1. Beilage mm Wiesbadener Tagblalt.
Uo. 170. Morgen-Ansgäbe.
(8. Fortsetzung.) (Nachdruck verbot«».)
Gin Friihiiirgstranm.
Nomau von Johannes van Aewair.
Parole d’honneur, c’est ime petite rabbiate!“ rief Onkel »lunt und schaukelte sich lachend auf seinem Stuhl hin und der ,die wartet gar nickt einmal, bis man um sie freit, die'macht den ganzen Weg allein! 6'est bien commodo, n’est-ce pas, monsieur Wagner, — das ist sehr bequem für uns Männer?"
Alle lachten, selbst Mister Howard schnitt cm unbeschreibliches Gesicht und warf dann verstohlene Blicke zu Adda hinüber.
„Also nur wegen der schönen Weintrauben willst Du Herrn Wagner heiraihen?" neckte Madame Heine die kleine
Margot.
„Was wollen Sie, gnädige Frau?" nahm ich das Kuid in Schutz, „der eine freit um Liebe, der Andere um Geld,
_sie freit der schönen Trauben wegen, die noch dazu nicht
einmal reif sind, und ist ehrlich genug cs zu sagen."
Ich weiß nicht, warum Adda das Blut plötzlich so hell in die Wangen schob bei dieser Bemerkung, — sie hielt ihren Fächer etwas höher, als wollte sie sich schützen gegen einen zudringlichen Sonnenstrahl.
Die Madame sah ein wenig betroffen, Herr Howard etwas schadenfroh aus und Beide warfen sich bedeutsame Blicke zu; — das dauerte aber kaum den Zeitraum einer Sekunde.
„Ma foi monsieur Wagner,“ lachte Onkel Blunt mit wahrhaft lebensgefährlichen Stuhlbewegungen, „wenn Sie kriegen der Kätz, Sie können nicht sagen, daß sie ist gewesen in einem Sack," und als sich nun Margot wieder an meinen Arm hing und ich ihr die wirren Locken streichelte, nickte er zustimmend: „Js recht, very good so, — wie heißen doch der deutsche Proverbe? Schnell gefreit, hat Niemand gereut, nicht wahr?"
„Nicht so, Onkel," verbesserte ihn lebhaft Madame Heine, „das Sprichwort sagt nicht: schnell gefreit, sondern jung gefreit, hat Niemand gereut, — das ist doch ein bedeutender Unterschied, sollte ich meinen."
Onkel Blunt lachte, daß man seine weißen Zähne nur so schimmern sah, und seine schwarzen Augenbrauen zogen sich beinahe bis zur halben Stirn hinauf. Er dankte für die freundliche Belehrung und that sehr vergnügt und unschuldig, aber ich meine, sein Lachen war doch nicht recht natürlich.
Frau von Jvernois sah bei alledem etwas unbehaglich in ihre Kaffeetasse und die Rälhin und Mister Howard warfen einander abermals einen schnellen, verständnißinnigcn Blick zu. Adda dagegen lächelte durchaus unbefangen, als bemerkte sie von Allem gar nichts, während der Kobold an meiner Seite durch einen gelinden Stoß in meinen Rücken mir zu verstehen gab, daß Tante Heine soeben einen furchtbaren Bock geschossen habe. Glücklicherweise hatte der Prokurator gerade kurz vorher eine Prise genommen und nieste jetzt einige Male sehr vernehmlich, sonst wäre ein Engel durch die Gesellschaft geflogen.
„Vergessen Sie nicht Ihren Kontrakt, Mister Wagner,"
ergriff der Gesandtschaftssekrctür zuerst wieder das Wort und schob mir das Papier herüber.
„Ja, unseren Kontrakt, geben Sie her!" rief Margot, nach demselben ihre Hand ausstreckend, aber Onkel Blunt hielt denselben plötzlich fest, sah die Kleine mit seinen großen, stechenden Augen ganz ernsthaft an und frng:
„Sollen wir nicht gleich schreiben auf die Rückseite den oontrat do mariage, mademoiselle?“
Und Margot machte sogleich ebenfalls ein ganz ernstes Gesicht, schlug die Augen nieder und trat mir leise auf den Fuß.
„0 monvien!" flüsterte sie verschämt und ließ dann ihre von lauter Schalkhaftigkeit und Teufelei funkelnden Augen suchend eine Weile umhcrschweifen, bis sie auf Adda haften blieben.
„Nun, Du scheinst Dich ja nun mit einem Male wieder zu besinnen," sprach diese scherzend.
Und nun schaute die kleine Hexe abwechselnd bald Adda, bald Onkel Blunt und den wie aus Kohlen sitzenden Mister Howard an, nickte endlich dem Onkel zu und warf sich dann, wie einem plötzlichen Impulse folgend, mir an die Brust.
„Sprechen Sie mit meiner Mutter!" lispelte sie mit einer Art von Bühnengcflüster und schlug verschämt die Augen zu Boden.
Diese ganze kleine Komödie wirkte in ihrem Schluffe so unwiderstehlich komisch, daß wir Alle eine Weile brauchten, um uns wieder zu fassen, und noch immer brach hier und da wie Strohfeuer ein lustiges Lachen hervor.
Frau von Jvernois drohte zwar nochmals mit dem Finger, aber schon saß Margot so sittig mit gefalteten Händen wieder auf ihrem Stuhl, daß es unmöglich war, ihr ernstlich zu zürnen.
Und nun sprang mit einem Male Onkel Blunt auf und sagte, er wolle, wenn's erlaubt wäre, eine kleine Rede halten. Wir feierten nämlich heute ein dreifaches Fest, Hub er an, und wenn er auch der deutschen Sprache nicht ganz mächtig sei, so könnte er doch nicht unterlassen, das Wort zu ergreifen, um seinen Gefühlen und denen der hier gegenwärtigen Personen Ausdruck zu verleiben. Es wäre heute mein erster Ausgang nach langem Schmerzenslager, meine so ehrenvoll empfangene Verwundung beginne zu heilen, und derselbe Tag, an welchem ich als Rekonvaleszent zu betrachten sei, bringe mir nun nicht allein ganz unerwartet eine reizende Besitzung am Strande der schönen Elbe und in ihrer Nähe, sondern noch viel unerwarteter eine noch viel reizendere, charmante Braut, die allerdings noch eben so unreif sei, wie die Weintrauben dort oben.
Hier wurde Margot tüchtig ausgelacht, — sie schien das aber gar nicht zu bemerken, sondern bewahrte einen höchst komischen, feierlichen Ernst.
Er freue sich über mein Glück und darüber, daß sie (die Andern) es mit mir theilen dürften, da ich ja durch den Ankauf der Villa und meine Verlobung hoffentlich ihnen Allen dauernd näher gerückt sei. Dann hob er lächelnd seine Kaffeetasse empor und brachte drei cheers aus auf mein Wohlsein und mein Glück. Unter allgemeiner Heiterkeit klapperten die Tassen aneinander und wurden dann geleert, der Prokurator machte selbst die Nagelprobe.
Onkel Blunt schlug ferner vor, diesen Tag würdig zu feiern, und da die Zeit drängte, so würde er es übernehmen, für Küche und Keller zu sorgen, und bäte Mister Howard,
den ausgezeichneten Diplomaten, unter der Assistenz der Damen das Departement des Acußeren, der Kränze, Festreden und so weiter zu übernehmen.
Sein Vorschlag fand allgemeinen Beifall, und nun erhob sich Onkel Blunt, bat Madame Heine um ihren Arm und ihren Beistand (was mir, nebenbei erwähnt, sehr taktvoll und diplomatisch schien) und ging mit derselben ins Haus.
Wir Andern aber gingen nach deni Wald hinauf, um Kränze zu holen.
Unterwegs wünschte Adda mir ebenfalls Glück und neckte mich mit meiner dreizehnjährigen Braut, die ihr einen indignirtcn Blick zuwarf, weil ihre Cousine sich unterstand, sie um ein halbes Jahr jünger zu machen, daim steckte sie mir eine Rose ins Knopfloch mit einem herzlichen Lächeln und reichte mir die Hand.
Als ich mich bedankte und diese Hand dann an meine Lippen zog, sah ich zufällig, wie Mister Howard erbleichte.
Mister Howard war ein Schotte von Geburt und ich wußte damals noch nicht, daß ein Handkuß bei ihm daheim eine ganz ändere Bedeutung hat, als bei uns zu Lande.
Wir machten dann noch eine Promenade hinunter an den Strand, pflückten Wiesenblumen und Schilf und kehrten gegen sechs Uhr zu dem Wirthshausgarten zurück.
Hier fanden wir unter der offenen Veranda bereits den hübsch gedeckten Tisch, über welchem sich drei chinesische Lampen schaukelten. Onkel Blunt und Madanie Heine machten die Honneurs. Sic erklärten das Bankett nebst glänzender Illumination und Feuerwerk hiermit für eröffnet und baten uns, Platz zu nehmen, — die Tafelmusik sei leider ausgeblicben.
Der Abend war herrlich, das kleine Mahl mit Champagner und köstlichen Forellen verlief sehr lustig.
Margot saß an meiner Seite. Sie spielte ihre Rolle als meine Braut zu unser Aller Belustigung durchaus tadellos, trank ziemlich viel Wein für eine Pensionärin und konnte gegen Ende der Mahlzeit nur mit Mühe abgehalten werden, eine Rede zu halten.
Auch Adda ging heute mehr aus sich heraus wie gewöhnlich, auch sie trank ziemlich viel Champagner und wurde mit jedem Glase lebhafter und reizender. Ihre Augen erglänzten noch tiefer, ihre Lippen bekamen ein lebhafteres Inkarnat, sie lachte ein paar Mal laut und herzlich und ihre Stimme klang wie Musik in den lauen Abend hinein.
O, wie sie mich entzückte durch ihre Schönheit und An- muth, — fast noch mehr aber durch die vollständige Unbefangenheit und Sicherheit, mit welcher sie sich bewegte.
Durch die Klippe Blunt zur Linken und die Sandbank Howard zur Rechten, glitt sie ruhig und sicher, sie schwamm so leicht auf den gefährlichen Wogen, sie war so bezaubernd naiv, daß ich die feste Ueberzengung gewann: ihr Herz ist noch völlig frei, — man mag vielleicht ganz leise begonnen haben, einen Einfluß auf das Atädchen z» üben, sie hat möglicherweise von diesen Becinflnssungen Manches in sich aufgenommen, aber keiner von diesen beiden sonderbaren Freiern hat ihr bis heute auch nur eine einzige unruhige Stunde bereitet.
Und ich lächelte still vor mich hin bei diesem Gedanken und fühlte mich darüber sehr glücklich im Grunde meines Herzens.
(Fortsetzung folgt.)
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