I. Beilage nun Wiesbadener Taglüalt.
No. 186. Morgen-Ansgade.
Sonntag, den 22. April.
48. Jahrgang. I960.
(16. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Gin Fruhlittgstranm.
Nomau von Zotzannes van Jewass.
Trotz dcr Abwesenheit von zwei so wichtigen Personen and des trostlosen Wetters war das junge Völkchen doch sehr lärmend und sehr fröhlich, man arrangirte Gesellschaftsspiele und vertrieb sich die Zeit, so gut cs gehen wollte, — wir Anderen saßen ziemlich einsilbig um sic herum und sahen zu.
Es fanden dann lange Berathungen mit dem Wirthe und dem Barometer statt wegen des Wetters, und als um zehn Uhr die Lage sich als hoffnungslos herauSstcllte, wurde beschlossen, unter diesen Umständen das klügste Theil zu wählen: auf die Fortsetzung der Bergpartie zu verzichten und nach Dresden zurückzukehren.
Mit diesem Entschlnffe wurden auch meine Pläne für den heutigen Tag vorläufig zu Wasser.
Um elf Uhr fuhren einige Wagen vor für die Damen und Onkel Blunt, wir Anderen gingen die kurze Strecke unter Tücher und Regenschirmen zu Fuß hinab nach Rathen zur Anlegestelle des Bootes und schwammen bald darauf mit dem nächsten Dampfer die Elbe hinunter.
Onkel Blunt erholte sich unterwegs merkwürdig schnell, nachdem er init dem Prokurator und mir zwei Flaschen schweren Weines getrunken hatte; die arme Adda sah aber so blaß und abgespannt aus hinter ihrem Shawl und dem Schleier, daß an einem wirklichen Unwohlsein bei ihr nicht zu zweifeln war.
Sie saß die ganze Zeit zwischen Frau von Jvernois und ihrer Mutter, welche neben ihr Wache zu halten schienen.
Madame Heine sagte mir, ihre Schwester hätte sich un- vorfichtigerweise noch ganz erhitzt vom Tanze hinaus in die kalte Nachtluft begeben und auf der Bastai gestanden. Diese Verrücktheit hätte ihr natürlich nun eine tüchtige Erkältung eingebracht.
Es war eine traurige, naßkalte Rückfahrt und Jedes von uns sehnte sich nach dem Ende derselben.
Siebentes Kapitel.
Es war gegen zwei Uhr, als wir die Thürme von Dresden aus dem grauen Wolkenschleier auftauchen sahen. Eine Viertelstunde später legte das Boot an der Brühl'schen Terrasse an und wir stiegen im strömenden Regen ans Land.
Ein Jeder sprach so schnell wie möglich seinen Dank gegen Frau von Jvernois aus und sein Bedauern, daß das schöne Fest so zu Wasser geworden war und suchte dann in Eile seine Behausung zu erreichen und sich in Sicherheit zu bringen.
Beim Aufsuchen eines Wagens für die Damen wurde ich durch und durch naß und war dann noch so unvorsichtig, mich eine Weile lang der rauhen Zugluft unten an der Elbe ausznsetzen, fröstelnd und vom Regen triefend langte ich in der Ostra-Allee an.
Zwar wechselte ich sofort meine Bekleidung, aber schon als ich auf mein Zimmer kam, fühlte ich ein inneres Frösteln und meine Wunde schmerzte mich mehr, als dies seit Wochen der Fall gewesen war.
In dcr folgenden Nacht wurde ich schwer krank, mein Arm verschlimmerte sich, die Wunde brach völlig wieder auf und ich mar dem Tode näher wie je.
Von Dem, was sich in den nächsten Tagen und Wochen ereignete, habe ich nur noch eine unbestimmte, qualvolle Erinnerung. Des Himmels Gnade und meine gute Natur retteten mich aber auch dieses Mal. Nach langen, schweren Stunden kehrte endlich das Bewußtsein zurück. Der Todesengel schwebte widerstrebend hinaus und gab mich frei.
Ich erwachte. Eine mir fremde Person in dunklem Gewände, eine Diakonissin, saß an meinem Lager.
Sie sagte mir, daß sie meine Wärterin sei und daß ich sehr krank gewesen wäre. Sie gab mir Medizin ein, reichte mir Speise und gebot mir, mich so ruhig wie möglich zu verhalten.
Auf meine Frage nach Frau von Jvernois, nach Adda und den anderen Gliedern der Familie gab sie mir kurze, ausweichende Antworten. Sie wären Alle gesund, erwiderte sie, aber der Arzt hätte jeden Besuch für mich streng untersagt.
Ich war so malt und angegriffen, daß ich gleich wieder einschlief.
Langsam begann meine Genesung.
Es giebt kaum einen wohlthätigeren Zustand für einen Schwerkranken, als jenes Traumleben in den ersten Tagen nach dem Wiedererwachen zum Dasein, wenn die Besserung sich cinstellt, die Schmerzen ruhen, wenn das Flämmchen, welches dem Erlöschen nahe, von Neuem zu brennen beginnt, wenn die Seele sich langsam aufschwingt zum neuen, wiedergewonnenen Leben.
Sorglos wie in unseren Kinderjahren, liegen wir in einem ruhigen Traum, ein wohlthütiger Schleier liegt noch auf unserem Geist, liebliche Bilder umschweben uns, sanfte Melodieen klingen in unsere Ohren, wie aus einer fernen, längst vergangenen Zeit und halten die Sorgen ab, damit wir erstarken zu neuem Dasein.
Aber kaum fühlen wir das Blut wieder kräftiger rinnen durch unsere Adern, kaum erwacht das Bewußtsein wieder deutlicher, so tritt auch aufs Neue die graue Frau an uns heran und scheucht die Traumseligkeit mit ihren kalten, herzlosen Händen von uns fort, selbst dem kauni dem Tode Entronnenen gönnt sie nicht das kurze Glück und die Schlangen ringeln sich wieder um unser Herz.
Ich wachte eines Morgens auf, kräftiger und bewußter. Die volle Erinnerung war mir zurückgekehrt und mit ihr kam die Unruhe, die Sorge.
Beobachtend und erstaunt sah ich das stille Mädchen, welches mich pstegte, im Zimmer umhergehen und wunderte mich, daß Niemand sonst kam, um nach mir zu fragen.
Ich richtete mich empor und schaute aufmerksam bald auf sie, bald auf die geschlossene Thür, jeden Augenblick erwartete ich, daß dieselbe sich öffnen und eine befreundete Gestalt durch dieselbe hereintreten müßte.
Aber ich wartete vergeblich. Eine innere Unruhe und Angst bemächtigte sich meiner — die ganze Vergangenheit lag mit einem Male klar vor mir und quälende Gedanken traten vor meine Seele.
Ich begann zu sprechen, die Schwester mit Fragen zu bestürmen. Ich wollte wissen, tvie lange ich krank gewesen war, wo Frau von Jvernois, wo die Anderen seien und
warum sie nicht zu mir kämen. Ich frug nach Adda, nach Mister Blunt und Margot, aber die Diakonissin mit ihrem runden, glatten Gesichte schien wenig aufgelegt, meine Neugierde zu befriedigen. Sie sagte mir, daß ich beinahe drei Wochen lang in Folge einer Erkältung schwer krank gewesen sei, — drei Wochen — wie ich erschrak! — daß der Arzt jeden Besuch und alles Sprechen auf das Bestimmteste untersagt hätte und daß alle Glieder der Familie ganz wohlauf seien; wenn es Zeit wäre, würden sic schon kommen. Mehr konnte ich nicht von ihr erfahren. Auch der Arzt, welcher mich besuchte, sagte mir mit ernster Stirn dasselbe und verbot mir, zu sprechen. Mein Bursche durfte damals nicht ins Krankenzimmer kommen, und so mußte ich mich denn zufrieden geben und lag hinter den zugezogenen Gardinen mit meinen eigenen Gedanken allein. — So verging die Zeit.
Es war an einem Sonntagmorgen, meine Wärterin hatte das Fenster geöffnet, die Glocken läuteten zur Kirche und die Sonne schien hell und warm herein.
Da ging die Thür auf und ganz leise und vorsichtig schob Mademoiselle Margot ihren Lockenkopf durch die Spalte.
Mit ihren blitzenden Augen sah sie pfeilschnell sich rechts und links um, einen Finger auf die Lippen gedrückt, um mir Schweigen zu befehlen, und als sie sich überzeugt hatte, daß ich allein war, flog sie hurtig wie eine Libelle auf mich zu.
Sie war sichtlich erregt und schaute mich besorgt an.
„O wie glücklich ich bin, Sie zu sehen!" flüsterte sie, — „o man pauvre ami, Sie waren so krank!" und sie faßte meine Hand so stürmisch und doch so weich und zärtlich und ihre großen, leuchtenden Augen ruhten so lieb und theilnehnieud auf meinen bleichen Zügen, daß es mich tief ergriff.
„Margot, meine gute, kleine Margot," sprach ich weich und streichelte leicht ihre Wange und das wilde Gekräusel ihrer Locken, — „wie freundlich ist es, daß Sie kommen, wie freue ich mich, Sie zu sehen! — Sie sind die Erste, die mich aufsucht, das will ich Ihnen nie vergessen."
Sie hielt meine Hand fest in der ihrigen, sie kniete langsam auf dem Teppich nieder vor meinem Belte und schaute mir prüfend und wehmüthig in die Augen.
„0 mon Dien, wie glücklich bin ich, daß Sie wieder lächeln!" flüsterte sie, und mir war es, als ob eine Thräne au ihrer Wimper schimmerte, als ob ihr Auge feucht erglänzte.
Ich war ihr so dankbar in meinem Herzen, daß ich unwillkürlich ihre schmalen, zarten Finger fester drückte mit meinen abgezehrten Händen und dieselben an meine Lippen zog.
Eine warme Gluth stieg in ihre erregten Züge, sie barg einen Augenblick lang ihr Haupt in meine Kissen und legte ihre weiche, braune Wange auf meine Hand. Ich fühlte, wie dieselbe brannte.
„O Margot, liebe, kleine Margot, — wie lange haben wir uns nicht gesehen!" rief ich freudig bewegt.
„Still, still!" flüsterte sie und richtete sich vorsichtig auf, „man hat mir verboten, zu Ihnen zu kommen, — Niemand darf mich hier finden. — O Gott, wie dumm, daß ich weinen muß, aber ich kann nicht anders, Sie waren so krank, zum Sterben."
(Fortfctznng folgt.)
Schuhwaarenhaus
von Hl. J. Neustadt.
Gegründet 1889.
Berlin W. 46
und
Wiesbaden,
9. JLtiiig'g’ttsse 9.
Die Firma strebt in allen ihren Einrichtungen dahin, nicht nur für den Augenblick zu verkaufen, sondern sich einen festen Stamm treuer Kundschaft zu erwerben, die in der Ueberzeugung, gut und coulant bedient, zu werden, stets von Neuem wieder zum Neiistadt’schen Geschäft zurückkehrt. Um dies zu erreichen, muss natürlich für jeden einzelnen Schuh, mag er nun hochelegant oder ganz einfach sein, die unbedingteste Garantie übernommen werden können. Die Firma bietet nicht nur Garantie für Haltbarkeit und Dauerhaftigkeit, sondern vor Allem auch, was gewiss ebenso wichtig ist, für gute, bequeme, tadellose Passform.
Eröffnung
Kinderschuhe. Es ist eine bekannte Thatsache, dass die Füsse der Kinder durch schlecht geformte Schuhe zum grossen Theil an ihrer natürlichen Form einbüssen und verdorben werden. Die unangenehmen Folgen zeigen sich erst im späteren Alter Es kann den Eltern deshalb nicht angelegentlich genug empfohlen werden, auf richtig geformte Fussbekleidung, wie solche von der Firma Neustadt geführt wird, für ihre Kinder zu achten. Neustadt’s Kinderschuhe sind nach den Regeln der Hygiene ausgeführt und dabei doch von einer unerreichten Schönheit in Fa$on und Machart. Für ältere Kinder bietet das Lager specielle Schulstiefel in besonderer haltbarer Machart und rationeller Fagon. Für ganz kleine Kinder, die auch auf dem Arm getragen worden, hat die Firma eine grosse Auswahl entzückender Schühchen.
Speeialität:
Aechte amerikanische Schuhe und Stiefel.
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