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«8. Jahrgan».

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N-. 211.

Fernsprecher No. 52.

Montag, den

Fernsprecher No. 52.

1900 .

Abend »Ausgabe.

Interview mit den außervrdentt. Gesandten des Transvaals und des Drache-Freistaats.

(Original-Bericht.)

Am Oster-Somitag traf im Haag eine Deputation der beiden südafrikanischen Republiken ein, und zwar in einer besonderen Mission; nicht, wie mau berichtet hat, weil ihre Regierungen das Vertrauen zu ihren Gesandten, den Herren Doktoren Leyds und Müller, verloren hätten, sondern weil alle Kabel sich in britischen Händen befinden, und diese Beamten somit überhaupt keine Instruktion von ihren Regierungen erhalten konnten.

Diese außerordentliche Gesandtschaft besteht, was ganz natürlich ist, aus der Elite der südafrikanischen Republiken.

Herr Abraham Fischer hat die Eigenschaft eines außer­ordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministers der beiden Republiken; Herr C. H. Wessels vertritt in derselben Eigenschaft den Oranje - Freistaat und Herr A. D. W. Wolmarans den Transvaal.

Herr Fischer, ein Herr von mittlerer Statur, mit einer schönen breiten Stirn, hat zunächst nichts an sich, was nicht an den Europäer erinnert. Trotz dem weißen Haar und Bart ist er noch nicht fünfzig Jahre alt. Geboren zu Nieuwpoort, wurde er in Kapstadt erzogen und war von Jugend auf wegen seiner Intelligenz, seiner Strebsamkeit und seiner Gradheit bekannt. Nicht allein ist er der bedeutendste Rechtsgelehrte, den sein Vaterland besitzt, er würde auch zu den bedeutendsten in anderen Ländern zählen. In all den verschiedenen Stellungen, welche er bekleidet hat, hat er durch seine Hingabe seinem Vater­land ganz bedeutende Dienste geleistet, und er war cs, der als Dolmetscher thätig war bei der Konferenz, welche am 31. Mai vorigen Jahres zwischen Paul Krüger und Sir Edward Milner staitfand. Wenn man es von irgend Jemand behaupten kann, so kann man es von ihm, daß er „den Ruhm nie gesucht hat, sondern der Ruhm ihn". Er ist gegenwärtig Mitglied des ausführenden Rathes des Oranje- Freistaates und lebt zu Hillandale bei Bloemfontein.

Die Herren Wessels und Wolmarans sind dagegen von hohem Wuchs und breitschultrig. Beide haben gute, scharf­geschnittene Züge, intelligente Köpfe, braune Haare und Bärte. Ersterer hat etwas Humoristisches in seinem Auge, Letzterer hat einen melancholischen Ausdruck; seine braunen Wangen sind von Roth und Leiden gefurcht. Beide haben etwas vom Seemann in ihren Gcsichtszügcn und man könnte sich vorstellen, wie sie am Steuer eines Schiffes in einer stürmischen Nacht gegen die Wuth der Elemente ankämpfen.

Herr Wessels ist gegenwärtig Präsident des Volksraths des Oranje-Freistaats und lebt zu Quaggefontein bei Bloem­fontein. Geboren 1851 zu Winburg, lebte er bis 1872 bei Boshof, und er ist ein schlagender Beweis, zu welcher Höhe der Sohn eines einfachen Farmers mit wenig Schulbildung, aber mit einem klugen und verständigen Kopf es bringen kann. Als Farmer hat er große Erfolge und ist ein Förderer aller Besserungen in jenem Beruf.

Aber noch mehr; er ist ein ausgezeichneter Politiker: er war es, der die Pootchefstroomer Konvention durchsetzte und der stets bestrebt ist, eine engere Union zwischen den verschiedenen südafrikanischen Staaten herbeizuführen und die Erweiterung von Eisenbahnen zu fördern.

Herr Wolmarans ist um zwei Jahre jünger als seine Kollegen und gehört der in Südafrika gut bekannten Familie an, welche stets Stellungen bei der Regierung bekleidet hat. Bis vor Kurzem war er Mitglied des Volksraths von Transvaal und wurde, als sein Bruder starb, zum Mitglied des ausführenden Rathes gewählt. Er wohnt zu Waaiplaatz, vierzig Meilen von Pretoria.

So verschieden diese Männer auch sein mögen, so haben sie dock einen gemeinsamen Charakterzug, nämlich den Stempel der Wahrheit. Wenn ich je Jemaitd auf dieser Welt ge­troffen habe, auf dem das Wort Wahrheit geschrieben stand, so war es bei diesen Männern. Ihnen wäre es ebenso unmöglich, zu lügen, als daß die Sterne am Mittag sichtbar wären.

* *

Am 19. April hatte der Rath unserer Liga eine Audienz bei diesen außerordentlichen Gesandten, um ihnen eine Resolution zu überreichen, welche am vorigen Tage in der Jahres­versammlung gefaßt worden war; eine Resolution, in welcher Sympathie mit den Republiken in diesem schrecklichen Kriege ausgedrückt wurde und in welcher der Deputation Erfolg in ihrer Friedensmission gewünscht wurde.

Ich bemerkte im Anfang, daß, obwohl unsere Devise „Friede durch Gerechtigkeit" ihre volle Sympathie haben dürfte, das der Fall nicht sein dürfte mit dem Namen unserer Liga „für Abrüstung". Darauf erwiderte Herr Fischer etwa Folgendes:

„ Ich kann vor Ihnen stehen, ohne erröthen zu müssen, und darf sagen: das Ziel, welchem Sie zustreben, 1

ist das unsrige. Die Abrüstung ist in unseren Augen durchaus nicht zu verwerfen, und Nichts giebl es, was mehr mit dem Geiste unseres Volkes harmonirt. Wenn wir morgen sicher wären, daß man uns nicht mehr angreifen würde, daß wir in Frieden unsere Unabhängigkeit und Freiheit genießen könnten, so würden wir sofort abrüsten und nie mehr einen Groschen für Waffen und Munition ausgeben, abgesehen von dem, was wir zu unserer Ver- theidigung gegen die Thierwelt und die Eingeborenen brauchen. Dazu waren wir nicht weniger bereit im Oktober wie jetzt im Mai; und erst nach dem Jamesson'schen Ein­fall haben wir Vorräthe an Munition und Waffen gekauft.

Wir haben keine Armee von Soldaten. Wir können keinen einzigen Mann entbehren von den Farmen und dem öffentlichen Leben. Wie wäre eL möglich, daß wir zu den Waffen greifen konnten als zn unserer Vcrtheidigung? Unserem Volk könnten wir keinen größeren Segen bringen, als den Frieden. Jeder Tag, den der Krieg dauert, raubt unseren Frauen und Kindern Unzählige, die ihnen Alles in Allem sind.

Wenn uns Jemand helfen wollte, die Wahrheit bekannt zu machen und jene Lügengespenste vernichten!! Wir haben nie den Krieg gewollt, ebenso wenig wie wir ihn jetzt wünschen. Wir sehnen uns nach dem Frieden, wir flehen um den Frieden, wir wünschen, daß unsere Leute nach Hause kehren können, um ihrer friedlichen Arbeit nach- zugchcn. O, die Leiden unseres Volkes sind schrecklich, sie

schreien gen Himmel! Wir haben genug des Blutvergießens

Wir haben nie angreifen wollen! Wir wurden zu diesem Krieg gezwungen. Der erste Schlag, es ist wahr, wurde von uns, gegeben, aber nur, weil England Truppen an unseren Grenzen ansammclte."

— Ja, sagte Herr Wessels, wir sind erstaunt gewesen, bei unserer Ankunft in den englischen Zeitungen zu lesen, daß wir einen Eroberungskrieg führen. Wenn aber Jemand Einem eine Pistole gegen die Stirn drückt und macht sich zum Schießen fertig, hat man nicht das Recht, abzu­wehren ?

Weiter sagte Herr Fischer: „Wir wünschten stets die Schwierigkeiten durch ein Schiedsgericht zu schlichten, was England recht gut weiß. Wir wa reu zu jeder Konzession bereit, wenn man uns unsere Freiheit u nd Un a bhängigkeit garan- tiren wollte. Man bezichtigte uns einer Verschwörung gegen die Kap-Kolonie. Wenn das wahr wäre, würden wir unsere Freunde ohne Waffen gelassen haben, würden sie bis heute ohne Waffen geblieben sein? Wir können nur negative Beweise bringen, aber England soll mal positive Beweise dagegen bringen? Man bezichtigt uns, Sklaven uns gehalten zu haben. Wenn das der Fall gewesen wäre, was hätte leichter sein können, als einen Sklaven vonkinem Buren kaufen und ihn vorführen als Beweis? Aber Herr Rhodes mit all seinen Millionen hat keinen einzigen Sklaven kaufen können, und gewiß wäre das möglich gewesen, wenn es einen Sklavenhandel gäbe und man von uns Schwarze für Geld hätte kaufen können. Gewiß behandeln wir sie nicht wie Gleichgestellte, sondern wie Kinder, wie Menschen von untergeordneter Intelligenz und Civilisation. Es ist kein wahres Wort an all den Beschuldigungen, die man gegen uns angeführt hat.

„Und die Dum-Dums?" fragte Jemand.

Ich selbst war bei der Schlacht am Spiouskop zugegen und habe auf dem Schlachtfelde Dum-Dum- Geschosse von den Leichen gefallener englischer Soldaten gesammelt, welche ich als Andenken und als Schuldbeweis gegen England aufbemahre. Wenn es uns an Munition gefehlt hat, dann können unsere Leute ab und zu erbeutete Lee-Mctford-Gcwchre und Munition benutzt haben. Wir haben aber nie solche Munition hergestellt, welche überdies zu unseren Mausergewehren nicht paßt.

„Und dürfen wir fragen, weiche Mission Sie haben?"

„Was unsere Mission ist, darf ich nicht sagen. Aber so viel darf ich vcrrathen, sie ist eine FricdenSmission. Wie ich bereits bemerkte, wir wünschen den Frieden sehnlichst und wir hoffen, daß Gott unS helfen wird, den Frieden zu erhallen. Aber abgesehen davon, müssen wir Licht bringen in die Verhältnisse von Anfang au. Die Lügner müssen wir zur Rechenschaft ziehen."

„Haben Sie nie Zweifel über den Ausgang des Krieges?"

In einer Weise und in einem Tone, die mich bis zu meiner innersten Seele ergriffen, antwortete Herr Fischer: „Ueber den Ausgang Zweifel hegen? Wir können nicht zweifeln. So oft hat uns Gott im letzten Augenblick vor dem Untergang gerettet, als Alles verloren schien, daß wir sicher sind, er wird es auch jetzt thun. Helfen Sie mit Ihren Gebeten!"

Einem Andern sagte Herr Wessels: „Es ist besser, nicht zu prophezeien; aber ich versichere Sie, man kann uns be­siegen, aber niemals unterjochen!"

Auf eine Bemerkung hin, daß wir sogar noch mehr Mitleid hätten für die Frauen und Kinder daheim, wie für dieMänncr auf dem Schlachtfeld, antwortete Herr Wolmarans in einem Ton, aus welchem sich die große Liebe dieses

Volks zur Heimath bemerkbar machte: er sprach davon, wie die Frauen für die Farmen sorgten, wie sie ihre Männer, Brüder und Söhne ermulhigtcn, auszuhalten; ihre Liebe für Unabhängigkeit sei gerade so groß, wie bei den Männern; hielten diese aus auf dem Schlachtfeld, so sei dies zum großen Thcil den Frauen zu verdanken.

Nichts Rührenderes kann es geben, als diese sonst schweig­samen ernsten Männer zu hören. Ihren Ruhm, sowie ihre übermenschlichen Leiden beweisen sie mehr durch ihr Ver­halten, als durch ihre Sprache. Durch nichts könnten Jene, welche die beiden Republiken zum Krieg zwangen, sich mehr getadelt fühlen, als wenn sic diese eruslenMänner mir einer so tiefen Ueberzcugung von ihrer Friedensliebe reden hören könnten.

So sprachen diese Männer zu uns, die ausgesandt find, um der Welt die Wahrheit mitzutheile», und um ihrem Land Frieden zu verschaffen. Dieses ist es auch, was sie Andern sagten bei anderen Besprechungen. Wie konnte es auch anders sein? Hat die Wahrheit zwei Stimmen? Nein, sie hat nur eine Stimme, eine schlichte Sprache.

O, wollte doch England seine Ohren dieser Stimme öffnen, mit diesem schrecklichen Krieg aufhören und aufhören nach neuen Mitteln zu suchen, um diese edlen, tapferen, kleinen Länder zu vernichten. O, wollte doch die ganze Welt es hören und wie ein Mann aufstehen, um England llanäs oll! zuzurufen.

Solange wir uns nur auf Telegramme verlassen mußten, konnten wir in der Sache nicht sicher sein; jetzt aber haben mir diesen Männern gegenüber gestanden, Auge auf Auge gerichtet, Hand in Hand, welche Zeugen von Thatsachcn sind.

Wer diese geschriebenen Worte nicht glaubt, der gehe hin und lasse sie sich von denselben Lippen wiederholen, von denen wir sie haben; er wird zurückkehren mit derselben Ueber- zeugung wie mir: „Wahrhaftig, das sind wahre Männer; die Unwahrheit kennen sie nicht."

B. de Waszkleiwicz, Präsident der Niederländischen Frauenliga für internationale Abrüstung. B. A. L. Dudok van Hcel, Schatzmeister. F. T. Belinfauie, Schriftführer. C. de Rcrce Tot Babbcrich van Hauten. Mary van Dyk. M. M G. Maarschalk.

Haag, 1. Mai 1900.

Das Vorstehende, welches ich aus der Urschrift übersetzt habe, bringe ich hiermit zur allgemeinen Kenntniß.

t cute Abend 8'k Uhr im „Taunus-Hotel" Iahresversammlnug. ür den Vorstand der „Wiesbadener Gesellschaft für Friedens­freunde": Gras A. v. Bothmer, Vorsitzender.

Hcutsches Reich.

Zur Berliner Kaiserwoche.

In politischen Kreisen wird außerordcutliche Befriedigung über den Verlauf der Berliner Kaisertagc kundgegeben. Bei der innigen Freundschaft, die die beiden Kaiser verknüpft, war es zwar selbstverständlich, daß alle ihre Acußerungen in Reden und Verleihungsakten dies herzliche Verhältniß nur wiederholt vor der europäischen Oeffenilirhkeit bekräftigen konnten. Indessen ist in diesen Tagen hier Vielerlei ge­schehen, woniit der Rahmen sogar dessen überschritten wurde, was eine berechtigte Erwartung eben erwarten durfte. Die Trinksprüche beim Galadiner vom Freitag sind wohl die stärksten bisher erlebten Bekundungen der unerschütterlichen Festigkeit des Dreibundes, und in diesem Sinne werden die beiden Kaiserrcden auch vollauf gewürdigt. Wer etwa irgendwo außerhalb der Drcibundstaaten und -Völker mit der kecken Vorstellung gespielt haben sollte, daß eines Tages dies Bollwerk des europäischen Friedens zerfallen und von einer neue» Mächte-Gruppirung abgelöst werden könnte, der wird nunmehr missen, durch den Mund der Kaiser selber, daß er seine Hoffnungen schleunigst einzusargen hat. Der Dreibund bleibt, was er mar und ist, eine Bürgschaft für die Erhaltung der Ruhe unseres Welttheils.

Rechte und Bund.

Die Konservativen und die Bündler streiten sich vor der Oeffentlichkeit weiter herum, und sie finden ja auch ein gläubiges Publikum, das diese Katzbalgereien ernst nimmt und nicht von der Erwartung einer gründlichen und dauernden Auseinandersetzung zwischen beiden Richtungen lassen will. Diese Neigung, um nicht zu sagen Sehnsucht, die kleinen liebenswürdigen Zwistigkeiten in jenem Lager weit über das gebotene Maß hinaus zu bewcrthen, dünkt uns eine jener Unbegreiflichkeiten zu sein, die sich mitten im normalen Verlaufe des politischen Lebens zuweilen aufthun. Die bevorstehenden Verhandlungen und Abstimmuugen über das Fleischbeschau­gesetz werden zeigen, daß Konservative und Bündler nach wie vor eins und dasselbe sind. Gewiß, die Bnndesleitung verlangt mehr als der Elfer-Ausschuß der Rechten, und auch daS mag zutreffen, daß einige Führer der konservativen Fraktion, die von Rechts wegen zum Elfer-Ausschuß halten sollten, in diesem Falle die schärfere Tonart bevorzugen und für das unbedingte Verbot ausländischer Fleischeinfuhr schwärmen. Aber wiederholt fragen wir: Wie kann man nur glauben, daß um dieser Meinungsverschiedenheiten willen