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«h. Jahrgang.

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|t0. 213. Fernsprecher No. 52.

Abendausgabe.

Der Kampf beginnt

Mir». 6. Mai.

Am Dienstag beginnt die neue Tagung des Reichs- caths, in dem noch einmal der nicht mehr aufschiebbare Versuch gemacht werden soll, die ins Stocken gerathene parlamentarische Maschine in Gang zu bringen und zu der verfassungsmäßigen Ordnung zurückznkehren, welche durch die von den Tschechen provozirten nationalen Kümpfe unter­brochen und durchbrochen worden war. Sollen nicht die wirthschaftiichen und moralischen Kräfte des Landes weiter geschwächt und lahmgelegt werden, dann muß der Reichs- rath wieder arbeitsfähig gemacht und die verfassungsmäßige Ordnung wieder hergestellt werden, koste es, was es wolle, und sollten auch gegen die unbotmäßigen Tschechen dieselben Mittel in Anwendung gebracht werden, mit denen noch vor Kurzem eine kurzsichtige und verwerfliche Politik die Deutschen, diese festeste Stütze der österreichisch-ungarischen Monarchie, bekämpft hat.

Wenn man die Aussichten der Parlamentsiagung be- urtheilen will, so wird man gut thun, sich von dem Augen­blicks-Optimismus fern zu halten, wie er an der schönen blauen Donau landesüblich ist. Zwar ist nicht in Abrede zu stellen, daß das Kabinett Körber die Parlamenisfrage weit geschickter und energischer angefaßt hat, als seine Vor­gänger. Jene suchten allen Fragen, welche den nationalen Streit betrafen, sorgsam aus dem Wege zu gehen. Das Kabinett Körber dagegen hat mit fester Hand zugegriffen, um den Nationalitätenhader, wenn irgendwie möglich, durch einen alle Theile befriedigenden Ausgleich aus der Welt zu schaffen. Das ist freilich leichter gewollt, als vollbracht. Das Mittel, durch welches das Kabinett Körber diesen Aus­gleich herbeizuführen sucht, ist die Einbringung des Sprachen- gesctzentwurfes, welcher das Hauptstück und den springenden Punkt der jetzt beginnenden Reichsrathstagung bildet.

Freilich, eine Lösung der Sprachenfrage zu finden, welche sowohl die Deutschen wie die Tschechen zu befriedigen vermag, das dürfte nicht wesentlich leichter sein, als die Quadratur des Zirkels. Und die Tschechen werden schon dafür Sorge tragen, daß diese Quadratur nicht gelingt. Der Kernpunkt des Sprachengesetzentwurfs ist die Festsetzung deZ Gebrauchs der deutschen und der tschechischen Sprache bei den landcsfürstlichen Behörden. Die Deutschen sind, das hat schon ihr Pfingstprogramm vom vorigen Jahre gezeigt, zu einem weit­gehenden Entgegenkommen gegen die Forderungen der Tschechen bereit, aber bisher ist alles Entgegenkommen an den maß­losen Forderungen des begehrlichen Tschechenthums ge­scheitert. Was bisher über den Sprachengesctzentwurf des Kabinetts Körber bekannt geworden ist, läßt darauf schließen, daß dieser Entwurf bemüht ist. den berechtigten und begründeten Forderungen der Deutschen mehr gerecht zu werden, als dies bisher bei den österreichischen Regierungen Sitte und Gewohnheit gewesen ist. Auch fehlt es dem leitenden Staatsmann nicht an redlichem Wollen, weitem Klick und politischer Einsicht. Alles wird nunmehr darauf ankommen, ob zu diesen anerkcnnenswerthen Eigenschaften jene entschlossene Thatkraft treten wird, welche nothwendig

(Nachdruck verboten.)

StreMge durch die Pariser Weltausstellung.

Bon Paul Lindcuverg.

III.

Aste» und Afrika beschäme» Europa. Die Kolouial- Ausstellung am Trocadcro. Erster Eindruck. Der Moskauer Krem». Was er birgt.

Klugsinnige, phaittasiebcgabte Politiker könnien lange, geistreiche Erörterungen darüber anstellen, daß diesmal auf der Pariser Weltausstellung Asien und Afrika ihre Welt­schwester Europa ganz beträchtlich in Bezug ans Schnelligkeit und zum Theil auch eindrucksvolle bauliche Vertretung über­flügelt haben. Während am Seinequai, dort, wo sich die Paläste und Pavillons der Kulturstaaten hinziehen, noch an vielen Stellen werkthätig gewirkt und geschafft wird, während die Mehrzahl der Thoreoch geschlossen ist und im Innern der Gebäude ein schlimmes Durcheinander herrscht, ist die Kolonialausstellung am Trocadero größtentheils fertig und imponirt allen Besuchern nicht nur dadurch, sondern auch durch die Fülle des Fremdartigen und Interessanten, das uns in mancher Beziehung eine Reise um die Erde ersetzt.

Schon früher ist erwähnt worden, daß als ein be­sonderer Vorzug der Weltausstellung trotz ihrer gewaltigen Ausdehnung sie bedeckt einen Flächenraum von über 1 Million Quadratmeter, von denen etwa die Hälfte bebaut ist ihre praktische Eintheilung angesehen werden muß. Wer nicht ganz planlos umherschlendert, kann in aller Be­haglichkeit einen Theil nach dem andern besuchen und wird, selbst bei kurz bemessener Zeit, kaum eine der Hauptsehens- würdigkeiien überschlagen. Diese verschiedenen Theile der

Dienstag» den 8. Mai.

ist, wenn eine Lösung der Sprachenfrage ermöglicht, der Uebermnth des staatsfeindlichen Tschechenthnms gebändigt und das österreichische Verfassungslebcn gesichert werden soll.

Die Feuerprobe dieser Thatkraft wird das Kabinett Körber alsbald nach Beginn der neuen Reichsrathstagung zu bestehen haben, denn schon in der Apriltagung des böhmischen Landtags haben die Tschechen mit der Wieder­aufnahme der Obstruktion im Reichsrath gedroht, wofern ihnen nicht noch vor der Einbringung des Sprachengesctz- entwurfes die innere tschechische Dieustsprache bei den Be­hörden in Böhmen zugestandcn wird. Von einem Nach- gcben gegenüber dieser Forderung, welche eineKompensation" für die Aufhebung der Sprachenverordnnngen bedeuten soll, kann selbstverständlich nicht die Red- sein. In dem Pfingst- programm der Deutschen ist den Tschechen die tschechische Dicirstsprache in ihren geschlossenen Sprachgebieten zu- gcstanden worden, aber die Demschen verlangen dafür mit vollstem Recht Gegcnkonzessionen, die ihr eigenes Sprachen­gebiet gegen das Eindringen tschechischer Beamten und gegen die Tschechisirungs-Bestrebnngen schützen. Auch ist es eine unbillige und anmaßende Forderung Seitens der Tschechen, daß irgend eine dieser auf die Sprachenfrage bezüglichen Forderungen aus dem Rahmeic der gesetzlichen Regelung dieser Frage heransgerisscn werden soll.

Vielleicht werden es sich die Tschechen anck ernstlich über­legen, ob es räthlich für sie ist, die angedrohle Obstruktion ins Werk zu setzen. Von Seiten der Rechten ist den Tschechen unverblümt klar gemacht ivorden, daß sie im Falle einer solchen fortgesetzten Obstruktion zu einer Lösung der bisherigen Gemeinschaft mit den Tschechen genöthigt sein würden, und in der Thal sind sowohl die Klerikalen wie die Polen außer Stande, eine Politik mit zu machen, deren Endergebniß die Verneinung des gesammten Parlamentaris­mus bedeuten würde. Ein großer Theil der jung- tschechischen Abgeordneten hat auch bereils diese Ge­fahr der Sprengung der bisherigen Mehrheit er­kannt und hegt im Grunde des Herzens keine sonder­liche Neigung zur Obstruktionspolitik. Aber hinter den Jungtschcchen erhebt sich bereits das drohende Gespenst des äußersten Radikalismus, welcher den Jungtschechcn dasselbe Geschick zu bereiten droht, wie es vor einem Jahrzehnt die Jungtschechen den zum Kompromiß gencigien Alttschechen bereitet haben. Zn welcher Taklik sich aber auch die Tschechen entschließen werden, die Deutschen können den jetzt beginnenden Kämpfen mit Zuversicht entgegensetzen, nachdem das oft ver­spottete und mißverstandene Schlagwort von der deutschen Gemcinbürgschaft lebenskräftige Geltung gewonnen und in die entschlossene That umgesctzt worden ist.

Deutsches Reich.

Nach der Kaiserbegcgnnng.

L. Kerli». 7. Mai.

Nachdem Kaiser Franz Josef Berlin verlassen hat, wett­eifern Diejenigen, die unterrichtet sind oder sein mögen, und Jene, die sich als unterrichtet bezeichnen, in Versuchen, den allgemeinen und jedenfalls zutreffenden Eindruck von der Wichtigkeit der stattgehabten Unterredungen durch konkrete Mittheilungen auszufüllcu. Man möchte sich nicht damit begnügen, nur zu wissen und bestätigt zu bekommen,

Ausstellmig sind: die Paläste der Champs-Elysees, dann die Alexander III.-Brücke mit den Bauten der Jnvatiden- Esplanade; anschließend die Straße der fremden Nationen und das linke Seineufer bis zum Marsfelde; darauf das Marsfeld; endlich der Trocadero mit der Kolonial-Abtheilung und zum Schluß das rechte Seineufer mit seinen vielfachen Belustigungen, mit Alt-Paris rc.

Wäre die Ausstellung fertig, so würde ich die verehrten Leser bitten, mit mir durch da§ Hauptportal amKonkordien- platz einzuircten, um die obige Wanderung folgerichtig zu unternehmen; d. h., meine liebenswürdigen Begleiter würden zunächst, wie ich schon so oft, ganz verdutzt vor dem oben genannten Portal stehen bleiben und sich baß wundern, daß ein so geschmackloses, in orientalischem Stil grellbunt er- richretes Ding, wie diese Eingangshalle, in der architektonisch sonst so gelungenen Ausstellung seinen Platz finden konnte, als Gipfel der Geschmacklosigkeit würden sie aber die auf der Kuppel thronende, die Fremden bewillkommnende Gestalt der Stadt Paris betrachten, eine sehr moderne Pariserin mit blauem, schwer herabfallendem, schlafrockähnlichein Theater­mantel. Na, die kleinen Pariserinnen, die so zierlich unten entlangtrippeln, haben keinen Grund zur Eifersucht auf ihre große Landsmännin da oben. Dann würden wir durch die breite, schattige Allee wandern und würden uns an dem schönheitsvollen Anblick erfreuen, den die beiden in gelblichem Sandstein ausgeführtcn Hauptpaläste darbieten, wir würden die Kunstschätze in ihnen bewundern und uns danach über die herrliche Alexanderbrücke zu den das Kunstgewerbe Frank­reichs und der fremden Staaten beherbergenden Palästen der Jnvaliden-Esplanade begeben, aber' das ist eben noch Zu­kunftsmusik, jetzt würden die zarten Füßchen meiner schönen

Fernsprecher No. 52. 1900.

» daß der Dreibund in diesen Berliner Festtagen eine wesent­liche Befestigung erfahren hat; man möchte über das Wie und Was der gepflogenen Konferenzen Bescheid haben, am liebsten gleich über etwaige Abmachungen zwischen den Staatsmännern der befreundeten Reiche. So verständlich diese Wünsche sind, so wenig Vertrauen verdienen die Mittheilungen, die sich jetzt in einigen Blätter» hervorwagcu und in denen so gethan wird, als habe der Berichterstatter mindestens unter dem Konferenztisch zugehört, wenn er nicht gar mit am Tische gesessen hat. Es ist selbstverständlich nicht nur mög­lich, sondern wahrscheinlich, daß beispielsweise die Balkan­fragen im Einzelnen durchgcsprochen worden sind; es ist das Natürlichste von der Welt, daß die beiden Kaiser und ihre verantwortlichen Nathgeber sowohl das Verhältnis; der Dreibnndstaaten zu einander, wie dasjenige des Dreibunds zu den Nachbarmächlcn erörtert haben, aber wer uns das mit der Miene erzählt, eingcweiht zu sei», ver macht sich die Sache leicht und schwer zugleich, Jenes, indem er uns nichtsNeucs berichtet, Dieses, indem er uns etwas berichten will, wovon er bestimmt nicht Kcnutniß haben kann. Man thut somit am besten, diese Geschichten und Geschichtchen, für die bald einbefreundeter Diplomat", bald einStaatsmann in hoher Stellung" zum Gewährsmann gestempelt wird, pttt der erprobten Gleichgültigkeit, die allen solchen Erzeugnissen schwitzenden Fleisches geziemt, bei Seite zu legen. Man muß sich daran genügen lassen und kann es auch, zu wissen, daß die Berliner Begegnung eine bedeutsame Kundgebung der mitteleuropäischen Friedenspolitik darstellt, daß Das­jenige erreich; worden ist, was erreicht werden sollte, und daß die Genngthuung der Staatsoberhäupter wie der beider­seitigen Staatsmänner von den Völkern hüben nnd drüben mit umso größerer Befriedigung ausgenommen werden kann, je sicherer es ist, daß das durchgeführte Werk zur Erhaltung der Ruhe Europas bestimmt ist und diesem Zweck auch vollauf entsprechen wird.

Die Kanalfragc.

Die Kanaivorlage soll nun doch noch in diese»; Monat an das Abgeordnetenhaus gelangen, so erzählen Leute, die behaupten, es bestiu;mt zu wissen. Andere wieder, die sich mit demselben Recht oder Unrecht ans ihre gute Kcnutniß der Verhältnisse berufen, erzählen das gerade Gegenthcil. Solche Widersprüche gehören bei uns zu den allmählich normal gewordenen Erscheinungen. Sie zeigen, daß es in der Regierung nahezu regelmäßig zwei gegeneinander arbeitende Strömungen giebt, deren jede ein begreifliches Interesse daran hat, nach Außen hin zu wirken. So ent­stehenNachrichten", von denen mindestens eine nicht zu- treffcn kann, oft genug aber sind beide falsch, woraus dann wieder mit anmuthiger Beweiskraft folgt, daß die Regierung, da sie nichts Rechtes vor sich bringen konnte, zu dem helden- müthigen Entschluß gelangt ist, zunächst überhaupt nichts zu thun. Heute Zick, morgen Zack, wie Wippchen einmal so schön gesagt hat. Warten wir nur mit Sanftmuth ab, wann die Kanalvorlage kommt! Das Abwarten empfiehlt sich schon darum, weil der preußische Normalmciisch in dieser verzwickten und verfahrenen Sache beim besten Willen nichts Anderes thun kann, als eben abwarlen. Kommt die Kanal- Vorlage jetz; schon, so wird sie natürlich erst im Winter durchbcrathen werden können. Kommt sie jetzt nicht, so

Leserinnen einfach streiken, und manchen wohlverdienlen Vor­wurf bekäme ich zu hören, denn wenn man auch schon draußen umher promeniren kann, falls man sich nickts n»^ enger Brüderschaft mit Skanb nnd Schmutz macht, brim v ist es noch nicht möglich, das ist vor Allein in den Bauten der Jnvaliden-Esplanade nur etwas für Selbst­mord-Kandidaten, die nicht durch eigene Hand ans dem Leben scheiden wollen, sondern durch einige Centuerstücke herabfallenden Gipses, durch ein umpurzelndes Gerüst, durch ein paar gewichtige Kisten, welche (es steht in verschiedenen Sprachen darauf:Achtung! Vorsicht! Nicht stürzen!") plötzlich von irgend woher hcrabgepoltcrt werden.

Also beginnen wir an einer anderen Stelle und wenden wir uns dem Trocadero zu, jenem stolzen Hallengebäude, das der 1878er Weltausstellung zur Zierde gereichte, wobei zu erwähnen ist, daß die jetzige Ausstellnng keinen der­artigenClou", wie diesen in maurischem Stil errichteten Palast, der seinen Namen einem von den Franzosen 1823 bei Cadix genommenen Fort entlehnt, und wie den Eiffel- thurm, besitzt. Von außen treten wir ein, um durch die Gallericen die Treppen hinabzuschreiten, aber wie gebannt bleiben wir stehen, denn von bewegender Großartigkeit ist der Blick auf diesen Theil der Ausstellung: eine ganze Stadt von weißleuchtenden, fremdartigen Gebäuden liegt unter uns, überall ragen Kuppeln, ragen schlanke Minarets und spitze Pagoden auf, lugen zwischen freund­lichen Grün die Giebel bunter Tempel, die Strohdächer der Annam- und Dahomeyhütten heraus, wehen bunte Fahnen und Flaggen, und dahinter, jenseits des breiten silbernen Bandes der Seine, reckt keck der Eiffelthurm seine eisengesponnenen Glieder in die Lüfte, um ihn herum aber