I. Sei läge nun Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 206. Morgen-Ausgabe. Freitag» de« 4. Mai. 48. Jahrgang. 1900.
(26. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Mn Frühlingstraum.
Nomau von Johannes tmn Aewakk.
Wunderbar, wie mir das Herz pochte, den Namen Addas neunen zu hören, wie Gefühle in meiner Brust erwachten, die ich längst erstorben glaubte! Glimmte es noch immer unter der Asche? — Hatte sich ihr schönes treuloses Bild verborgen in einer mir unbekannten Falte meines Herzens?!
-Thorheit,-eine leichte Aufwallung, — was
geht mich Mistretz Blunt an, mag sie leben und glücklich sein!
Margot schaute aufmerksam zu mir herüber. Sie satz gegen das Licht, ihr Gesicht war im Halbschatten, aber ihre Augen sah ich leuchten.
„Also in Trouville?" frug ich möglichst gleichgültig.
„Ja, seit etwa vier Wochen."
„Und Onkel Blunt, ist er noch immer derselbe?" frug ich, mich zum Lächeln zwingend, — „Sie wissen wohl, Margot," und ich zog die Augenbrauen empor, — „eins, zwei, drei, — keine Hexerei?"
„Er ist noch ganz derselbe."
„Und zeigt er sein weitzes Meerschweinchen nun wirklich herum und ist es noch so hübsch wie damals?"
„0 mon ami, spotten Sie nicht, es kommt Ihnen doch nicht vom Herzen. — Adda ist eine Weltdame geworden, sie macht ein großes HauL und wird sehr bewundert und umschwärmt, ihr Mann küßt ihr den Pantoffel. Sie würden Sie kaum wiedererkcnnen, aber ich bin überzeugt, die neue Adda würde Sie zu ebensolchen Thorheiten verleiten wie die alte."
„Meinen Sie, Margot?" erwiderte ich ein wenig zweifelhaft.
„Ja, Adda hat sich sehr verändert, das Pariser Klima hat die zarte, liebliche Pflanze ganz eigcnthümlich entwickelt, aber sie ist schöner wie je. Manchmal möchte ich es fast bedauern, daß ich so wenig mit Adda zusammenkomme, aber sie ist eine kemms äu wende, sie schreitet ein wenig an der Spitze der Civilisation, und ich bin nur eine ganz bescheidene kleine Bourgoise; das Leben in ihrem Hause patzt nicht für mich."
Ich lachte und das Gespräch wurde vorläufig beendet.
Ich weiß es nicht, ich hatte immer bei demselben das Gefühl, daß mir Margot viel mehr verschwieg, als sie mir mittheilte. — Ich glaube fast, sie hielt mich noch für einen Liebeskranken. Sie studirte und sondirte mein Gemüth und den Grad meines Leidens in ihrer theilnehmenden, liebenswürdigen Weise; wenigstens ruhte ihr kluges Auge oft und heimlich forschend auf mir. Sie begann niemals zuerst von Adda zu sprechen, auch schien es mir bisweilen, als wäre sie stiller und nachdenklicher, als sonst ihre Gewohnheit war.
Desto mehr beschäftigte mich ganz wider meinen Willen das, was ich gehört hatte. Gerade diese halben Andeutungen Margots regten mich auf und einzelne Bemerkungen über Mistreß Blunt aus dem Munde der alten Damen waren, geradezu alarmirend für mich. Diese schienen einen Verkehr ihrer Nichte mit Mistreß Blunt geradezu für unmöglich zu halten.
Infolge dessen begann ich meinerseits immer häufiger von Adda zu sprechen, mit einer fast krankhaften Sucht.
Margot hörte mir geduldig zu, sie beantwortete meine Fragen und ging auf das Thema ein, aber sie wußte gewandt meine Gedanken immer kaum merklich von demselben wieder abznziehen, sie verstand es, mich zu beruhigen und wieder heiterer zu machen, mich zur Arbeit und zum Genüsse anzuregen.
Es begann damals der alte Kampf aufs Neue in mir, in welchem sie mein treuer, stillschweigender Bundesgenosse war.
Es war ganz merkwürdig, welch ein liebes, echt deutsches Frauengcmüth in dieser kleinen, lebhaften Französin stak, wie die Jahre, in Deutschland zugebracht, so schöne Früchte an ihr trugen; in ihr waren die Vorzüge beider Nationen gleichsam zu einem Ganzen harmonisch vereinigt.
So verging die Zeit und der Herbst kam mit seinen sonnigen, prachtvollen Tagen, das Laub begann ganz leise sich zu färben, die Hitze ließ nach und die erfrischende, sanft durchwärmte Luft zog hinaus ins Freie, in den Wald.
Es war an einem Sonnabende, als wir in größerer Gesellschaft einen Ausflug unternahmen ins Bois de Vincennes.
Wir fuhren mit der Eisenbahn nach Nogent sur Marne, dejeunirten in der Porte-Jcanne und lustwandelten später durch den Park.
Es war ein entzückender, sonniger Tag, das Holz wimmelte von Menschen und Equipagen.
Margot, in einem grauen Kleide, einfach und doch zuni Verwundern elegant und kokett, mit wehendem Schleier, ging neben mir her, einen großen selbstgepflückten Blumenstrauß in der Hand.
Wir waren beim Sammeln desselben ein wenig ab- gekommen von unserer Gesellschaft und beeilten uns nun, diese wieder einzuholen. Wir kreuzten dabei einige der größeren Straßen, auf welcher ganze Reihen von Wagen aller Art vorüberbrausten.
Ich bemerkte cs ganz zufällig, als wir einen Augenblick wartend hier standen, um eine Gelegenheit zum Passiren der Straße zu finden, wie Margot durch die Stämme der Bäume hindurch einem eleganten Brougham nachschaute, der bereits an uns vorübergefahren war, und wie sie ein wenig erschrak.
Später im Laufe des Gesprächs fragte sie mich plötzlich ganz außer Zusammenhang: „Natürlich werden Sic doch Blunts einen Besuch machen?"
„Wie kommen Sie gerade jetzt auf diesen Gedanken, Margot?" frug ich erstaunt; „Blunts sind ja überdies noch in Tronville."
„Nein, sie sind zurück," erwiderte sie kurz.
Erst viel, viel später kam es mir wieder in den Sinn, wie zaudernd sie dies gesprochen hatte und wie sie es vermied, mich dabet anzusehen.
„Adda in Paris?!" rief ich.
Wie mir der Athem stockte!
Wie das mich packte und aufrcgte in meinem Innern, wie es alle die alten Erinnerungen und Gefühle mit einem Male wieder wachrief!
Wie schwach ist doch so ein armes Menschenherz gegen seine Leidenschaften, wie elend, erbärmlich und gebrechlich ist sein Wille!
Ich war ganz aufgeregt. Es trat eine Pause ein in unserem Gespräch.
„Sie werden sich sehr freuen, Sie wiederzusehen," bemerkte Margot zuerst wieder.
„Meinen Sie das wirklich? meinen Sie, daß ich hingehen soll?"
„Ich halte dies für selbstverständlich, Monsieur, — Adda würde es Ihnen nie vergeben, wenn Sie nicht zu ihr kämen,
sie nicht aufsuchten.-Sie intercssirt sich immer noch
lebhaft für Sie, ich weiß das."
Ich wurde glühend roth.
Margot blickte zur Erde und stieß im Gehen mit dem langen Stiele ihres Sonnenschirmes kleine Löcher in den Sand. Ich sah sie verstohlen an, sie war ganz anders heute wie sonst, ihre Stimme hatte gar nicht ihren warmen, fröhlichen Klang. — Was lag ihr daran, ob ich zu Adda ging? — Fürchtete sie, ich würde wieder wie sonst gefesselt werden von deren Reizen, würde vor ihren Triumphwagen mich spannen und wie ein Sklave zu ihren Füßen ruhen! — War Margot vielleicht gar ein wenig eifersüchtig, nach Fraucnart, wollte sie den Jugendfreund ganz für sich behalten? — Doch welch thörichter Gedanke, so etwas lag gar nicht in Margots großherzigem Naturell.
Ich beobachtete sie verstohlen, — aber der wehende Schleier verbarg mir ihre Gesichtsznge.
Sie ließ eine Blume fallen. — Ich hob sie auf und gab sie ihr. Sie lächelte mich freundlich an, und einem plötzlichen Impulse folgend, steckte sie mir dieselbe ins Knopfloch.
Ihr Gesicht war plötzlich wieder sonnig.
„Sie wissen doch, wo Blunts wohnen?" frug sie nach einem Weilchen und dieses Mal in ihrer gewohnten Weise. „In den Champs Elysees, Rue Galilee Nr. 9 glaube ich."
Hiemit hatten wir unsere Gesellschaft cingeholt und wurden sogleich von dieser ins Gespräch gezogen. Baron Viroslö machte einen kleinen sarkastischen Scherz über die Sternblume an meinem Rocke, Margot überhörte ihn aber.
Baron Viroflo machte augenscheinlich Margot angelegentlich den Hof, und ich war zweifelhaft, ob ihr dieses lieb oder unlieb war; jedenfalls war er häufig um sie, im Hause und auch draußen bei den kleinen Ausflügen. Für mich hatte er wenig Sympathisches, er war etwas geckenhaft und gefiel sich darin, blasirt zu erscheinen.
Als wir in Vincennes anlangten, benützte ich eine Gelegenheit, um Margot mit ihm zu necken:
„Ei, ei, mit dem Baron scheint es mir nicht richtig, — finden Sie nicht auch, daß er Ihnen sehr den Hof macht?"
„Nun, wäre das etwa so unerhört?" frug sie zurück, mich, ohne zu erröthcn, schalkhaft anblickend.
„Also er gefällt Ihnen?"
„Habe ich das gesagt? — Er ist ein achtbarer Miger Mann und ganz weitläufig mit uns verwandt, aber er ist wie alle die Anderen."
In Vincennes nahmen wir die Eisenbahn und fubren heim.
* * *
Am nächsten Abend war Margots erste Frage:
„Nun, — waren Sie bei Blunts?"
Ich wurde etwas verlegen und sagte nein.
„Ich glaube gar, Sic fürchten sich, Adda wiederzusehen,' sprach sie, ihre klugen Augen ernst zu mir aufschlagend.
(Fortsetzung solgt.)
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