1. Beilage zum Wiesbadener Tnglilatt.
Uo. 226. Morgen An*sa>e.
(Nachdruck verboten.)
Anf Grnnmeide.
Roma» von K. Ufayfcn.
2üeifit Du, wo Du stille Blüthcn, stille Freuden suchen mußt?
Such sic nicht im Weltgckriebe, such sic in der eiflnen BrustI Heinrich Zeise.
Auf erhöhtein Terrain, von fruchtbaren Wiese» und Feldern umgeben, die aber jetzt zur Winterszeit nur weile, wuße Flächen zeigen, erhebt sich ein stattliches Herrenhaus von mattgraner Farbe, einstöckig, massiv und solid gebaut, wie es die Wohnhäuser der holsteinischen Güter zu sein pflegen. Von der chaussirten Landstraße ab führt eine kurze, breite Kastanien-Allee auf den geräumigen, von Wirthschastsgebäuden und Stallungen eingeschlosscnen Hof. Seitwärts dehnen sich weite, banmrciche Gärten aus, nicht mit dem Wohnhause verbunden, dessen niedriges Parterre nach der Front nur eine breite, in warmer Jahreszeit aber schattige und blumenduftigc Gartenlerrasse hat, die von der Landstraße durch ein niedriges Wicsenthal getrennt ist.
Eigenthümlich hebt sich von diesen Bauten der Neuzeit die Ruine eines mit Moos und Epheu dichtumrankten, halbzerfallenen Thnrmes ab. In grauer Vorzeit, als noch die Wagricr in urwäldlicher Umgebung hier ihr Wesen trieben, soll dort ein Raubschloß gestanden haben, um das die Mythe geheimnißvoll ihr Gewebe spann und durch die einzige anschauliche Erinnerung dieses alten, verwitterten Thurmcs erhalten wurde.
Das letzte Jahrzehnt hatte indessen seiner Romantik Abbruch gcthan. Die etwa dreißig Fuß hohe, am Eingang des Gartes stehende Ruine war ausgcbaut, zum Bewohnen eingerichtet worden. Was sich an Epheu und Moos in tausendjähriger Umarmung fest, scheinbar undurchdringlich über die Scharten hinweggeschlungen, mußte der starken Menschenhand weichen, um Licht und Luft ein strömen zu lassen durch die unregelmäßig vertheilten Einschnitte. Fensterglas und Musselin füllen nunmehr die erweiterte Oeffnnng aus und drinnen führt eine gewundene Treppe zu den bewohnten Räumen und der abgeplatteten Höhe des Thnrmes, von der man gefahrlos über die zackigen, ausgerissenen' Kanten hinweg auf eine fruchtbare Gegend hinabschaut. Zilr Sommerszeit sicht dort der Blick Holsteins wogende Kornfelder, seine saftigen Wiesen, das rauschende Gewässer klarer Bäche, Waldstrecken von Tannen und Buchen. — Aber jetzt ist's Winter. Eine weißgraue Himmeldecke breitet sich über die Landschaft, die Luft ist weich und windstill, leise und still fallen die Schneeflocken nieder.
Es ist Sonntag-Nachmittag.
Durch die Kastanicn-Allee gleitet ein Schlitten, seine Glocken tonen hell und oben an einem der Thurmfenster erscheint auf Sekunden das Antlitz eines Mannes mit wirren grauen Haaren und großen, sonderbar blickenden Augen' Er wendet sich schnell ins Thurmgemach zurück und sagt ntu flüsternder, geheimnißvoller Stimme zu einem alten Diener der am Ofen beschäftigt ist:
„Christian, eine Dame, und wie mir scheint eine sehr
Mittwoch, den 16. M ai.
junge Dame — sollte sie es sein, Christian? — Du ver ■ stehst mich doch — sic sie —"
Der Alte fährt erschreckt auf und blickt prüfend seinen Herrn an.
„Aber es ist ja Winter, Herr Doktor." sagte er schnell gefaßt, „die Wasser sind gefroren und Schnee liegt noch darüber, und bis das Alles zerronnen und zerschmolzen ist
— Herr Doktor wünschten ja vorher das Werk über Alchymie beendigt zu haben."
Die großen, irren Augen des Thurmbewohners leuchten eigenthümlich auf. Er deutet mit der krankhaft weißen Hand Ä 2 ^sMhl beschrstbEr Blätter, welche anf dem Schreibtisch liegen, von dem er sich erhoben, und sagt in demselben wichtigen, flüsternden Ton von vorhin:
w® 11 Christian, erst muß mir die Arbeit aus
dem Kopfe und der Winter zu Ende sein, aber dann. Christian, wenn es grün und hell draußen ist, — so hell daß ich auf den Grund des Wassers sehen kann, — dann wird sic kommen, wie ich sie sah, ehe mich die Wellen des Mittelmecres verschlangen, mit langem, braunem Haar und Augen, so glänzend wie Meeresperlen — wir gehen miteinander längs des Baches, weiter und weiter bis das Meer kommt, — ah, ich höre cs rauschen und rollen und sehe die schaumköpfigen Wellen, und wie wir miteinander hiiielntauchen und die schlangenweichen Arnie der Wasser- Jungfrau uns umfassen, und wie der Meeresgott sie mir * Ir ^ fremde Mädchen und dann — und daun, Christian, ■— der Irre schlug plötzlich ein Gelächter auf,
— «dann wirst Du auch ein glücklicher Kerl," — der alte Diener war blaß geworden. Er trat an den Schreibtisch heran und sagte scheinbar gleichgültig:
,„»3?' wir werden Beide glücklich werden, Herr Doktor, glücklich und auch reich, wenn Ihre Arbeit hier fertig ist. v>ch sehe. Sie haben heute fleißig geschrieben, wie märe es, wenn Sie das Alles nochmals durchlesen vorder Nachtruhe? Soll ich Licht anzünden? Die Wintertage sind so kurz." Ohne auf Antwort zu warten, holte er eine Lampe herbei und erhellte das kleine, mit Büchern und allerlei seltsam aussehenden Gefäßen angefüllte Gemach.
,, Der Irre folgte mit Zerstreuten Blicken schweigend einen Bewegungen. Als der Lampenschein hell auf die oeschriebenen Ouartbogen siel, welche der Diener zu ordnen segann, schwand allmählich die nervöse Spannung aus einen Zügen. Die hagere, aber sehnig starke Gestalt ließ sich anf den Stuhl vor dem Schreibtisch nieder, ein tiefer Achcmzug hob die breite Brust des Unglücklichen, dessen kränkliches . Antlitz mit dem grauen Haarwuchs eher einem Greise anzugehören schien, als diesem vierzigjährigen Manne.
Langsam wichen die Visionen des zerstörten Geistes, die großen, blauen Augen blickten fast kindlich guimüthig den alten, treuen Diener au, daun senkten sie sich aus das Papier und blieben darauf haften bis die Nacht hereinbrach.
II.
Dem Schlitten war eine Danie entstiegen. Als dieselbe in das mit städtischem Comfort behaglich ausgcstaltete Wohngcmach des Hanfes trat, wurde sie dort von zwei alten Damen den Tanten des Gutsherrn Reimer Hartmann auf Grünweide — mit großer Herzlichkeit empfangen.
48 . Jahrgang. 1866.
„Ein guter Stern führt Sie uns heute zu," sagte Fräulein Sophie, die ältere, eine kleine korpulente Dame mit schneeweißem Haar und heiteren Augen. „Wir haben einen Brief empfangen, der uns durch seine Miltheilung in einyw Aufregung versetzt. Denken Sie, das Mündel unseres Neffen wird uns ganz plötzlich auf unbeslinimte Zeit zum Besuch angemeldetl"
„Ein junges, neunzehnjähriges Mädchen, hierher in diese Landciniamkcit, zu uns alten Leuten," ergänzte die Schwester, eine hagere Dame mit sehr gerader Haltung, deren weiße wohlgepflegte Hände in filirte» Halbhandschnhen das Strickzeug eifrig bewegten.
Die Angekommene setzte sich zu ihr ins Sopha, nachdem sie ihre Mantelbckleidung abgelegt. Das Lampenlicht fiel voll und hell auf eine hübsche, blühende, üppig gebaute Frau mit rosigem Gesicht und blaugrauen, großen Augen, über denen eine weise Stirn leuchtete. Doch war der Äns- druck derselben gar zu unruhig, forschend, um nur Klugheit und Lebhaftigkeit zu verrathcn, und auch das Lächeln, das jedesmal die weißen, regelmäßigen Zähne des etwas großen aber wohlgeformten Mundes hervorschimmern ließ, erschien beim Reden doch zu häufig, um auf Natürlichkeit Anspruch machen zu können. Gleichviel, für den oberflächlichen Beschauer war die schöne Frauengestalt in der elegant geschmackvollen Toilette, mit dem Blond des flechtenumrahmten Kopfes eine Erscheinung wohlgefälliger anziehender Art. Der erfahrenste Psychologe konnte von dem heiterlächclnden Antlitz, von der glatten, von keiner Linie des Alters und des KnnlinerS getrübten Stirn nicht anders, als ein heiteres L-bcnsschicksal ablesen, obgleich das letzte Jahrzehnt dieser dreißigjährigen Frau eine Kette herbster ehelicher Erfahrungen bildete, die erst durch den vor wenigen Jahren erfolgten Tod des Landraths Lindner, ihres Gatten, einen Abschluß gefunden. Frau Hermine war die Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers, eine sehr oft und gern gesehene junge Freundin der beiden alten Damen, deren besondere Zuneigung und vollstes Vertrauen sie sich zu erwerben geivnßt, wovon ihr auch heute wieder durch die gleich bei ihrem Eintritt angeregte Sache ein Beweis gegeben wurde Sie richtete ihr volles Interesse darauf.
„Aber dieser Besuch," sagte sie lebhaft, „ist doch keine unangenehme, sondern eine sehr erfreuliche Abwechslung in dem ewigen Einerlei winterlicher Einsamkeit."
„Eine angenehme Abwechslung," wiederholte Annette, „von Ihrem Standpunkt aus gesehen, allerdings, liebe Frau, Sie sind jung, lieben Leben und Bewegung um sich herum wir nicht, uns würden Gewohnheiten zerstört —"
„Daran habe ich nicht gedacht," unterbrach Sophie die Schwester, „ich fürchte, daß sich die lebenslustige Marietta Tvnelli unbehaglich bei uns Alten fühlen, sich langweilen wird, vielleicht gar wird sie kopfhängerisch, schwermüthig, da ihr Kommen einen besonderen Beweggrund hat."
„Erlauben Sie eine Frage," bat tzermine, „war Mariettas Vater nicht ein älterer Freund Ihres unglücklichen Neffen Gottfried, ein Archäologe und zur Zeit, als sich Beide im Süden kennen lernten, Direktor eines italienischen Museums?"
„Ja, ja, und er war es. der uns den armen Gottfried nach mehrjähriger Trennung wieder zuführte, ach, so verändert, so schrecklich verändert."
(Fortsetzung folgt.)
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