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1. Beilage zum Mesbaüener Tagblatt.

Wo. 188. Morgen-Ausgabe.

Dienstag, den 24. April.

48. Jahrgang. 1900.

(17. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Gin Frühlingstraum.

Roman von Johannes van Aewalk.

Ich schaute sie dankbar an, mir war so selisam, so er­griffen heute zu Muthe.

„Und wie geht es der Tante, wo sind die Anderen, Margot, — warum darf Niemand zu mir herauf?"

„Die Anderen?" frug Margot erstaunt zurück, „aber wissen Sie das nicht, — die sind ja Alle fort, verreist. Die Tante ist mit Tante Näthin und Adda in Berlin, und Onkel Blunt ist in England schon seit vierzehn Tagen, — hat denn Niemand Ihnen das gesagt?"

Mein Erstaunen, mein Schrecken war grenzenlos.

„Sie sind fort, verreist?" rief ich, mich hastig empor­richtend, ich wollte meinen Ohren nicht trauen.

Margot nickte ernsthaft. „Ja, — sie sprachen von un­aufschiebbaren Geschäften," erwiderte sie etwas kleinlaut und bestürzt, „morgen oder übermorgen kommen sie aber zurück, nur Onkel Blunt kommt nicht, der bleibt noch längere Zeit in London." Damit stand sie eilig ans und lauschte nach der Thür, die noch offen stand. Ein leises Geräusch draußen auf dem Vorflur hatte sie erschreckt.

„Still!" flüsterte sie und ging auf den Zehenspitzen, um hinauszuspähen.

Einen Augenblick stand sie da mit vorgebeugtem Ober­körper, dann kam sie eilends zurück. — „Es darf mich Niemand hier finden," flüsterte sie, „0 mon Dieu, wie gerne ich noch bei Ihnen bliebe!"-

Das Geräusch draußen wiederholte sich. Plötzlich fühlte ich ihren weichen Mund warm auf meinen Lippen wie den Hauch eines Zephyrs. „Ich komnie wieder!" lispelte sie, und lautlos entfloh sie, die Thür hinter sich offen lassend.

Ich sah ihr nach und wußte nicht genau, ob ich wachte oder träumte. „War das Margot und war es wirklich wahr, was sie sagte? — Also fort waren sie, Alle fort, und ich wäre beinahe gestorben unterdessen, — o mein Gott!"

Als ich meine Augen traurig und nachdcnkend nieder­schlug, sah ich eine Rose auf der Decke meines BelteS liegen. Ich nahm sie und sog ihren süßen Duft begierig ein. Ich hätte die Blume fragen mögen, ach so Vieles, Wichtiges, was durch meine aufgeregten Gedanken schoß, was in meinem Herzen wühlte, — aber sie blieb stumm!

Ich hörte die Schritte der Diakonissin, — jenen leisen, schlürfenden Schritt der Wärterin, den der Kranke nur zu wohl kennt, und verbarg die Rose unter meinem Kissen.

Zwei Tage darauf besuchte mich Frau von Jvernois.

Sie war sehr gütig, aber sehr ernst.

Sie entschuldigte sich, daß sie seit so langer Zeit nicht gekommen wäre, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, ich könne wohl annehmen, daß nur eine unaufschiebbare Pflicht sie von mir ferngehalten hätte.

Sie sei verreist gewesen.

Lebhaft und herzlich sprach sie mir ihre Freude ans, mich so viel wohler heute wiederzufinden, und die Hoffnung auf eine baldige und schnelle Genesung.

Aber so gütig sie auch war, und welche Mühe sie sich auch gab, cs mich nicht merken zu lassen, ich fühlte es nur zu wohl mit dem feinen Instinkt eines verwundeten Ge- müths, an ihren Blicken, am Tone ihrer Stimme, daß das alte trauliche Verhältniß zwischen uns erschüttert war, daß nicht mehr Alles mar wie sonst.

Es lag etwas Gespanntes und Fremdes zwischen uns, was ihre Herzlichkeit abkühlte und mir das Herz schwer machte.

War es das Bewußtsein meiner Schuld, der Undankbarkeit, von der ich mich nicht ganz freisprechen konnte, der Mangel an Vertrauen, den ich ihr bewiesen hatte, indem ich mich hinter ihrem Rücken um Addas Gunst bewarb? — Und doch, wenn sie gewußt hätte, wie fest ich schon entschlossen war zu gehen, und wie so plötzlich dann Alles gekommen war an jenem Abende! — Sollte ich ihr nicht jetzt noch lieber Alles gestehen und ihre Einwilligung, ihre Verzeihung wenigstens zu erhalten suchen?

So rang es in niir, — aber vergebens suchte ich zu einem Entschlüsse zu kommen.

O, wie sonnig und lachend war doch das Sonst gewesen gegen das Jetzt, wie hatte sich das Alles nun uiit einem Male verändert! Wo waren die schönen Tage geblieben, wo sie Alle kamen, sich drängten, um mir alles nur er­denkliche Liebe und Freundliche zu erweisen, wo mein Zimmer nicht leer wurde von Besuchern und Blumen!

Wo war Adda, und warum hatte ich nicht den Muth, nach ihr zu fragen? — Ach, verbot man doch selbst der kleinen Margot, mich zu sehen, und die Rose, welch- heim­lich unter meinem Kopfkissen welkte, war die einzige Gabe der Liebe, welche mein wundes Herz erquickte! —

Ich seufzte schwer und Frau von Jvernois schien es zu verstehen, welche Gedanken mich so bekümmerten.

„Sie werden manche Veränderung finden in unserem häuslichen Kreise, mein lieber Wagner," Hub sie nach einer längeren, fast peinlichen Pause wieder an und glättete an ihrem Kleide. „Sie wissen wohl schon, daß es augenblicklich sehr einsam bei uns ist. — Sie sind Alle noch auf Reisen."

Sie ließ ihr dunkles, ernstes Auge forschend eine Weile auf meinem Gesichte ruhen, sie wollte mir offenbar so schonend wie möglich Alles mittheilen, was ich wissen mußte, und war gespannt, welchen Eindruck ihre Worte auf mich machen würden.

Als sie meinen aufgeregten Blicken begegnete, sah sie, diesen a"sweichend, geflissentlich zur Seite.

Ich fühlte mein Herz klopfen vor Erwartung. Waren Adda und ihre Mutter mit zurückgekehrt, würde man ihr erlauben, mich zu sehen, nachdem ich dem Tode so nahe ge­wesen war? — O wie sehnte ich mich nach ihrem Anblicke!

Frau von Jvernois fuhr endlich fort:

„Mister Blunt ist noch in seiner Heimath, dringende Geschäfte machten seine Gegenwart dort nöthig. Es wurde ihm schwer, uns zu verlassen, — — er läßt sich Ihnen empfehlen und hofft, Sie später wiederzusehen. — Meine Schwester ist noch mit Adda und ihrem Manne in Berlin . . ."

„Ihrem Manne?!" rief ich erbleichend und fuhr trotz meiner Schwäche hoch im Bett empor.

Ganz erschrocken sah mich Frau von Jvernois an, wieder traf mich einer ihrer forschenden Blicke, dann erwiderte sie ernst, beinahe mild:

„Ja, mit ihrem Manne, lieber Wagner, der Staatsrath Schulz, mein Schwager, ist in Berlin. Wenige Tage, nach­dem Sie hier schwer erkrankten, kam er von Kurland dort an. Wir bekamen einen Brief, daß derselbe infolge eines starken Unwohlseins, das ihn unterwegs befiel, in einem der dortigen Hotels leidend darniederliege."

Ich sank in meine Kissen zurück mit einem Stöhnen des Schmerzes, aber eine Cenmerlast war von meinem Herzen gewälzt, und trotz der Qualen, welche mir mein Körper be­reitete, lächelte ich.

Frau von Jvernois strich mir freundlich über die ab­gezehrten Hände, dann fuhr sie fort in ihren Mittheilungen:

„Infolge dieses Briefes reisten wir ab und fanden den alten Herrn an einer beängstigend auftretenden Grippe sehr krank im Hotel. Wie schwer es mir wurde. Sie zu ver­lassen in Ihrem damaligen Zustande, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, Herr Wagner, aber es giebt Pflichten gegen Verwandte, denen man sich nicht entziehen darf. Glauben Sie es mir, — meine Gegenwart in Berlin war diesmal unerläßlich. — Gott sei Dank, daß ich Sie heute bei meiner Heimkehr auf dem Wege der Besserung finde; hoffen wir, daß Ihre Leiden nun schnell zu Ende gehen und Sie sich ganz wieder erholen, an meiner Pflege und an meiner innigen Fürbitte dort oben soll es nicht fehlen." Sie drückte mir die Hand und warmes Mitgefühl schimmerte in ihren Blicken, — sie war in diesem Augenblicke wieder ganz meine gütige Beschützerin von ehemals.

Ich murmelte meinen Dank und frug dann schüchtern, wie die Frau Näthin und Adda sich befänden.

Eine flüchtige Wolke glitt über ihr Gesicht.

„Meine Verwandten," erwiderte sie etwas kühler, „sind noch immer an Berlin gefesselt durch das Befinden meines Schwagers. Vor vierzehn Tagen erwarte ich dieselben keines­falls zurück, übrigens erfreuen sich meine Schwester und Adda einer guten Gesundheit und haben mir die herzlichsten Grüße für Sie aufgetragen."

Also wieder eine Hoffnung zertrümmert. Adda war noch in Berlin, ach und ich hatte mich so sehr nach ihrem An­blicke, nach einem Lächeln, einem Worte von ihr gesehnt!

„Ich bitte Sie, halten Sie sich fern von allen Auf­regungen des Gemüths," ermahnte sie mich gütig, mir an­deutend, daß sie recht wohl wisse, was in meinem Innern vor sich ging, „gewinnen Sie vor Allem Ihre alte frohe Laune, Ihre innere Zufriedenheit wieder, schonen Sie sich, lieber Wagner, — Sie wissen wohl, wie werth und theuer Sie uns Allen geworden sind, denken Sie an Ihre Zukunft und an Ihre alte Mutter, welche sich um Sie grämt und sorgt."

Ich seufzte schmerzlich.

Sie nickte mir noch einmal zu und ging hinaus.

Und ich genas. — Trotz aller Unruhe und Seelenpein gewann ich meine Kräfte überraschend schnell zurück und meine Wunde schloß sich. Ich durfte das Bett verlassen und war Rekonvaleszent.

Ich zählte die Tage bis zur Rückkehr Addas, die Stunden und Minuten, aber Adda kam nicht, ihre Heimkehr schob sich immer wieder hinaus, wie eine Fata Morgan« gaukelte ihr lockendes Bild an dem Horizoitte meiner Wünsche, tFortsetzung folgt.)

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