um Wiesbadener Taablatt.
Wo »lag, den 30. April.
48. Jahrgang. 1S00.
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(Nachdruck verboten.)
Am Hofe zu FredeUsborg.
m Dänischen des IZrains Dodt uacherzählt von ßmil Jonas.
[ . „Man könnte auch daraus schließen, daß sich die Bauern
hier besser stehen, als anderswo, da solche Fahrzeuge thcurer sind als solche, wie sie gewöhnlich gebraucht werden", sagte der Prinz in einem Tone, als ob er belehrt zu werden wünschte.
„Ah so! — Aber diese Ansicht entbehrt der Be- ^ gründung; denn es ist faktisch, daß die Befreiung von der Pflichtarbeit, welche der Graf ihnen verliehen hat, den Leuten den Kopf verdreht, und jetzt wollen sie zeigen, daß sie besser sind als alle anderen Bauern."
„ ,>Das ist sehr bedenklich, Herr Baron, um so bedenklicher, als ans den Hardenfeldschen Gütern dasselbe der Fall sein soll, und zwar in einem noch höheren Grade. Der verstorbene Baron gab den Bauern ebenfalls die Freiheit."
„Ja, diese Herren haben sicherlich dem Lande nur einen schlechten Dienst geleistet, denn die Krankheit ist ansteckend."
• <1 _ _ „Es ist wohl begreiflich, Herr Baron, daß die Sucht Wonach Neuerungen um sich greift. Ich tröste mich indessen S bannt, daß Sie Ihre Bauern vor dieser Gefahr bewahren ^ werden."
* „In dieser Hinsicht vermag ich nichts auszurichten, Königliche Hoheit", entgcgnele der Baron in ärgerlichem Tone, „denn dort hat mein Onkel in seiner Weichhcrzigkeit i bereits alle Bande gelöst."
„Ach, so l" rief der Prinz. „Dort ist das Unglück schon geschehen I"
Der Baron warf bei dieser Antwort dem Prinzen einen mißtrauischen Blick zu; aber der gleichgültige Ausdruck seines k Gesichts beruhigte ihn vollständig.
M „Es ist gewiß und sicher", begann der Bar"n jetzt, „daß man danach streben muß, dem Lande aufzuhelfen, und Ew Königliche Hoheit haben Recht darin, daß die Pracht des Hofes im Widerspruch zur Armuth des Landes ^eht; aber wenn das Volk so leichtsinnig ist, seine paar Schillinge für Putz und Staat zu vergeuden, anstatt sich Kleider anzuschaffen, so wird dies zu einer schwierigen Aüfgabe."
■ „Mein Gott!" rief der Prinz, „man fährt doch wohl nicht nackt in diesen bemalten Wagen herum?"
Der Baron schwieg verletzt und sah ans dem Fenster. Das gute Herz des Prinzen machte es ihm indessen nicht möglich, lange zu zögern, che er durch ein freundliches Wort den zu begütigen suchte, welchen er verwundet zu M haben glaubte, und er sprach daher sogleich in einem W freundlicheren und vertraulicheren Tone zu dem Baron, als J er es seit mehreren Tagen gcthan hatte.
Durch den vertraulicheren Ton des Kronprinzen ließ sich der Baron bald verleiten, mit dem heranszukommen, was ihm sc sehr auf dem Herzen lag, und da sich gerade jetzt von der Anhöhe, wo sie sich befanden, die schlanken » Thürme des Fredensborgcr Schlosses ÜM dem Walde v i Sagten, nahm er Veranlassung zu äußern:
„Ew. Königlich Hoheit beehrten mich bei einer früheren , Gelegenheit mit Ihrem Vertrauen, das im höchsten Grade
| schmeichelhaft für mich war. Ich mußte Ihnen indessen damals von Ihrem Vorhaben abrathen, da der Moment meiner Meinung nach nicht dazu geeignet war. Jetzt glaube ich dagegen, daß die Zeit gekommen ist."
„Mein Vorhaben?" wiederholte der Prinz, als ob er sich nicht mehr erinnere, wovon er damals gesprochen hatte.
„Ich meine die Veränderung der bestehenden Negierung".
„Ja, das ist richtig, Herr Baron, davon haben wir schon einmal mit einander gesprochen. Ich war damals auf die merkwürdige fixe Idee gekommen, daß das Land in Gefahr und es meine Pflicht sei, cinzuschreiten."
„Die Idee war doch nicht so merkwürdig, Königliche Hoheit, da Sie der Kronprinz und künftige Regent des Landes sind."
„Und doch kommt sie mir jetzt so vor. Baron Breiteuau. Ich sehe wohl, daß Verschiedenes nicht so geht, wie es gehen sollte, aber — ist es sicher, daß ich es besser machen könnte? Ist es anzunehmen, daß ich das staatsschiff besser durch alle Klippen steuern könnte, als die erfahrenen Leute, in deren Hände sich jetzt das Ruder befindet?"
„Ich begreife nicht, wie ein solcher Zweifel bei Ew. Königlichen Hoheit hat entstehen können."
„Durch Lektüre, Herr Baron", unterbrach ihn der Prinz, „und durch Unterhaltung mit verständigen Leuten. Ich bin gerade nicht zu bange oder zu verzagt, um mich au die Spitze der Negierung zu stellen, ja, ich fühle sogar zuweilen Lust dazu, aber gerade diese Lust und dieser Muth, fürchte ich, sind ein. Beweis dafür, daß ich noch nicht im Besitz der nöthigen Reife bin, da ich mir noch nicht die große Verantwortung vorzustellen vermag, die ich mir aufbürden würde."
„Ich glaube indessen, Königliche Hoheit, daß, wenn man selbst Muth und Lust zu einer That fühlt, man auch im Besitz der Kraft ist, sie auszuführcn, und ich kann Sie versichern, daß ich Ihnen treu zur Seite stehen würde."
„Ich zweifle nicht daran, Breiteuau, und ich bin Ihnen sehr dankbar dafür; aber Sie müssen mich nicht in Versuchung führen. Nein, nein, ich habe viel darüber nach- gcdacht, und ich bin überzeugt, daß es zu großen Unannehmlichkeiten führen wurde. Außerdem", fuhr er mit einem munteren Lächeln fort, „bin ich ja nur einmal jung, und warum sollte ich da diese glückliche Zeit zwischen staubigen Akten und Dokumenten begraben? Warum meinem Herzen Kummer und Sorgen aufbürden, die Andere für mich tragen wollen? Kurz gesagt, warum soll ich nicht die Blume pflücken, während sie noch duftet?"
„Von dieser Seite betrachtet, gewinnt es allerdings ein anderes Aussehen, Königliche Hoheit, und ich leugne' nicht, daß Sie in Ihrer Stellung gewiß größere Ansprüche an alle Freuden des Lebens und der Jugend haben, als irgend Jeniand sonst. Das Andere ist indessen so wichtig, daß ich cs wohl verstehen könnte, wenn Ew. Königliche Hoheit ernst rarüber nachdächteu", fuhr der Baron in einem bedenklichen Tone fort.
„Nun, nun, Vrcitenan, schelten Sie mich nur nicht, ich habe fürs Erste diese Ideen aufgegeben, und wenn einige von den Gründen dazu ettvas leichtsinniger Natur sind, so bin ich überzeugt, daß die anderen desto wohlbegründeter sind. Worauf ich indessen mit Bestimmtheit dringen werde, ist, von der Hofmeisterschaft des Generals Eichstedt befreit zu werden, und dann, daß die übrigen Herren des Kabinetts mich auf eine höfliche Weise behandeln, auf die ich schon in Folge meines Alters Anspruch zu erheben berechtigt bin."
„Das ist ein so billiges und annehmbares Verlangen, daß die Königin-Wittwe ganz gewiß davon Notiz nehmen wird, wie ich auch weiß, daß das Betragen des Generals ihre äußerste Mißbilligung erfahren hat."
„Nun dann!" rief der Prinz in munterem Tone, „mehr verlange ich fürs Erste nicht, und ich denke jetzt an nichts Anderes, als mich in dem schönen Fredensborg zu amüsiren."
3. Kapitel.
Alfred beim Professor Sieger.
Der Wagen des Kronprinzen fuhr jetzt die Schloßstraße herauf und hielt gleich darauf vor der breiten, hohen Schloßtreppe. Als der Prinz aus dem Wagen trat, bekam er Alfred Storm zu sehen, der eben von seinem Pferde gestiegen war und sich jetzt in das Schloß begeben wollte. Er winkte ihn zu sich, klopfte ihm freundlich auf die Schulter und fragte:
„Haben Sie etwas Bestimmtes vor heute Abend?"
„Ich bin Ew. Königlichen Hoheit zu Diensten!"
„Nun wohl, da erzeigen Sie mir den Dienst und reiten Sie schnell zum Professor Sieger hinüber, der ja hier in der Nähe wohnen soll. Ich habe Ihnen allerdings keinen bestimmten Auftrag mitzugeben, da ich die Familie gar nicht kenne; nur wollte ich gern unter der Hand zu wissen bekommen, wie es ihr geht, da ich Interesse für sie fühle. Nun, Sie werden wohl etwas zu reden finden", setzte er mit einen, schalkhaften Lächeln hinzu.
„Daran wird es nicht fehlen, Königliche Hoheit", ent- gegnete Storm erfreut, „und ich danke Ihnen herzlich für die Erlaubniß."
„Nun, dann beeilen Sie sich!" fügte der Prinz hinzu, indem er schnell die Treppen hinauf eilte.
Eine Stunde später ritt Leutnant Storm in den Garten des Doktorhauses ein, wo er von der Familie empfangen wurde.
„Bei Gott, Alida!" rief er, ihre beiden Hände ergreifend, während er entzückt ihr freudig erröthendes Antlitz betrachtete, „so habe ich mir eine abgesetzte Gutsbesitzerin nicht vorgestellt._ Ich habe mir Dich mit den Händen auf dem Rücken, mit gebeuglem Nacken im Zimmer auf und nieder fluchend gedacht, und statt dessen kommst Du mir froh und lachend entgegen. Es ist gewiß nicht Jedermanns Sache, seinen Verlust so leicht zu verschmerzen!"
„Das kommt davon, Herr Vetter, daß ich nicht Jeder» mann, sondern die achtbare Alida Sieger bin. Nun, wie machst Du Dich am Hofe? Verstehst Du auch die gehörigen Kratzfüße zu machen, sodaß wir keine Schande von Dir haben?"
„Ja, darauf kannst Du Dich verlassen, ms chSrs Cousine; in Parenthese sei es gesagt, wir sprechen nur französisch. Jesus! ich verbeuge mich und kratze aus und schlage um mich nach allen Seiten auf eine ganz furchtbare Weise."
„Ist das nicht entsetzlich!" rief sie, indem sie beide Hände bewundernd zusammen schlug. „Wer hätte geglaubt, daß unser lieber Vetter Hans Frandsen so gut die Mode mitmacben würde! Mutter hat allerdings immer gesagt, daß Du außerordentliche Anlagen hättest, wogegen ich darauf bestand, daß Du die reine lautere Einfalt seist.
„Da siehst Du, wie falsch Du jfturtheilt hast; wir, die wir zu den höheren Hofkreisen gehören, sind stets gute Köpfe."
„Wie steht es mit dem König?" fragte der Professor.
„Der ist allerdings ganz toll, das heißt zu Zeiten!"
„Du großer Gott!" rief Frau Steger erschreckt, — „so von einer Majestät zu sprechen!"
„Und doch ist es wirklich, allerdings auf eine eigen- thümliche Weise. Denke Dir, Onkel, vorgestern bei der Eröffnung des hohen Gerichts, als man ihn auf den Thron gebracht hatte, der im Saal hinter den drei Silberlöwen stand, erhob er sich mitten in der Vertheidignngsrede, die der Advokat an ihn richtete, da er ja den höchsten Richter spielte, und, auf den Thron zeigend, fragte er sehr verbindlich, ob der Advokat nicht Platz zu nehmen wünsche, worüber dieser so verwirrt wurde, daß er seinen ganzen Text vergaß. Ja, als vor einiger Zeit der neue englische Gesandte seine Antrittsaudienz hatte, unterbrach er ihn mitten in seiner Rede und fragte ihn, was das Pfund Rindfleisch in England koste."
(Fortsetzung folgt.)
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