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1. Beilage nun Wiesbadener Tagdlall.

180 . M orgen-Ansgade.

(13. Fortsetzung.) l(Nack, druck verboten.)

Ein Friihlingstranm.

Roman von Johannes van Aewafl.

Großer Gott also doch zu spät!" rief ich wie vernichtet und eine Thräne des Zornes, des schneidendsten Wehes sprang in meine Augen.

Von Frau von Jveruois und Mister Blunt war noch immer nichts zu erblicken, die waren noch unten in der Kajüte.

Kurz vor Wehlen aber kamen sie Alle endlich zum Vor­schein.

Wir stiegen dort ans Land.

Ich sah, wie Frau von Jvernois der Räthm und Adda einen langen Blick zuwarf, der sie ermahnte und sie bat, sich zu fassen, ich sah die rothgcweinten Augen Addas trotz des dichten Schleiers und erblickte auch Onkel Blunt, der heute zum ersten Male ernst und nachdenklich war, und da fiel es mir mit einem Male auf, wie alt und faltig er doch eigentlich aussah, >venn er nicht lachte und tänzelte.

Die junge Welt drängte stürmisch und geräuschvoll zum Ufer hinüber, >vo die Esel standen mit ihren rothen Sätteln und die kleinen Pferdchen mit ihren Treibern. Man stritt und neckte sich unter Lachen, ein Jeder wollte das Thier haben, lvelches ihm am meisten gefiel, da gab es denn ein lustiges Gewühl, viel Komisches und vielen Lärm.

Endlich saßen Alle im Sattel und unter Hühs und Hohs trippelte die lange, bunte Kavalkade durch den freundlichen Ort zwischen Hecken und Felsstücken dahin, dem Thal- einschnilt zu. . .

Hinter dem Dorf führte der Weg steil abseits und ver­engte sich urplötzlich so sehr, daß nur Einer hinter dem Andern reiten konnte; dann ging es vorüber an den Ver­käufern mit Schachteln und Spielereien von Moos und Baumrinde, hinein in die kühlen, dämmernden Felsenschluckiten, in den Wchlcner Grund und durch den llttewalder Grund, in welchem niemals die Sonne den feuchten Erdboden be­rührt, zum Felsenthor.

An der sogenannten Teufelsküche wurde einen Augenblick gerastet. Ich war abgestiegen, um aus dem klaren, kühlen Quell zu schöpfen.

Geben Sie mir auch etwas zu trinken," bat eine leise Stimnie neben mir, während der älteste der Führer seine Fabeln und Beschreibungen mit Pathos zum Besten gab. Ich ließ den krystallencn Strahl in meinen Feldbecher laufen und reichte ihn Adda.

Als sic den Schleier zurückschlug und den Becher an die Lippen führte, da schaute sie mich an mit ihren großen schwimmenden Augen, so trostlos, so vorwurfsvoll und so unglücklich, daß ich mich abwenden mußte, um nicht meine ganze Fassung mit einem Male zu verlieren.

Meine Brust hob und senkte sich, meine ganze Gestalt erbebte, als schüttelte sie ein Fieberfrost.

Aber schon ging es wieder weiter, Adda nahm ihren früheren Platz inmitten ihrer Gefährtinnen wieder ein; wir ließen das Felsenlabyrinth hinter uns und kamen auf einen breiten, sonnigen Waldweg. Der Kontrast war lebhaft und wohlthuend, man athmcte freier hier im Sonnenlichte nach den düsteren Schauern des Höllengrundes. ,

Der eine Weile lang unterbrochene Jubel, die Scherze und Neckereien wurden wieder laut, das junge Volk machte

Donnerstag, den 19. April.

48. Jahrgang. 1900.

kleine Eselwettreiten, saß auf und ab, um Blumen und Farrenkräuter zu pflücken, und ritt in kleinen Gruppen bald hierhin, bald dorthin, wie es die Laune und der Augenblick eben fügten.

Ich ritt beinahe einsam ganz zuletzt, hinter mir keuchte nur noch der Prokurator, welcher es als mit seiner Würde nicht vereinbar zu halten schien, einen Esel zu besteigen, und lieber zu Fuße ging.

Auf der Höhe kamen wir in den Hochivald und genossen ab und zu eine herrliche Fernsicht.

Noch eine kleine Viertelstunde und wir langten bei dem Gasthausc auf der Bastei au, gerade als die Sonne begann, ich hinter den Höhen im Westen zu verstecken und uns zum Abschied noch einmal voll und glänzend anschante und Alles mit ihren Strahlen anglühte und blendete. Gleich darauf war sie verschwunden, dort drüben war der Himmel noch alles Gold und Purpur, hier stiegen schon die Schatten der Dämmerung langsam, gespenstisch aus den Thälern und Schluchten empor.

Natürlich erwartete uns droben bereits ein telegraphisch be- ielltes Souper mit delikaten Forellen und Wildbraten, ja noch mehr, auch die Tafelmusik sollte diesmal nicht fehlen, wenn das Orchester auch nur aus einer Harfe und zwei Geigen bestand.

Onkel Blunt hatte an Alles gedacht und das Alles arrangirt, o, er war sehr schlau, der alte Onkel, so chlau, daß er sich heute an ihrem Geburtstage um Adda fast gar nicht zu kümmern schien, daß er sie ganz ihren Gefährtinnen überließ und cs doch so einzurichten verstand, daß sie die Königin des Festes blieb, daß sich Alles nur um sie zu drehen schien.

Er war der feinste und raffinirteste Schmeichler, den mail sich denken konnte, und schlauer als wir Alle.

Ich war so in meinem Innern betrübt und verworren, ich fühlte mich so elend bei alledem, daß ich mit dem besten Willen nicht fröhlich scheinen konnte. Ich fürchte sehr, nicht Selbstbeherrschung genug bewiesen zu haben, um mein Ge­sicht nicht zum Verräther werden zu lassen, denn Frau von Jvernois schaute ein- oder zweimal gar eigcnthümlich ernst und besorgt zu mir herüber.

Was ist Ihnen nur heute, liebster Wagner, fühlen Sie sich nicht wohl?" frug sie thcilnehmend und ich nahm meme Zuflucht zu einer Nothlüge und behauptete, es müsse wahr­scheinlich anderes Wetter geben, ich hätte wieder Schmerzen in meinem Arm.

Wie froh war ich, daß mein Arm mir auch eine passende Gelegenheit bot, um hernach nicht mitzutanzeu!

Ich konnte nun ganz still im Winkel stehen und zusehen, wie die junge Welt sich lustig tummelte, wie die Locken flogen und die erhitzten Gesichter glühten, wie die Augen der jungen Mädchen leuchteten, die sich rastlos zu Zweien im Kreise drehten, ganz glücklich, zu tanzen und ziemlich unbekümmert darum, wer mit ihnen walzte, wenn es nur recht schnell und lustig herging.

Natürlich tanzte auch Adda, auf sie hatten es nament lich die jungen Herren abgesehen, welche das Fest durch ihre Gegenwart verherrlichten und welche nicht müde wurden, sie aufzufordern und ihr auf ihre unerfahrene Weise die Cour zu machen, aber es schien mir, als spräche und tanze sie nur wie im Traume, als lächelte sie gleichsam mechanisch.

Onkel Blunts Augen wanderten heute rastlos, seine schwarzen Augenbrauen gingen auf nieder niit einer Unruhe,

die ganz auffallend war, - dazu trat er fortwährend von einem Bein aufs andere und sprach und lachte stoßwerie.

Sollte dennoch vielleicht nicht Alles nach Wunsch ge­gangen sein? Himmel, sollte Adda widerstanden, sollte je ihn wenigstens hingehalten haben?! Sollte noch Hoff­nung sein, war noch nicht Alles verloren?-

Ein heller Strahl fiel in meine Brust, ich athmetc wieder auf, ich suchte mit den Augen Adda . . . aber da fiel mir wieder jener Blick ein von vorhin, als sie aus meinem Becher trank, jener traurige, trostlose Blick, welcher so deutlich prach: Nun ist's geschehen, warum kamst du nicht, mich zu. erretten?! und ich fühlte mich elender wie je.

Aus diesem trüben Hinbrüten riß mich endlich Onkel Blunt selbst, welcher auf mich zukam, um mich aufznfordern, in der nächsten Franpaise ihm gegenüber zu tanzen^

Mein Sträuben war vergebens. Frau von Jvernors machte demselben vollends ein Ende durch die Bemerkung, daß zu einem Corltretanz eine Hand und zwei gesuiidc Füße völlig ausreichten.

..Mein Kopf ist schwer, mein Arm ist wund.

Doch Herz und Beine sind gesund!

bemerkte der Prokurator, der sich ebenfalls ins Gespräch mischte, und ich fand den Vers so geistreich, daß ich dafür seine Frau engagirte, die sich erst ein wenig zierte und dann mit mir in die Reihe trat.

Onkel Blunt stellte sich uns gegenüber auf mit Adda, welche mit zu Boden geschlagenen Augen neben ihm stand, ihre Haiid schüchtern in der seinen, und die nicht einmal den Versuch machte, zu seinen witzigen Bemerkungen zu lächeln.

Nie in meinem Leben hatte sich mir der Kontrast zwischen diesen beiden Menschen so kraß bemerkbar gemacht, als in

diesem Augenblicke. ^ t ......

Der alte Herr mit seinen outrirten Geberden, mit seinen beim Tanz zuckenden Gliedmaßen, die den eckigen, un­willkürlichen Verrenkungen eines Nürnberger Spielzeuges glichen und ipelche einen ganz kleinen Anflug von Cancan an sich trugen, mit seinem braunen, kurzen SammetMuet, den unten spitzen, oben auffallend weiten Höschen, mit der doppelten Uhrkette, der schweren Brillantnadel und den vielen Ringen und Knöpfen, mit dem geschminkten Gesichte und den gemalten Brauen, eine galvanisirte Ruine, und neben ihm das blasse, liebliche Mädchen in seinem einfachen, hellen Gazekleide, den graziösen, etwas matten Bewegungen und den schönen, weißen, trostlos herabhängenden.Armen!

Die Lächerlichkeit, die Unnatur, ans diesen Beide« em Paar zu machen, mar so schreiend, so empörend, daß ich laut anfgelacht hätte, hätte ich nicht gefürchtet, einen Krampf zu bekommen, daß meine Blicke unwillkürlich immer wieder die Augen der Tante Jvernois suchten, um sie zu fragen, ob sie denn auch jetzt noch nicht eines Bessern belehrt sei, ob sie wirklich blind sei und die schwere Verantwortung auf sich nehmen wolle, das junge, reizende Geschöpf, welches sie erzogen, dem alten Gecken zum Weibe zu geben.

Aber Frau von Jvernois saß da und plauderte ganz harmlos mit ihrer Schwester, sie sah meine Blicke nicht in, Gegentheil, sie ließ ihr Auge mit Befriedigung über den kleinen Saal und die heitere Gesellschaft schweifen, offenbar nickt im Geringsten bedrückt von schwerer Sorge, mit einem so zufriedenen Ausdrucke im Gesicht, als sei Alles hier rn

der allerbesten Ordnung.

(Fortsetzung folgt.)

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