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Mit schwerem Seufzer trat er ins Haus, öffnete die Tür, welche die BezeichnungComptoir" trug.

Ein halbes Dutzend jüngerer Leute hockte auf hohen Böcken über dickleibigen Büchern.

Henning blieb, den Hut in der Hand, bescheiden bei der Tür stehen und wartete, bis endlich ein älterer Mann sich seiner erbarmte und ihn fragte, was er wünsche.

Ja, Herr Puttfarken kommt erst morgen gegen zehn Uhr wieder ins Geschäft. Daun kommen Sie nur wieder."

Auf Hennings Gesicht mutzte sich feilt Gefühl der Hilflosigkeit widerspiegeln, denn der andere, welcher sich schon wieder seiner Arbeit zuwenden wollte, fuhr fort:Ach, Sie wissen hier nicht Bescheid? Ja, gleich drüben auf'm Hopfenmarkt werden Sie schon einen Gasthof finden, in dem Sie logieren können."

Als Henning wieder auf der Stratze war, überkam ihn ein so starkes Gefühl der Einsamkeit, daß er ein Wehes Schluchzen unterdrücke^ mußte. Er mutzte daran denken, daß so mancher Gehilfe des Wilnisenschen Geschäfts auf des Prinzipals Empfehlung froh und leicht nach Hamburg gefahren war. Und hier in den Straßen sah man die Knaben und Mädel lachend und lärmend umherspielen wie in Gardbys Gassen. Und er, der eineni großen Handelshause vorgestanden, fühlte sich hilflos und ratlos in dieser Stadt? Er versuchte die Unsicherheit abzuschütteln, aber das quälende, ängst­liche Gefühl blieb.

Am nächsten Morgen stand Henning vor seinem neuen Herrn, nicht ablehnend und kühl wie damals auf dem Speicher, bescheiden und verlegen antwortete er Leistimmend auf alles, was Herr Paridon Puttfarken sagte und fragte. ,

Der Kaufmann hatte noch dasselbe behäbige Außere wie vor Jahren, nur war an die Stelle des Jovialen etwas mehr Würde getreten.

Nachdem Puttfarken seinem neuen Angestellten einen kurzen geschäftlichen Vortrag gehalten und sich von ihm allerlei Wahrheit und Dichtung aus Gardby und Wilmsens Geschäft hatte erzählen lassen, sagte er:So nun gehen Sie zu dem alten Domschke, der wird schon das Nötige bestimmen."

Und Henning war entlassen.

David Domschke, der ältliche Mann, Len Henning gestern schon gesehen und gesprochen hatte, wies ihm seinen Arbeitsplatz an und befahl ihm in seiner kurzen Art, einige Spalten aufzurechnen.

Durch Vermittlung eines jüngeren Gehilfen hatte Henning ein kleines Zimmer in der Steinstraße ge­mietet. Eine schmale Treppe, die bei jedem Fußtritt knarrte, führte von der Diele hinauf zu kleinen Stuben, deren beste jetzt der Gardbyer Kontorist bewohnte. Zwei niedrige Fenster ließen einen Blick auf die düstere Straße und die Jakobikirche. Ein wackliger Tisch mit rissiger Platte, ein harter Stuhl, ein Bett mit nicht gerade sauberer Wäsche, eine Kiste, auf welcher eine rauhwandige Waschkanne stand, bildeten die Aus­stattung dieses Raumes, in dem Henning Tiedemann von der Herrenzeit in Gardby träumen konnte.

Paridom Puttfarken war in Geschäftskreisen be­kannt als ein Prinzipal, der seine Angestellten unmäßig ausnutzte, und an manchem Abend schlich sich Henning erst spät in seine Stube. Er hatte seiner Wirtin, einer alten Witwe, versprechen müssen, nicht mit Streich­hölzern,dieser neumodischen englischen Einrichtung", Jeiidr zu machen, und oft hörte er, daß sie abends an seine Tür huschte, um zu erkunden, ob der Mieter ihr doch nicht das Haus über dem Kopf ansteckte.

Allmählich gewöhnt« er sich an das Leben und Treiben in Hamburg und still und ohne besondere Vor­fälle gingen Sommer und Herbst dahin, und der nebel­igraue Dezember brachte das Weihnachtsfest.

Paridom Puttfarken hatte jedem seiner Leute ein Geldgeschenk, Zigarren und eine Flasche Wein geben

lassen, und am heiligen Abend satz Henning weh­mütig allein in seiner kalten Stube, dampfte mächtige Rauchwolken und setzte dann und wann das Glas an die Lippen.

Von der Stratze her drang frohfestliches Lachen zu ihm herauf,Frohe WeihnachtI" riefen sich helle Mäd­chenstimmen zu. Von St. Jakobi klang das Läuten der Glocken. (Fortsetzung folgt.)

Der Menlch erfährt, er sei auch, wer er mag,

Gin letztes Glück und einen letzten Dag. Goethe.

Zeldpostbriefe aus dem Siebenjährigen Urieg.

Voll freudiger Erwartung und banger Spannung harren »heute Millionen auf die Feldpostbriefe, die ihnen Kunde von ihren Nächsten aus dem Kriege bringen. In ftüheren Zeiten, da die Post schlecht war und das Feldpostwesen erst recht im argsn lag, drang nur selten Nachricht aus Lager und Biwak zu den Heimgebliebenen. Soldatenbriefe sind uns daher auS der Vergangenheit nur sehr spärlich überliefert, und aus dem Siebenjährigen Krieg hat nur ein glücklicher Zufall 17 solcher sMdpostschreiben vor dem Untergang bewahrt, die der Große Generalftab als das wertvollste Zeugnis für den Geist bei der Armee des großen Königs herausgegeben hat. Immerhin sind diese Briefe Teile einer dauernden und ausführlichen Korrespondenz, und sie lassen einen Umfang der damaligen Feldpost vermuten, wie man ihn vorher kaum geahnt hatte. Hastig zwischen großen Märschen, am Lagerfeuer oder im Stall, gerade wie unsere Krieger es tun, sind diese vergilbten Blätter mit mühseligen Schriftzeichcn bedeckt worden.Auf der Erde im Sande geschrieben", oderdes Nachts um 10 Uhr geschrieben auf der Streu", tragen sie etwa als Vermerk. Die Leute wollen sich nicht mit ihren Leistungen hervortun; bittet doch sogar einer in einer Nachschrift, den Brief nursein liebes Geschwister lesen z>u lassen, sonst keinen; denn mau sollte es sonst vor Prahlerei auslegen". Die meisten von ihnen begleitet die Sorge um Weib und Kind ins Feld. Einer schreibt seinerherzlieben Fvau" aus Sachsen:Nimm mir um Gotteswillen nicht übel, daß ich Dir nicht wieder ge­schrieben; es war ohnmöglich, denn wir haben müssen Tag und Nacht marschieren. Mir ist es herzlich leid, daß ich Dir nichts schicken kann; es ist die Unmöglichkeit." Von einem herrlichen Geist der Tapferkeit sind diese Grenadiere des alten Fritz beseelt. Die Briefe stammen aus der Zeit zwischen den blutigen Schlachten von Lobositz und Prag. Bei sehr warmen Tagen,da es dem Menschen und Vieh blutsauer war", mußten sieohne Essen und Trinken marschieren". AM 1. Oktober 1756 muhten die Truppen aufmarschieren, ohne zu ahnen, daß es zur Schlacht ging.Weil mir nun schon dis Sache etwas bekannt war", berichtet ein Unteroffizier,kam es mir verdächtig vor." Und die morgendliche Stimmung schildert ein Grenadier seiner Frau:Nun, liebes Kind, denke einmal nach, wie uns zumute muß gewesen sein: des Morgens nüchtern zur Schlachtbank hingeführt und nicht das geringste davon gewußt." Der König hatte die Nacht in einer Kutschs mitten unter seinen Soldaten verbracht; des Morgens kam er zu den Regimentern gerittenund fragte, wie wir geschlafen hätten, worauf wir zur Antwort gaben:Wie Jhro Majestät, aus der Erde", worauf er zur Antwort gab:Nach getaner Arbeit ist gut ruhen."

Auf Friedrich find alle Blicke gerichtet; das merkt man auch aus diesen Briefen; sein Lob ist die höchste Freude.Der König ist sehr vergnügt mit uns gewesen", schreibt ein Soldat des Hülsenschen Regiments nach der Schlacht.Am Sonn­tage, als den 3. Oktober, ist er bei uns gewesen, Kompagni« für Kompagnie, und hat sich vielmals für unsere Tapferkeit bedankt und gesagt, daß er es unS Zeitlebens genießen wollt« lassen, und uns versprochen, daß wir nicht wieder so hart dran sollten, weil wir so viele Leute verloren haben." Eine Episode von Lobositz, die in diesen Briefen erwähnt wird, schildert dert unüberwindlichen Mut dieser Soldaten. Die Truppen det Herzogs von Bevern halten die stärksten Salven der Feind- unerschrocken aus, ohne wieder zu schießen.Kinder", ru« ihnen der Herzog zu,schießet doch um GotteSwiller^ schtetzeh