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Donnerstag, 15. April 1415.
Ein Engländer, der mit dem deutschen Erfolg rechnet.
In der amerikanischen Zeitung „St. Louis Post- Dispatch" liest man Ansichten über den Krieg, die von Frank Harris, dem Herausgeber der in London erscheinenden „Banity Fair" und der „Saturday Review", herrühren, die in der vornehmen Gesellschaft Englands in hohem Ansehen stehen. Frank Harris hat sich bei einem Besuche in den Vereinigten Staaten wre folgt geäußert:
„Ich bin überzeugt davon, daß die Deutschen rn dem Kriege gut abschneiden werden, wenn sie_ nicht sogar ganz und gar gewinnen." . . . Diese Voraus- sagulrg, so fach: das amerikanische Blatt, stützt er auf das, was er zwei Tatsachen nennt. Die erste ist die, daß die deutsche Organisation besser war und rn wachsendem Matze besser sein wird als die Organisation irgendeines oder aller Verbüildeten. . Die zweite Tatsache ist das, was er „die unglaubliche, sorglose Schwäche Großbritanniens nennt. Kitchener hat, wie Harris sagt, ihm gestanden, daß seine Einmillion kauin so brauchbar und so gut ausgerüstet sein werde wie das erste Expeditionskorps. Die neuen Truppen, die Rußland im Frühjahr ins Feld stelle, feien M y r i a d e n stu pi d e r, ha I ba u s- gebildet et Rekruten, weit minderwertiger als die erste russische Armee. Die serbischen und belgischen Streitkräfte seien so gut wie v e r- braucht. Auf der anderen Seite arbeite die deut- s ch e „K r ie g s m a s ch i n e" so genau, daß die nächsten sechs oder acht Millionen Soldaten ebenso v o l l- k o m m e n brauchbar sein würden wie die ersten vier oder fünf Millionen, die bisher die Last des Kampfes ertrugen. „Der schwerwiegendste Faktor ist", io sagte der Journalist, „die unglaubliche Schwäche Großbritanniens. Niemand kann daran zweifeln, daß England wenigstens die Neutralität der Türkei hätte erkaufen können, und es tvird zugegeben, daß es bis heute eine zweite Million nach Frankreich oder besser noch nach Ostende hätte werfen können, wenn es seinenl Volke den genügenden Geldköder geboten hätte!"
Während Harris zugibt, daß die Engländer bei B e- ginn des Krieges die besseren Karten in der Hand gehabt hätten . . . sagt er, er sei keineswegs siche r, daß sie heute noch gewinnen könnten, und ist sogar überzeugt davon, daß die Deutschen w e n i g- stens „gut ab schnei den" würden. „Denn", so sagt er, „die deutsche Überlegenheit an Organisation und in Kampfkraft ist nur ein Symbol ihrer Überlegenheit an moralischem und n a t i o- nalem Enthusiasmus. Es ist ganz unmöglich, in der Schilderung des Nationalgeistes und Enthusiasmus der Deutschen in dieser Krisis zu übertreiben Dieses ruhige und disziplinierte Volk zeigte bereits im Jahre 1814, daß es einer außerordentlichen leidenschaftlichen Hingebung fähig ist. aber 1914 nahm dieser Patriotismus einen fast r c li g i ö s e n Eifer an, und eine Welt i n W a f f e n vermochte ihn nicht zu dämpfen. In dieser Beziehung von Militär i s m u s zu reden ist l ä ch e r l i ch e s G e s ch w ä tz. Das ganze deutsche Volk steht in diesem Kriege hinter dem Kaiser und ist feierlich entschlossen. ihn bis zu einem großen Ausgange durchzuführen."
Das Triumvirat Asguith, Winston Churchill und Kitchener steht vor Gericht, sagt Harris, und hat ungefähr so wenig geleistet, wie Menschen leisten können, so daß sich die Welt Wer ihre Armut an Ideen wundert. Bitter fügt er hinzu: „Niemand, der sie kennt, erwartet viel von Asguith, Churchill oder Kitchener. Asguith ist ein milder, gutmütiger Jurist mit einer guten alltäglichen Intelligenz, ohne jede originelle Idee und dabei doch mit einer ganz bedeutenden Fährgkeit für volltönende Phrasen begabt. Er liebt ein gutes Essen und eine gute Flasche Wein und befolgt das französische Sprichwort, welches sagt, daß man nach dem 40. Jahre die Kellertür offenhalten müsse. ... Churchill besitzt einen guten Posten Energie und schnelle Entschlossenheit, kennt aber keine SprÄe außer der eigenen, ist nicht belesen und hat keine Spur von Genie. Kitchener ist längst über feine beste Zeit hinaus und hat, meiner Ansicht nach, es immer leichter gefunden, weise auszusehen als weise zu reden. Jnunerhin ist Grey noch da, und er ist ein Mann von beträchtlicher Bedeutung, bewundernswerter Stärke, Charaktergöße und von einiger Fähig- heit, unabhängig zu denken. Wenn England in dieser Krisis irgeW etwas Bemerkenswertes tun sollte, so rührt die Jnitiaftve wahrscheinlich von Sir Edward Grey her."
Harris behauptet, daß Deutschland durchaus bereit sei, Frankreich und Rußland Frieden zu gewähren, ihnen die besetzten Gebietsteile zurückzugeben
Kbend-Kusgabe.
und Frankreich vielleicht sogar einige rein französische lothringischenGemeinden zuzugestehen (?), unter der Bedingung, daß inan ihm Antwerpen und eme gewisse Souveränität, wenn nicht dre ganze -Souveränität über Belgien lasse. Er erklärt daß Frankreich f ü h l e, daß es sich böse die Frnger verbrannt habe, als es für England die Kastanien aus dem Feuer holte. Es würde schon tnt Septem- ber Frieden geinacht haben, wenii England umst gedroht hätte, in diesem Falle Frankreich als F e r n ö behandeln zu wollen, und es auf diese Weise gezwungen hätte, .das Übereinkommen zu unterschreiben, daß keiner der Alliierten einen Sonderfriedeii schließen
werde. . . , ,,
„Aber", so sagt er. „Abkommen sind kaum mehr als Fetzen Papier." Sobald Rußland sicht, daß es rn seinem Interesse ist, Frieden zu schließen, wird es dies tun, ohire sich groß darum zu kümmern, ob dies Frankreich oder England paßt. England hofft natürlich auf einen Krieg bis zum bitteren Ende, denn nur auf diese Weise könnte es hoffen, Deutschlands Handel an sich zu reißen. In Wirklichkeit leidet aber Nicht England, sondern seine Verbündeten haben die Last des Krieges zu tragen. Dian kann annehmen, daß der Frichen von Frankreich oder von Rußland oder von beiden Ländern vor dem Ende des wahres 191a willkommen gcheihen werden wird, wenii es'Deuftchland gelingen sollte, sich in Frankreich und Rußland zu Halten. Der Zar ist ein glühender Bewunderer des Kaisers. Rußland hat es s a t t, sich an der deutschen Linie in Polen den Schädel einzurennen: es fangt an, sich seiner Schwäche bewußt zu werden und seine Verbündeten anzurüpeln. Sonst hätten wir nicht das Bild von drei Vertretern dreier Großmächte, die in Paris über 'eine gemeinsame Anleihe verhandeln. Deutschland kann es sich leisten, edelmütig zu sein,, wenn man ihni gestattet, Antwerpen und eine gewisse Kontrolle Wer Belgien zu behalten. Und wer konnte es daran v e rh i n d e r n, daß es diesen Trost behalt:? England allein, und England wurde ohne Verbündete machtlos sein. Wer wird zuerst klug werden. Deutschland oder England? Deutschland, indein er, Rußland und Frankreich Frieden anbietet, oder Eng land, indem es sie und Italien dazu zu einer n e u e n gigantischen Kraftanstrengung aufhetzt, , lim Deutschland, seinen großen Handelsrivalen, zu raune reW Seit vier Monaten haben die Deutschen ohne große Schwierigkeit ganz Belgien, ein Achtel von Frankreich und ein großes Stück von Rußland gehet ten- überall sind sie im V o rt ei l. Wenn England auch die See hält, so ist es ihm doch bis jetzt nicht gelungen, Deutschland zu blockieren oder ihm den Bezug so notwendigen .Kriegsmaterials wie Kupfer uW Gummi zu unterbinden. Auch die deutsche Finanzlage ist viel besser, als irgendein Mensch vor sechs Monaten prophezeit haben würde.
Ist irgendein vernünftiger Grund für die Annahme vorhanden, daß die nächsten sechs, zwölf oder auch wer* zig Monate dies a b g e s ch l o s s e n e K r re g s u r t e i l ins Gegenteil umwandeln könnten?
*
Ein neutraler Diplomat Aber den Ausgang des Urieges.
Deutschland hat schon gesiegt!
Sr. Rotterdam, 15. Avril. (Eig. Drahlbericht. Ktr. Bln.) Eli: hervorragender Diplomat einer größeren neutralen Macht, der von seiner Reise durch die Hauptstädte aller kriegführenden Großmächte zuruckgekom- men ist, gab in einer Unterredung mit einem Journalisten seinen Eindrücken über die politische Lage folgenden Aufdruck : Aus den offiziellen Berichten der am Kriege betei
ligten Regierungen geht hervor, daß.Deutschland einen bedeutenden Vorteil über seine Feinde erlangt hat. wenigstens rein militärisch. Kein einsichtiger Politiker in London glaubt heute noch, daß es möglich sei, Deutschland so ztl besiegeu, wie es Phantasten in Paris und Petersburg vielleicht noch hoffen. Ich glaube sogar, daß rein militärisch der Krieg bereits entschieden ist. Umfassende Veränderungen, die eine Umwälzung der ganzen Lage verursachen könnten, werden kaum iwch eintreten können. Deutschlands Heer hat gesiegt, eine Tatsache, die, wie gesagt, in England sogar eingestande» wird.
Es fragt sich jedoch, ob cs Deutschland gelingen wird, seinen Steg so zu vollenden, daß er für die Gegner eine zerschmetternde Niederlage bedeutet. Dies würde wenigstens unter Umständen gegen F r a n k r e i , und Rußland möglich sein, gegen England nicht. So wie der- Anfang und die Fortsetzung, so wird auch das Ende dieses Weltkrieges einzigartig sein: Es wird zwei
Sieger geben, die Deutschen und die Engländer. In gewisser Hinsicht haben die Engländer gerade. wie die Deutschen sogar bereits ihren beabsichtigten Erfolg davongetragen. (Die Ausschaltung der deutschen Konkurrenz? Das bezweifeln wir s e h r. Schrift!.) Die englische Regierung Hai alles Interesse daran, den augenblicklichen Stand der Dinge
Nr. 174. ♦ 63. Jahrgang.
auf dem Koutinent möglichst unverändert zu lassen, abge- sehcn vielleicht von geringen Veränderungen an der bei-, gischen Küste. Vielleicht gelingt den beiden großen Staaten aus germanischem Blute eine Verständigung. Ich glaube, seit Erreichung seines nächsten Zieles ist der eng- l i sch c Kaufmann sowieso nur mehr mit halbem Herzen bei der Sache. Gewiß müßte das deutsche Volk maiichc seiner Ideale im Stich lassen, doch würden herrliche Entschädigungen auf anderen Gebieten ihm als Früchte fei* ner Siege zufallcn._
Der Unlerseebootskrieg.
Zur Vergeltung der Behandlung deutscher - I! -Boot-Mannschaften in England.
Eine Anfrage im Unterhause.
W. T.-B» London, 14. April. (Nichtamtlich.) Im Unter- Hause ftagte Dalziel, welche Maßregeln die britische Regierung ergreifen werde angesichts der erklärten Absicht der deutschen Regierung, britische Offiziere als gewöhnliche Gefangene zu behandeln als Repressalie gegen die britische Behandlung der Unterseebootmörder. Unterstaatssekretär Primrose erwiderte: Nachdem wir gestern die Erklärung in der Presse sahen, ersuchten wir den amerikanischen Botschafter in London, an die amerikanrfche Botschaft in Berlin zu telegraphieren, um festzustellen, was an dem Berichte Wahres fei. Wir haben noch keine Antwort er- halten. Wenn der Bericht richtig ist, so können wir nnrr hoffem> dotz diese Gefangenen so gut behandelt werden wie die Mann4 schäften der Unterseeboote in England.
Acht Grirnsbyer Fischdampser überfällig.
W. T.-B. London, 15. April. (Nichtamtlich) Acht^ Fisch- dampfer von Grimsby mit je 10 bis 12 Mann Besatzung sind it a r k überfällig. Sie wurden aber noch nicht amtlich für verloren erklärt.
Englands Kriegskosten im Marz.
Berlin, 14. April. (Ktr. Bln.) Nach einer Brüsseler Meldung der „Vosi. Ztg." haben die englischen Kriegskosten tut März rund 64 Millionen Pfund Sterling gleich 1280 Millionen Mark verschlungen. Von der ersten englischen Kriegsanleihe ist nur noch ein Betrag von 100 bis 120 Millionen Pfund Sterling verfüKar.
Der hohe Bruchreis in London.
W. T.-B. London, 15. April. (Nichtamtlich) Der Brotpreis wird in London am nächsten Montag auf 8y z Pence für 4 Pfund steigen.
Die englischen Staatsbeamten werden znm Heeresdienst
W. T.-B. London» 15. L?pril. (Nichtamtlich) Die „Times" meldet: Wie verlautet, werden demnächst all-e waffenfähigen Staatsbeamten aufgefordert werden, in die Armee einzutreten.
Die englischen Mnnitioussorgen.
W. T-B. Rotterdam, 15. April. (Nichtamtlich.) ^ Dev „Nieuwe Rotterd. Courant" bringt ans der „Trmes" die Nachricht, daß die Regierungskommrssion zur Hebung der Erzeugung von Kriegsbedarf jetzt vollzählig sei Sckmtzmnt, Kriegsamt und Admiralität seien dann ver- tveten. Lloyd George führe den Vorsitz. Es verlaiüet, daß Lloyd George die erste Anregmrg der wirfichaftlichen Organisation der Kräfte des Landes bei seinem Besuche in Frankreich empfangen hat.
England gibt Schatzscheine aus.
London, 15. April. (Ktr. Bln.) „London Gazette" meldet, daß vom 4. April an Schatzscheine mit drei-, sechs- und neunmonatiger Laufzeit ausgegeben werden Men. Dre finanziellen Mitarbeiter der Londoner Blatter sind der Ansicht, daß dieser Erlaß, der tatsächlich auf eme unbesch rankte AuKgabe von Schatzpapieren hinauslanfe, die wichtigste Maßregel bilde, die bisher für die Finanzierung des Krieges getroffen worden sei. Man dürfe erwarten, daß die Regierung ans diese Weise für eine längere Frist alle Mittel erhalten iverde, die für die Kriegführung iwtrg seren. Dre baldige Ausgabe einer großen Kriegsanleihe se, rnsolgedesien u n w a h r s ch e i n l i ch geworden. (Wenii jetzt wieder seine Zuflucht zu kurzfristigen Schatzscheinen inmmt, b.ie in ber ^>anpii6.che V 2 N ben Banken übernominen werben, so liegt der Grund wohl darin, daß man fürchtet, der Markt werde eine große Anleihe nicht aufnehmen.)
Der drohende englische Eisenbahnerstpeikl:
Berlin, 14. April. (Kir. Bln.) In York fand dieser Tage erne Versammlung der Arbcitervcrtreter statt, in der festgestellt wurde, daß die Eisenbahnverwaltung seit 22. Februar ein Ersuchen der Angestellten um eine Besprechung der Lohnfrage unbeantwortet gelassen habe. Die Angestellten sind neuerdings laut „Kölnischer Zeitung" noch mehr als früher in der Lage, ihre Bedingungen vorzuschrei- ben, da viele von ihnen in die Stellen übernommen worden sind, wo Kriegsmaterial hergestellt wird. — In London haben die Angestellten auf die Nichtbeantwortung ihres Ersuchens hin ihre Kündigung eingereicht.
Die Sorgen um die Neuwahlen in England.
W. T.-B. Manchester, 15. April. (Nichtamtlich.) Der Londoner Berichterstatter des „Manchester Guardian^ schreibt: Man erwartet für die allernächste Zeit eine
