1. Mlage mm Wiesdadener Tagdlatt.
(14. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gm FriihUngstranm.
Nomau von Joyannes van Jemals.
Ich befand mich in einem Zustande der Aufregung, der sich nur schwer beschreiben läßt, — ich hätte mich mit einem Wulhschrei aus den alten Narren mir gegenüber stürzen mögen, um ihn zu erwürgen und Adda zu befreien, es zuckte mir in allen Fibern. — Ich beschloß, noch heute Gewißheit zu erlangen, koste es was es wolle, und zu handeln oder morgen abznreisen.
Dieser Entschluß machte mich etwas ruhiger.
Einige Male bei den verschiedenen Touren des Tanzes ruhte Addas Hand federleicht in der meinen, ihr Busen hob und senkte sich, aber sie schaute nicht auf. Und nun kam das Finale, die Instrumente gaben einen lebhafteren Takt uu, die Geige schrie lauter und herausfordernder.
„Grand cliaine!“ kommandirte Onkel Blunt und dann gleich hinterher „tournez!“ — Ein eigenthümliches Zucken glitt über Addas Gesicht, als der alte Herr mit einem lächerlichen Zirkelsprung auf die andere Seite pirouettirte und dabei sang: „Ich bin Menelaus der Gute, Menelaus der Gute", — es war zum ersten Male, daß ich sah, wie ihre Oberlippe sich bäumte, daß ein leiser Zug von Widerwillen um ihren sonst so freundlichen Mund spielte. — Gleich darauf traf mich ihr voller, sprechender Blick mitten rns
Herz hinein. ^ v
Der Tanz war zu Ende, — ich brachte Madame Heine zu ihrem Gatten und stürzte hinaus. Das Herz drohte mir zu zerspringe». . ..
Aus dem hellen, dunstigen Saale trat ,ch hinaus m die reine, dunkle Sommernacht.
Welch ein Gegensatz!
Welch beseligende Stille und Ruhe hier draußen unter den Bäumen, — welch' ein erhabener Frieden in der ganzen Natur!
Im Mondeuscheine schauerten und rauschten gehcimniß- voll die Wipfel und schimmerten wie flüssiges Silber und flüsterten mir ihre uralten Weisen und Märchen ins Ohr, der Nachtwind koste so lind und leise meine glühende Wange, er strich mit seinen weichen Händen so schmeichelnd über mein Gesicht, er lispelte mir ins Ohr: Was sorgst du dich, was grämst du dich, du thörichtes Menschenkind! — Schau hinauf zum hohen Himmelsbogen und siche die Millionen Sterne an, sie alle gehen ihren ewigen Gang nach Gottes Rath, seit Tausenden von Jahren; kein Licht ist erloschen dort hoch im tiefblauen Acther seit die Welt steht und die Firmainente kreisen, — warum zagst du nun, du kleines, ungläubiges Herz?! — Geschieht nicht Alles nach seinem Willen und sind die Haare auf deinem Haupte nicht gezählt? — Nimm auf den heiligen Gollcsfrieden in deinem Herzen, laß ihn einziehen in deine Brust und wirf die Sorge von dir, — schau' hin, ist die Welt nicht schön? Warum, o Mensch, dich selbst bcthören, durch selbstgeschaffene Oual — schau' hin!
So stand ich auf der Bastei — einsam mit meinen Gedanken in der stillen Wandernacht lehnte ich am Geländer. Mein Auge schweifte hinaus und die Welt that sich vor ihm auf mit all ihrem Zauber. Ich vernahm die Stimme des Geistes der Nacht wie leises Rauschen, sie sprach zu um:
Schau' hin, du Sohn der Erde, dies Alles hier mit seiner unaussprechlichen Pracht ist auch für dich geschaffen!
Da schwamm des Mondes Scheibe im Acther, — so träumerisch und mild, sie übergoß mit ihrem Silberlicht den stillen, erglänzenden Strom dort unten, tief, tief im Thale zu meinen Füßen, und die Felsen daneben schimmerten ge- heimnißvoll wie blankes Melall. Schwarz thürmten drüben sich die Berge auf, tiefdümmernd im Schatten der Nacht lagen die Felsenschluchten da und die stille, weite Landschaft, die Ortschaften, aus denen hier und dort ein Lichtschein zitternd heraufblinzelte zu dem Bergriesen.
An der Eisenbahn dort drüben jenseits des Stromes funkelten roth und grün die Signale wie ebenso viele Leuchtkäfer, und die Schienen erglänzten im Mondenlichte wie lange Silberfäden.
Manchmal, wenn die Nachtlnft kräftiger herüberstrich, trug sie das Rauschen des Wassers leise mit herauf, flüsterten die Kronen der Bäume geschäftiger und aufgeregter. — sonst war heilige, erhabene Stille überall.
Wie ein wunderbares altes Lied zog es durch mein Ge- müth, wie ein ungesprochenes Gebet.
Erst die feurige Schlange, die dort heranbrauste durch die Nacht, der gellende Pfiff der Lokomotive riß mich jäh empor aus meinen Träumen. — Das Dampfroß jagte donnernd vorüber, — nimmer rastend, unaufhaltsam, mit unheimlicher Schnelle zieht es hin Tag und Nacht, schwer arbeitend im Dienste der Menschen. Im Mondenscheine ballte sich der Dampf zu allerhand phantastischen Gebilden, gleich einer langen Fahne flatterte er hinterher und verschwand endlich bei der Biegung dort hinter den Felsen. Und wieder tiefe, heilige Stille.-
Ich setzte mich auf die kleine hölzerne Bank da oben, — ich schloß die Augen und dachte nach, getrösteter als vorhin.
„Wer weiß, wozu es gut ist," sprach es in mir und dann plötzlich zuckle es schmerzlich wieder auf, ein namenloses, ungebändigtes Weh, wie ein Messerstich. Ich sah sie vor mir stehen so lieblich und so bleich, ein Engel mit geknickten Flügeln, — o. mein Herzblut hätte ich ja vergossen mit Freuden für ihr Glück!
Ich dachte nach: — Was war es denn nur, was ich empfand für Adda? — War cs Mitleid, war es Liebe?!-
Was erregte mich nur so in tiefster Seele?
Ich hörte einen leisen Schritt und blickte auf. Adda, einen Plaid über Kopf und Schultern geworfen, schritt eilends über die schmale Brücke, welche zum äußersten Felsen führt, ihre Gestalt zeichnete sich deutlich ab gegen den sternklaren Himmel.
Wie ich erschrak, — wie mein Herz plötzlich stille stand!
„Adda!" rief ich leise und erregt und eilte auf sie zu.
„Bleiben Sie sitzen," sprach sie wehmülhig und schob das verhüllende Tuch zurück. — „o, ich dachte mir es wohl, daß icb Sie hier finden würde."
Schwer anfathmend setzte sie sich neben mich. _
Wir schwiegen, — ich war nicht im Stande, ein Wort zu sprechen, es war eine peinliche, inhaltsschwere Minute. — Wir rangen Beide nach Fassung.
Dann stand sie langsam auf und trat an die Brüstung und ich folgte ihr mit einer ganzen Welt voll Empfindungen in meinem Herzen.
Wir sahen eine Weile hochathmend hinaus in die Nacht. Ihr Tuch glitt vollends herab von ihrem Haupte, der Nacht, wind spielte sanft in ihren Locken, der Mond beschien ihr wunderholdes Gesicht und die Thräne, welche langsam von ihrer Wimper herabfiel.
„Adda!" sprach ich leise mit bebender Stimme, „Adda! Da wandte sie langsam mir ihr Antlitz zu und schaute mich an mit einem Blick voller Vorwurf und Liebe, und bitterlich weinend sank thr Haupt an meine Brust, als suchte sie Schutz an meinem Herzen.
Adda — liebe, süße Adda!" rief ich trunken von Glück und "Liebe, ich küßte ihr die Hände, die Stirn und Augen, ich trank ihre Thränen. — „Armes, theures Mädchen, stammelte ich, „was haben sie Ihnen gethan?"
Sie schauerte leicht zusammen, als hätte sie Frost, und
weinte still. . _ ^,
Ich war wie berauscht von Gluck und Seligkeit, ^ch schlang meine Arme um die herrliche hingehende Gestalt, ich zog sie neben mich auf die Bank, ich küßte sie, bis ich sie erglühen fühlte unter diesen Küssen und sie sich leise loswand aus meinen Umschlingungen.
Dann nahm ich ihre beiden Hände und schaute ihr in die süßen, verschämten Augen tief und glndlicb und frag, ob sie mir vertrauen wollte, ob sie mein sein wollte, ob sie mich lieben wollte, so wie ich sie liebte, namenlos über alle
Maßen. n , .
Und wieder küßte ich diese weichen, bebenden Lippen und
wieder ruhte sie au meinem Herzen.
„O. ich wußte ja, daß es so kommen mußte, o liebe mich" Adda." murmelte ich, „o finde Kraft in Deiner Liebe, allen Versuchungen, allem Drängen der Deinen zu widerstehen! — Willst Du das, Adda, willst Du geduldig zwei oder drei Jahre warten, bis ich Dir eine passende, sorgenfreie Lebensstellung bieten kann, willst Du mein Weib sein — sprich?"
Sie schaute zu mir auf. ganz Liebe und Vertrauen — sie öffnete schon ihre Lippen zum Sprechen, — da plötzlich vernahmen wir Schritte, das Laub raschelte, „Adda, — Adda!" rief die Stimme der Tante laut durch die Nacht.
Zitternd wie ein anfgeschreckies Reh sprang Adda empor. Sie streckte rathlos die Arme aus und klammerte sich krampfhaft an mich. ,
„0 Gott!" murmelte sie zum Tode erschrocken.
Der Augenblick war kritisch.
Ich fühlte, daß wir so hier nicht zusammen gesunden werden durften.
„Bleibe ruhig hier stehen, Adda." flüsterte ich schnell entschlossen, „bewahre Deine ganze Fassung; auf Wiedersehen, Geliebte, — Gott schütze Dich!" und mit einem Sprunge über die Brücke setzend, tauchte ich pfeilschnell und lautlos, trotz meines kraftlosen linken Armes, in das Gestrüpp und blieb dort lauschend, hoch aufathmend stehen.
Es war die allerhöchste Zeit gewesen. Einige dunkle Gestalten näherten sich schnell.
Wo ist nur mein Kind?" hörte ,ch gleich darauf noch einmal die etwas gereizte Stimme der Frau von Jvernois, welche in Begleitung der Rälhin und des Onkels Blunt soeben den schmalen Steg herabkam.
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