Uiesbaökmr Tsglilstl.
«8. Jahrgang.
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Fernsprecher No. 52.
Sonntag, den 6. War.
Fernsprecher No. 52.
1900.
Politische Uedersicht.
Das Wort „Die Woche fängt gut an" hat diesmal sein Pendant gefunden: „Die Woche hört gut auf!", denn ihr Schluß steht im Zeichen der Festesfreude. In festlicher Stimmung begeht das deiltsche Volk die Feier der Großjährigkeitserklärung seines Kronprinzen und es weilt mit seinen Gedanken und seinen Wünschen bei den glänzenden Festlichkeiten, mit denen diese Feier am deutsche» Kaiserhaus begangen wird. Durch die Betheiligung fast aller europäischen ^ Staaten, welche, um ihre Sympathieen für das Deutsche Reich zu bekunden, Vertreter zu dem Fest entsandt haben, hat sich dasselbe gleichsam zu einer internationalen Fürstenrevue ausgesiallet. Und denKrystallisations- punkt dieser Fürstenrevue bildet der Besuch, den bei dieser Gelegenheit als Vertreter der beiden Dreibnndmächte Kaiser Franz Joseph und der italienische Thronfolger dem deutschen Kaiser und dem deutschen Thronfolger abstatten.
Diese glänzenden Festlichkeiten bilden eine wohlthätige Unterbrechung der eifrigen politischen und parlamentarischen Thätigkeit, in deren Zeichen wir soeben stehen. Denn sowohl im Reichstag wie im Preußischen Landtag wird mit fieberhaftem Eifer gearbeitet, da unter den Parlamentariern eine unverkennbare Parlamentsmüdig- keit Platz gegriffen hat und die Sehnsucht nach einem frühzeitigen Parlamentsschluß überall vorhanden ist. Mit schauderndem Entsetzen gedenkt man in den Kreisen der Parlamentarier an den parlamentarischen Sommer des Mißvergnügens im Vorjahr und die Devise lautet: Vor Pfingsten muß Schluß gemacht werden! Die Hoffnung auf die Berechtigung dieser Devise ist durch den günstigen Gang der Verhandlungen über die Floitenfrage erheblich verstärkt worden, denn daß eine Einigung über die Deckungsfrage erzielt werdenwird,kann,nachdem daSKompromißüberdieFIotlcn-
vorlage selbst gesichert ist. kaum noch zweifelhaft sein. Dagegen haben sich dem Kompromiß in Sachen der Fleischbeschauvorlage, nachdem es schon gesichert zu sein schien, im letzten Augenblick Schwierigkeiten entgegengestellt. Nicht nur will der Bund der Landwirthe unbeugsam sein, sondern auch ein erheblicher Theil der konservativen Partei soll entschlossen sein, dem Kompromiß seine Zustimmung zu versagen. Als letzter Stein des Anstoßes bleibt endlich von den drei Kardinalfragen dieser Session die I«x Heinze, die man von der einen und der anderen Seite noch zu galvanisiren sucht. Aber der Liebe Müh' dürfte umsonst sein. Das Schicksal der lox Heinze scheint besiegelt zu sein, und wenn die Session zu Ende gegangen ist, werden die Väter der lex Heinze Grund zur Klage haben — in ihren Armen das Kind war todt!
Während man in Deutschland beflissen ist, die ParlameutSsesfion möglichst schnell ihrem Ende entgegen- zubringen, schickt man sich in Oesterreich an, die parlamentarische Arbeit aufö Neue zu beginnen. Am 8. Mai beginnt die neue Tagung des Reichsraths, welche die ' Entscheidung über den Sprachengesetzentwurf des Kabinetts Körber bringen soll. Was bisher über diesen Entivurf bekannt geworden ist, läßt ein entscheidendes Urtheil über den Gesetzentwurf nicht zu. Das Eine aber steht schon jetzt fest, daß er die Tschechen nicht befriedigen wird. Freilich, wer hätte denn geglaubt, daß es überhaupt eine Lösung der Sprachenfrage in Oesterreich gäbe, welche das begehrliche und ninimersatte Tschechenthum befriedigen könnte? Zur Zeit nehmen denn auch die Tschechen den Mund so voll wie nur irgend jemals, und sie kündigen bereits die Obstruktion bis aufs Messer an. Wenn sich dies bewahrheitete, so könnte das nur mit Befriedigung begrüßt werden, denn ans keine andere Weise könnte kaum eine schnellere Klärung der verworrenen Parteiverhültnisse in Oesterreich erzielt werden. Die Obstruktion der Tschechen müßte nothwendig zur Sprengung des Parteiverbandes der Rechten führen und dann erst würde eine ernsthafte politische Arbeit in Oesterreich ermöglicht werden. Aber freilich, wir fürchten sehr, daß die Tschechen noch viel Wasser in ihren Wein thuu und versuchen werden, mit Hülfe der diplomatischen Strategie zu erreichen, was sie mit dem Gewaltmittel der Obstruktion sicherlich nicht erlangen könnten.
Obstruktion in noch weit kräftigerem und blutigerem Sinne wird zur Zeit auf dem „pacifizirten" Cuba getrieben. Die Amerikaner haben ausgeprägtes Pech mit ihrer Eroberungspolitik, denn auf den Philippinen stehen ihre Aktien noch immer verteufelt schlecht, und trotz der angeblichen dauernden Siege rücken die Amerikaner dort keinen Zoll breit Boden vorwärts. Zu dieser Sorge tritt jetzt die neue, daß auch der Aufstand auf Cuba, den man schon völlig niedergeschlagen glaubte, aufs Neue entbrannt ist. Sowohl auf Cuba wie auf den Philippinen werden die Amerikaner noch schwere Opfer bringen, bis sie ihres nen erworbenen Besitzes froh zu werden vermögen, und ob das überhaupt in absehbarer Zeit der Fall sein wird, daran wird man immerhin Zweifel hegen dürfen.
In England sieht man mit einer unverkennbaren Schadenfreude, daß auch die amerikanischen „Vettern", welche sich in letzter Zeit wenig vetterlich benommen haben, etwas von den Bitternissen zu kosten haben, welche die Engländer in Südafrika so reichlich zu kosten bekommen. Aber diese Sache hat noch einen tieferen moralischen Hintergrund. Mit je mehr kolonialen Schwierigkeiten die Amerikaner zu thun haben, desto weniger wird Blae Kinlcy naturgemäß geneigt sein, dem Drängen der Volks
stimmung nachzugeben, welche eine Jnterven ti on in dem Kriege zwischen England und den Burenrepublikcn fordert. Auf die Vereinigten Staaten hat die Burenmission, welche soeben Europa unverrichteter Sache verlassen hat, ihre letzten Hoffnungen gesetzt. Aber diese Hoffnungen müssen als höchst zweifelhaft angesehen werden, obwohl der Gegenkandidat Mac Kinleys, Bryan, beflissen ist, die Burenfrenndlichkeit der Amerikaner zu Gunsten seiner Wahl zu benutzen. Sind die Hoffnungen der Buren auf eine Vermittlung gering, so zeigt es sich dagegen, daß die Hoffnungen der Engländer auf einen schnellen und günstigen Fortgang der Kriegsoperationen eitel waren. Thatsüchlich befinden sich die Engländer im Oranje- Freistaat noch immer auf dem alten Fleck, und der zähe Widerstand der Buren ivird die Engländer darüber belehren, daß es sich für sie um einen Feldzug handelt, dessen Dauer und dessen Opfer noch garnicht zu übersehen sind. Die „Spazierfahrt nach Pretoria" hat in Bloemfontein eine Unterbrechung gefunden und wird vor Kronstadt eine neue, voraussichtlich noch schwerere finden, die durch alle Kursbuchberechnungen einen dicken Strich macht.
Aus Stadt und Land.
Wiesbaden. 6. Mai.
- Geschichte Kaie«,der. 6. Mai. 1897: Niederlage der Griechen bei Pdarsalos. 1872: ff Hans, Reichsfreiherr v. Aufjch, Begründer de« gern,. Museums zu Nürnberg. 1882: * Wilhelm, Kronprinz des ' Deutschen Reichs und von Preutzcn. 1888: t Alexander v. Humboldt zu Berlin, ber. Naturforscher. 1850:
* Th. Selbe zu Friedland, Schles., Prof, der Kirchcngcschichte rn Erlangen. 1849: Unterdrückung des Dresdener Aufstandes, 6. ins 9. Mai. 1796: f Adolf Freiherr v. Knigge in Bremen, benihmt dnrch sein Buch „lieber den Uncgang mit Menschen., 17M:
* Ludwig Börne zu Frankfurt a. M.. herv. deutscher Schriftsteller.
1757' ffövnfcpn vvlhpitJsoh
Eroberung
des Feldmarschalls , über Georg Friedrich . durch Truppen Karls V.
o. S. Kgl. Kol,eit der Großherrog von Kochst,r- Wrimor folgte gestern Mittag einer Einladung I. Kgl. Hoheit der Frau Prinzessin Luise zum Diner, machte darauf eine Spazierfahrt nach Souncuberg und besichtigte die Burgruine daselbst Vorgestern empfing der Grotzherzog den Besuch seines Enkels, des Prinzen Heinrich XXXIII. von Reutz, der gestern wieder von hier abgereist ist.
o. Ktratzen-Nrukanten. Das neue Holzpflaster in der Wilheimstraße ist bereits seit Donnerstag Nachmittag fertig und die Arbeiten zur Herstelluiig der Stampsasphalt-Fahrbahn in der Taunus st ratze werden auch in de» nächsten Tagen beendigt werden. Bis zur Qnerstratze ist die ganze Fahrbahn fertig und von da bis zur Röderstraße auch bereits die Hälfte. Die Slratzenbau- Abthcilnng hat ihre Versprechungen, die sie bezüglich der Fertigstellung dieser Arbeiten machte, pünktlich eingelost.
— Klub der Kl,rin- und Kiegertändrr. Mehrere Rheinländer fordern im heutigen Jnseratentheil ihre hier ausastlgen
(Nachdruck verboten.)
Berliner Kniserlage.
2. Kerlin, 4. Mai.
Wie man vor einer Festlichkeit recht sorgfältig Toilette macht, so hatte die Natur sich gestern Abend auch einen recht kräftigen Regenguß bestellt, der gerade hinrcichte, das frische Grün der im Frühlingsschmuck prangenden Bäume noch frischer und saftiger zu machen; daun verzogen sich die dunklen Wolken recht artig, und als Berlin heute Früh auf- stand, da spannte sich ein blauer Himmel über der Stadt und strahlend stieg die Maiensonne auf — Hohenzollernwetter!
Ja, cs war früh, als Berlin aufstand. Wir hasteten um 7 Uhr Morgens nach der Straße „Unter den Linden"; aber trotzdem es erst kurz nach hcüb acht Uhr war, als wir dort eintrafen, finden wir die L-traße dicht gedrängt voll Menschen, die sich nur schwer vom Flecke bewegen. Der große Triumphbogen vor dem Brandenburger Thor macht heute unter den Strahlen der Morgensonue einen noch festlicheren Eindruck wie gestern Nachmittag; jetzt erst entdecken wir auch die zahllosen Glühlümpchen, welche in seinem Grün angebracht sind und die ihn heute Abend bei der Illumination in feenhafter Beleuchtung erstrahlen werden lassen.
Es wird acht Uhr; schon erscheinen schwarzbefrackte Herren auf dem Pariser Platz; Würdenträger sind es aber nicht.es sind nur die Mitglieder der österreichischen Landsmannschaften, die ihren Kaiser hier begrüßen werden, während die Mitglieder der Berliner Kriegervcreine vor dem Brandenburger Thor, in der SiegeLallee Aufstellung nehmen zu beiden Seiten des von dem kaiserlichen Wagen zurückzulegenden Weges. Auch hier, in der Siegesallee, ein Wogen und Drängen, Frauen, Uniformen, duftige Frühjahrstoiletten; ganz Berlin scheint auf den Beinen zu sein, dem Herrscher der verbündeten Reiche den Willkommengruß zu entbieten. In der Bcllevuestraße ist das Gewoge lebensgefährlich; schwer kommt man vorwärts, aber es geht; das Berliner Publikum ist für solche Feiern gut gezogen und verharrt zumeist in musterhafter Ordnung. Der Potsdamer- Platz ist schwarz von Menschen, und alle stehen still und
geduldig, viele schon seit einer Stunde. — Endlich, nach 9 Uhr, giebt es etwas zu sehen; die Leib- eskadrou des Regiments Gardes du Corps erscheint, prachtvolle Gestalten auf Prachtpferden; sie nehmen vor dem Bahnhof Aufstellung, um hernach dem Kaiser Franz Josef beim Einzug in Berlin das Ehrengcicile zu geben. Bald nach ihnen rückt auch die Ehrenwache an, die Leibcompagnie des ersten Garde-Regiments zu Fuß mit ihrer Fahne und der Regimentsmusik; die schneidigen Krieger tragen heute wie die gesummten Garnisonen von Berlin, Spandau und Poiödam Parade-Anzug und ihre hohen, neuen Blechmützen; sie werden vom Publikum besonders begrüßt, weiß es doch, daß sie zu dem Regiment gehöre», in weiches des Deutschen Reiches Kronprinz nach seiner Großjährigkeits-Erklärung als Oberleutnant cintreten wird.
Es ist halb zehn Uhr inzwischen geworden, und nun wird es lebendiger. Wagen auf Wagen rollt heran; es kommen die Generale, die Herren des Allerhöchsten Hauptquartiers, die Flügeladjutantcn des Kaisers, die Prinzen; Punkt halb zehn Uhr erscheint auch der Kronprinz im offenen Wagen, seinen militärischen Erzieher zur Seile. Der Kronprinz schaut ernst drein, wie Jemand, der eine ernste Sache vor hat; gemessen dankt er auf die lebhaftenOvationen des Publikums.
Da — drei Viertel auf zehn Uhr — ein dumpfes Branden von ferne, wie das Branden des aufgewühlten Meeres, und näher und näher kommt es; „der Kaiser!" heißt cs, und mil Sttirmesschnelle pflanzt sich der Ruf fort: „Der Kaiser, der Kaiser!" Tücher flattern; Hurrahrufe dröhnen: von zwei feurigen Rappen gezogen rollt des Kaisers Wagen heran, der den Herrscher und den Prinzen Heinrich mit sich führt. Der Kaiser sah frisch und wohlgelaunt aus; er trug die große österreichisch-ungansche Gcueralsuniform, während Prinz Heinrich in der Uniform eines österreichischen Admirals erschien.
In der Bahnhofshalle hatte unterdeß die Ehrencompagnie Aufstellung genommen, die Prinzen August Wilhelm und Oskar bei der Fahne, der Kronprinz Friedrich Wilhelm aber als Führer des rechten Flügelzuges. Punkt 10 Uhr rollte der Extrazug des kaiserlichen Gastes in die reich geschmückte
Bahnhofshalle ein. Kaum hielt er, als die Thür des Salonwagens sich öffnete und mit jugendlicher Elastizität entstieg ihm Kaiser Franz Josef, auf den Se. Majestät Kaiser Wilhelm alsobald zueille. Die Monarchen umarmlen und küßten sich wiederholt; dann begrüßte Kaiser Franz Josef den Prinzen Heinrich recht herzlich, während Kaiser Wilhelm an die seinen hohen Gast begleitenden Herren, den österreichischen Minister des Auswärtigen, Grafen GoluchowSky, und den Chef des Generalstabes, Feldzeugmeister Freiherr v. Beckh, huldvolle Bcqrüßungsworte richtete. Gleich darauf schritt Kaiser Franz Josef die Front der Ehrencompagnie ab und die Majestäten begaben sich daun in die Stadt.
Der Einzug des Kaisers FrauzJosef inBerlin.
Die Spannung bei der riesigen Menschenmenge, welche den Potsdamerplatz umsäumt, ist aufs Höchste gestiegen; es ist zehn Minuten nach zehn Uhr; jeden Augenblick müssen die Majestäten erscheinen. Obgleich stark gedrängt wird, bleibt Alles doch möglichst gemüthlich; über ein Schorustein- fegeriein, welches sich's auf dem Dach des dem Potsdamer Bahnhofe gegenüberliegenden Hauses recht bequem gemacht hat, wird viel gelacht. Mit schadenfrohen Zurufen werden Diejenigen bedacht, welche auf einer Droschke keck in das Gewühl hineingefahren sind, um von erhöhtem Sitz das Schauspiel zu genießen: der Polizeileutnaut holt sie erbarmungslos herunter, und der findige Droschkenkutscher wird um das reiche Trinkgeld kommen, welches vielleicht nicht einmal hinrcichl, die Ordnungsstrafe zu decken. Im Rücken der Harrenden ertönt Trommel- und Pfeifenklang; da rückt die Ehrencompagnie durch die Köthenerstraße nach dem Lustgarten ab: ein Zeichen, daß die Empfangsfeierlichkeit im Bahnhof vorüber ist, daß die Majestäten sofort kommen müssen.
Run reitet die Eskorte die Auffahrt zum Bahnhofe ab; das ist das Zeichen; jetzt kommen sie; wieder zerreißen vieltausendstimmige Jubelschreie die Luft, flattern die Tücher im Winde, und so schnell folgt der kaiserliche Wagen mit dem hohen Gaste, dem Kaiser und dem Prinzen Heinrich, daß der größte Theil des Publikums ihn gar nicht gewahr wird und noch immer nach den Majestäten ausschaut, als diese längst vorüber sind.
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