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Ko. 214. Morgen Ausgabe.

(30. Fortsetzung.) (Nachdruck Verbote».)

Gin Frnhlingolrnnm.

Noma» von Johannes van Aewall.

lind Adda hielt den Fächer vor ihre schneeweiße, athmende Brust und schaute mich über denselben hinweg immerfort lächelnd an. — Sie kokettirte mit mir, — mit mir! Sie verzog das Mündchen, sie rückte zutraulich noch näher und flüsterte mir ins Ohr, und beilgte sich so weit herüber, daß ihre glänzende Schulter meinen Arm berührte, — ein kleiner weißer Streifen von pouäro ä« riz blieb an demselben haften. Dann bewegte sie heftig den Fächer und machte einen herzlosen kleinen Scherz über Howard, warf sich zurück, lachte und ließ mich ihren kirschrothcn Mund, die Perlenreihen ihrer Zähne, Hals, Schultern imb Alles im schönsten Lichte bewundern.

Großer Gott, — sie war nur noch die schöne Adda, sie kani mir vor, als habe der Onkel Blunt sie nur auf diese Rolle dressirt, und das machte mir Herzweh!

Unwillkürlich schaute ich den alten Narren an.

„N’ost-co pas, — qu’elle est belle, — qn’elle est charmante, — o quelle komme!" raunte er mir zu. Er lauerte nur auf den Augenblick, um dies zu sagen, es war sein Stichwort, — er war Mister Blunt, der Gemahl der schönen Frau, der gefeierten, umschwärmten belle Moscovite.

O wie jammervoll, — wie abscheulich! Arme kleine Adda, wo bist Du geblieben? — Was haben sie aus Dir gemacht! — Ein Spielzeug, eine Puppe!

Mir war so wüst und weh, — mir war so unerträglich heiß, die Atmosphäre hier war so drückend, der Duft des Puders, das laute Lachen, das unaufhaltsame Sprechen, diese immerwährend blendenden Augen und Schultern, — ich konnte es nicht länger mehr ertragen.

Ich erhob mich schnell.

„Wie, Sie wollen schon gehen?" rief Adda und warf mir einen ihrer verführerischen Blicke zu und schlug mich sanft und vorwurfsvoll auf die Hand. „O, ich merke schon, garstiger Mensch, Sie haben Verpflichtungen da drüben bei Margot, — aber ich leide das nicht, man ami, — Sie wissen doch wohl," — und sie drohte schalkhaft mit dem Finger, — „Sie dürfen mir nicht untreu werden, ich leide keine Götter neben mir! . . . Eh bien, Sie kommen natür­lich zu uns, morgen schon, alle Tage . . .»o kommen Sie! Au revoir, Monsieur, au revoir! — Hier, küssen Sie meine Hand."-

Ich stürzte hinaus, ich lief Mister Blunt förmlich davon, mir zuckte es in allen Fibern, ich hätte ihn beinahe zu Boden geschlagen.

Ich raste durch die Gänge auf die Straße,-ich

brach in ein langes gellendes Gelächter aus und dann quollen mir die hellen Thränen in die Augen. — Ich war wie ein Narr. Drei Jahre lang hatte ich mit Windmühlen gefochlen, mich bald zu Tode gekämpft, und nun?-

Die Leute auf dem Boulevard draußen sahen mich groß an, sie hielten mich wohl für verrückt.

Ich ging ins Haus, ich stürzte ein Glas Eiswasser hinab, dann stieg ich die Treppe wieder hinauf.

Leise trat ich in die Loge, unbemerkt von ihr nahm ich iinter Margot Platz. — Da saß sie vor mir, so einfach

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Mittwoch, den 9. Mai.

und schlicht, so jungfräulich und lieblich, und nun drehte sie sich besorgt herum und sah mich an.

Ich bemerkte, wie sie leicht zusammcnfnhr, und begegnete einen Moment lang ihrem Blicke. — O, wie ich sie segnete, diese unbewachte Sekunde, wo ich hineinschaueu durfte zum ersten Male bis ans den Grund dieser bangenden, spröden Mädchcnseele, daß ich die schöne, verheißende Perle erblicken konnte/ die auf ihrem Grunde lag.

Margot sah zu Bode» und wurde roth und blaß.

„Nun?" lispelte sie.

„Margot! . . ."

Sie sah scheu zu mir auf und drehte sich schnell herum.

Welch ein süßer Vorwurf lag in diesem Aufblicken.

„Margot, — liebe Margot!" flüsterte ich ihr ins Ohr.

Sie saß ganz still und schaute ans die Bühne.

War cs mir doch, als wäre mir plötzlich über dem Chaos die Sonne groß und strahlend aufgegangen in meinem Innern mit diesem einzigen Blicke, war es doch, als hätte sie nur gewartet, bis die schweren Wolken sich verzogen, um nun so recht warm und ueubclebend aufzusteigen!

Wie es jubeln wollte in mir, wie es groß und weit wurde in meiner Brust, wie die Schatten der Nacht, die Gespenster, schnell entflohen, wie es Tag wurde in meiner Seele.

„Margot, — süße, theure Margot!"

Sie schüttelte nur ganz leise mit dem Kopfe.

Ich saß still dann und betrachtete mir ihr prachtvolles,, dunkles Haar, welches in einen einfachen, dichten Knoten geschürzt am Hinterkopfe anfgesteckt war, ihre kleinen rosigen Ohren, die jetzt glühten vor innerer Erregung, ihren schlanken Hals mit dem krausen Gelock, die elegante, biegsame Gestalt, die weichen Schultern, die feine Rundung der Taille, — wie schön, wie anmuthig, wie jungfräulich und züchtig war doch das Alles, welch eine Freude, es anzuschauen und sich jede Linie, jede Form einzuprägeu!

Sie schien meinen Blick zu fühle», — sie wurde un­ruhiger, aber immer noch wandte sie sich nicht um.

Da fiel der Vorhang, — das Stück war ans.

Ein lebhafter Applaus erschütterte noch einmal das Haus, dann begannen die Räume sich schnell zu leeren.

Wir blieben beinahe bis zuletzt, um dem Gedränge aus dem Wege zu gehen. Die Tante plauderte lebhaft mit mir über die Aufführung und Margot stand daneben, den dichten Schleier vor dem Gesicht.

Als ich Madame Chcvallier in den Wagen hob, ver­nahm ich ihre leise Stimme dicht an meinem Ohre:

„Ich bitte Sie, — lassen Sie uns heute allein fahren!" flüsterte sie so eindringlich, daß ich gehorchen mußte.

Ich fühlte noch den leisen Druck ihrer Hand, ich berührte den wehenden Schleier flüchtig mit meinen Lippen, ohne daß sie es ahnte. Dann fuhr der Wagen davon und ich ging im Mondenschein nach Haus.

Wer mich an jenem Abende sah, wie ich langsam, nach­denkend dahinging, der mußte mich für betrunken halten. Alle Augenblicke blieb ich stehen, lachte leise vor mich hin, murmelte in mich hinein allerhand unverständliche Worte, und dann taumelte ich wieder weiter wie ein Nachtschwärmer.

Ein Blinder bettelte mich an: „Un petit sou, Monsieur, — nn pauvre aveugle!“ Ich griff in meine Tasche und warf ihm lachend meine ganze Börse in den Filz.

48. Iaht gang. 1900.

Oben ans meinem Zimmer aber sank ich in die Stuke und schaute lange, lange zum Himmel hinauf in heißem Gebet.

Dreizehntes Kapitel.

Was das ein Gefühl ist, wenn man so jahrelang den Alp ans seinem Herzen trag und nun plötzlich der Bann gebrochen ist!

Wie war ich doch so blind gewesen in meinem Unglücke! Nun aber war ich mit einem Male sehend. Nun fielen mir mit einem Aiale ein alle die kleinen Züge, so mancher Blick, so mancher innere Kampf, den ich übersehen hatte in meiner Verblendung. Der flüchtigen, glänzenden Welle war ich nachgeeilt und hatte den Hafen nicht gesehen, und als jene nun zerronnen war, da lag mein Lebcnsglück nicht auf dem Sande, litt nicht Schisfbrnch, da zogen Margots sanfte Augen es hinein in den Hafen ihrer schüchternen Liebe, — vor dem Verblendeten that sich der Himmel auf. — O liebe, kleine Margot, o Du duftende, liebliche Blume an meinem Lebenspfade, ich hätte Dich beinahe zertreten, so wild und blind war ich dem glänzenden Schmetterlinge nachgejagt. Was hast Du doch um meinetwillen gelitten!

Aber Gott sei Dank, daß ich sehend wurde, ehe es zu spät mar! — Nun mußte ja Alles gut werden!

Margot! — Was kann ich Dir sagen? — Daß ich ein blinder Thor war?! . . . Willst Du mir verzeihen, willst Dn mich aufnehmen an Deinem gütigen Herzen? — Ja,— ich weiß es, — Du wirst es, denn Du liebst mich! . . . .

Dann begann ich zu überlegen, zu rechnen. Ich besaß ein kleines Vermögen, ich hatte mir Manches errungen und erworben in den letzten Jahren, aber die Früchte meiner Studien sollten ja nun erst zur Reife kommen, die eigent» liche Ernte stand mir ja noch bevor.

Ich hatte zwar noch keine bestimmte Stellung im Leben, dafür stand mir aber die ganze Welt offen, und für den Anfang, um zu leben, so viel besaß ich ja. Ich hatte die Villa in Loschwitz, ich härte einige Tausende, die Früchte

meiner Arbeiten,-wenn Margot wollte, — o, wir

konnten dann immer, wenn auch vorläufig noch bescheiden, miteinander auskommen. Wir konnten in unserer Villa leben, in unserem Garten sitzen und unsere Weintrauben und Pflaumen pflücken. — Gott, wie reizend wir dort mit­einander wohnen könnten, wie wir zusammcusitzen würden auf der hübschen Terrasse und hiuausschauen in das Abend» roth!-

So träumte ich und so schlief ich endlich ein.

* *

*

Gleich am nächsten Morgen -besuchte mich Mister Blunt. Ich sah ihn glücklicherweise die Straße herauf getünzelt kommen und ließ mich verleugnen. <-

Ich arbeitete . . . unmöglich-dann stürmte ich

hinaus ins Freie und fand mich bald vor Margots Thür. — Es war noch früh, die Zofe tvollte mich anmelden, aber ich litt es nicht. Ich ging zum Salon, ich klopfte leise an die Thür und öffnete. — Er war leer. Ich schaute ins nächste Zimmer, — Niemand war zu sehen. Noch eine Thür gab's, die in das Mnsikzimmer führte, — dieselbe stand halb auf und ich sah hindurch und erblickte Margot auf einem kleinen Divan sitzend, im Morgenkleide noch, tief in Gedanken verloren, die eine Hand über die Augen ge» legt, die andere in ihrem Schooße ruhend.

(Fortsetzung folftt.)

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