«8. Jayrgang.
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Ml». 203. Fernsprecher No. 52.
flbend"Aysgabe.
Der Kesuch des Kaisers Frnrr; Josef.
Das Fest der Großjährigkeitserklärung des deutschen Kronprinzen, weiches das deutsche Kaiserhaus und das deutsche Volk am 6. dieses MonatS in feierlich-freudiger Stimmung begehen wird, gestaltet sich durch die begleitenden Umstände zu einem Ereigniß von hervorragender, nicht nur national- politischer, sondern internationalpolilischer Bedeutung. Denn durch die stattliche Anzahl der zu dem Fest erscheinenden erlauchten Gäste wird dieses Fest gleichsam den Charakter eines internationalen FnrstenkongresseL tragen. Der greise Kaiser Franz Josef hat cs sich nicht nehmen lassen, daö uns verbündete Oesterreich-Ungarn auf dem Feste in eigener Person zu vertreten. Dasdrilte Mitglied desDreibunds, Italien, Halden italienischen Kronprinzen als Vertretcrzu dem Fest entsandt und auch von Rußland und England sind fürstliche Abgesandte zur Vertretung ihrer Höfe und ihrer Staaten zu der festlichen Feier in Berlin dclegirt worden. Von den übrigen kleineren europäischen Mächten haben bereits Schweden und Norwegen, Dänemark, Belgien, Holland, Portugal und Nnmänicn ihre Vertreter zu den Festlichkeiten an dem Berliner Hof angcmeldet, sodaß von den nennens- werthen europäischen Staaten Frankreich nahezu der einzige sein dürfte, welcher bei dieser gleichsam zu einem internationalen Fest erweiterten deutschen Nationalfeier nicht vertreten sein wird.
Seine international-politische Bedentung erhält das Fest der Großjährigkeitserklärung unseres Kronprinzen in erster Linie durch den Besuch des Kaisers Franz Josef. Es ist zu Unrecht behauptet morden, daß dieser Besuch bestimmte politische Zwecke verfolge, welche man insbesondere mit mancherlei Vorgängen auf dem Balkan in Verbindung zu bringen suchte. Aber wenn der Besuch auch keine politischen Zwecke verfolgt, so kommt ihm nichtsdestoweniger eine hervorragende politische Bedeutung bei, die ihn weit über den Rahmen eines fürstlichen Familienereignisses hinanöhebt. Kaiser Franz Josef kommt zu uns als der Herrscher des uns eng befreundeten und verbündeten Reiches, und sein Besuch bedeutet in einer Zeit, wo mancherlei Ereignisse eine Abschwächung des engen Freundschaftsverhältnisses zwischen Deusichland und Oesterreich-Ungarn befürchten zu lassen schienen, eine neue Bekräftigung dieses Verhältnisses und eine Kundgebung an alle Mächte, daß dies Ver- hältniß unerschüttcrt und ungeschmälert fortbestcht. Und die Hoffnung erscheint als begründet, daß dies auch in Zukunft der Fall sein wird, denn beide Länder sind durch eine enge Gemeinschaft der Interessen mit einander verbunden und durch die geschichtliche Entwicklung, durch die Gestaltung der politischen Verhältnisse in Europa gleichsam auf einander angewiesen. Oesterreich-Ungarn verdankt dem Bündniß mit Deutschland und im weiteren Sinne dcmDreibundverhältniß seine Machtstellung und seine ungestörte Entwicklung. Nicht minder aber ist es nach einem noch heute in voller Gültigkeit befindlichen Ausspruchs des Fürsten Bismarck ein Lebensinteresse für das Deutsche Reich, daß Oesterreich-Ungarn als Großmacht erhalten bleibe.
Wir sagten, daß mancherlei Ereignisse der letzten Zeit
Mittwoch, den 2. Mai.
den Anschein erwecken konnten, als ob das enge Verhältniß zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn in einer Lockerung begriffen sei. Die unselige Politik, welche die österreichischen Regierungen im Laufe der letzten Jahre verfolgten und deren Endziel die Zurückdräugung und Unterdrückung^ des Deutschthnms bildete, welches doch das in erster Linie staatserhaltende Element in Oesterreich darstcllt, ist in Deutschland mit Unwillen und mit Erbitterung verfolgt worden, und es wäre unvermeidlich gewesen, daß eine solche selbstmörderische Politik auf die Dauer das enge Band zwischen den beiden verbündeten Reichen gelockert hätte. Wenn auch durch die geschichtliche Entwicklung das politische Band zwischen Deutschland und Oesterreich zerrissen worden ist, so bestehen doch die Baude der Sprache, des Geistes, des Gcmüths und der gemeinsamen Kultur fort und das deutsche Volk verfolgt mit stärkster Anthciluahme den Kampf, welchen die 8 Millionen Deutschen zwischen der Leitha und dem Vodensce führen, um sich ihr Deutschthnm und die ihnen gebührende erste Stellung in dem vielsprachigen Kaiserreich an der Donau zu erhallen.
Mit aufrichtiger Freude hat es daher das deutsche Volk wahrgeuommcu, daß neuerdings in diesen Kämpfen eine für das Deutschthnm günstige Wendung eingetrelen ist, die hoffentlich von Dauer sein wird. Das Kabinett Körber ist im Gegensatz zu seinen Vorgängern, welche wähnten, daß sie sich auf die Tschechen, diese staatszerstörcndcn Elemente, diese grimmigen Gegner des Dcutschthums und des Dreibunds, stützen könnten, von der Uebcrzeugung durchdrungen, daß die Deutschen in Oesterreich die Träger der Kultur wie die Träger des österreichisch-ungarischen Slaalsgcdaukcns sind, der ohne die Thätigkeit des.Deutschthumsniemals hätte verwirklicht werden können. Aber auch von dem Kaiser Franz Josef weiß man, daß er von dieser Ueberzeugung erfüllt ist und daß er in seinem Herzen niemals die staatszerstörendc, deutschfeindliche Politik gebilligt hat, welche die österreichischen Kabinette als höchsten Ausfluß ihrer politischen Weisheit erachtet hatten. Neben der kampfmuthigen Entschlossenheit des Deuischlhiims, die ihm gebührende Stellung im Donaurciche zu behaupten, gründen sich die Hoffnungen, daß es in Oesterreich für die Deutschen endlich und endgültig besser wird, in .erster Linie auf die Staatsklugheit und auf die deutsche Gesinnung des Kaisers Franz Josef. Und deshalb darf Kaiser Franz Josef, dieser deutsche Fürst, sicher sein, nicht nur am deutschen Kaiserhofe, sondern nicht minder beim deutschen Volk einen herzlichen, einen begeisterten Empfang zu fiitdeu. _ p.
Deutsches Arich.
Zur F l o t t e n v o r I a g e.
L. Berlin, 1. Mai.
Die heutige Bcrathung der Budgetkommission über die Deckungsfrage gestaltete sich zu einem ziemlich heiteren Drama, um nicht zu sagen zu einer Komödie. Zunächst erklärte Herr v. Thielmann, die verbündeten Regierungen seien zum nachdrücklichen Schutze der deutschen Landwirth- schafk bei Ausarbeitung des neuen Zolltarifs entschlossen; spezielle Erklärungen aber könnten naturgemäß erst nach Vollendung der Vorarbeiten gegeben werden. An dieser
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Erklärung ist nichts Bcmcrkcnswerthes; fie sagt nur, was man längst mußte, sie sagt es mit einer Kürze, die durch die Umstände genügend begründet ist. Indessen ist zu beachten, daß Herr v. Thielmann nur diesen einen Satz sprach. Man hat cs also mit einer wohlerwogenen Erklärung im Namen des Reichskanzlers zu thun, und jeder Versuch aus der Mitte der Kommission, den Schatzsekretär zu weiteren Erläuterungen zu bewegen, blieb erfolglos. Herr v. Thielmann hatte seine Instruktion, die er befolgte, und damit hatte er seine Pflicht erfüllt. lieber die Leutcnoth und was dazu gehört, mochten sich die Mitglieder der Kommission so lebhaft, wie sie wollten, unterhalten — den Schatzsekrelär ging das weiter nichts an. Nun aber fragt es sich, weshalb das Ceutrnm mehrere Sitzungen hindurch so hartnäckig darauf bestand, über die Getrcidezollsrage genaue Auskünfte zu erhalten, wenn der Partei schließlich doch das Wenige genügt, was heute im Auftrag der verfassungsmäßig verantwortlichen Stelle verkündet wurde. Man kann sagen: Das Ceniruni hat offene Thüren eingerannt und dabei den denkbar geringsten Kraftaufwand gebraucht. Alles war nur auf die Wähler berechnet, und nach erreichtem Zweck stellen sich die Ausschlaggebenden zwar noch unbefriedigt, sind aber doch vollauf zufrieden. So viel zur Zollfrage. Amüsanter wurde es bei der Bcrathung der eigentlichen Dcckungsfrage. Das Ccntrum hätte nunmehr von Rechtswegen die Pflicht gehabt, mitzntheilcn, welche „Ergänzungssteuer" es wolle. Indem sich die Finanzwciscn der Partei darüber auSschwiegen, gaben sie hinlänglich zu verstehen, daß sie überhaupt keine solche Steuer wollen, daß sie hier nur ein harmloses Spiel mit Theorieen getrieben haben, für deren Nichtverwirklichung sie den verbündeten Regierungen mit einem Seufzer der Erleichterung dankbar sein mögen. Die letzte und entscheidende Rettung aber kam Herrn Müller- Fulda und den Seiuigen durch einen konzentrirten Vorstoß, zu dem sich — der Abg. Richter mit Herrn v. Aschenborn zusammenfand. Solche Wunder also erlebt man, wenn sich das Ceutrnm auf ein Gebiet wagt, wo cs seine Hülflosigkeit oft genug schon bewiesen hatte. Wozu Steuern auf Vorrath ? so ungefähr fragte der freisinnige Führer, und er hat ja auch völlig Recht. Denn nach erfolgtem Abstrich an der Flottenvoilage werden sich die Kosten nicht so hoch stellen, daß ihre Decknng nicht durch die schon vereinbarten neuen Stenern und durch die natürliche Zunahme der vorhandenen Steuern bewirkt werden könnte. Im Uebrigen aber sprach Engen Richter ein erlösendes Wort, indem er fragte, warum denn der Weg der Anleihen durchaus vermieden werden soll. Es ist das eines der Worte, die nur ausgesprochen zu werden brauchen, um sofort den Beifall von Freunden und Gegnern zu finden. Anleihen sitid doch an sich nichts so Uebles, bedeuten doch noch keine Verschwendungs-Finanzpolitik; sie sind, wenn nur die Grenzen inncgehalten werden, der Ausdruck eines verständigen Winhschaftsbetriebes, wie denn auch nicht bloß die Banken und industriellen Unternehmungen, sondern ebenso die Privatpersonen für ihre geschäftlichen Zwecke den Kredit in Anspruch nehmen. Sofort stimmte Herr v. Aschenborn begeistert zu, und nachdem jetzt das Eis gebrochen war, konnte Herr v. Thielmaun mit einer Ueberzeugtheit, die gewiß nicht von heute ist, seinen Zweifel daran auSdrücken, ob die verbündeten Regierungen eine direkte ReichSsteuer zulassen möchten. Wahrhaftig, sie
(Nachdruck verboten.)
Der Anglücksstern der Pariser Weltangstellang.
Von Paul Liuvenbcrg.
Paris. 30. April.
Kein glücklicher Stern hat bisher über der Weltausstellung geleuchtet! Seil dem 14. April, dem Tage der Eröffnung, liegt's hier in der Luft wie die Ahnung irgend eines großen Unglücks, und am gestrigen Sonntag hat sich leider dies unheimliche Gefühl bewahrheitet. Welch herrlicher Sonntag! Nach einigen kühlen, stürmischen Tagen leuchtete die Sonne warm und heiter hernieder, ganz Paris war auf den Beinen, zahllose Tausende, meist jenen Kreisen angehörend, die in der Woche angestrengt schaffen müssen, zog's nach der Ausstellung hin, sie wollten den Nachmittag ausfüllen, wollten schauen, wie weit die Arbeiten vorgeschritten, wollten Zeuge sein der ersten großen Illumination, die für gestern Abend angesetzt war. Als ich um die vierte Stunde die Alexanderbrücke passirte, war das Menschengewimmel an dieser Stelle geradezu unheimlich, die Massen stauten sich alle Augenblicke, ganz langsam nur, Schritt vor Schritt, kam man vorwärts, und unwillkürlich drängte sich der Gedanke auf: Wenn hier einmal eine Panik ausbricht, welch entsetzliche Folgen müßte sie haben! Ich war froh, als ich endlich den Ansgang zu den Champs Elysees erreicht hatte und mich dem Stronr der Spaziergänger anschließeu konnte, welche die wundervolle Avenue, die schönste der Welt, auf- und niederflutheten und dem ungeheueren Wagen-Korso zusahen, der den breiten Fahrdamm in fünf-, sechsfacher Linie ausfüllte. Daun ein scharfes, ruckweises Klingeln, die Polizisten machten Platz,
ein SanilälSmagcn, auf welchem die weiße Fahne mit dem rothen Kreuz flatterte, kam angerollt, in kurzen Zwischenräumen folgte ein zweiter, ein dritter, aber das fällt nicht ans in diesem unaufhörlichen Trubel, in welchem sich so häufig Unfälle ereignen.
Erst zur siebenten Abendstunde dnrchschwirrte die Stadt das Gerücht von jenem entsetzlichen Ereigniß auf dem Aus- stellungsgebiet. Seit dem Boulanger-Rummel dürfen keine Extrablätter feilgebotcn, dürfen selbst die wichtigsten Nachrichten der Zeitungen nicht ausgernfen werden, aber Einer fragte gestern Abend den Anderen, ob er schon von der „torriblo eatastroplw" gehört, und die noch druckfeuchten Journale waren im Umsehen vergriffen. Erst sprach man von drei, vier Todten, dann von zwanzig und dreißig, die traurige Wahrheit liegt in der Mitte: zehn Todtc und neun erheblich Verwundete!
Das Unglück fand auf einer der „passorelles“ statt, leichter Brücken, welche die Ausstellung mit dem außerhalb derselben liegenden Sehenswürdigkeiten und den angrenzenden Straßcnzügen verbinden; die Brücke, um die es sich handelt, führte zu dem gewaltigen Himmelsglobus, der mit seiner blauen, mit goldenen Sternbildern übersäten Niesenkuppel einen Glanzpunkt der Bauten des Marsfeldes bildet. 115 Meter lang und 5 Meter breit, lag diese Brücke 7 Meter über dem Erdboden und war meist aus Cement gebaut, trotz ihrer Länge nur von wenigen schmächtigen Cementpfeilern gestützt, während die verwendeten eisernen Träger viel zu schwach gewesen sein sollen; an der Brücke, welche die Behörden noch nicht abgenommcn hatten, war noch am gestrigen Vormittag gearbeitet und waren die Gerüste kurz vordem entfernt worden, der Cement war noch
ganz frisch, nach einer Mittheilung war der Unterban der Pfeiler so schwach, daß man schon leichte Senkungen verspürt hatte.
Um die vierte Nachmittagsstunde hörte man gleich uach- einander ein dreimaliges Krachen wie von Kanonenschüssen, dichte Staubwolken wirbelten auf, herzzerreißende Hülfe- und Jammerrufe ertönten, man glaubte zuerst an eine Explosiv«, an ein Feuer, man eilte von allen Seiten herbei, aber feen eifrigen Rettungsarbeiten fehlte die richtige Leitung, bis die Feuerwehr mit Aerzten und Sanitätsmannschaften erschien und man die schrecklich verstüninielten Leichen, die klagenden Verletzten unter dem Wust von Steinen, Holz und Cement hervorholte. Ein Feuerwehrmann, dem die heißen Thränen über das Gesicht rollten, eilte mit einem achtjährigen Mädchen zur nächsten Apotheke, die Kleine, welcher das halbe Antlitz abgerissen war, hielt die blutigen Aernichen um den Hals des Braven geschlungen, sie starb wenige Minuten darauf. Eine Frau, deren Kind schwere Verwundungen erlitten, schien wahnsinnig geworden zu sein, eine andere, die ihr Söhnchen nicht finden konnte, warf sich verzweifelt zu Boden, sich mit den Händen in die Erde einkrampfend. Die Todten wurden nach der Morgue, dem Leichenschauhaus, gebracht, das hinter der Notrc Dame-Kirche liegt, demselben Gotteshaus, in welchem gestern Vormittag der Erzbischof von Paris ein feierliches Hochamt zum Gelingen der Ausstellung abgehalten, und in dieser Morgue spielten sich am Abend und während der Nacht ergreifendste Scenen ab.
Bei einem so großen und schwierigen Unternehmen, wie dieser Weltausstellung, mußman jaleider auf allerhand Unglück gefaßt sein, aber das Schlimme ist diesmal, daß man sich nicht der Befürchtung erwehren kann, es werde bei dieser
