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S Der Roman. ®

l» ~ji Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i» --~=si

Nr. 86.

Mittwoch, 14. Npril. 1915.

(16. Fortsetzung.)

DöS öMige ^tti^öUS« ttownul bertoten.

Roman üon Albert Prtrrsrn.

Henning Tiedemann war nach der qualvollsten Stunde seines L^ens vom Kontor nach der Langen- harmstraße geeilt.

Tilde saß mit Nawersch Waschwief vor der Haus­tür und versuchte immer wieder das Gespräch auf ihren Sohn, den Geschäftsführer des bedeutenden Hauses Wilmsen zu bringen, während die andere immer neue Erzählungen aus alter Zeit hervorkrainte. Wenn Tilde das Gesicht ihrerFreundin" und das hämische Lachen auch nicht mehr erkennen konnte, fühlte sie doch, daß ddawersch Waschwief sie nur daran hindern wollte, von Henning zu erzählen. Und wütend zeigte sie auf eine der umherflatternden Flettermäuse und sagte:Is duch markwürdi, ummers, wenn ick en Fladdermus seh, mutt ick an di denken."

Na, flegen kann ick fünftens nich", antwortete Stowersch Waschwief lachend: sie freute sich, daß Tilde ihren geheimen Zorn so schlecht verbergen konnte.

Ach du awerst da kurnmt mien Jung. Go'n ddacht, slap man god", und Tilde begab sich in ihr Häuschen.

Kaum hatte sie die Öllampe angesteckt, da stürzte Henning in die Stube und ließ sich stöhnend auf den nächsten Stuhl fallen.

Tilde starrte ihn an.

Jung, was is? Jung, hat die die Wilmsen sich mit einen, anderen verlobt?"

Er schüttelte heftig den Kopf.

Was is? So red' duch. Jung!"

Henning begann stockend zu berichten, suchte zu be­schönigen, etliches zu verschweigen, schließlich aber er­fuhr Tilde doch olles.

Henning hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und an dem Zucken seiner Schultern sah Tilde, .daß ihr Sohn weinte. Mit verschränkten Armen stand sie vor ihm und sah auf ihn herab.

So" sagte sie endlich mühsam,nun ist es wohl besser, daß du nach Mildestedt ziehst, damit ich mich nicht schanier'n muß, einen Spitzbuben zum Sohn zu haben. Junge, Junge" und sie ballte wütend die knochigen FäusteJunge, Junge, was wird das Waschwief sich högen."

Henning zuckte zusammen.

Ja, ja, er hatte bisher immer nur daran gedacht, daß jetzt alle Hoffnungen zerstört seien, daß er seine Stellung losgeworden. Aber die Leute. Wenn die es erfuhren, daß er mit Schimpf und Schande fort- gejagt sei.-

Und es blieb nicht verborgen,. daß der Geschäfts­führer nach einer Prüfung von Büchern und Kasse von feinem Posten verstoßen war. Vetter Friedrich und seine Freunde hielten das Grethenfraucke gegebene Ver­sprechen. Aber die Gehilfen und Lehrlinge des Wilm- senschen Geschäfts hatten doch genug erlauscht und er- raten, und da sie ihrem bisherigen Herrn grollten, sorgten sie dafür, daß Gardby Gesprächsstoff erhielt

Schon am nächsten Tage sagte Nawersch Waschwief zu Tilde Tiedernann:Na, du meenst, ick harr Ähnlich­keit mit'n Fladdermus? Mi dücht, dien Söhn hett dat mehr; he mußt duch flegen. Ja, ja, Tilde, dat geiht dull to in'ne Welt."

Nach einigen Tagen dumpfen Hiiwrütens hatte Henning Tiedemann, besonders auf seiner Mutter Drängen, einen Entschluß gefaßt.

Hatte der Hamburger Kaufmann Paridom Putt- farken ihm nicht vor Jahren das Anerbieten gemacht, in sein Geschäft einzutreten? Und da Henning keinen anderen Ausweg wußte, machte er sich dran, einen Brief an den Haniburger zu schreiben.

Das kannst du glauben, der ist bloß deswegen nicht wieder zu Wilmsen gekommen, weil er sich von Grethenfrancken einen Korb geholt hat", meinte Tilde mit schlauem Augenzwinkern,ich sage dir, schreibe, du wolltest hier fort, weil du dich mit ihr nicht vertragen

könntest."

Henning folgte dem Rat seiner Mutter, und nach einigen Tagen schon kam die Antwort, es sei eine Stelle frei,' zwar nicht sehr gut bezahlt, aber vielleicht sei Herr Tiedemann damit zufrieden.

Henning Tiedemann war zufrieden. Er riistete schnell zur Abreise und benutzte schon die nächste Deligence.

Als die Stadt mit ihren roten Dächern und dem ragenden Kirchturm hinter ihm lag, atmete er erleich­tert auf.

Gott sei Dank, das war überstanden.

Aber je weiter der Wagen gen Süden ratterte, desto stärker wuchs in ihm das Gefühl der Unsicherheit, der Einsamkeit. ,

Pferdewechsel, fremde Wirtschaften, unbekannte Ge- sichter rings. In einem kahlen Gastzimmer mußte er übernachten.

Früh ging's am nächsten Morgen werter.

Und nach stundenlanger Fahrt sah man in der Ferne die Kirchtürme der alten Hansastadt.

Henning atmete schwer. Er hatte geradezu Augst vor der frenrden Stadt und all den Menschen.

Vor dem Königlich dänischen Postgebände siieg er aus und ging, die Reisetasche krampfhaft in der Hand, durch die Straßen. Wagen eilten daher, Omnibusse ratterten vorbei, die Menschen drängten und schoben sich durch die schmalen Gassen. ^

Endlich hatte er die Bohnenstraße erreicht, und bald fand er auch die Firmenschilder des Kaufmanns Putt-

Ein schmales, sechsstöckiges Haus, aus dem schmutzig- grauen Mauerwerk guckten längliche, schmale Fenster. Der ganze Bau, eingeklemmt zwischen anderen hohe« Kontorhäusern, machte den quälenden Eindruck, als leibe er unter Atemnot und schreie nach Luft. Und auch Henning hatte das Gefühl, als schnüre ihm etwas be­drückend die Brust ein.