48 . Jahrgang.
Erscheint in zwei Ansgaben. - Bezngs-PreiS: durch den Verlag 60 Pfg. monatlich, durch die Post 4 Mk. «» Pfg. viertelsiihrlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
L^,GGO Abonnenten.
Anzeigen-PreiS r
Die einspaltige Pctitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
-- - cm ...... für die Abend-Slusgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-AnSgabe bis 8 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur
LHNKM „ächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Mg. 171. Fernsprecher R°. 52. Mittwoch, dktt 11. ApVll. Fernsprecher No. 52. 1900.
Abend-Ausgabe.
Mas gehl in Bulgarien vor?
Unter den „interessanten Völkerschaften" auf dem Balkan Minen sich die Bulgaren, von denen man einige Zeit hindurch erfreulicher Weise nichts gehört hatte, neuerdings wieder ganz besonders interessant zu machen. Offenbar verdienen die neuesten Vorgänge auf dem Gebiete der bulgarischen Politik, der Besuch des bulgarischen Kriegsministers Paprikow in Petersburg und die Thatsache, daß der russische Finanzminister sich bereit erklärt hat, die Bürgschaft für eine bulgarische Anleihe zu übernehmen, die aufmerksamste Beachtung. Denn der Empfang Paprikows durch den Czaren zeigt, daß der einst völlig in Ungnade gefallene Fürst Ferdinand von Bulgarien seine Rehabilitation erlangt hat, und der Umstand, daß Rußland Geld pumpt, ist immer ein Beweis dafür, daß sich irgend welche Ereignisse auf politischem Gebiet vorbereiten.
Die Anzeichen hierfür würden sich noch erheblich verstärken, wenn es sich bestätigte, daß sich das von Seiten des Fürsten Ferdinand mit großem Eifer betriebene Projekt einer Heirath mit der russischen Großfürstin Helene verwirklichen sollte. Freilich, diese Heirath würde zur Vorbedingung haben, daß Fürst Ferdinand seinen römisch- katholischen Glauben abschwört und zur griechisch-katholischeu Kitche Übertritt. Aber wer würde im Ernst glauben, daß dies dem Fürsten Ferdinand, der seine Ueberzeugungen wie di« Hemden gewechselt hat, irgend welche Skrupel oder Schwierigkeiten bereiten würde? Wenn der Fürst schon fricher seinen Sohn der griechisch - katholischen Kirche jugeführt hat, weshalb sollte er sich jetzt scheuen, die gleiche Bahn zu wandeln? Ein solcher Ueberlritt käme auch nicht unerwartet, denn Fürst Ferdinand hat schon vor iinigen Jahren dem Redakteur des russischen „Swjel" »zählt, daß er zwar im römischen Glauben erzogen, aber, seit » rückhallslos sein Slaventhum bekenne, auch vor der „orthodoxen" Kirche die schuldige Ehrfurcht gewonnen und sich angewöhnt habe, den orthodoxen Gottesdienst zu bc-
g en und beim Gebet das orthodoxe Kreuz zu schlagen.
st Ferdinand hat damals dem Redakteur des „Swjet" auch gebeichtet, daß er sich von früher Jugend aus als Slave gefühlt habe. Das ist freilich eine merkwürdige geographische Komplikation, denn die Wiege Ferdinands hat wÄier am grünen See von Ochrida noch an den Ufern ber fließenden Jantra gestanden. Aber wenn Fürst Fmidinand sein slavisches Herz entdecken konnte, weshalb Mte er nicht zum Schluß auch sein griechisch-katholisches Herz entdecken können, und weshalb sollte ihm nicht als Siegespreis das griechisch-katholische Herz und die Hand der russischen Großfürstin zufallen?
Die außerordentliche Wandlung, welche in den russisch- bulgarischen Beziehungen eingetreten ist, kann jedenfalls nicht u teriefien werden. Seit jenem 17. November 1886, an wschem Kaulbars mit allen russischen Konsuln unter Protest Bulgarien verließ, waren die Beziehungen zwischen Rußland Bulgarien lange Zeit völlig abgebrochen. In den ersten i? ^bhren der Regierung des Fürsten Ferdinand, der am 1». August 1887 auf den bulgarischen Thron berufen wurde,^ wurde die Politik Bulgariens in ausgeprägtem ^geniatz zu Rußland geleitet dank der Thatkraft des unvergeßlichen Ministerpräsidenten Stambulow, dem es auf belang, seinem Lande eine politische Selbst- ^bigkeit zu erringen. Aber Fürst Ferdinand hatte weder 25 .“‘utf) noch das Verstündniß für die Pläne seines -Unmsterprasidenien, dessen Erfolge ihn zudem mit brennender Merjucht erfüllten. So erfolgte im Jahre 1894 der Sturz «lambulows,welcher am 18. Juli 1895 durch feigen Meuchel- »«l. Von dieser Zeit an war das eigentliche Ziel des SJ) ? u Ferdinand, sich dem Panslavismus und dem Mosko ■ rückhaltslos in die Arme zu werfen,
na* Cm ^Ehiges Flehen um die Gnade des Czaren fand .Manchen Abweisungen und bitteren Demüthigungen Mnr, i,. , hbrnug, und wenn nicht Alles trügt, soll jetzt das «.■ ?. j e i et . Gnade voll werden. Es fragt sich nur, wer nm-i„Üv* ’ nn '9 en Verhält»iß zwischen Rußland und Bul- a>» s* ha^n wird. Daß Rußland, welches
skü,- m 1 von jeher mit Erfolg zu arbeiten verstand,
pf». „r?.” un 0 herbei finden wird, ist nicht zu bezweifeln, 8°. ^ Fürst Ferdinand sich in der Rolle eines russischen De,,?. zu der er sich jetzt freiwillig drängt, auf die a„ .1 gefallen wird, kann bezweifelt werden. Daß die Gestalt russisch-bulgarische Militärkonvention greifbare bon v r 8clu ‘ m ’ en wird, möchten wir zwar bezweifeln, aber 'dak> ^l^r Konvention wird jedenfalls das zur Thal werden, ■fil russischen Offiziere wie früher in das bulgarische - .LJ«» Einzug halten.
‘tlfcnJ ^ ^ kcmu sich aber Fürst Ferdinand in seinem denn » ^ eere Eicht eine bedenkliche Gegnerschaft bereiten, 7 >i, v.n r den bulgarischen Offizieren besteht wenig Neigung, 8 knen Stellen an die russischen „Brüder" abzutreten,
da dies eben ein Fall ist, wo es unter Brüdern nicht egal ft. Aber Fürst Ferdinand denkt nur in blinder Leiden- chaft an das eine fernlicgende Ziel, mit Hülfe Rußlands ein souveräner Fürst zu werden und vielleicht auch der Pforte außer der Oberhoheit gleichzeitig Macedonien zu entreißen. Aber Fürst Ferdinand dürfte sich schneiden. Rußland, welches schwerlich Neigung hat, die Balkan-Ueber- einkunft mit Oesterreich zu brechen, hat ganz andere Dinge zu thun, als Bulgarien zu Liebe die gefährliche orientalische Frage wieder aufzurollen, und das Einzige, was Fürst Ferdinand wirklich erreichen dürfte, wird das sein, daß er vielleicht aus einem formellen türkischen Suzerän ein that- sächlicher russischer Satrap werden wird. p.
(Nachdruck verboten.)
Der südafrikanische Krieg und die FriedensgesrUschaften.
Vorschläge zur Bildung eines neuen Vereins.
IY.
Im Handel, in der Industrie unserer Zeit bemerken mir das Streben nach einer umfassenderen Gestaltung. Die neuen großen Waarenlager brechen mit dem System der Spezialgeschäfte. Die Großindustrie verdrängt das Kleingewerbe und erstrebt die Vereinigung aller der zur Herstellung eines Artikels nölhigen Produktionszweige in einem Land — warum sollte ich allein zu tadeln sein, wenn ich den Vorschlag mache, die Thätigkeit der heutigen Friedensvereine noch durch Hinzunahme anderer, wesentlich auf das Wohl der Menschen abzielendcn Bestrebungen, einander zum Schutz und den Widersachern zum Trutz, zu verbreitern und sie unter ein Dach zu bringen? Die Interessen der bereits bestehenden Gesellschaften kämen hierbei in kräftigere Hände. Das Streben ginge wesentlich dahin, die Völkerfreundschaft thunlichst in die Praxis zu übertragen und damit zugleich aus der ganzen heutigen Friedens- und Freundschaftsbewegung bereits die letzten Konsequenzen zu ziehen. Der Verein würde also die Annäherung der Völker unter einander mit allen moralischen Mitteln zu befördern suchen und so ein Gebäude schaffen, an dem auch noch in Jahrhunderten zu zimmern und auszubauen sein dürfte, welches aber doch einen festen, umfassenden Plan als Grundlage hätte, worin der Werth der einzelnen Glieder, ein jedes an seinem gehörigen Platze, erst recht herrlich zur Geltung käme. — Wenn die Sache überhaupt zu machen ist, so wäre das wohl der passende Weg dazu. Das Ideal der Friedensgesellschaften, den Gedanken der friedlichen Verständigung zwischen den Völkern, als Mittel zur Verhinderung von Kriegen zur Geltung zu bringen, erscheint mir jedenfalls zu einseitig für die Zwecke. Erst wenn wir hierzu noch die systematische Hinwcgräumung aller der mehr zufälligen Gegensätze, welche die Freundschaft der Völker trennen und deren Zusammenwirken hindern, ins Auge fassen, gelangen wir zu dem Friedenswerke in seiner natürlichsten und kräftigsten Form.
Es ist klar, daß die zur Erfüllung so hoher Aufgaben erforderliche Macht (finanzielle und moralische Unterstützung) nur von der Massenbetheiligung des Volkes und der Völker zu erhoffen ist. Die mächtige Unterstützung erreicht man indessen auch nur wieder, indem man die Aufgaben des Vereins darnach einrichtet und so dem Volke zeigt, welche besonderen praktischen Vorthcile es davon für sich und für die Menschheit, im Allgemeinen, zu erwarten hat. Die von mir bereits oben vorgeschlagcne Erweiterung der Wirksamkeit der Friedensgcsellschaftcn wäre wohl als ein Fortschritt in der Richtung zu betrachten; indessen genügt es noch nicht; wir müssen vielmehr noch weiter in das praktische Leben eingreifen. Damit nimmt die Vereinigung natürlich einen anderen Charakter an. Wir gelangen auf dem Wege zu den kommerziellen Interessen, welche heute doch so ziemlich die hervorragendste Rolle in der Welt spielen, aber gerade deshalb so recht eigentlich in den Nahmen der Thätigkeit eines Völkerbundes passen. Einerseits erklärt sich dieses aus dem wirthschastlichen Nutzen, welcher dadurch geschaffen werden kann, und anderseits aus der Beobachtung, daß die jetzigen Produktions- und Handelsintercsse» in allen Winkeln der Welt dahin treiben, zu einer fruchtbaren Quelle neuer Kriege zu werden. Wenn an irgend einem Punkte, so ist hier die Wachsamkeit eines Friedensbundes erforderlich. Der erste praktische oder kommerzielle Werth, welchen eine solche Vereinigung für sich in Anspruch nehmen könnte, leitet sich daraus ab, daß ihre nationalen Zweige allzeit in der Lage wären, Besprechungen über das Nützliche und Wünscheus- werthe auf den Gebieten beS Handels und der Industrie zu veranstalten und ihren betreffenden Regierungen hierauf bezügliche Vorschläge zu machen. Ich selbst habe nahezu 32 Jahre lang in Kolonieen gelebt und darf mir immerhin ein Urtheil darüber erlauben, welcher große Nutzen oftmals in jener Weise geschaffen werde» könnte. Ich bin gleichfalls überzeugt, daß die Handelsministerien und Konsuln der Reiche eine solche Thätigkeit begrüßen und als eine werth- volle Entlastung ihrereigene»,verantwortlicheu Arbeit betrachten
würden. Alle derartig gemachten Vorschläge hätten den Vortheil, daß sie nicht etwa wie die Leitartikel einer Zeitung oder die Idee einer Handelskammer zu betrachten wären, sondern daß hinter denselben, bei einer richtigen Entwickelung des Vereins, gleichsam eine Macht im Staate stände: die zu erwartende große Zahl der Vereiusmitglieder. Wir dürfen versichert sein, daß die Mitglieder aller Handelskammern der Welt sich sofort dem Unternehmen anschließen würden. Der Verein stünde in der Weise mit einem Schlage im Mittelpunkt des Interesses der Welt. Daß sich hieraus dann auch eine größere Möglichkeit der Verhinderung oder Lösung der den Frieden bedrohenden handelspolitischen Schwierigkeiten ergeben würde, liegt doch ebenso klar auf der Hand. Selbst die Ein- bezw. Auswanderung dürfte erwarten, an dem neuen Verein, innerhalb der nöthigen Grenzen natürlich, einen treuen Freund zu finden. Die fremden Verbindungen des Vereins ließen dieses leicht ermöglichen. Das wäre also auch an sich schon wieder eine herrliche Ausgabe. Was schließlich die so äußerst nölhige finanzielle und moralische Unterstützung nochmals anbetrifft, so würde diese dem Vereine gewiß überall im reichlichsteni Maße zufließen. Gar mancher Mann, gar mancher Kaufmann besonders, der bislang keine einzige Mark für die Zwecke der begrenzten Thätigkeit einer Friedensgesellschaft übrig hatte, dürfte seine Augen und seine Geldbörse weit öffnen, wenn er sähe, daß der neue Verein auch die größeren Volksinteressen in allen Theilen der Welt zu schützen und zu fördern berufen ist. Thatsächlich ist cs heute gar nicht abzusehen, wie segensreich eine solche Thätigkeit im Laufe der Zeit in die Völkerverhältnisse einzugreifen vermöchte. Nicht der geringste Zweifel kann indessen schon heute darüber bestehen — ich erwähne das nochmals — daß gerade die Friedensbewegung und das Samariterwerk der „Gesellschaft vom Rothen Kreuz" sich alsdann innerhalb des hier vorgezeichneten Rahmens erst recht wohl fühlen würden. Der schlimmste Feind des ganzen Planes, sofern die älteren Gesellschaften dabei in Betracht kommen, dürften wohl wieder einmal die Vorurtheile sein. Da können wir dann nicht besser thun, als daran zu erinnern, daß die Mehrung des Volkswohlstandes eine Aufgabe ist, deren fick auch nicht der vornehmste Friedensverein zu schämen braucht. Sie stellt in der That eine der höchsten Missionen der heutigen Kulturvölker dar! Wer die Wahrheit dieser Behauptung noch bezweifeln möchte,' der versetze sich nur einmal in die Wirklichkeit und vergegenwärtige sich den Kummer und die Sorgen, welche eine erhöhte Pro- duktionsthäligkeit, als Ergebniß eines gesicherten oder erweiterten Handels, in den Häusern der Arbeitslosen stillen kann! Wir müssen doch auch auf den Unglückstag vorbereitet sein, an welchem sich die tzandelsverhältnisse in einer oder der anderen für uns ungünstigen Richtung verschieben, sodaß man in dem Punkte nicht wachsam genug sein kann, wo und wie ein Ersatz gefunden werden kann. Unklug über alle Maßen ist es gar, sich stets nur auf die Wachsamkeit der Negierungen verlassen zu wollen. Des Volkes eigene Interessen stehen auf dem Spiele, und jedes weise Volk wird klug daran thun, keine Kraft zu vernachlässigen, die seiner Produktion Hülfe zu bringen verspricht. Und dazu wäre der 'Völkerbund ganz besonders geeignet! — Also, verehrte Friedensgesellschaften, fort mir allen Borurtheilen! Laßt uns die Sache ruhig auf ihren Werth prüfen I Inzwischen kann ich Euch versichern — und ich will den sehen, der daran noch Zweifel hegen könnte —: Halten wir die stillen Thrünen zählen können, welche im Lauf der Zeit schon in Folge von Arbeitslosigkeit geflossen sind, dann würden wir finden, daß die gewaltigsten Kriege noch niemals, auch nur annähernd, eine solche Zahl erzeugten! Die schlichteste Einsicht und Barmherzigkeit räth uns daher, unsere Vorkehrungen so zu treffen, daß — soweit es an uns und unserer Kraft gelegen ist — jene Quelle des Jammers möglichst versiege! (Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
* Hof- und Personal Uachrichtr». Der Präsident de« Reichstags, Graf Ballest rem, welcher sich auf der Rückkehr aus Rom in Berlin aufhiclt, ist gestern bereits nach Schlesien weitcrgereist. Wie die „Germania" berichtet, war der Graf einer ausdrücklichen Einladung des Papstes nach Rom gefolgt. Der Papst, welcher den Grafen Ballestrem seit vielen Jahren kennt, zeichnete diesen auch diesmal durch einen sehr gnädigen Empfang aus, sprach aber, wie die „Germania" besonders hervorhebt, kein Wort über die Flottenvorlage. — lieber das Befinden 1)r. Lieber« berichtet dasselbe Blatt, daß der Rekonvalesceut noch in mancher Beziehung Nachwehen der schweren Krankheit verspüre, daß sein Befinden aber andauernd ein zufriedenstellendes fei.
* Kerli», 11. April. Am vorigen Samstag find sachverständige Erhebungen über da« neue Schema zu dem autonomen deutschen Zolltarif von der Kommission des wirthschastlichen Ausschusses zu Ende geführt worden. Wenn jetzt die Ergebnisse dieser Arbeiten zusammcngcstcllt und einer Nachprüfung durch das Plenum des wirthschastlichen Ausschusses unterworfen sein werden, kann, wie die „Nordd. Allgei». Ztg." meldet, an die Ausarbeitung der entsprechendeil Vorlagen vom Bundesrath und Reichstag herangegangen werden. Bevor diese Vorlage endgültig ausgcarbcitet wird, dürfte zunächst ei» vorläufiger Entwurf den Rcgleruugen der Bundesstaaten zur Begutachtung vorgelegt werden. Man darf aber mit
