«8. Jahrgang.
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„Wiesbadener Tagblatt"
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Politische Uebersicht.
Nach der Ruhepause der Osterferien ist die parlamentarische Arbeit wieder in ihre Rechte eingetreten. Im Reichstag ist es zwar bisher noch ein recht kleiner Chor, welcher den Rundgesang ertönen lassen kann: „hier sind wir versammelt zu löblichem Thunl", aber noch darf die Hoffnung gehegt werden, daß sich allgemach eine stärkere Anzahl von des Reiches Sendboken in dem prächtigen Haus am Königsplatz in Berlin cinfinden werde, um ihren parlamentarischen Pflichten zu genügen. Bisher hat sich die Thätigkeit des Reichstags der Aufgaben sekundären Ranges zugewandt und die Fragen von primärer Bedeutung, die Flottenvorlage, die Fleischbeschanvorlage und die lex Heinze, harren noch der Klärung. Was die letzte Frage anbetrifft, so scheint es zwar fcstzustehen, daß noch weitere Versuche zur Rettung der lex Heinze zu erwarten sind, aber an einen Erfolg dieser Versuche wird nirgends ernstlich geglaubt. In der Fleischbeschau frage nähern fich die Kompromiß-Verhandlungen ihrem Abschluß, den die scharfe Opposition aus dem Lager des Bundes der Land- wirlhe vergeblich zu hindern bemüht ist. Auch in der Frage der Flottenverstärkung haben sich die Aussichten für eine Einigung zwischen der Regierung und der Mehrheit des Reichstags sichilich verstärkt, und die Verhandlungen in der Bndgelkommission des Reichstags zeigen, daß nirgends ernstlich an einen Konflikt zwischen der Regierung und der Volksvertretung aus Anlaß der Floltenvorlage geglaubt wird.
Ernsthaften Konflikten scheint dagegen in Oesterreich das Kabinett Körber entgegenzugehen, denn der von uns niemals getheilte fromme Glaube an die Versöhnlichkeit der Tschechen entpuppt sich allmählich als ein Köhlerglaube. Je näher die Entscheidung über den Ausgleich zwischen Deutsch- thum und Tschechenthum heranrückt, desto mehr zeigt es sich, daß die österreichische Regierung sich einer starken und fast unbegreiflichen Selbsttäuschung hlngab, als sie an die Versöhnlichkeit des Tschcchcnthums glaubte. EinSprachen- geseh, welches Deutsche und Tschechen zufriedenstellt, wird keine österreichische Regierung, und sei sie noch so findig, erfinden können, denn dieHaupteigenthümlichkeit dcsTschechen- volks, welche es niemals ablegcn wird, ist die anmaßende Begehrlichkeit. Ist doch die Gehässigkeit charakteristisch, mit der die tschechische Presse die bevorstehende Reise des Kaisers Franz Josef nach Berlin kommentirt, denn die Tschechen sehen in dieser Reise mit Recht eine neue Bekräftigung des Dreibundgedankens. Neben dem Deutschenhaß bildet aber der Dreibundhaß, welche beide für sie i
(Nachdruck verboten.)
Londoner Keief.
(Von unserem Korrespondenten.)
Der Prinz von Wales und die Pariser Ausstellung. — VcrgnügungSrcisenVe auf dem Keiegssch-r,»platz. — Gc- »UschastSlebc». — Theater. — Mrs. Patrick-Campbett. - Sir Henry Irving. — Das deutsche Theater in London. — Beschwerde - Versammlungen. — Ladcngehülfen. — Dienstboten.
24. April.
Wie die Königin mit ihrer Reise nach Irland einen polilischen Zweck verbunden, so soll nun auch der Prinz von Wales den Besuch der Pariser Ausstellung planen, um dadurch bessere Beziehungen zwischen England und Frankreich anzubahnen. Nun, warum sollte der Prinz nicht auch die Ausstellung besuche», wie es andere Menschen gern thun. Er wird den Franzosen gelviß willkommen sein. Und sollte es ihm in den Sinn kommen, etwa Oberammergau oder vielleicht gar Berlin mit seinem Besuch beehren zu wollen, so würde der Onkel unseres Kaisers und englische Thronfolger gewiß auch willkommen sein. Ja, derartige Bestrebungen, durch solche Besuche ein besseres Einvernehmen zwischen den verschiedenen Nationen herbeizuführen, sind recht anrrkennenswerth und verdienen jedes Entgegenkommen, aber die Engländer sollten sich doch hüten, von solchen Schritten nicht gar zu viel Aufhebens zu machen und sich nicht allzu viel Erfolg versprechen. Wenn England in diesem Augenblick in der ganzen Welt verhaßt ist, so ist das weder die Schuld der Königin noch des Prinzen von Wales. Warum sollten sie also nicht überall willkouimen sein? Aber ihr Besuch kann doch Niemand in seinem Urtheil über das Vorgehen der Engländer in Südafrika, das jenes Sinken ihres Ansehens veranlaßt hat,,
gewissermaßen gleichbedeutend sind, den Kern der politischen Ideenwelt der Tschechen.
Im Uebrigen sind Diejenigen im Jrrthum, welche der Reise'deS Kaisers Franz Josef eine weitcrgehende Bedeutung znschiebcu, als die einer Kundgebung für den unerschütterlichen Fortbestand des Dreibundes, einer Kundgebung, die dadurch verstärkt wird, daß als Vertreter Italiens der Prinz von Neapel zu dem Fest der Großjährigkeit des deutschen Kronprinzen erscheint. Daß aber die aus Anlaß dieses Festes erfolgende Zusammenkunft keinerlei weitere und vor Allem keinerlei aggressive Ziele verfolgt, gehl am besten daraus hervor, daß auch Rußland, dessen Politik in letzter Zeit mehrfach als in schroffem Gegensatz zu der Politik Oesterreichs oder gar des Dreibundes stehend hin- gestellt wurde, einen Vertreter, den Großfürsten Konstantin Konstantmowitsch, zu dem Fest an den Berliner Hof entsendet.
Der vielfach und besonders in Oesterreich verbreitete Glaube, daß in Rußland eine starke Neigung bestehe, auf dem Balkan zu putschen, hat recht wenig Wahrscheinlichkeit für sich, denn Rußland ist zur Zeit und noch auf Jahre hinaus so vollauf in Asten beschäftigt, daß es schwerlich besondere Neigung verspüren dürfte, auch in Europa wieder den „Hecht im Karpfenteich" zu spielen. Daß cs auf dem Balkan hin und wieder lebhafter hergeht, sind wir allzu sehr gewöhnt, um deshalb gleich unsere Nerven alteriren zu lassen. Selbst der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Türkei, welche noch immer säumt, die aus den armenischen Wirren herrührenden Enlschädigniigsverpflichlungen zu erfüllen, hat die Ruhe Europas wenig gestört, und nach wie vor wird, trotz aller Abneigung der Pforte gegen das Schuldenbezahlen, auf eine friedliche Beilegung dieses Konfliktes gerechnet.
Als völlig in nebelhafte Ferne gerückt erscheinen dagegen die FriedenSaussichlen, die sich hie und da in Bezug auf den südafrikanischen Krieg geltend gemacht haben. Diese Friedeusaussichten werden naturgemäß umso geringer, je mehr die Engländer auf dem Kriegsschauplatz vom Glück begünstigt werde». Das ist in letzter Zeit aber ganz unverkennbar geschehen. Wenn die strategische Bedeutung dcS Entsatzes von Wepener auch an sich nicht überschätzt werden darf, so hat doch das erfolgreiche Vordringen der englischen Armee gezeigt, daß diese ihre schweren Verluste einigermaßen überwunden und die Kraft der Offensive wieder gewonnen hat. Es ist jedoch kein Grund vorhanden, die militärische Wirkung des letzten englischen Erfolges allzu hoch anzuschlagen, da cS den Buren allem Anschein nach gelungen ist, sich den Rückzug nach Norden zu sichern. Hier, im Norden von Bloemfontein, werden sich erst die ernsthafteren Känipfe abspiclen, da sich dort, in der Richtung auf Kronstadt, die Verthcidigungsiinie befindet, welche die Buren von vornherein für einen entschiedeneren Widerstand in Aussicht genommen hatten. Jedenfalls baden auch die letzten Kämpfe, obwohl sie für die Engländer siegreich ausgingen, diese aufs Neue darüber aufgeklärt, daß sie um jeden Fuß breit Boden im Oranje-Freistaat und erst recht in der Transvaal-Republik schwer und blutig werden kämpfen müssen, und diese Erkennlniß hat die Kriegsbegeisterung Englands trotz der letzten Erfolge ganz unverkennbar und wesentlich gedämpft.
irgendwie beeinflussen. Sollte das beabsichtigt werden, so könnten sich die hohen Herrschaften nur das Reisegeld sparen.
Die Reiselust hat sich in Verbindung mit dem Krieg aber auch sonst in auffallender Weise bemerkbar gemacht. Südafrika ist im Augenblick daS allbelicbte Reiseziel, für Vergnügungsreisende sowohl, wie für Solche, die Angehörige im Felde haben. Lady Roberts mit ihren Töchtern ist längst dort. Die Herzogin von Teck traf gerade ein, als der Herr Gemahl nur mit knappster Noth der Gefangennahme entkam, und viele andere Damen sind hinausgczogcn. Ein Rcise-Büreau wird „persönlich geführte" Touren in großem Maßslab nach Südafrika arrangiren, — wenn demselben nicht vorher noch das Handwerk gelegt wird. Derartige Unternehmen liefern so recht einen Beweis von dem sportlichen Interesse, das man hier an dem Krieg nimmt. Ich will natürlich durchaus nicht behaupten, daß das englische Volk bewußt den Krieg nur als einen Sport betrachtet, aber die aufregenden Ereignisse desselben — seien sie guter oder böser Natur — sind so recht dazu angetban, die dem Engländer nun einmal in so ausgeprägtem Maße angeborenen sportlichen Instinkte mit Nahrung zu versorgen und den Krieg populär zu niachcn, umso mehr, als ja die tonangebenden Schichten der Bevölkerung weniger von den Opfern betroffen werden, die derselbe erheischt, und bei der außerordentlichen Ueber- lcgenhcit aller Hülfsmittel auf ihrer Seile ja auch so viel mehr Aussicht haben auf einen für sie günstigen Ausgang des Krieges.
lind so hat sich denn auch der Mnth wieder gehoben, der durch die unerwarteten Niederlagen etwas gedümpft war. und das G ese l lschaftslcbe n der eben beginnenden Saison fängt an, sich im Allgemeinen ganz lustig zu ent-
Auo Stadt nnd Land.
Wiesbaden, 29. April.
— Gefchichtskalender. 29. April. 1897: Gefechte zwischen Türken und Griechen bei Velestino. 1897: Brand der großen Jnfanteriekaserne zu Zwickau. 1883: ff Hermann Schulze-Delitzsch. 1859: Oeslerr. Truppen überschreiten den Ticino, was Napoleon IEL als Kriegsfall erklärt. 1848: Niederlage der Polen bei LionS. 1380: ff Katharina v. Siena, die Heilige.
— Der Unfall des Grotzherzogs von Luxemburg, von dem der „Berliner Lokal-Anzeiger" zu melden wußte, stellt sich als eine fette Ente des genannten Sensationsblattes heraus. Der „Nh. K." ist in der Lage, berichten zu können, daß die Nachricht von einem Wagenunfall Sr. Kgl. Hoheit bei Abbazia völlig unwahr ist.
(3) Der -weite Sonntag nach Ostern führt den lateinische»
Namen „Misericordias Domini“ (d. h. „die Gnade des Herrn"), nach Psalm 89, Vers 2: „Ich will singen von der Gnade de« Herrn ewiglich und seine Wahrheit verkündigen mit meinem Munde für und für." Dieser Vers wurde als Stück der Liturgie beim Beginn der Messe (lateinisch) gesnilgen.
— „Knrgrrsaal". Auf das vorzüglich gewählte Programm des Variölv-Theaters „Zum Bürgersaal" machen wir hierdurch aufmerksam. Die ausgezeichnete Äonbrette Fräulein Erna Nolla erntet für ihre Leistungen allabendlich große und schöne Erfolg», ebenso der so beliebte Justrmncnteil-Komikcr Renncrl Stange, da seine Original-Couplets Schlager sind. Herr Garcia, Schatten- filhsucttfft. und Herr Carlo, Jongleur, sind Künstler ersten Ranges. Fräulein Lucie Fenrando, Konzerlsängerin, erfreut das stets zahl- rcid) anwesende Publikum mit seinem Gesang. Noch sei des Herrn Don Carlo, des vorzüglichen Zauberkünstlers, der gewandt, sicher und elegant arbeitet, und Herrn Rellachs mit seinem selbslerfnndenen Glockenapparat anerkennend und lobend gedacht. Die Hauskapelle (Direktion Kapellmeister Glaubitz) macht ihre Sache ebenfalls gut.
— Luftschiffe»' Spiegel. Im vom „Tagblatt" veröffentlichten Maiprogramm der Kurverwaltung wird bekannt gegeben, daß am 9.jL>tcu während des ersten großen Gartenfestes der Luftschiffer Spiegel einen Ballonaufstieg unternehmen wird, lieber eine schwierige Auffahrt des Genannten lesen wir im „Chemnitzer Tagblatt": Sonnenklar begann der Tag, an dem sich der Ballonführer Paus «piegel vorgcnommen, seine erste diesjährige Auffahrt mit seinem selbsterbanten Riesenballon in Chemnitz zu unternehmen. Große Temperaturschwankungcn ließen erkennen, daß die Füllung des Ballons nicht gleichmäßig vor sich gehe» werde. Selbst dem erfahrensten Lustschiffer ist es unter solchen Umständen nicht möglich, voraus zu sagen, wie lange Zeit die Füllung des Ballons in Anspruch nehmen werde, sind doch allein für den Spiegelffchen Riefenballon 500 Kubikmeter Leuchtgas erforderlich, um das Fahrzeug fertig zur Abfahrt zu bringen. Aus dem erwähnten Grunde verzögerte sich auch am Sonntag, den 22. April, die Abfahrt, der belznwohncn sich Tausende von Zuschauern am Nachmittag im Waldschlößchen in Hilbersdorf ein- gcsnndcn hatten. Ihre Geduld wurde auf eine Probe gestellt. Endlich machte Herr Spiegel den Versuch, den Ballon zur Auffahrt fertig zu stellen. Die den Ballon haltenden HilberSdorfer freiwilligen Feuerwehrleute, die sich während ihres Dienstes sehr bewährten, und der Assistent des Herrn Spiegel wurden beauftragt, bei Ablassen des Ballons ganz besonders Acht zu geben, da die große Anzahl Bäume, die den sonst günstigen Füllirngsplatz umgeben, leicht bei der Ausfahrt gefährlich für den Ballon werden können, wenn er durch einen plötzlichen Windstoß in sie hineingedrängt wird. Herr Spiegel betrat de» Rand der Korbgondel und gab das Kommando „Los"; im selben Augenblick aber lag die Korbgondel mit ihren Insassen bereits ü> der; Bäumen nnd verwickelte sich in den Aesten derart, daß der kühne Lnftschiffer gezwungen wurde, auf den die Gondel nnd das Netz verbindenden Tragreifen zu klettern, das Messer zu nehmen und die unterhalb befindliche Gondel durch Zerschneiden der Stricke zu beseitigen, und sie mit Anker, Ankertan, Ballondccke und Ballast zur Erde fallen zu lassen. Der Ballon, von seinen Fesseln befreit, stieg sofort empor, um seinen nur auf dem schmalen Trag-
wickeln, wenn auch zahlreiche Familien durch Trauerfälle verhindert sind, daran sich zu betheiligcn, und andere sich wenigstens äußerlich eine gewisse Zurückhaltung auferlegen möchten, wie sie dem Ernst der Zeit angemessen wäre. So wird auch immer noch gern von dem mangelhaften Besuch der Theater geredet. Man merkt aber kaum, daß dieselben wirklich leerer sind, oder daß die Billette für die cr- fvlgreichcrcii Stücke leichler zu erlangen sind als sonst; während die Varietüten-Theater, wie das Alhambra und Empire, die sich die Pflege eines aggressiven Patriotismus zur besonderen Aufgabe stellen, die unheilvollen Brutstätten des „Jingoismus", mehr überfüllt sind denn je.
Mrs. Patrick-Campbell, eine der genialsten Darstellerinnen Englands, die zumal in der Rvlle der „zweiten Mrs. Tanqueray" sich einen großen Namen erworben und augenblicklich wieder als Magda in Sudermanns „Hcimath" große Begabung kund thut, hat jüngst ihren Gemahl im Kriege verloren, an dem derselbe als Sergeant theil- genommen. Sie war indessen, wie berichtet wird, schon im Alter von siebzehn Jahren mit ihm vermählt und hat fast immer getrennt von ihm gelebt.
Sir Henry Irving befindet sich bereits seit langer Zeit auf einer Gastspielreise in Amerika, das für viele englische Schauspieler einen so ergiebigen Wirkungskreis abgegeben und wo auch Sir Henry schon zum Oefteren große Triumphe gefeiert und andere begehrliche Dinge eiugeheimft hat. Er spielt dort mit seiner Gesellschaft das alte Repertoire und wird nicht vor Juni zurückerivartet. Da aber auch sechs Monate lang vor seiner Abreise das von Sardou eigens für ihn geschriebene Drama „Robespterre" unausgesetzt Abend für Abend in London gespielt wurde, so wird mehr als ei» Jahr vergehen, daß das Lyceum, das doch
