(25. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gin Friitzliilgslrimm.
Nomau von Johannes van Aewass.
Wissen Sie wohl noch, wie wir damals im zoologischen Karten hinter den Büschen uns versteckten, unterbrach sie sich dann, schalkhaft lächelnd, „wie die ganze Pension an uns- vorübcrzog und Sie solche Angst hatten, ich wurde
Strafe bekommen, weil ich davongelaufen war?-—
D die schöne Zeit!" sie lachte ihr herzliches Lachen — „da sahen wir uns zum letzten Male."
Ich nickte ihr zu.
„Ja, damals trugen Sie noch Locken und ein kurzes, schwarzes Kaschmirklcidchen," neckte ich sie.
„Ja, und schiefgetretene Absätze, weshalb Sie mich immer ausl'achten und mir weis machen wollten, das käme daher, weil die Erde rund ist," half sie nach.
„Und wie ist jenes Pensionsabenleuer abgelaufen?"
„O, ganz passabel. — Ich half mir heraus, so gut es gehen wollte; ich hatte Nasenbluten bekommen oder etwas dergleichen, — ich kam mit zwei Nullen und einer tüchtigen Strafpredigt noch ziemlich gut davon. Die Wahrheit ahnte ja doch Niemand."
Margot wandte sich nun zu ihren Tanten und erzählte ihnen mit kurzen Worten unser Abenteuer von damals, und als die guten Tanten etwas erschrocken schienen, rief sie
lachend:
„0 mes petites tantes, es war nicht halb so schlimm, als Sie denken, denn erstens war ich damals noch nicht vierzehn Jahre alt und sodann war Monsieur ein armer Invalide mit einer Schußwunde im Arme und noch einer anderen, viel tieferen Wunde im Herzen."
Ich erröthete und man lachte mich deshalb aus.
Der Baron von Viroflö schien nicht sehr entzückt über dieses Auskramen von alten Erinnerungen; ich glaube, er machte Fräulein Margot den Hof und fühlte sich etwas bei Seite geschoben durch mein plötzliches Eindringen in den kleinen Kreis. Er zupfte viel an seinen Handschuhen und lächelte etwas gezwungen; die beiden Tanten aber waren die Güte selbst und schienen sich sehr zu amüsiren über Margots drollige Art, zu erzählen.
Eine Stunde verstrich so und mich bäuchte, es wären nur kurze Minuten gewesen.
Glücklicherweise fiel mir meine Verabredung mit Herrn Jules Bonneville zur rechten Zeit ein. Ich erhob mich und empfahl mich den Damen; ehe ich aber ging, mußte ich denselben noch versprechen, sie zu besuchen, und natürlich sagte ich mit der lebhaftesten Freude zu.
„Das ist also Margot, meine kleine Margot! O, wie groß und schön sie geworden ist, und wie sie gut und ungekünstelt blieb, ganz wie sonst!" So dachte ich, als ich langsam hinüberging zum Bahnhofe.
Die Gestalt meiner kleinen Braut von ehemals stand wieder lebhaft vor meinem Geiste, ich sah wieder das kleine, magere, bewegliche Mädchen mit den spitzen Ellenbogen, den wirren Locken, und das chiffonnirte Gesichtchen mit den klugen, schelmischen Augen, die vor Lebenslust und Schabernack blitzten. Und dann dachte ich wieder an die Margot, die ich soeben verließ, an diese fesselnde, reizende Erscheinung, an
ihre schlanke, graziös gerundete Gestalt, an das liebliche,
geistreiche Gesicht mit den herrlichen, schimmernden Augen und den glatt gescheitelten Haaren.
Welche Veränderungen hatten doch drei Jahre bei ihr hervorgebracht! Aus dem Kinde mar eine junge Dame geworden, die Glieder halten sich gestreckt und gefüllt, die braune Haut war weiß und glänzend geworden, die eckigen Beivegungen graziös und edel. Und doch war es noch ganz die alte Margot, so herzlich und offen war ihr Benehmen, so warm und wohlthnend hatten ihre Augen dem Freunde entgegengelächelt.
O wie dankbar war ich meinem guten Stern, daß er mich mit ihr zusammengeführt hatte!
Ich war in einer wohlthuendcn freudigen Bewegung.
Seit so langen Monaten hatte ich nur fremde, meist gleichgültige Gesichter gesehen, hatte ich wenig oder gar nicht mit Frauen verkehrt, und nun traf ich hier in der Fremde das freundliche, liebliche Mädchen; eS war just, als hätte sie mir ein Stückchen Heimath mitten in mein Wanderleben hineinqczaubcrt.-
Da brauste der Pariser Zug heran, fröhliche Menschen stiegen heraus und ich winkte schon von Weitem meinem Bekannten mit der Hand ein Willkommen zu.-
„Seltsam," dachte ich, als ich am Abend in meinem Bette liegend das Erlebte noch einmal überdachte, „daß wir kein Wort von Adda sprachen!"
Ich erinnere mich nicht, jemals so unruhig geschlafen zu haben, als in der folgenden Nacht. — Mir war es im Traume, als würde mit allen Glocken geläutet und als schwömnie ich ans weitem Meere im Sonnenschein umher. — Im Herzen und Gemnthe war mir dabei so wohl und ahnungsvoll zu Mnthe, wie einem Kinde vor Weihnachten/
Elftes Kapitel.
Das Leben hatte nun mit einem Male einen ganz neuen Reiz für mich gewonnen, ich hatte hier in Paris eine Familie gefunden, in deren Mitte ich mich bald zu Hause fühlte, ich hatte Margot, mit welcher ich mich aussprechen konnte, die herzlichen Antheil an mir nahm und die bemüht war, mir in ihrem Vaterlande gewissermaßen die Honneurs zu machen.
Ja, wenn ich zu Margot kam, dann war allezeit Sonnenschein.
So freundlich hatte sie es mir heimisch gemacht in ihrem kleinen häuslichen Kreise, so viel Gutes hatte sic den Tanten von mir berichtet!
Da saß ich denn oftmals des Abends bei schlechtem Wetter in dem hübschen Salon, mit seinen tausend überflüssigen Sachen und spielte eine Partie Piguet oder L'Hombre mit den Frauen und wurde nach vierzehn Tagen schon so sehr zur Familie gerechnet, daß man ganz gegen französische Sitte, — die gegen unverheirathete Damen sehr streng ist, — mir bisweilen gestattete, Margot zu einem kurzen Spaziergang abzuholen. Ich vermuthe übrigens, daß Margot ihren Tanten gesagt hatte, dies sei deutscher Brauch, um ihnen die überflüssigen Bedenken ans dem Sinne zu schlagen.
Ja, es waren glückliche, heitere Tage. — Ich arbeitete mit noch einmal so viel Eifer und Vergnügen, ich stndirte noch einmal so gern, Margot nahm ja Theil an meinen Studien wie an meinen Zerstreuungen, ich hatte ja Jemanden,
dem meine Erfolge Freude machten, mit dem ich sprechen konnte über das, was mich interessirte. Und wie schnell sie Alles begriff, wie erstaunt ich oft war über ihr richtiges Urtheil und über ihren geläuterten Geschmack.
O schöne Zeit, wenn wir hiuausgingen oder «fuhren, allein oder mit den guten alten Tanten, um dieses oder jenes Bauwerk zu besichtigen; eS war allemal ein Fest für mich. Oder wenn wir Beide unsere kleinen Streifpartieen machten über die Boulevards, durch die Parks, glücklich wie die Kinder, und an den Regentagen znsammenhocklcn, über meine Mappen gebeugt, und ich ihr von Spanien und Italien erzählte, oder mit ihr von den alten Zeiten plauderte.
Wir merkten es dann gar nicht, wie die Stunden verstrichen.
Bald war mir Margot so ganz wie eine liebe, traute Schwester, wie ein thcilnehmender Freund, ich war stolz auf ihre Schönheit, ihre echt weibliche Grazie und ihren feinen, lebhaften Geist, — es steckte ein genialer, warmherziger Zug in dem Mädchen, der erfrischend und anregend auf mich zurückwirkte. — „O wenn es doch immer so bleiben könnte!" dachte ich manch' liebes Mal.
Eigenlhümlich war es, wie Jedes es vermieden hatte, den Namen Addas zu nennen in den ersten Tagen nach unsereni Wiederfiude». Ich war so glücklich, daß ich mich scheute, einen Mißklang in mcineni Innern zu erwecke», eine alte Wunde zu berühren, und Margot mochte es wohl wissen, wie unglücklich mich meine Liebe jahrelang gemacht hakte, wie sic mich hinausgestoßcn in die Welt, und aus Zartgefühl vermied sie es vorsichtig, mich an etwas zu erinnern, was mich aufregen konnte. Auf die Dauer aber wurde ein solches Umgehen unmöglich, ich nahm mir eines Tages ein Herz und frug:
„Und wie geht es Adda, — haben Sie lange nichts von
Mistreß Blunt gehört?"
Margot warf mir einen schnellen, halb forschenden, halb besorgten Blick zu und erwiderte:
„Sie wissen doch, daß BInnts hier in Paris wohnen?"
Ich sah gewiß sehr erstaunt aus, denn sie fuhr sogleich lebhafter fort: „Nicht? - Aber, mein Gott, wie ist das möglich, haben Sie nie davon gehört?"
„Niemals," antwortete ich, „es ist das Erste, was ich erfahre."
Es war doch ein ganz eigenthümliches Gefühl, so plötzlich zu wissen, daß Adda mir so nahe sei. — Margot schien es unbegreiflich, daß ich nicht einmal Addas Wohnort kannte.
„Also Sie kümmern sich um gar nichts, was in der Welt vorgeht?" rief sie, „aber das ist ja ganz unglaublich, Herr Wagner. — Nun, sie ließen sich hier bald nach ihrer Hochzeit'nieder. Im vorigen Winter besuchte ich Adda einige Male, aber sie niacht ein großes Haus und wir leben ganz eingezogen, so kommt es denn, daß wir eigentlich recht selten einander begegnen. Wir leben eben in ganz verschiedenen Kreisen, das heißt hier in Paris so viel als: der Eine wohnt bei den Chinesen, der Andere am Kap der guten Hoffnung."
Es fiel mir auf, daß Margot nicht so offen heraus sprach wie sonst.
„Augenblicklich sind Bluicts in Trouville," fügte sie noch
(Fortsetzung folgt.)
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