Vorbeugen, bemerkte Hermine, „sagen Sie nur — hier oben wohnt mein Brunder, ein Hypochonder. Er verläßt nie den Thurm, weil er Menschen scheut. Oben auf der Zinne ist ihm ein Garten angelegt, in dem er sich Bewegung macht und frische Luft schöpft. Durch seinen Anblick werden wir daher nicht beunruhigt, stören auch wir ihn nicht. — So wird in dem jungen Mädchen nur Mitleid, nicht Furcht erweckt." —
„Sie haben Recht," erwiderte Reimer sinnend, „wissen doch außer Christian die Domestiken und die Leute vom Gute kaum anders als das, was sie sagen, und lästig wär's, wenn sich Tante Annettens lächerliche, unbegründete Furcht auch auf das junge Kind übertrüge."
„Warum", fragte die Landräthin. „haben Sie Ihren Bruder aus der Anstalt genommen? Dort war er gut verpflegt, Sie dadurch jeglicher Last überhoben?"
„Warum? Aus Mitleid, Frau Landräthin. Aus Mit» leid und Liebe. Ist Ihnen seine Vergangenheit bekannt?"
„Nur lückenhaft. „Damals," — Hermine stockte und erröthete etwas, — damals war ich bereits verheirathet und —"
„Allerdings — und die traurige Familiensache wurde möglichst geheim gehalten. Sie ist jetzt in flüchligen Worten erzählt."
„Sie wissen, daß Gottfried und ich Zwillingsbrüder sind, die einzigen Kinder und Erben dieses Gutes, das von Urgroßvätern bis auf die Jetztzeit den Hartmanns gehörte. Man sagt, daß Zwillingskinder eine überaus zärtliche, ganz unzertrennliche Liebe verbindet. So war es auch bei uns, trotz der Verschiedenheit unserer Charaktere. Er, ein Heißsporn von Kindheit an, eine Feuerseele mit hochfliegenden Plänen und heißen Leidenschaften. Ich, ein Alltagsmensch, trocken, ernst, mit kalten Sinnen. Ihn trieb es hinaus in die Welt, mich hielt die Scholle fest, Vaterland genannt. Aber in einem trafen sich unsere Seelen, in der Musik. Meine Geige klagte, als er fortzog, er. mein schöner, kräftiger Zwillingsb.uder und weinte, als ein grauer, müder, wahnsinniger Mann zurückkehrte. — Wenn da oben im
Thurme die Geister der Vergangenheit erwachen und im vergeblichen Ringen mit Wahrheit und Irrsinn den furchtbaren Kampf kämpfen, d,nn sind es diese Töne, die sänstigen was sonst nur körperlicher Zwang vermochte. — Sie werden fragen, was für Gewalten diesen scharfen, leuchtenden Geist zerstören konnten. — Eine unbändige leidenschaftliche, verfehlte Liebe! Ich weiß dies aus Papieren, denen er die Gluth seiner Enipfindungen anvertraut, und Tonelli, sein unzertrennlicher Freund, erzählte davon. Diese verhüngniß- volle Bekanntschaft mit dem Grafen Erich, Gottfrieds Stnsicngcnoffen und späterem Freunde, veranlaßte die naturwissenschaftliche Reise in den Süden. Der Graf, ein Sammler und Alterthnmsforscher, wußte sich den gelehrten Freund als Begleiter zu gewinnen. Der Ruf als Professor der Naturgeschichte an der Universität H. wurde deshalb abgelehut, und die Reise unternommen; des Orients Wüsten Meere und Inseln durchschweift und Reiseschilderungen und gelehrte Aufsätze befestigten den Ruhm seiner Feder Da trat diese verderbenbringende Liebe in sein Lebe» Eine furchtbare Gemüthserschütlerung ging jenem verheerenden Meeressturme vorauf, in dem das Schiff, auf welchem 'die Rückfahrt nach Italien unternommen wurde, seinen Untergang fand und ihm den denkenden Geist in wenigen Stunden raubte. Den Körper rettete Tonellis starker Arm sein Geist aber ging verloren, unrettbar, für immer, wie die Acrztc sagen. Drunten in der Tiefe des Meeres irrt er umher. Die letzten Augenblicke, bevor ihn die Wellen verschlangen, greifen in diese irren Ideen hinein. Die furchtbar^ Verwirrung auf dem Schiffe, die verschiedenen Acntzerungen des Jammers. Schreckens, der Verzweiflung tönen darin nach. Ein Kaufmann, der mehr um sein Gold wie um sein Leben bangte, ein schönes todbleiches Mädchen, das m Todesangst seine Arme um ihn geschlungen, vor seinen Augen gerettet wird, das niüssen die letzten Eindrücke gewesen sein. Dem Meere, glaubt er, ist dadurch ein Opfer entzogen, für ein Mädchen tauscht er die Geliebte und das versunkene Gold ein, damit will er sich diese erringen glaubt sich verschmäht um Armuth. — So liegt dieser einst so lichte Geist brach, der mit Denkerschärfe die Geheimnisse der Natur zu durchdringen suchte. Unerreichbaren Phantomen tagt er nach, alchymistischen Grübeleien.
Ein Jahrzehnt ist darüber hingegangen, seit Tonelli ihn mir in diesem schrecklichen Zustande zuführte. Mehrere ^ahre nahm eine Anstalt ihn auf, erst als die Aerzte ihn für ungefährlich erkannten, ließ ich den Thurm da zurecht- banen, und setzte den Alten zum Wächter über ihn.
Da haben sie da? ganze verfehlte Leben eines Mannes, desftn Jugend zu den schönsten Hoffnungen berechtigte."
„Wie verschiedenartig wirkt doch Liebe," versetzte Sophie nach einer ernsten Pause, „eine glückliche veredelt in den meisten Fällen. Es ist so natürlich, daß Glück dadurch heiter und dadurch liebenswürdig macht. Was im Menschen Gutes liegt, sucht er hervorzukehren, in dem Streben gegenseitigen Gefallens. Wie anders die entsagende! Da soll sich ein Charakter bewähren. Aber wie oft ruft gerade diese Trotz, Bitterkeit, Auflehnen gegen das Schicksal hervor."
Ein schnelles Roth flog über Herminens Wangen. Prüfend suchte ihr Auge dasjenige des Gutsherrn; der aber wandte anscheinend gedankenlos den Blick fort und starrte gedankenvoll in die glimmende Kohlengluth des Ofens.
„Ich denke hierbei an Dein Mündel, Reimer," fuhr die alte Dame fort, ohne zu ahnen, daß die Worte in dem Herzen Jener eine Erinnerung erweckten, die zwar ferner Vergangenheit angehörte, dem Neffen aber ein durch sein Leben betätigtes Anrecht gegeben hätte, ihrer Aufstellung eine glänzende Widerlegung zu geben, — „gehst Du nicht allzu rasch, allzu schroff vor?"
„In dieser Sache kann Zögern nur schaden," erwiderte Neuner schnell, und mit einem Anklang von Spott fügte er hinzu: „Einige Seufzer, einige Thränen und bald wird Alles vergessen sein."
Das Gesicht der Landräthin glühte. Mechanisch glätteten ihre Finger die Falten ihres Kleides, die blonden Wimper lagen tief gesenkt.
„Wie grausam gleichgültig Du hierüber sprechen kannst," rief Sophie eifrig, „ja man merkt, daß Du ein Junggeselle bist, der bisher nicht annähernd eine Empfindung kennen gelernt, die etwas mit wahrer Liebe gemein hat. Du hattest ganz Recht, daß Dn Dich vorhin einen Mann mit kalten Sinnen nanntest."
Reimer blickte ernst auf.
„Grausam gleichgültig," wiederholte er, nicht ganz ohne Ironie. „Man lernt oft erst gereiften Alters es einseheu, wie gut es das Geschick mit uns gemeint, welches wir in der Jugend als grausam bezeichnet. Marietta Tonelli wird mir vielleicht noch cinnial danken, wenn ich dies Geschick jetzt pcrsonisizire."
Es trat nach diesen Worten eine kleine Pause ein, die dadurch beendigt wurde, daß die Landräthin sich zum Aufbruch rüstete. Fräulein Sophie verließ das Zimmer, um draußen anzuordnen, daß der Schlitten Vorfahre. — Reimer verfolgte schweigend die Bewegungen der jungen Frau, er sah, wie sie sich den Pelz umlegte, sich das fedcrngeschmückte Barett auf die Flechten drückte; plötzlich wandte sie sich mit schneller Bewegung um und sagte, ihm die Hand entgegenstreckend, mit unterdrückter Erregung: „Reimer Hartmann, können — wollen Sie denn nicht vergessen?"
Endlich hatte sie seinen Blick gebannt, aber es war ein kalter, ruhiger, verweisender Blick, der seine Antwort begleitete.
„Nicht vergessen? Sie sprechen in Rüthseln, Frau Land- räthin. Ständen wir uns so freundschaftlich gegenüber, wenn ich nicht hätte vergessen können? Es giebt Wunden, )ie keine Narben hinterlassen. Ich habe einmal eine solche narbenlosc Wunde empfangen und weiß daher weder moralisch noch physisch, wo dieselbe ihren Platz gehabt hat."
Eine solche Erwiderung mochte Hermine nicht erwartet haben. Die Hand, die sie ihm entgegengestreckt, ohne daß er dieselbe beachtet, glitt nieder und grub sich krampfhaft n die Falten ihres Kleides.
Aus dem blühenden Gesicht war.jede Farbe gewichen, trotzdem zeigte ihre Antwort, die klar und fest über die Lippen kam, nichts von der inneren Bewegung.
„Ich danke Ihnen für dies Wort, Reimer Hartmann, es liegt für mich eine Verzeihung darin, nach der ich jahre- ang geschmachtet habe."
lieber Hartmanns Züge zuckte es spöttisch.
„Oh," sagte er, das war eine unnöthige Beunruhigung, Frau Landräthin, ich habe Ihnen nie etwas zu verzeihen gehabt."
(Fortsetzung folgt.)
Dieser Herren-Stiefel
in Ivalbleder, hocheleg. Fagon, für Mk. 9.50 per Paar.
Dieser Schnür-Stiefel
aus achtem gelbem oder
braunem Ziegenleder
für Mk. 0.75 per Paar.
aus feinem Chevreaux mit Lackspitze, auch zum Knöpfen,
für Mk. 8.50
per Paar.
Dieser Herren-Stiefel
in Chevreaux.
für Mk. 0.50.
aus prima Kalbleder für Mk. 6.75 per Paar.
Fett & Co, ’s Frankfurter Sehuh- Bazar
nächst der Webergasse, 33 . Lailffffa SSß 33, nächst der Wehergasse,
beehrt sich den Eingang hervorragender Neuheiten in Sehuhwaaren, besonders für Kinder, hiermit anzuzeigen. Für qutes Tragen selbst der billigsten von uns gekauften Sehuhwaaren übernehmen wir die weitgehendste Garantie.
Zum Wichsen mit Lackspitzkappe für Mk. 5.50 per Paar.
ichulstlefd
in braunem Leder für Mk. 4.50,
in schwarzem Wichsleder für Mk. 3.75.
Auf Rahmen gearbeitet, erstclassiges
Fabrikat, für Mk. 6.75 per Paar.
4882
