Beilage Min Wiesbadener Tagblatt.
Wo. 223. Al»rttd-Au*g«i»r. Montag, den 14. Mai.
lieber Tod und Schicksal Tröstet die Schönheit allein,
Lichtet die nächtlichen Klüfte,
Sonncgemiedenc Grüfte
Still umgoldcnd wie Mondcnschein.
Paul Heyse.
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(84. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Am Hofe zu Fredensdorg.
Dem Dänische» de« ZZeatns Aodt nacherzählt von Hmif Jonas.
3. Kapitel.
Doktor Hartmann und Alfred.
Die Nachricht, daß der Prinz zurückgekehrt und Alfred fein Retter fei, verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Schloß, und Jeder drängte sich vor, um seine Freude und Theilnahme zu zeigen. Die frohe Ueberraschung der Königin- Wittwe mar unverkennbar und ungekünstelt; denn wie sehr sie auch danach strebte, den Prinzen aus dem Wege zu schaffen, so hatte sie doch nie daran gedacht, daß es auf solche Weise geschehen sollte. In der Freude, von der Last, welche die Andeutungen des Barons ihr auf die Brust gewälzt hatten, befreit zu sein, da sie sich, wenn auch nur in Folge eines Mißverständnisses, von der Theilnahme an dieser furchtbaren That nicht ganz hätte freisprechen können, kam sie dem Prinzen mit einer ungewöhnlichen und herzlichen Güte entgegen und bestand zuletzt darauf, als sie seinen Bericht gehört hatte, daß sie es sein würde, aus deren Händen Alfred seine Belohnung, die man ihm so sehr schuldig sei, empfangen sollte. Mit einer für die Königin ungewohnten Bestimmtheit trat indessen der Prinz diesem Wunsche entgegen, denn es widerstrebte seinem Herzen und Gefühl, daß Alfred von ihr geehrt werden solle, von ihr, die, trotzdem er jetzt zweifelte, daß sie Mitwisserin des Attentats gewesen sei, ihm doch so feindlich gesonnen war, und er bat es sich deshalb als eine Gnade aus, daß er und kein Anderer es sein möchte, von dem die Belohnung ausgehen sollte, wenn der dazu passende Zeitpunkt herankommen würde. —
Nachdem der Prinz den Gartensaal verlassen hatte, um zur Königin hineinzugehen, hatte der Doktor Alfreds Arm genommen und ging jetzt mit ihm eine der breiten Alleen hinunter.
„Lassen Sie jetzt hören", sagte er dann zu diesem, als sie in gehörigem Abstand vom Schlosse waren, „nahm der Baron den Prinzen beim Arm und warf ihn hinaus, oder führte er ihn ganz vorsichtig über Bord?"
„Das ist eine Frage, Herr Doktor, die der Baron Ihnen ganz gewiß am besten beantworten kann. Er befindet sich noch dort droben im Gartensaal und wird gewiß zu Ihren Diensten stehen."
„Ja, ich denke, mein lieber Leutnant, diese Art und Weise wäre ziemlich plump, und ich hätte von Ihnen als
erfahrenein Hofmann mehr erwartet. Ich habe übrigens einen Augenblick vorher, ehe Sie mit dem Prinzen wie zwei Gespenster erschienen waren, dem Baron gerade hcraus- gesagt, er sei ein Schurke und Mörder."
Bei diesen Worten ließ Alfred den Arm des Doktors fahren und cntgegnete, unwillkürlich stehen bleibend:
„Sind Sie denn ganz von Sinnen?"
„Sie meinen in Folge meines täglichen Umganges? Nein, nein, mein Freund, ich habe alle fünf Sinne bei- sammen; aber man kann desparat werden, außer sich vor Haß und Zorn gerathen, wenn man sieht, was hier vor- gcht, und das war ich, als ich dem Baron jene Worte ins Ohr flüsterte. Ira karor drsvi« e8t, zu deutsch: wenn Einem der Zorn zu Kopfe steigt, geht der Verstand durch, und dann begeht man Dummheiten. Ich bin indessen sehr glücklich über die, welche ich begangen habe. Denn wenn der Baron mich auch zu Beefsteak zerhackt, und wenn auch die ganze einfältige Menge schreit, er sei unschuldig, so sageich dennoch, daß er in seinem Herzen ein Mörder ist, und es ist gut, daß cs noch so muthige Männer giebt, wie ich, die diesem Gelichter die Wahrheit ins Gesicht sagen!"
„Das leugne ich nicht, aber es wundert mich, daß es überhaupt Gelichter giebt, das sich unbequeme Wahrheiten, die nicht bewiesen werden können, ins Ohr sagen läßt."
„Ja, sehen Sie, das geschieht ans denselben Ursachen, die einen Kanarienvogel zum Singen bringen. Man schlägt eine Saite an, die widertönt."
„Fing denn der Baron zu singen an?" fragte Alfred.
„Nein, er zwischerte ein wenig, aber ich sage Ihnen, Storm, daß das Gesicht, das er dazu niachte, klar bewies, daß ich die rechte Saite angeschlagen hatte, und Sie können glauben, daß es ihn in schreckliche Unruhe versetzt hat, mich mit Ihnen davongehen zu sehen; denn er weiß nicht, was oder wieviel Sie gesehen haben."
„Er weiß indessen, daß es vollständig dunkel war."
„Ja, und im Finstern verstecken sich alle schlechten Handlungen". unterbrach der Doktor. „Erzählen Sie mir indessen ein wenig von der Geschichte; seien Ste nicht allzu schrecklich gcheimnißvoll, sondern denken Sie daran, daß, wie muthig ich auch dem Baron gegenüber gewesen und wie fest überzeugt ich auch bin, daß ich die Wahrheit gesprochen habe, ich doch gar zu gern eine Bestätigung davon haben möchte."
„Wie ich Ihnen sage, Herr Doktor", erwiderte Alfred, „es war so pechfinstcr, daß ich nicht die Hand vor den Augen sehen konnte; als ich den Fall und den Ruf des Barons hörte, sprang ich augenblicklich ins Wasser — zur Aufklärung der Sache kann ich nicht einmal sagen ob mit dem Kopf oder den Beinen zuerst — und war sogleich so glücklich, den Prinzen zu finden. Mehr vermag ich nicht auszusagen, und ich kann Ihnen deshalb nur wenig Trost bieten. Hätte ich indessen in unbegreiflichem Leichtsinn den Baron einen Mörder genannt, so glaube ich, daß ich es dabei bleiben lassen würde, in der Ueberzeugung, daß, wenn ich auch nicht ins Schwarze getroffen, ich doch nicht weit vorbeigeschossen hätte."
48 . Iichrgmig. 1900 .
„Dann bin ich beruhigt, und das ist mir ein großer Trost. Sie sind indessen ein besserer Hofmann, als ich geglaubt hätte, Leutnant Storm, und verstehen es meisterhaft, Ihre Geheimnisse zu hüten. Es kommt indessen wohl auch der Tag heran, wo der Augiasstall, in dem wir leben, gereinigt werden wird; da Sie täglich mit dem Prinzen umgehen, könnten Sie ihm doch in seinem eigensten Interesse rathen, es nicht zu lange anfzuschieben, da man ihm sonst zuvorkommen könnte."
„Ich versprach meinem Onkel und mir selbst, als ich die Heimath verließ, ich wolle mich neutral verhalten, wenn hier der Krieg ausbräche."
„Wie das hübsch artig klingt, gerade als hätte man ein Kind zur Stadt geschickt, und wenn Sie Ihr Haar hübsch mit Wasser gekämmt hätten, so würde das Eine herrlich zum Anderen passen. Aber ich muß Ihnen sagen, mein lieber Storm, daß ich nicht das Geringste dagegen habe, wenn man mich so belügt, aber Sie dürfen nur nicht von mir verlangen, daß ich cs glauben soll. Die Leute, die neutral sind, die sich niemals einen Rausch antrinken, die nicht vor Liebe toll zu werden vermögen, sind Hasenfüße und Feiglinge, die keinen Schuß Pulver iverth sind, und ich muß mir jetzt einbilden, daß Sie auch zu diesen gehören."
„So schlimm das auch klingt, Herr Doktor, so kommt es doch darauf an, ob Sie nicht dem anderen kleinen Geflügel gleichen, das fortwährend schwatzt und eine Jeden, der nicht in ihre Tonart mit einstimmt, einen Hasenfuß nennt. Was nun die Liebe betrifft, so glaube ich, würde ich Ihnen mit ein wenig Tollheit aufwarten können, wenn die Welt meinem Herzen zu sehr entgegen wäre; und was die Neutralität betrifft, so nehme ich es damit nicht so genau, wenn meine Freunde in Gefahr sind. Uebrigens mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich Neffe meines Onkels bin, und daß ich nicht umsonst seine Schule genossen habe, weshalb meine Lebensanschauungen über die gewöhnlichen hinausgehen."
„Ach, waS! Lebensanschauungen; was diese betrifft, so ist doch noch ein himmelweiter Unterschied zwischen einem allen Professor und einem jungen Leutnant. Jetzt mögen Sie sagen, was Sie wollen, jener faltet mit stiller Resignation die Hände über dem Bauch und sieht mit Verachtung auf diese Welt, die ihm keine Verlockungen mehr bietet. Dieser dagegen streckt beide Arme dem glänzenden, Macht und Lust verheißenden Leben entgegen, das ihm winkt, selbst wenn der alte Onkel ihm noch so viele Philosophie gepredigt hat; und thut er es nicht, so ist er, wie ich sage, ein Hasenfuß!"
„Aber könnte diesen Namen nicht auch Derjenige verdienen, Herr Doktor, der willenlos und mechanisch der allgemeinen, wilden Jagd folgt?"
„Das verstehe ich nicht! Willenlos und mechanisch? Nein, er wird gewiß mit der ganzen Kraft seines Willens danach streben, denn das Ziel ist schön."
(Fortietzung folgt.)
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