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Der Roman.

Nr. 85.

s Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblaiis. ! »

Dienstag, 13. Kprll.

1915.

(15. Fortsetzung.!

Var adlige Zreihaur.

Roman von Albert Petersen.

Nachdruck verboten.

Ärgerlich schritt er durch die Gassen ins Geschäft zurück. Im Laden schnauzte er zwei Lehrlinge an, die untätig Lastanden und sich lachend unterhielten.

Der alte Buchhalter saß eifrig beim Schreiben eini- ger Bestellbriefe an Hamburger Firmen.

Hier, Liedemann, wollen Sie unterschrecken?

Während Henning ärgerlich die Briefe durchflog, sagte er langsam:Don jetzt an können Sie mich Herr Liedemann nennen, wie es sich gehört."

Der Alte bekam einen roten Kopf, erwiderte aber nichts. Als Henning zufällig durch das Fensterchen der Kontortür blickte, sah er, daß Vetter Friedrich durch den Laden nach den Wohnzimmern ging.

Dieser alte Kerl sollte sich man auch bald auf dem Kirchhof Wohnung nehmen", brummte Henning; er wußte, daß der alte Schiffsbauer im gcheimen etwas gegen ihn hatte.

Für jeden Außenstehenden mußte es den Anschein erwecken, als ginge das Geschäft auch ohne den Kauf- mannsgeist der Wilmsen seinen alten Gang. Nur der alte Buchhalter wußte ja, daß jetzt mitunter unvortell- Haft eingekauft wurde, daß zu viel Kaffee bestellt wurde, weil bisher fremde Firmen einrasend billiges Engros-Angebot" machten, und Henning trotz des Alten Warnung darauf reinfiel.

Über Henning kam allmählich eine große innere Unruhe. Grethenfraucke hatte chm ein ansehnliches Gehalt festgesetzt und er sparte, aber was half das alles.

Und immer eindringlicher glaubte er die Mahnung ferner Mutter zu hören:Heirate sie!"

Henning Tiedemann hatte den Gedanken allzu lange und zu sehr verworfen, um sich jetzt schnell zu dem Entschluß durchringen zu können, um Grethen- fixrucke zu werben.

Eines Tages aber hörte er, daß der Sohn des Krämers Brams sich uni Fräulein Wilmsens Gunst bewerbe. Das fehlte noch! Der setzte sich hier ins warme Nest, und er. Henning, hätte das Nachsehen.

Und nach einer schlaflosen Nacht begab er sich zu Grethenfraucke. Er batte sich stundenlang immer wie- der vorgeredet:Die kann ja froh sein, wenn ich sie

überhaupt will. Ich, ich bin nicht der Bittende, sondern der Gebende!"

Als er jetzt aber vor dem jungen Mädchen stand, war er wieder so verlegen, daß sie ihre Frage nach seinem Verlangen zum zweiten, dritten Male wieder- holen mußte.

Da endlich brachte er stammelick seinen Antrag vor.

Grethenfraucke sah ihn mit grenzenlosem Erstaunen an. Sollte sie ihn in seiner hilflosen Verlegenheit be­kleiden oder sich über seine Kühnheit ärgern. Er >nnte ihren Karen Blick nicht ertragen und starrte zu «ucGnen. ..

Hetzt nahm Grethenfraucke das Wort, ruhrg und Ml sagte sie: ..Deine Liebe zu mir ist ja sehr plötzlich

enckrannt, nicht wahr, Henning? Oder solltest du dich irren, sollte es nur Liebe zum Geschäft sein, welche dich zu diesem Schritt trieb?" ^ .

Er zuckte zusaminen. An dem entsetzten Ausdruck seines Gesichts erkannte sie, daß sie richtig gesehen. Ein Mitgiftjäger, dieser hilflose Mensch, der wie cm Häufchen Unglück vor ihr stand ein Mltgiffiager.

Grethenfraucke mußte ein zorniges Anflachen unter­drücken

Geh nur, Henning, die Angelegenheit ist erledigt."

Und wie ein geschlagener Hund schlich er hinaus.

Im Laufe des Nachmittags trat die Mamsell, welche seit Jahren im Hause diente, ins Kontor.

Ich sollte von Fräulein bestellen, Fräulein siedelt nach dom Freihaus über, und Fräulein stellt dem Ge­schäftsführer die Zimmer hier zur Verfügung."

Frechaus! Ja, ja, der Traum war endgiiltig aus­geträumt.Aber aber ich willHenning ivar sich selbst noch nicht klar, was er wollte, aber ein bitterer Haß brannte in feinem Herzen.

Es ist gut", antwortete er kurz, und die Mamsell ging. Henning fühlte, daß der Alte ihn seltsam forschend ansah, er tat, als bemerkte er es nicht.

Henning Tiedemann wohnte jetzt in den molligen Zimmern der Wilmsens. Er richtete sich wie ein Herr ein, schritt würdig durch die Räume, nur hinten im Saal, wo die Portraits der Kaufherren hingen, werlte er nicht gern. ' t

Mer gemütliche Stunden verbrachte er doch iiicht in den behaglichen Räumen. Eine quälende Unrast war in ihm. Sollte er sich wirklich trennen von den Plänen seines Lebens? Gab es einen Weg, weiter, höher zu steigen? Und dann der Haß gegen Grethenfraucke. Haha, wenn du bettelarm wärest uird bei mir Obdach erbetteln müßtest! Wenn ich dann gar im Freihaus residierte! .

Dann aber kamen Augenblicke, rn denen er zur nackten Wirklichkeit zurückgerissen wurde. Was hilft alles Sparen, was nützen die paar hundert Mark. Wenn es hoch kommt, werden eS einige Taufende. Und dann? Und in einer Nacht, die er schlaflos und grübelnd verbrachte, faßte er den Plan, den Plan.

Seien Sie mal offen, Moritz Thode", sagte eines Tages Vetter Friedrich, der auf der Straße dem henn- kehrenden Buchhalter aufgelauert hatte,seien Sie offen: was halten Sie von Tiedemanns Geschäfts-

sührung?" ^

Der Alte wollte nicht mit der Sprache heraus.

Thode, bedeiiken Sie, daß Sie das Interesse de» Hauses Wilmsen und nicht das Tiedemanns wahrzu- nehmen haben. Denken Sie an meinen Onkel und an meinen Vetter, denken Sie an die Waise, welche ge?. Awungen ist, sich auf fremde Leute zu verlassen. habe nie etwas für Tiedemann übrig gehabt. Wer seitdem meine Nichte im Freihause wohnt, macht^der Herr Geschäftsführer den Eindruck aus mich. M