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1. Seilage mm Mesüaüener Tagblall.

JU« 222. M»r-e« A«»Kal»r.

Sonnlug, i»en 13. Mai.

48. Jahr-««-. 1900.

(34. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Ein Friihlingslraum.

Roman von Joyanncs oan Dewallk.

„k merveillo!“ rief er in seiner gewohnten Weise, — „fcon jonr, bon jour, tausendmal willkommen in unserem Serail!^ — Er schlürfte in seinen großen Pantoffeln heran und schüttelte mir meine beiden Hände, dann ließ er mich plötzlich wieder los, kreuzte feierlich die Arme über seine Brust und sprach:

„Salem aleikum, — Allah il Allah!" und begann zu lachen, als hätte er einen vorzüglichen Witz gen,acht.

Es folgte dann eine zienilich summarische Vorstellung in demselben Genre und die Aufforderung, mir es behaglich zu

machen.

Außer Mister Blunt waren noch vier Herren zugegen, lauter junge, vielversprechende Leute.

Einer derselben, in voller Gescllschaftstoilette, bearbeitete in einer Nische, hinter einem Vorhang halb versteckt, das Klavier, und ein Anderer in einem Schlafrocke, einen Fez weit nach hinten hinüber auf die wirren Locken gestülpt, nahm soeben, nach der kurzen llnterbrechung, seine Be­schäftigung wieder auf, welche darin bestand, daß er, am Boden knieend, einen kleinen schwarzen Affen, den er an einer Drahlkette hielt, und einen kleinen Pinscher allerlei Kunststücke lehrte und sie aneinander hetzte.

Ein Dritter las etwas abseits in einem Buche mit bunten Kupfern, er wurde mir als der Kiuprili präsentirt, und unfern daneben hockte Mohanimcd Effcndi und rauchte mit wahrhaft türkischem Behagen und Anstand seine Wasserpfeife.

Mister Blunt zwang mich, Platz zu nehmen und klatschte sodann dreimal in die Hände. Auf dieses Zeichen erschien ein kleiner Mohrenknabe und verneigte sich mit gekreuzten Händen vor dem Hausherrn. „Schnell, Assis, eine Pfeife und Kaffee für Pascha Wagner," befahl dieser und wandte sich dann lächelnd zu seiner Frau, welche er bat, neben mir Platz zu nehmen und dem Gaste die Ehre des Hauses zu erzeigen. „Meine Almehs und Sklavinnen sind leider heute beurlaubt," sprach er, sich mit einem Krache lang auf dem Divan ausstreckend, „Sie müssen bescheiden sein und mit der Sultanin fürlieb nehmen, hahahal"

Adda verzog keine Miene zn diesem Scherze. Sie ließ sich graziös, nicht weit von mir, mit gekreuzten Beinen auf die seidenen Polster nieder, lehnte sich leicht zurück und führte zu meinem nicht geringen Erstaunen das funkelnde Mundstück einer kleinen Wasserpfeife, welche vor ihr auf dem Teppich stand, mit der größten Kaltblütigkeit an die schönen Lippen. Sie rauchte mit einer Vollendung, welche von häufiger Uebung zeugte, ohne auf meine verblüfften Mienen zu achten.

Ab und zu lächelte sie mir oder Mohammed Effendi, welcher sie mit seinen großen, unheimlichen, etwas vor­stehenden Augen beinahe verschlang, freundlich zu, aber ohne zu sprechen.

In dem Lärm, welchen Onkel Blunt und die beiden Männer am Klavier und mit den Thieren machten, wäre ihre Stimme auch spurlos verklungen.

Wie gesagt, ich halte mir vorgenommen, über Nichts in

diesem Hanse zu erstaunen, ich lehnte mich bequem in die weichen Kissen zurück und gab einen stillen Zuschauer ab zu dem wüsten kindischen Getreide jener Drei, unfähig zu lächeln über die Angst des Hundes und über die Bosheit des kleinen Affen und dessen Kunstfertigkeiten.

Ab und zu schaute ich hinüber zu Adda, wie sie rauchend auf dem Divan kauerte in ihrem burlesken Kostüm, welches in dem bunten Halblichte weniger indiskret erschien, wie sie harmlos lächelte und mir kleine freundschaftliche Zeichen machte.

Die Gedanken tanzten einen wilden Reigen in meinem Kopfe. „Wenn jetzt Tante Jvernois hier plötzlich hercin- träle, was würde die alte Dame wohl für ein Gesicht machen? Was für artige Sachen würde sie dem guten Onkel Blunt wohl sagen und wie würde sie ihr verlorenes Sckäfchen bei dem glänzenden Halsbande nehmen und davonführen I — Darum also war Margot so zurückhaltend in ihren Mit- theilungen über Adda, — das also nennen die Leute hier­zulande eine femmo du mondo! — Großer Gott!"

Der kleine Mohrenknabe unterbrach mein Nachdenken.

Zwischen seinen flachen Händen trug er, ganz nach morgenländischer Sitte, den feinen Untersatz von Silber- filigran und die kleine Kaffeetasse mit dem starken, süßen Getränk darin. Er verneigte sich und setzte die letztere auf eine niedrige Fußbank vor mir nieder, gleich darauf reichte er mir den Tschibuk mit goldgelbem türkischen Tabak, legte die Paste auf denselben und zündete sie an.

Ich trank meinen Kaffee und begann zu rauchen. Die Paste war stark mit Opium versetzt. — Also der biedere Onkel Blunt rauchte bisweilen Opium und seiner schönen Frau hatte er den Geschmack an diesem Gifte ebenfalls ein wenig beigebracht; daher auch ihre so glänzenden, wie trunkenen Augen, daher diese schlaffen, welken Züge in Mister Blunts Gesicht, daher dieser eigenthümliche narkotische Geruch, welcher das ganze Gemach erfüllte und so schwer auf die Sinne fiel, — daher endlich diese kindische Lust. —

Es widerstrebt mir, zu beschreiben, welche abgeschmackten Dinge diese Menschen trieben, in welchen Scherzen sie sich gefielen. — Man würde mich der Uebertreibung anschuldigcn; eine deutsche Phantasie reicht dazu nicht aus. — Ich empfand allmählich etwas wie ein herannahendes Uebelsein, und eine Ungeduld, ein Zorn, die ich kaum noch zurückzuhallen ver­mochten, erfaßten mich.

Ich erhob mich plötzlich und ergriff meinen Hut.

Mistreß Blunt sah mich erstaunt an.

„Was thun Sie?" rief sie beinahe erschrocken.

„Mistreß Blunt, — meine Zeit..." begann ich stockend.

„O, nichts davon, — ich glaube gar, Sie wollen uns verlassen?" unterbrach sie mich vorwurfsvoll und voll Eifer.

Sie erhob sich schnell von ihren Kissen und wollte mir den Hut aus der Hand nehmen.

„Madame . . ."

„Aber Sie bleiben doch jedeufalls zum Diner bei uns, Sie schenken uns doch den heutigen Tag?"

Mit einem Wink rief sie ihren Gatten zu Hülfe, welcher sich etwas schwer erhob und mit seinem lächerlichen Turban herzuschlürfte.

„O, — wir lassen Sie nicht fort, — bei Allah und deni Propheten," meckerte er tänzelnd und mich beim Arnie fassend.

„Aber Mistreß Blunt, ich ersticke, — ich muß frische

Luft haben, — dieser Rauch hier, dieses Opium! ... Ich bitte dringend, lassen Sie mich gehen!" rief ich ganz außer mir.

„Ah, ah, — er kann den türkischen Tabak nicht ver­tragen, er ist das nicht gewohnt, haha, — führe ihn hinaus, meine Perle." lachte der alte Herr, und Adda erfaßte meine Hand und zog mich fort.

„Kommen Sie, man ami, kommen Sie, ich bringe Sie auf mein Zimmer. — Sie haben Recht, dieser Wirrwarr betäubt ein wenig; unter all diesen Menschen habe ich so nichts von Ihnen, und wir haben uns doch so viel zu er­zählen."

In der Thür drehte sie sich kurz noch einmal herum.

„Saleni aleikum, meine Herren, Salem aleikum und auf Wiedersehen bei Tische!" rief sie heiter, „machen Sie keine dummen Streiche in meiner Abwesenheit!"

Ohne meine Hand loszulassen, führte sie mich durch ein oder zwei Zimmer in ein kleines, mit allem Luxus aus­gestattetes Gemach.

„So, — hier wird cs Ihnen besser werden, — setzen Sie sich, Charles, und lassen Sie uns behaglich plaudern."

„Aber mein Golt, wie sehe ich aus!" rief sie dann, sich plötzlich in dem großen Spiegel gegenüber erblickend. Sie wurde verwirrt, sie erröthete, — ja wahrhaftig, sie wurde roth.

„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Charles," und meine Hand freigebend eilte sie hinaus.

Ich öffnete das Fenster, um frische Luft hercinzulassen, und fiel in einen Fauteuil. Der Kopf sank mir schwer in die Hand.

Mein Herz that mir weh. Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, mir einzubilden, das Alles sei nur ein Scherz, eine Farce, Traum und Täuschung, aber keines von Allem wollte mir gelingen. Mir war zu Muthe, als wäre ich in einem Narrenhause.

O Margot, wie grausam war es, mich hierherzuschicken! Warum ließest Du mich den Becher, nun er schal war, bis auf die Hefe leeren?!

Meine Entrüstung gewann dann allmählich die Oberhand über meine Trauer.

Welch ein abscheulicher Narr und Lump war doch dieser Onkel Blunt! In welche Form hatte er das weiche Wachs geprägt, das seinen Händen anvertraut war! Wie konnte er es über das Herz bringen, sein junges, schönes Weib so zu prostituircn, so herabzuziehen zu sich in den Staub, ihre Begriffe über anständig und unanständig so zu verwirren und durcheinander zu schütteln bis die Schranken edler Weiblichkeit und Sitte völlig niedergerissen waren: Und dies Alles bloß, um sich zu zerstreuen und seiner kindisch ge­wordenen Eitelkeit zu fröhnen.-

Ich wußte es ja seit Langem, daß Adda ohne Tiefe, ohne Charakter mar, eine rein äußerliche, genußsüchtige, indolente Natur. Aber mußte einem das Herz nicht bluten, dieses schöne Geschöpf in solchen Händen, auf einem so glatten, gefährlichen Boden zu wissen?!

War es nicht unvermeidlich, daß Adda eines Tages straucheln und daß sie endlich in den Abgrund hineinschwanken würde, der ja in Paris so mit Blumen überdeckt und ver­lockend ist! — Ja, stieß der eigene Gatte sie nicht selbst demselben zu?

(Schluß folgt.)

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