«8. Jahrgang.
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Verlag: Langgasse 27.
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|!U>« 220. Fernsprecher No. 52.
Die Unruhen in Katalonien.
Die aufrührerische Bewegung in Katalonien hat eine ganz bedenkliche Ausdehnung erreicht, und besonders in dem Centrum dieser Bewegung, in Barcelona, herrschen Zustände, die weniger einem Aufruhr als einer Revolution gleichen. Ist doch der von der spanischen Regierung zur Beruhigung der Gemüther in das katalanische Gebiet entsandte Minister des Innern, Dato, aus Barcelona regelrecht hinausexpedirl worden und in Tarrasa entging er nur durch schleunige Flucht dem Schicksal, nach allen Regeln der Kunst gesteinigt zu werden. Da auch das Kabinett Silvela, welches sonst sehr wenig einsieht, eingesehen hat, daß diese Zustände nicht so forlgehen dürfen, wenn sich die aufrührerische Bewegung nicht von Katalonien aus über das ganze Land verbreiten und zu einer Volkserhebung führen soll, welche der spanischen Dynastie sehr gefährlich werden könnte, soll sich das Kabinett mit dem Plan tragen, ernstliche Maßregeln zur Unterdrückung des Aufstandes zu ergreifen. Ob freilich dieser etwas verspätete Plan Erfolg haben wird, steht dahin, denn es könnte leicht sein, daß das konservative Kabinett Silvela, welches ohnehin auf schwachen Füßen steht, ein kürzeres Leben hat als der Ausstand in Katalonien.
Der Grund, welcher zu der aufständischen Bewegung in Katalonien geführt hat, ist derselbe, welcher seit langen Jahren fortgesetzt zu Unruhen und Erhebungen in Spanien geführt hat. Wenn auch Franklin die unleugbare Wahrheit ausgesprochen hat, „sterben undSleuer zahlen muß Jedermann", so will man in Spanien die zweite Hälfte des Satzes nicht anerkennen. In Spanien hat man nicht nur, wie es auch anderswo der Fall sein soll, eine ausgeprägte Abneigung gegen das Steuerzahlen, sondern man ist dort auch beflissen, diese Abneigung in die That umzusetzen. Als vor einigen Jahren in Spanien eine Besteuerung der Marktfrauen beschlossen wurde, erreichte es diese Kategorie des „schwachen Geschlechts" durch eine geschlossene Erhebung und durch Androhung gewaltsamen Widerslandes, daß die Erhebung der Steuer unterblieb. Auch die jetzige Erhebung in Katalonien ist auf die gleichen Ursachen zurückzuführen. Die von der Regierung dekretirten neuen Steuern und in erster Linie die außerordentlich drückende Gewerbesteuer haben besonders in der Bevölkerung Kataloniens eine starke und allmählich immer mächtiger angewachsene Erregung hervorgerufen, welche zur offenen Sieuerverweigerung und zu der jetzigen, in ihrem innersten Kern revolutionären Bewegung geführt hat.
Geht man dieser Bewegung auf den Grund, dann wird man freilich erkennen, daß sie außer dem jetzigen direkten Anlaß noch tiefere Ursachen hat. Ebenso wie in den baskischen Provinzen hat auch in den katalonischen Provinzen die regionalistische Bewegung im letzten Jahrzehnt außerordentliche Fortschritte gemacht. Die baskischen Provinzen verfügen von altersher über eine gewisse Selbständigkeit der Centralregierung gegenüber, welche ihnen wesentliche Zugeständnisse in Bezug auf die Selbstverwaltung hat machen
Samstag, den 12. Mar.
müssen. Die gleiche Selbständigkeit streben die Katalonier an. — Die „Katalonisten", so laurct der offizielle Name der separatistischen Partei, verlangen die Abschaffung der bisherigen Prooinzialvertretung und eine einheitliche Vertretung für die vier katalonischen Provinzen Barcelona, Taragona, Lerida und Gerona. Aber das letzte Ziel dieser Bewegung geht noch viel weiter. Ebenso wie die baskische, so strebt auch die katalanische „Nationalpartei" in letzter Linie nach der völligen Loslösung von dem ohnehin morschen spanischen Staatskörper, und es ist nicht zu verkennen, daß diese separatistischen Bestrebungen mit der Zeit zu einer schweren Gefahr für das lockere Gefüge der spanischen Monarchie werden könnten.
Diese katalonische Bewegung hat jetzt durch die Unzufriedenheit über die neuen Steuern frische Nahrung erhalten und so zu den Aufständen in Barcelona und anderen katalonischen Städten geführt. Es fehlt dem spanischen Volke an Fleiß und Energie und an der patriotischen Einsicht, daß die miserable finanzielle Lage des Landes die Anziehung der Steuerschraube nothwendig machte. Allerdings muß den Spaniern zu Gute gehalten werden, daß die allgemeine Verarmung die Mehrzahl des Volkes in der Thal außer Stand setzt, dem Slaatswesen noch erhebliche finanzielle Opfer zu bringen. Der unglückliche Krieg gegen die Vereinigten Staaten von Amerika bat das ohnehin verarmte Land völlig ansgesogen und es in Schulden gestürzt, an deren Tilgung schwerlich jemals zu denken ist. Zu dieser finanziellen tritt die wirthschaftliche Misere, die Kurzsichtigkeit der Regierung und die Unfähigkeit dieser wie des Volkes, sich in die gegebenen Verhältnisse zn schicken, den unberechtigten Groß- machtsdünkel abzulegen und durch Sparsamkeit und Wirth- schastlichkeit eine Regeneration, eine allmähliche Besserung der heillos verfahrenen Zustände anzustreben.
Diese Einsicht geht den Spaniern ab, welche sich von der Erinnerung an ihre ruhmreiche Vergangenheit nicht trennen können. Statt zu sparen, wo es nur angeht, mit den ungeheueren Reprüsentations- und Verwaltungskosten, mit den Sinekuren, Beneficien und Gnadengehältern aufzuräumen und die Ausgaben für Heer und Flotte aus das Nothwendigste zu beschränken, trägt sich die spanische Regierung mit kühnen und kostspieligen Plänen in Bezug auf die Reorganisation der Armee und den Wiederaufbau der in dem Krieg gegen die Vereinigten Staaten vernichteten Flotte. Das Ende einer solchen Politik, von der eine Umkehr anscheinend nicht zu erwarten ist, liegt auf der Hand. Das Ende wird der völlige Zusammenbruch und der über kurz oder lang unvermeidliche Staatsbankcrott sein, bei welchem die auswärtigen Staatsgläubiger die Rolle der trauernden Leidtragenden werden übernehmen müssen.
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wb. Madrid, 11. Mai. Alle Läden, Theater- und Kaffeehäuser waren gestern Abend geschlossen. Ein Haufen junger Burschen versuchte einige Häuser mit Steinen zu bewerfen, wurde aber anscinandergetrieben. In fast allen Provinzstädten sind die Läden geschlossen. — Ans Valencia wird gemeldet: In der Straße Nnzafa wurden Barrikaden errichtet. Die Gendarmerie wurde mit Steinen beworfen und dann auf sie geschossen. Zwei Gendarmen wurden verwundet. Die Gendarmerie schoß ebenfalls, nahm die Barrikaden und stellte die Ordnung wieder her.
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Fernsprecher No. 52. 1900.
Ans Stadt nnd Land.
Wiesbaden, 12. Mai.
— Grschiäitokalenr'rr. 12. Mai. 1893: Regierungsantritt des Fürsten Friedrich Adolf Hermann zu Waldeck. 1871: ch Sir John F. William Hcrschcl zu London, hervorragender Astronom. 1845: ch A. W. v. Schlegel zu Bonn, Dichter und Sprachforscher. 1843: i' Charlotte v.Kalb, die Freundin Schillers. 1842: * Rudolf Kaltenbach zu Freiburg i. B., hervorragender Gynäkolog. 1841:
* Gandolf Graf Knenberg zu Prag, österreichischer Staatsmann. 1813: * Emil Kirchner in Leipzig, hervorragender Landschaftsmaler. 1803: * Justus v. Liebig zu Darmstadt, berühmter Chemiker. 1780: Eroberung von Chnrleston durch die Engländer. 1670:
* August II. von Sachsen, der Starke, zu Dresden. 1641: Hinrichtung des englischen Staatsmannes Grafen Strafford.
— Kaiser-Regatta. Die Rhederei August Waldmann in Biebrich giebt zur guten Besichtigung auf ihren festlich geschmückten Dampfern Eintrittskarten zum Preise von 2 Mk. aus, welche an den Billetschaltern in Biebrich und Mainz, sowie in den Buch. Handlungen Jurany u. Hensels Rachf. in Wiesbaden, Wilhelm- straße, und I. Diemer in Mainz, Lndwigstraße, erhältlich find. Die Dampfer werden höchstens die Hälfte der amtlich zulässigen Personen aufnehmen, bieten somit »eben absoluter Sicherheit auch gute Sitzgelegenheit. Restauration befindet sich an Bord. Am Regattatage ist der Lokalverkehr Mainz-Biebrich von 1'/, bis 5 Uhr Nachmittags eingestellt.
— Die Torpedo-Flottille in Kingen. Aus Anlaß der
Anwesenheit der Torpedoflotte auf dem Rhein bei Bingen wird die herrlich gelegene Burg Klopp nebst den Anlagen nächsten Sonntag, den 13. d. M., Abends um 9 Uhr, festlich beleuchtet werden.
-n Ist ei» heißer Sommer zu erwarten? In mehreren wissenschaftlichen Zeitschristen wird gegenwärtig die bedeutsame Frage erörtert, ob sich von dem Verlauf einer Jahreszeit auf den der nächsten ein Schluß ziehen läßt. Von verschiedener Seite wird die sogenannte Kompensationsthcorie in der Wettervoraussage vertreten, bevaiifolge auf jede Jahreszeit, während derer die Temperatur oder der Niederschlag höher oder niedriger als der Durchschnitt gewesen ist, eine Jahreszeit folgen soll, in der das Zuviel oder Zuwenig der vorausgegangencn Zeit ausgeglichen wird. Das daraus abzuleitende einfache Gesetz würde also besagen, daß auf einen zu kalten Winter ein Sommer folgen würde, der heißer ist als der Durchschnitt, daß ferner auf einen sehr schnec- und regenreichen Winter ein niederschlagarmer Sommer zu erwarten wäre und umgekehrt. Nach den neuesten Untersuchungen der ungemein thatigen und kenntnißreichen amerikanischen Meteorologen ist diese Theorie jedoch nicht berechtigt. Es soll vielmehr eher als eine Ausnahme gelten dürfen, wenn auf einen sehr kalten Winter ein auSuahmsweiser heißer Frühling oder Sommer folgt. Betreffs des Regens sind die Verhältnisse noch ungewisser, doch sind nach den bisherigen Erfahrungen auf besonders trockene oder nasse Jahreszeiten viel eher solche mit normalen Niederschlagsverhältnissen zu erwarten als solche, die den Gegensatz zu der vorausgcgangen Jahreszeit darstellen. Der englisch« Meteorologe Mac Dowall hat in der „Nature" auf Grund vielfacher Berechnungen ein anderes Gesetz ausgestellt, das größere Sicherheit geben soll. Er nimmt die Durchschnittstempcraturen der 80 vorausgehenden Jahre, um auf die Dnrchschnittstemperatnr des folgenden Jahres einen Schluß zu ziehen. Danach ist zum Beispiel immer ein milder Winter zu erwarten, wenn die 30 vorausgegangencn Winter im Durchschnitt zu kalt gewesen sind, und mit dem Sommer ist es ebenso. Nach diesen Berechnungen würde man im laufenden Jahre einen in Temperatur nnd Niederschlägen normalen Sommer zu erwarten haben.
o. Feuerbestattuug. Auf Anregung der Feuerbestattungsvereine von Mainz und Wiesbaden hat die Leitung des Verbandes der deutschen Feuerbcstattungsvereine sich bereit erklärt, eine Erweiterung des Preisausschreibens für ein Krematorium auf dem Mainzer Friedhof zu unterstützen. Der Zweck der ganzen Konkurrenz ist, wie schon erwähnt, der, für die Krematorien sowohl wie für die Anordnung der Äeisetzungsstätten in den
(Nachdruck verboten.)
In den Tagen des Maien.
Von Gustav Hcick.
Da liegt eine Einladung zu einem großen Hochzeitsfeste. Wer möchte da nicht mitthun! — Wer hat sie gebracht?
Ein Hochzeitsbiller, ein drolliger Kerl. Erst lachte er mit dem ganzen Gesichte, daß es Einem schoic warm ums Herz wurde, dann verzog er den schelmischen Mund und kniff die lustigen Aeuglein zusammen, daß es ganz grämlich anzusehen war. Nun blies er in die Backen, daß es nicht wenig windete, und er schlug um sich, daß die Hagelkörner flogen. Hu! wie kalt!
Und solch einen Hochzeitsbitter schickt man aus?
Nun, der April ist einmal nicht anders, um so sonniger und wonniger ist's an Hochzeitstagen im Mai, wenn der Frühling sich mit der Erde vermählt.
Wir aber wollen schnell der Einladung folgen und die Fest- und Frendensäle durchwandern, die geschmückten Felder, Wiesen und Wälder, uns an den Düften laben und den großen Konzerten, dem Gesang der Vögel lauschen.
Ich Hab' es wohl gehört, als die Lerche ihre Proben hielt. Schon vom März ab konnte sie sich nicht genug thun im Ueben und Probiren, von Morgens Früh bis Abends spät perlten die herrlichen Triller und Kadenzen ans ihrer Kehle. Nun klappt's aber auch bis auf die kleinste Triole, und wer ihre Jubel- und Loblieder hört, dem wird's gar froh ums Herze, und wenn sie ihre feierliche Kantate ertönen läßt, dann weiß man wohl, daß es Sonntag ist, so feierlich klingt sie.
Anders die Nachtigall. Sie hat das viele Studiren nicht nöthig, ihre Lieder sind einfacher, nicht so komplizirt wie die
der Lerche, aber proben inußte sie doch auch, sie legt aber mehr ihre Kunst in den Ausdruck. Nun, was sie darin leisten kann, das weiß doch Jeder; Keiner thut es ihr in dem Klagen, Schluchzen und dem Jubeln gleich. Ja, so ein Nachligallliedl
Wenn wir nun noch der Amsel mit ihren Flötenlicdern gedenken, so Hütten wir die Hauptsolosängcr beisammen, das Andere geht Alles in einem Chor zusammen. Ei, wie klingt das so lustig.
Der Frühling, der König der Freude, des Sonnenglückes und der Blumen, schreitet über die Wiesen, und sein langer, königlicher Mantel schleppt darüber hin. Ist das eine königliche märchenhafte Pracht, diese lange Mantelschleppe, das glitzert ja wie Gold, wie buntes Edelgestcin! . . . .
Wie man sich doch täuschen kann! Es ist die Wiese selbst, sie ist so bunt ohne jeglichen Hofschleppenschmuck. Da blühen und leuchten die goldenen Blüthcn des Hahnenfußes, Uanuneulus, in solcher Menge, daß es aussieht, als ob flüssiges Gold über die Wiesen ausgegossen sei. Dazu paßt das pfirsich-blüthenfarbene Roth der Kuckucksblume recht auffallend, daß der moderne Bindekünstler sich wohl ein Beispiel an dieser zarten Farbenzusammenstellung nehmen könnte.
Welche Blüthenfülle finden wir auch noch zwischen den hohen, stengeligen Blumen! da sind die reizenden Knabenkräuter Orchis mono, Orchis latifolia und Orchis maculata; wir glauben kleine Hyacinthen zu sehen, so sehr ähneln die Knabenkräuter diesem bunten duftenden Zwiebelgewächs. Wenn nun auch unsere Orchideen nicht an die Formen- und Farbenpracht ihrer südlichen Schwestern heranreichen, so dürfen wir sie doch zu den schönsten und interessantesten unserer einheimischen Gewächse zählen. Auch sehr reich sind ihre Arle» bei uns vertreten, und finden wir solche, deren
Blüthen gleich Fliegen und Spinnen an den Stengeln sitzen. Von jeher hat das Volk Interesse an den Knabenkräutern gehabt, das sehen wir, wie es den eigenartig geformten Wurzeln Wunderkräfte zuschreibt. An dem Stengclgrunde des breitblüttrigen Knabenkrautes sitzen zwei handförmig gctheilte Knollen, eine vorjährige, schwärzlich zusammengeschrumpfte nnd eine diesjährige, weiße, aus der im folgenden Jahr die neue Pflanze erblüht. Im Volksmund wird die alte Knolle die Teufelshand genannt, die weiße dagegen die Engclshand, und werden diese gegen allerlei Nöthen angewendet.
Das liebe traute Vergißmeinnicht, Myosotis arenaria, grüßt uns auch aus dem Blumenteppich entgegen. Welche Blume mag wohl nächst der Rose so viele Freunde haben, als unser Vergißmeinnicht! Wenn wir aber die Liebe zu dieser Blume recht verstehen wollen, dann müssen wir das Sumpfvergißmeinnicht, Myosotis palustris, aufsuchen. Es steht dort am Bache und säumt seine Ufer mit den lieblichen Blauäuglein, daß es ist, als ob ein Stückchen Himmelsbläue auf die Erde gekommen sei. Den unersättlichen Menschen war's aber mit dem schönen Sumpfvergißmeinnicht nicht genug, also haben die Kunstgärtner unermüdlich gearbeitet und gepflegt, bis nun eine Menge Arten des Vergißmeinnichts entstanden sind: großblumige, gefüllte und langstielige — denn langstielige Blumen ist das Losungswort des modernen Blumenbindekünstlers.
So schön aber die kultivirten Vergißmeinnicht sind, wir kehren doch zu unseren wildwachsenden am Bache zurück, das ist das eigentliche poesievolle, das Vergißmeinnicht, daS der Volksmund besingt, das Blümlein der Liebenden.
Blau blüht ein Blümelein,
DaS heißt Vergißnichtmein. —
