Wiesbadener Tsgblstt.
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Uo. IW.
Fernsprecher No. 52.
DsnnerstaK, den 28. April.
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Deutsches Deich.
Politische Woh lthä tigkeit.
L. Kortin, 25. April.
Es ist und bleibt ein ungewöhnlicher Vorgang, das; der Reichsbaukpräsident Koch eine Versammlung von Mitgliedern der Hochfinanz berief, eigens zu dem Zweck, nm Sammlungen für die Nolhleidenden in Indien zu veranstalten. Wo unzählige Millionen darben und viele Hunderitansende dem Hungertod preisgegeben sind, werden die 400,000 Mk., die in jener Konferenz von den Vertretern der Großbanken sofort gezeichnet wurden, selbstverständlich so gut wie nichts nützen. Selten wohl hat ein Wohlthätigkeilsakr feilten politischen Beigeschmack so deullich wie hier vcrrathein Die edelmülhige Bereitwilligkeit der Deutschen Bank, der Diskonto- Gesellschaft, der Häuser Mendelssohn und Dleichrödcr 7C., den hungernden Hindus zu helfen, bedeutet selbstverständlich elioas Anderes, als naive Gemüthcr daraus entnehmen könnten. Ans wessen Anregung der Schritt des Neichsbankpräsidentcn zurückzuführcn ist, braucht nicht erst gesagt zu werden, und es kann auch kein Zweifel daran sein, daß die verantwortlichen Rathgeber des Kaisers mit der Maßnahme völlig einverstanden sind. Dagegen darf man fragen, ob hier nicht ein Zuviel an Freundlichkeits-Erweisungen an die englische Adresse vorliegt. Daß Deutschland der britischen Politik weder in Südafrika noch sonstwo Schwierigkellen bereiten will, weiß man nun wirklich schon zur Genüge, in London ebenso gut wie hier, und es ist kein rechter Zweck einer- wiederholten starken Unterstreichung dieser Poiilik wahrzunehmen, die an und für sich gewiß Billigung verdient. Uni sich die Außergewöhnlichkeit der vcranstallclen Sammlung zu vergegenwärtigen, braucht man sich nur vorznsiellen, daß dcr Lciter der englischen Bank die dortigen Großbankiers zu- sammenriefe, um ihr Herz-etwa für hungernde Oberschiesicr oder auch für nothleidende Stämme in Kamerun zu rühren. Dies wird natürlich nicht geschehen, und man kann zugeben, daß die Vorstellung von der Möglichkeit einigermaßen schwierig ist. Immerhin wird durch die Gegenüberstellung erst recht kenntlich gemacht, daß es sich bei dem Vorgang, der sich hier abgespielt hat, um etwas ganz Besonderes handelt.
Zur Flottenfrage.
Die heute fortgesetzte Berathung der Flottenvoclage in Der Budgetkommission des Reichstags hat zwei Momente ergeben, die zwar nicht neu sind, die aber in solcher Schärfe bisher doch noch nicht heroorgetreten sind, nämlich einmal die Abneigung der Agrarier ans der Rechten und im Centrum gegen die Flottenverstärkung als ein vermeintliches Förderungs- Mittel großkapitalistischer Interessen und sodann die Hart
näckigkeit, mit der die Woriführer der Landwirthschaft die Gelegenheit ansnntzen, um bei den künfligcn Handelsverträgen einen höheren Zollschntz für landwirihschaftliche Erzeugnisse zu erreichen. Weil nun aber d?r Schatzsekrelär Thielmann nicht reckt mit der Sprache heraus wollte, weil er demgemäß keinen bestimmten Zollsatz andeuten wollie und auch nicht konnte, wurden die Agrarier beider Konfessionen plötzlich höchst ungcmüihlich und versicherten noch lauter als früher, daß der Landwicihschaft geholfen werden müsse; che das nicht geschehe, sei es auch nur durch bindende Zusagen, könne die Flottenverstärkung nicht bewilligt werden. Dies nimmt sich so aus, als sei die Flottenvorlage wieder in Gefahr. Wir glauben jedoch, daß der Eindruck täuscht. Centrum und Konservative stoßen offene Thüren ein, wemc sie von der Regierung jetzt Versprechungen verlangen, die in anderer Form längst schon gemacht worden sind, deren Wiederholung also unnöthig ist, und die denn auch nur gefordert werden, damit den ländlichen Wühlern die Bewilligung der Flotte plausibel gemacht werden kann. Namentlich' Ceniruvr und Regierung verstehen sich. Die Regierung läßt dem Ccnirnni die Genugthunng, sich den Wählern gegenüber als die Partei zeigen zu können, die sich in der Fiottenfrage nicht etwa schieben läßt, sondern selber schiebt, die es also fertig bringen kann, die künftige tzandelsvertragspolilik nach ihrem Willen zu bestimmen. Geht es aber durchaus nicht anders, so wird sich die Regierung vorläufig noch die Auslandsstotte abstrcicheu lassen, womit der Scheintriumph deS Centrums erst recht vollendet wäre, während die Marineverwaltung vielleicht mehr erhielte, als sie bei der Einbringung des Gesetzes zu hoffen gewagt hatte.
* * *
* Hof- »,nd Dersonnl - Die Ankunft des
Kaisers in Donciueschingcn erfolgt am Freitag Abend 6Uhr. ES wird ein festlicher Empfang vorbereitet. Der Amenthalt des Koners bei dein Fürsten von Fürfieiiberg ist auf drei Tage berechnet. — Den „Berliner Neuesten Nachrichten" zufolge ist die Nachricht, dag Kaiser Wilbelm sich incognito zum Besuche der Weltausstellung nach Paris begehen werde, unbegründet. Der Kaiser habe seit seinem Regierungsantritt nicnlalS beabsichtigt ober nur den Wunsch geäußert, der französischen Hauptstadt einen Besuch abzustatten.
* Berlin, 26. April. Die „Deutsche Tageszeitung" erklärte gestern, die konservative Interpellation, betreffend das Fleisch- bcschnngcsetz, sei im Abgeordncrenhause nicht auf die Tagesordnung gesetzt worden, weil einige hervorragende konservative Abgeordnete noch nicht in Berlin sein können. Nach demselben Blatte ist von ernsten Auseinandersetzungen zwischen dem Grafe» Klinckowström und den Führern dcs Bundes der Landwirthe, die. nach einer Blätlermcldiing. vorgestern im Reichstage stattgefunden haben soll, nichts bekannt geworden. — Weiter berichtet die „Deutsche Tageszeitung", daß die I«x tzeinzc, wenn irgend angängig, zu Ende berathcn werden soll. Die Fortsetzung der dritten Lesung soll im Anschluß an das Flottengesetz stnttsinde»,_ da dann der Reichstag
... in Deutschland
_.. ..M_. Wnterroggeu 2,9;
Klee 3,0; Lnzecn 2,7; Wiesen 2,8. Infolge langer Dauer des Winters blieb die gcsammtc Vegetation erheblich zurück. Mit der Bcstellnng der Sonnnerfrüchtc konnte erst kürzlich, stark verspätet, bcgoninn werde». Die Saatenstandsnote dcs Weizens, obgleich besser, als die des Roggens, ist im Vergleich mit den Weizencrnten der Vorjahre die schlechteste seit der Einrichtmig der Saatensiands- berichte. Die Aussichten dcrWiescn sind geringer als in den letzte» 5 Jahre».
* Die Kapitalien der Invaliditäts- und Kttcrs- Ucrftnirrnngsanstaltci» Ende 1898 bieten folgendes Bild: angelegt waren a) in Reichsanleibcn: 27,262,300 Mk., b) in Anleihen deutscher Staaten in staatlich garantirtcuEiscnbahnpapieren
73,940,124 Mk., o) in Provinzial- rc. Schuldverschreibungen und Pfandbriefen 218,389,591 Mk., ä) in Darlehen an Gemeinden einschließlich Kirchen- und Schulgcmeirrdcn 186,707,005 Mk., o) in Hypotheken- und Grundschuldbnefen 99,665,799 Mk., f) in Gmnd- stucken 11,234,320 Mk., g) in Sparkasseneinlagen 150513 Mk., U) in Kcissenbestäiiden inklusive Bankguthaben 6,894,990 Mk. Jns- gcsammt hatte sich bis Ende des Jahres >898 ei» Fonds von 624,244,644 Mk. bei den 31 Versicherungsanstalten angcsannnelt. Während bei Anlagen in den Reichsanlcihcn die 3-procentige die 3V--Procentige iiderwiegt, ist bei den anderen Staatsanleihen das Umgekehrte der Fall, bei den Provinzial- und Kommnnal- dariehen spielen 3'/2-proccntige die Hauptrolle, auch kommen häufiger 3 4 /s= und 4-procentlge vor. Die Hypothekendarlehen weichen naturgemäß am mersten im Zinsfuß von einander ab, je nach Sicherheit dcs Objekts und Zweck des zu deckenden BaubedurfniffeS. Ueber 4 pCt. sind nur wenige erhebliche Posten ausgethau. Da« Gros der Beträge ist zu 3 bis 3'/. pCt. verzinslich; zu 2 pCt. hat die Rheinische Versichern uaS- nnstalt 39,192 Mk., zu l'/> pEt. die Oberbayrische 300,000 M. hergegeben, und unverzinslich hat die Oldcuburgische 800, die Braunschweigische 4000 Mk., die Hannoversche 23,300 Mk. auS- stcheu. Durch die jetzt mehr in Gang kommende billige Bclcihnya gemeinnütziger und genossenschaftlicher Wohnungsbautcn haben sich die billigen Hypothekardarlehen im letzten Jahr erfreulicher Weise nicht unerheblich vermehrt. Im Ganzen bildeten die Hypothekendarlehen erst etwa 14 pCt. der Gesammtnnlage, die Prooinzial- »nü Kommunaldarleheu und Pfandbriefanlagen machen dagegen fast Zwcidrittcl der Rücklage ans. Der in Grundstücken angelegte Werth von 11 Millionen Mark stellt zum größten Theil den Werth der oft palastartig nufgeführten Verwaltungsgebäude der Versicherungsanstalten dar.
* Die Dahl der katholischen politischen Zeitungen
und kirchlich-politischen Zeitschristeil ist im Deutschen Reich von 186 im Jahre 1880 auf 272 im Jahre 1890 und 419 im Jahre 1900, darunter die der wöchentlich sechsmal und öfter erschemeiiden Blätter von 60 im Jahre 1880 auf 94 im Jahre 1890 und 171 im Jahre 1900 g estiegen. __
Deutscher Reichstag.
Kcrlin, 25. April.
Bei fast leerem Hause wird die Berathung dcs Seuchengesctzes fortgesetzt. — Abg. Schräder (freis. Vcr.) bedauert. dnß daS Gesetz so spät cingebracht worden sei. Man muffe sich aus diesem Grunde in Bezug'auf Aenderungcn der Vorlage ans das Neußerste beschränken, wenn matt wolle, daß die Vorlage noch in dieser Session verabschiedet werde. Der Abgeordnete Wurm habe ganz Recht, wenn er sage, der allgemeine Gcsnndheitsstand des Volkes muffe gehoben werden, aber dies gehe über den Rahmen dieser Vorlage weit hinaus. Redner betragt, es sodann als Mangel der Vorlage, daß in Bezug auf die wenigeli aktiven Funktionen dcs Reichsgesnndhcitsamtes Alles beim Alten bleibe. - Abg. Höffe! (Reichsp.) bedauert, daß der Rahmen der Vorlage nicht weiter gezogen worden sei. ES gebe doch eine ganze Reihe epidemischer, sehr gemeingefährlicher Krankheiten. gegen die man hätte Vorgehen muffen, wenn man überhaupt ein Rcichsseuchengkietz mache, z. B. Tuberkulose, Abdominnl-Typhns und Diphthentls. Auch von den Geschlechtskrankheiten sei in den, Entwurf leider ferne Rede. Ebenso müsse er hier an de:i chronischen AikodolismnS denken. Die beste Gewähr gegen alle solche Seuchen seien konsequent und allgemein dnrchgesührtc hygicinische Maßregeln, als gute Wasserversorgung im ganzen Lande, bessere Fürsorge für das Wohnungswesen "aut dem Wege einer ziveckgcmäßcn Neuordnung. — Abg. Langerhans (freis. Bolksp.) tritt cntschicden für die Vorlage ein. Hier handle es sic!> nm einen endlichen und guten Anfang und' cs sei durchaus nicht zu tadeln, daß nicht gleich ’ alle die anderen Krankheiten auch in, die Vorlage cinbczogcn worden seien. Er halte dafür, daß die Anzeige mir Sache des Arztes sein dürfe. Nothwendig sei ferner obligatorische Leichenschau. — Abg. Remboldt (Eentr.) wünscht, daß nun aber auch die Regierung au ein Gesetz zur Bekämpfung der Tuberkulose hcrantrete. Dem vorliegenden Gesetz ständen seine Freunde wohlwollend gegenüber. Hierauf wird die Vorlage einer besonderen Kommission überwiesen. Sodann stehen zur er|tc» Bc- rathung die Ergänzungs-Etats. Der erste derselben (Neichszuschuß zu mehreren im Interesse der Landesvertheidigung liegenden
(Nachdruck verboten.)
Ge!stes!»1ihe
»ms Frarirts Kurorts Urssn-Schrifteri.
Uebersctzt von Edwin Borman«.
II.
Gute Gedanken sind nicht viel besser als gute Träume, sie müssetl in Handlung umgesetzt werden.
Kühnheit ist immer blind; denn sie sieht keine Gefahren und Hindernisse.
Jn> Rathe ist es gut, Gefahren zu sehen, in der Ausführung gut, sie nicht zu sehen, sie wären denn sehr groß.
Natürliche Güte ist von allen Tugenden und Vortreffiich- feitcn des Geistes die größte.
In der Milde giebt es kein Uebermaß.
Die Gewohnheit, zu schweigen, ist sowohl politisch wie moralisch.
Kinder versüßen die Arbeit, aber das Unglück machen sie bitterer.
Kinder vermehren die Sorgen des Lebens, aber sie mildern die Gedanken an den Tod.
Weiber sind junger Männer Geliebte, Gefährtinnen fürs Mittelalter, und alter Männer Pflegerinnen. So hat denn ein Mann immer einen Anlaß zum Heirathen, wenn er will.
Wer keine eigene Tugend hat, beneidet stets die Tugend Anderer.
Mitleid heilt immer den Neid.
Man hat gesagt, der Erzschmeichler sei der Mensch sich selbst, aber ein Verliebter ist noch mehr.
Männer in hoher Stellung sind dreifach Diener: Diener des Herrschers oder Staals, Diener des Ruhms und Diener des Geschäfts.
ES ist ein seltsames Sircben, Macht zu suchen und Freiheit zu verlieren, oder Macht über Andere zu suchen und Macht über sich selbst gu verlieren.
Wer in ein Land reist, bevor er einige Einsicht in die Sprache hat, geht in die Schule lind nicht auf Reisen.
Der Helm deS Pluto, der den klugen Mann unsichtbar macht, ist Verschwiegenheit im Rath und Schnelligkeit in kr Ausführung.
DaS Ich ist ein armseliger Mittelpunkt für die Handlungen des Menschen.
Wie die lebenden Geschöpfe bei der Geburt mißgestaltet sind, so auch alle Neuerungen, denn sie sind die Geburten der Zeit.
Das Vorgehen auf Grund eines schriftlichen Eniwurfcs erleichtert meist die Beschleunigung; denn, wenn er auch ganz verworfen werden sollte, so giebt doch dies Negativ eine bestimmlere Nichlung als etwas Unbestimmtes, wie Asche fruchtbarer ist als Staub.
Manche Dinge sind anmulhig aus Freundes Munde, die aus eigenem beschämend sind.
Das Schlimmste fürchten, heilt oft das Schlimmste.
Unsere Leiden sind unsere Schnlmeistcr.
Es erfordert einen starken Geist und ein starkes Herz, zu wissen, wann die Wahrheit zu sagen und zu thun ist.
Verdacht ist wie die Fledermaus nnier den Vögeln; beide fliegen allzeit in der Dämmerung.
Nichts ist zu fürchten als die Furcht selbst.
Es giebt weuig Freundschaft in der Welt, und am wenigsten nnier Gleichstehendcn. ^ _
Der größte Schmuck ist die innere Schönheit des Gemitthes. _ -
Wahrheit und Güte unterscheiden sich nur wie das Petschaft und das Siegel; denn Wahrheit zeugt Güte.
Eine gesunde und wohlgeordnete Naturgeschichte ist der Schlüssel zu aller Wissenschaft und Thätigkeit.
Bücher werden offen reden, wenn Nathgcber schmeicheln.
Es ist gut, in Büchern Bescheid zu wissen, besonders in Büchern von Solchen, die selbst Schauspieler auf der Bühne gewesen sind.
So mancher Mensch beträgt sich wie ein Vers, ivorinnen jede Silbe ist gemessen.
Wie die Hieroglyphen älter als die Buchstaben, so sind die Parabeln älter als die Vernunftschlüsse.
DaS höchste Glied der Kette der Natur ist fest geknüpft am Fuß von Jupiters Thron.
Der erste Fehler der Wissenschaft ist darin zu erblicken, daß Worte studirt werden und nicht Dinge.
Sich in Worte zu verlieben, wenn sie nicht von der Kraft der Vernunft beseelt sind, ist dasselbe, als verliebte man sich in eine Bildsäule.
Der Geist des Menschen ist wie die Laterne Gottes, womit er das Innerste aller Geheimnisse sucht.
Dichtkunst ist wie ein Trauni von Wissen.
Parabolische Poesie ist Geschichte mit Typen; sie bringt Ideen zu sinnlicher Anschauung.
Das Theaterspiel ist von gelehrten Mänilern und groß«» Philosophen als ein Seelenplektrum betrachtet worden, fllfl
