«8. Jahrgang.
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L73.
Fernsprecher No. 52.
Donnerstag, den 12. April.
Fernsprecher No 52.
1900.
Abend-Ausgabe.
(Nachdruck verboten.)
Der siidafrikiinische Krieg und die FriedensgescUslhofien.
Vorschläge zur Bildung eines neuen Bercins.
V.
Bei der Organisation des Vereins ist natürlich darauf Rücksicht zu nehmen, daß die Leitung desselben thunlichst entlastet wird, um sich ihrer Ausgabe freier widmen zu können. Die schlichte Vernunft räth auch, alles „Zu viel" zu vermeiden und hübsch vorsichtig und langsam in die Geschäfte cinzutreten. Ehe ich nun noch einige Winke hinsichtlich der Schaffung und Führung der Vereinigung gebe, will ich im Vorübergehen noch eine Aufgabe ermähnen, mit deren Lösung sich dieselbe im Laufe der Zeit einmal beschäftigen könnte. Es ist nichts Geringeres als der Versuch mit der Beschaffung und Einführung einer — Weltsprache. Unter den Ursachen, welche stets mehr oder weniger geeignet sein werden, den engeren Anschluß der Völker an einander zu hindern, steht das Sprachengewirre mit im Vordergründe. Keine der bestehenden Sprachen eignet sich eigentlich zu einer Weltsprache. Es fehlt ihnen sämmttich an Einfachheit, an Kürze des Ausdrucks und meist auch an Wohllaut. Für die Annäherung und Befreundung der Völker, für die Verbreitung der Wissenschaft, für die Erleichterung der Handels- und Vcrkehrsbeziehungen gäbe es nichts Wünschenswertheres als eine Universalsprache.
Die mit der Beschaffung einer solchen Sprache bis jetzt gemachten Versuche sind mißlungen; diese Erfahrung ist indessen nicht maßgebend. Sie scheiterten aus leicht erkennbaren Ursachen und zum nicht geringen Theil wegen der eigene» Mängel dieser Produkte. Unser Verein würde einer solchen Aufgabe mit ganz anderen Mitteln näher treten, als ein Privalmann und vereinzelte Gönner des Unternehmens es thun konnten. Man hat zwar behauptet, daß es ein Unding sei, eine Sprache zu erfinden; daß diese vielmehr aus der Seele des Volkes hervorgchen müsse; das ist jedoch nicht der Fall. Sie kann ebenso gut der Seele eines einzelnen Menschen entspringen. Es gehört aber ein umfassendes Geschick zu deren Aufstellung, und das ist allerdings keine gewöhnliche Gabe. Jedenfalls beweisen die sprachen der verschiedenen Länder, daß auch die Seele eines Volkes in der Sprachbildung oft recht ungeschickt sein kann. Volapük eignete sich nicht zur Weltsprache; trotz ihrer Mängel iber und trotz all den schwierigen Verhältnissen, mit welchen >as Unternehmen zu kämpfen hatte, fand sie viele Freunde bei vrn verschiedensten Völkern. Ich besitze heute noch ein Exemplar nner Volapük-Zeitung, welche in Australien herausgegeben wurde und sich 8 Jahre lang hielt. Das Blatt enthielt sogar rlw *Volapük. Es war in der Lage, seinen Lesern über geschäftliche Bestellungen zu berichten, welche in der Sprache von Eingeborenen Chinas und Japans in Australien eingelaufen waren. Ein Amerikaner war so begeistert für die Idee, vatz er in seinem Testament 400,000 Mk. für die Ver- vrenung jener Sprache hinterließ. Es gehört eben System, umstcht und vor Allem ein „Weltverein" dazu, um die Dache mit Nachdruck und Erfolg betreiben zn können. £Üü mc , W das Ziel so groß, daß man sich nicht leicht Kn "-r "^schrecken lassen soll. Die Zusammenstellung der Sprache wird Zeit erfordern. Hohe Prämien mögen dafür auszuwerfen sein, nachdem man erst klar festgestellt hat, was * ""d Verlangt wird. Man beeile sich auch nicht mit Dache. Ein nur halbwegs gelungenes Produkt nochmals o>e Welt zu senden, würde der Sache den Todesstoß geben. cTn C ."^Sprache muß die schärfste Kritik aushalten können. Ä P""kt erreicht, dann dürfte es aber auch dem Verein r ?\ ' cmen zu erwartenden weitverzweigten starken Ver- r keine 25 Jahre nehmen, bis er es dahin gebracht
K»!- c - k et . Handel die Sache begünstigt und die neue Sehr ü üieIen Saaten genügend Interesse erregt, um als 9m!.a e £ e » . k 1" den Schulen ausgenommen zu werden.
i das läßt sich machen, wenn wir nur erst wollen, j, r °mmen wir nun, nachdem ich dieses vorausgeschickt r™ lfl *? auf den der Vereinigung zu gebenden Namen VJ:' 1° biitfte die Bezeichnung „Völkerverein" oder den Lesern sympathisch sein; besser wäre aber dnb ' Dieser letztere Name hat den Vortheil,
forLf’ J e,n ? m Volk der Erde Schwierigkeiten in der Aus- Di-m dollen wird; die erstcren dagegen sehr bedeutende, ftntu» e ‘. tuu 8 sollte, meiner Ansicht nach, nicht ge-
dieser Hinsicht jedes Land wieder seine zu di.k für deu Verein einführte. Die Bewegung
Nnm- von Deutschland aus. und so möge auch der
scbli-t,- * Gesellschaft sich überall an die deutsche Form an- amfi 9rL ® er bi" vorgeschlagene Name umfaßt schließlich kann «>. ’ n der Sache überhaupt gewünscht werden Nam-n ,wird es nöthig werden, nochmals an dem ^/vdern: er umfaßt den Erdball und drückt dessen allesammt mit gleicher Liebe an die Brust.
Soll das geplante Unternehmen seiner Aufgabe gerecht werden, so habe ich hier schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß es sich dann so viel als irgend erreichbar auf die Masse des Volkes stützen muß. Hierdurch würde die „Weltunion" gleichsam zu einer social-politischen Weltmacht. Nur darf die Gesellschaft niemals aus dem Auge verlieren, daß ihre Thätigkeit den Werken des Friedens allein gewidmet ist. Sie soll also ihre Macht gebrauchen; doch niemals mißbrauchen. Sie hat dahin zu streben, daß der Vernunft und der Rechtschaffenheit im internationalen Verkehr der Völker Rechnung getragen werde. Sie hat hierzu die Wege zn bahnen und, falls nöthig, in strittigen Fällen Vorschläge zu Vergleichen zu machen. Die „Weltunion" hat versöhnend, vermittelnd und mit Würde einzugreifen. Alle an Belästigung der Staatsgewalten grenzende Akttonen, alle Eingriffe in die inneren Staatsangelegenheilen, jegliche religiöse, auch jeglich^ andere sociale Propaganda, als die hier erstrebte, sind den Vorständen und Organen der Vereinigung, als solchen, gänzlich zu verbieten.
Daß die „Weltunion" schließlich nach ihre eigenen Preß- organe haben muß, ist ja selbstredend. Ein Centralblatt ist alfo für jeden nationalen Zweig der Gesellschaft nöthig. (Insofern die Betheiligung und Zahl der Bevölkerung der einzelnen Länder solches rechtfertigt.) Die Redaktion dieser Blätter darf nur in die Hände der verfügvaren besten, erfahrensten und urtheilreifsten Männer gelegt werden. Der Kostenpunkt darf hierbei keine Rolle spielen. Nach Form und Inhalt müssen sich die Vereinsblatter den besten Tageszeitungen anschließen und diese darin, wo möglich, über- tresfen. Bei der breiten Grundlage, welche den Bestrebungen der Gesellschaft gegeben ist, bleibt zn erwarten, daß Anfeindungen ihr gegenüber und damit auch alle jene kleinlichen, die Lektüre einer Zeitung oft verleidenden Zänkereien von selbst anfhören werden. Die Nichtnng des Vereins geht ja, wie wir sahen, auf das Praktische und strebt nach der Umfassung des Wirthschaftsgebietes der Welt. Die Volks- wirthschaft im Anschluß an die Handels- und internationalen, politischen Fragen, sowie diese selbst, dielen also vollauf Stoff zu interessanten Aufsätzen. Die Vereinspresse soll über allein gewöhnlichen Parteigctriebe stehen. Sie niuß sich ferner hüten, einem Uebermaß von Sentimcntalilül Vorschub zn leisten. Nur auf solchen Bahnen werden die Blülter eine der Würde und dem Ernste des Vereins angemessene Stellung einnehmen und ihren Einfluß bei dem Volke niemals verlieren. Auch für die etwa nöthigen Provinzialblätter gelten dieselben Rücksichten; nur daß bei ihnen für Lokalmittheilunge» Raum gegeben sein wird und auch die Artikel in möglichst leicht faßlicher Form zu halten sind. Irgendwelche redaktionelle Einmischungen in Lokalfragen ist solchen Blättern nicht zu gestatten.
Zur Ausführung des Unternehmens ist natürlich Geld und sogar sehr viel Geld nöthig. Dieses ist indessen nicht schwierig zu beschaffen. Halten wir vorerst an der That- sache fest, daß aus dem hier vorgeschlagenen Wege wirklich die Möglichkeit geboten ist, Wunden zu heilen, welche sonst der angestrengtesten Privaimildlhätigkeit spotten; daß die Bereitwilligkeit der Menschen bezw. Völker, einander zu unterstützen, bereits besteht und sich mit dem zunehmenden Reichthum derselben noch täglich steigert; daß gerade eine derartige internationale Vereinigung ungemein viel zu einem besseren Verständniß und freundschaftlicheren Verhältniß zwischen den Völkern, sowie zur Förderung des Wohlstandes derselben beitragen kann. Es giebt wohl keinen stärkeren Hebel, um die Freundschaft der Völker zn Stande zu bringen und den zu fürchtenden Rassenhaß zu ersticken, als die Betheiligung an gemeinnützigen Aufgaben.
Bei der Beschaffung der Gelder ist im Auge zu behalte», daß es nicht nur die vereinzelten großen Spenden der Reichen sind, worauf man mit Bestimmtheit rechnen sollte: die Zehnpfennigstücke der kleinen Leute werden bei einer Massenbetheiligung vielleicht zuverlässiger sein, als die ersteren. Durch die Billigkeit des Beitrags muß es Jedem möglich gemacht werden, Mitglied zu werden und sein Scherflein beizusteuern. In den Schulen und in den Kirchen wäre jedes Jahr einmal ein Vortrag über die Ziele und den Nutzen des Vereins zu halten. Um die Vereinsleitung zu entlasten, wäre die Einsammlnng der Bcitrittsgclder in praktischer Weise Privat-Comites zu überlassen. Ebenso hätten diese den Beitritt von Mitgliedern lhunlichst zu erleichtern und zu fördern. Die verschiedenen nationalen Zweige der Gesellschaft könnten auch noch jährlich je einen Satz „Friedensmarken" anfertigen und verkaufen lassen, damit auch der Sammlerfreude ein neues Feld geschaffen würde. Selbst Lottcrieen wären zu empfehlen; da diese indessen nicht in allen Ländern gestattet sind, wäre es nur billig, wenn der Erlös derselbe» für das Land reservirt würde, in welchem die Lotterie stattfindet. Die eingehenden Beträge, sofern sic nicht sogleich zur Verwendung kommen, wären in sicheren Bankinstituten gegen Zins anzulegen, auf daß das Kapital nicht brach liege.
Das wäre so ungefähr, was vorderhand über den obigen Plan zu sagen ist. Findet die Sache Anklang, dann käme es zunächst darauf an, die erforderlichen Statuten auf der Basis der oben niedergelegten Gesichtspunkte zusammenzustellen.
Deuischrs Reich.
Die Fleischbeschauvorlage.
Es ist kein Zweifel mehr, daß die Fleischbeschauvorlage in der Form eines Kompromisses zu Stande kommen wird, mit dem die Regierung sich allenfalls zufrieden geben kann, während die Bündler sehr viel Lärm schlagen, schließlich aber auch zufrieden sein werden. Die Kanonade, mit der die Bundesleitung vor wenigen Tagen die Luft erschütterte, war denn doch nur blind. Die Herren Graf Mirbach und v. Manteuffel fühlen sich jedenfalls nicht tödtlich verwundet, und wenn ein Theil der Konservativen unter dem Zwang des bündlerischen Jakobinismus auch die Fahne der Ueber- zeugung schwenken und für die völlige Ausschließung der amerikanischen Fleischeinfuhr leben und sterbe» wird, so macht das weiter nichts ans. Die Mehrheit der Konservativen wird so thöricht nicht sein, den Sperling in d?r Hand fliegen zn lassen. Es kommt also zum Kompromiß.
Zur Kanalfrage.
So oft die Ofsiziösen über die Kanalvorlage das Wort nehmen, bekommt man einen je »ach dem Temperament größeren oder geringeren Schreck. Jedenfalls ist bei diesen ofsiziösen Miltheilungen regelmäßig etwas nichl in Ordnung, und die Worte scheinen hier auch nur den Zweck zn haben, die Gedanken zu verbergen. Die neueste Leistung auf diesem Gebiete ist ein ziemlich redseliger Artikel in der „Nordd. Allgem. Ztg.", der sehr bestimmt thut und sehr wenig bestimmt ist. Man erfährt freilich oder man soll es doch erfahren, daß es der unabänderlich feste Wille der Regierung ist. das geplante Werk eines zeitgemäßen Aus
baues unserer Wasserstraßen im Interesse von Handel, Landwirlhschaft und Industrie zu einem für die große
Mehrzahl befriedigenden Ende zu führen. Diese Häufung von Versicherungen ist nicht unverdächtig, wenn
man sich erinnert, daß dieselbe Entschiedenheit so oft schon in Worten betont morden ist, während es bei den Worten doch hatte bleiben müssen. Man erfährt ferner, daß die Verhandlungen mit den Interessenten gut vorwärts gehen, daß die Uebernahme der geforderten Beitrags- und Ünterhaltiuigsverpfiichtungen zum großen Theil bereits gesichert erscheint, daß inztvischen auch die noch ausstehenden wirlhschaftlichen und finanziellen Erwägnngen abgeschlossen sein dürften. Leider aber wird nichl mitgetheilt, wann die Kanalvorlage an den Landtag kommen soll. Nicht einmal die schließlich doch recht wohlfeile Zusage wird gemacht, daß der Gesetzeiilwnrs etwa im Monat Mai oder längstens im Juni werde eingebracht werden. Wohlfeil wäre die Zusage darum, weil ein so später Termin gleichbedeutend sein müßte mit Richterledigung der Vorlage in der laufenden Session. Freilich, auch wenn das Abgeordnetenhaus die Vorlage bereits kurz nach den Osterferien erhielte, wäre es ebenfalls nicht abzusehen, wie lange die Session dauern müßte, damit die Berathung und Beschlußfassung in der Kommission und in allen Lesungen vor sich gehen könnte. Im Ernst glaubt doch Niemand daran, daß eine Vorlage, die bei wesentlich geringerem Umfange und bei wesentlich früherer Einbriilgnng in der ab- gclaufenen Session erst im Hochsommer bis zur dritten Lesung gedeihen konnte, jetzt, wo die Gegner in der
Taktik der Verschleppung noch besser geübt sind, einige Wochen oder selbst Monate nach der ersten Lesung erledigt werden könnte. Die Session müßte bis in den
Spätherbst dauern, damit das möglich werde. Somit wird es immer unwahrscheinlicher, daß noch im Lauf dieses Jahres die Kanalfrage irgendwie zum Abschluß kommt, und die Wißbegier auf das letzte Ende ist auch garnich: so groß, da man Vorhersagen kann, daß entweder garnichts oder ein Theilstück des ganzen Planes zu Stande kommen
wird. Auf die letztere Möglichkeit richtet sich ja die
Negierung selber bereits ein. So energisch die Sprache der offiziösen Kundgebung klingt, so viele Lücken enthält sie, durch die die ostelbische Kanalfeindschaft auf die bequemste Weise ihren Einzug halten kann. Wenn es da heißt, cs erscheine als zweckmäßig, die Erörterungen über etwaige Abtrennung einzelner Theile des Gesammt- planes möglichst zu beschränken, so klingt das doch förmlich wie eine Aufforderung, solche Erörterungen gerade anzustellen. Dies „möglichst" ist jedenfalls reizend. Wenn jetzt beispielsweise die Abtrennung des Berlin-Stettiner Kanals von der großen Kaualvorlage versucht wird, wie soll man da glauben, daß die Regierung unbedingt Nein sagen werde? Sie wird es sich vielmehr ohne Zweifel gefallen lassen, und die Versicherung nun gar, daß von einer Trennung in Einzelvorlagen oder gar von einem Fallenlassen des Rhein-Elbe-Kanals in keiner Form die Rede sei, verliert den Werth, den sie sonst vielleicht hätte, durch die böse Einschränkung: „Soweit die Regierung in Frage kommt." Also die Negierung wird solche Trennung in Einzelvorlagen nicht vornehmen und den Rhein-Elbe-Kanai nicht fallen lasse», aber wenn es vielleicht eine Mehrheit des Abgeordnetenhauses thut, so wird sie mit Duldermiene geschehen lassen, was sie nicht ändern kann.
