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1. Anlage ;mn Wiesbadener Tagblatt.

Ko. 212. Morgen-Ausgabe.

Dienstag» den 8. Mai.

48. Jahrgang. 1900.

(29. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Gin Frühlingslranm.

Roman von Johannes va» Icivalk.

Selten erwiderte sie etwas auf das, was ihr Mann ihr znflnsterte, und Mister Howard, ihren Jnseparable, ignorirte sie vollständig.

Eine Zeitlang ließ Adda ihren Arm über die Brüstung der Loge herabhäugen. Welch ein schöner, weißer Arm, wie gemeißelt, würdig eines Canova! Die Brillanten blitzten an dem zarten Gelenk und mit den kleinen rosigen Fingern trommelte sie einige Male unbewußt den Takt zu einer der Arien, — zwei oder drei Mal applaudirte sie auch lebhaft.

Wir beiden, Mister Howard und ich, verloren keine ihrer Bewegungen, keinen ihrer Blicke.

So verging der erste Akt.

Der Vorhang fiel, ein donnernder Beifallssturm er­schütterte das Haus, dann sagte Margot:

„Nun gehen Sie schnell."

Ich erhob mich zögernd und aufgeregt. Sie sah mich erst mit einem ganz eigenthümlichen Ansdruck an und sagte:

„Bleiben Sie nicht so lange."

Draußen im Foyer auf halbem Wege begegnete mir schon Onkel Blunt.

„Ah, Monsieur Wagner, c’est vous, — ma foi je suis ravä de vous voir! Wo kommen Sie hier, seit wann sind Sie hier, wie befinden Sie sich? — So lauge nicht gesehen, hahahat" so rief er mir entgegen und gab mir die Hand und verdrehte seine Augen. Er trippelte fortwährend mit den Beinchen dabei und lächelte unaufhörlich.

„Wie frisch und stattlich Sie aussehen," fuhr er fort und schob seine Hand durch meinen Arm, „venez, mon ami, geschwind, lassen Sie sich zu Mistreß Blunt führen, die kaum den Augenblick erwarten kann, Sie zu sehen, — — vite, vite, sonst bekomme ich eine Gardinenpredigt, die sich gewaschen hat. — Sie wissen ja, die Frauen, o man Dieu, sie haben uns arme Ehemänner alle unter dem Pantoffel.

— Aber, Sapperlot, Sie sind doch nicht etwa auch schon verheirathet, — he? — Nicht, — nun, um so besser, halten Sie nur Ihr Herz gehörig fest und verlieren Sie es nicht etwa an jene kleine Hexe, die Margot, das Zigcunerblut!

— Welch ein allerliebstes, zierliches Frauenzimmer das ge­worden ist, — nicht wahr? Aber ich sage Ihnen, Liebster, es giebt in ganz Paris doch nur eine Frau, das ist meine Adda. — Nun, hier sind wir ja, Sie werden selbst urtheilen.

— Hier ist Mister Wagner, hier bringe ich ihn," dann stieß er mich sanft hinein in die Loge.

Da stand ich nun vor Adda, verwirrt und erröthend. Ihre Augen schauten strahlend zu mir auf, ihr Mund lächelte mir entgegen, sie streckte mir ihre kleine entblößte Hand hin zum Willkommen, — ich war wie geblendet von ihrer Schönheit. — Es flimnierte mir einen Moment lang vor den Augen und ich mußte nach Athem ringen. Ich hielt ihre Hand mechanisch in der meinen und empfand die sanfte Wärme, den leisen Druck derselben, aber ich war in einem solchen Strudel von Gefühlen, daß mir die Worte fehlten.

„Mistreß Blunt," stammelte ich, mich tief verneigend, — und sie lächelte noch gütiger, als sie meine tiefe Verneigung be­merkte, und zog mich sanft neben sich auf den Sitz ihres Mannes.

„0 Monsieur Wagner," sprach sie, „en ve'rite', jo suis ravi, — c’est charmant de venir me voir.“ — Sie winkte Margot einen kleinen Gruß hinüber und fuhr, immer französisch sprechend, fort, mir ihr Entzücken auszudrücken, mich zu beglückwünschen über mein gutes Aussehen, mich mit Fragen zu bestürmen und mir allerlei Schmeichelhaftes zu sagen.

Und ich hatte nur einen Gedanken: Welch ein schönes, strahlendes Weib! Ist das wirklich Adda, die süße, be­scheidene Adda! — Ich war völlig geblendet, ich hatte nie etwas Achnlichcs gesehen.

Mistreß Blunt mußte meine Verwirrung bemerken und schien mir durch ihr gütiges Geplauder über meine erste Verlegenheit hinweghelfen zu wollen, aber ich blieb wortlos.

Wie schön! — Und doch, mein Gott, wie so ganz anders hatte ich mir Adda vorgestellt!

Da saß ich nun seit drei langen Jahren zum ersten Male wieder neben ihr und mein Auge hing wie gebannt an ihren Zügen, ich verschlang sie förmlich mit den Blicken.

In tausend kleinen Löckchen ringelte sich ihr reiches aschblondes, leicht gepudertes Haar wie ein zarter, duftiger Kranz um ihre reinen, klassischen Züge. Sie war voller ge­worden, blühender. Man konnte nichts Schöneres sehen, als dieses weiße, frische, lebende Fleisch, die nackten, schönen, gerundeten, schlanken Arme, diesen herrlichen Hals„ diese glänzenden, weißen Schultern, welche nur ein schmaler Spitzenstreif bekleidete, und die tiefausgeschnittene Büste, welche wie Marmor schimmerte durch den zarten, kaum ver­hüllenden Tüll. Man konnte sich nichts Schöneres träumen, als das weiche, vollendete Oval ihres Gesichtes, die großen, strahlenden, dunkelblauen Augen und den schwellenden, kirsch- rothen Mund.

Sie trug eine blaue Schleife mit einem Brillantstern im Haar, und das einfache blaue Band mit dem Medaillon daran, welches ihren Hals umspannte, hob die Zartheit ihrer Haut noch mehr hervor.

Ich war ganz verwirrt und beklommen; — anstatt mich zu fassen, mich an ihren Anblick zu gewöhnen, nahm meine Aufregung, meine Verlegenheit mit jeder Minute zu. Ich saß da wie ein Schulknabe und mein Herz drohte zu zer­springen, so voll war es, und doch konnte ich nichts thun, als sic immerfort anstarren.

Adda schien dieses linkische Benehmen gar nicht zu ver­letzen. — Im Gegentheil, sie lächelte mir nur um so freund­licher zu, sie beugte sich lebhafter zu mir herüber und sagte mir die liebenswürdigsten Sachen.

Ihre Augen leuchteten ganz dicht vor meinen Augen, ich fühlte den Hauch ihrer Lippen, ich sog den Duft ihres Parfüms ein mit jedem Athemzuge und ihre Locken streiften ab und zu meine Wangen. — Diese großen strahlenden Augen kamen mir einige Male so nahe, daß mir das Herz stille stand. — Ich erblaßte und die Schweißtropfen traten auf meine Stirn, — ich empfand eine namenlose halbwehe Pein und Verlegenheit, ich wich diesen Blicken aus und sah zur Seite.

Und wie ich endlich mein Auge losriß von dem schönen Weibe, da sah ich drüben Margot sitzen, still und ernst, sah ihr blasses, liebes Gesicht und die großen, treuen Augen, die mich traurig anschauten. Ich fühlte es bis hierher, wie voll Angst sie mich beobachteten, — es durchzuckte mich;

— wie wenn ein Blitzstrahl schweres Gewölk zerreißt, so flog ein heller Schein durch meine Seele. Es war mir, als berührte mich ein elektrischer Schlag, als fielen mir die Schuppen von den Augen.

„Mein Gott!" murmelte ich.

Meine Brust hob sich, — ich athmete tief und lang.

Ich schaute Margot an, — ich versuchte ihr zuzulächeln, und wie ich sah, daß ihr Gesicht sich nun plötzlich auf­hellte, daß sie wieder lächelte und dann erröthete, — da mit einem Male, o wunderbar! da war es mir doch, als stünde plötzlich wieder die kleine, wilde Margot neben mir, mit ihrem chiffonirten Gesichtchen und ihren leuchtenden, alt­klugen Augen.

„Aber merken Sie's denn nicht," raunte sie mir zu, „das ist ja das Schäfchen mit dem blauen Bändchen und der Schelle um den Hals. — Sehen Sie doch nur, da ist ja der Hexenmeister, der alte Onkel Blunt, der es ver­schwinden ließ, — eins, zwei, drei! — lind nun zeigt er es herum. — Gucken Sie doch nur genau hin, das ist ja gar nicht Adda, — die ist ja nur verhext, — das ist ja AÜeS Blendwerk!"

Ich lachte krampfhaft auf, — ich fühlte, wie etwas in mir zerriß.

Und Adda saß daneben und merkte nlchts von alledem, sondern konversirte gütig und fließend weiter, und als ich

jetzt wieder hinsah, — da-o Wunder! da war mit

einem Male die Göttin verschwunden, und wo sie eben noch gethront hatte, da saß jetzt nur ein schönes irdisches Weib. Mit einem Male ist der Zauber gebrochen und ich sehe den Puder und die Schminke, und ich bemerke selbst, — o welche Ironie! — den kleinen dunklen Strich unter ihren Wimpern, welcher das schöne Auge noch strahlender macht.

Plötzlich erröthete ich über sie, so über alle Begriffe schamlos finde ich sie dckolletirt. — Ich schlage verschämt oen Blick zu Boden.

Es kam wie eine tiefe Trauer über mich, als müßte ich etwas begraben; mein Jugendlranm entfloh, das Ideal meines Lebens hüllte sich in Wolken.

War es mir doch plötzlich, als hätte ein Anderer seine Seele diesem schönen Körper eingehaucht; war mir doch, als schaute eine Andere, mir Fremde, mich an aus Addas schönen Augen! — Wie sie so unaufhörlich und fließend plaudern konnte, es schnitt mir durch die Seele, es war ja doch nur Alles konventionelles, eitles Geschwätz.

Sie verstand nicht ein Wörtchen von Dem, was in mir vorging, sie hatte keine Spur von Verlegenheit mir gegen­über; kein einziger Ton klang mehr heraus ans dem Herzen jener Adda, welche ich so sehr geliebt, um welche ich so namenlos gelitten hatte. — Wo war der Hauch, der zarte Duft geblieben von diesem einst so lieblichen Geschöpf?

„Ach, Adda hat kein Herz, — sie ist wie die Welle," rief es in mir.

Es war mir, als liefe ein großes Gefäß in meinem Innern aus, das bis zum Zerspringen voll gewesen war, und meine Beklommenheit wich. Ich wurde mit einem Male ebenfalls gesprächig, die Worte flössen mir nur so von den Lippen; ich war im Stande, Adda zu sagen, wie groß meine Freude sei, wie entzückend sie aussühe, viel schöner und strahlender noch als damals in Dresden.

(Fortsetzung folgt.)

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