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Nr. 84,

1915.

Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

Sonntag. 11. klpril.

<14. Fortsetzung.)

Dd$ öbllge ^fdljÖUS. Nachdruck verboten.

Roman von Albert Petersen«

Sie urüssen sich viel Bewegung machen viel spazieren gehen, meinetwegen Holz hacken, Abwechslung suchen, reisen, meinetwegen zu den Feuerländern und Eskimos, Diät halten. Diät. Sich mit Rotwern in eine bessere Stimmung versetzen wollen Unsinn, schadet nur. Nehmen Sre sich einen tüchtigen Schiffer nur sind fahren Sie nach den Sandbänken draußen vor den Halligen airf Seehundjagd. Medizin kann ihnen mcht helfen, Sie müssen den Willen und Trieb haben, gesund AU «werden. Sonst" und Dr. Callisen schloß Mlt einem vielsagenden Achselzucken seine Rode.

Mit großen entsetzten Augen starrte Grethenfraucke bald den Arzt, bald ihren Vater an.

Jetzt war es schon das dritte Mal, daß Herr Wilm- se.i plötzlich am Schreibtisch zusammengesunken war und ohnmächtig,dagelegen hatte. . .

Wie wär's, Sie sollten mal auf einige Wochen nach Hamburg fahren, nehmen Demoiselle Tochter mit und genießen Alster und Theater, Friederike Goßmann wird Ihnen schon die Grillen verscheuchen."

Herr Wilmsen schüttelte mit müdem Lächeln den Kopf.Wir müssen so verbraucht werden, wie wir surd, Doktor", sagte er.kommen Sie, wir wollen ein Gläs­chen Roten trinken und eine feine Import anstecken neue Sendung aus Hamburg."

Uird Dr. Calliseii. der alte Genießer, vergaß seine Pauke überDiät und Abstinenz" und folgte Herrn

Wilmsen ins Wohnzimmer.

Grethenfraucke blieb in -der Vorderstube zurück lind sah den Männern mit traurigein Blick nach. Die Krankheit ihres Vaters erschien ihr so unheimlich. Medizin nützt nicht", hatte Dr. Callisen gesagt,Ja, was sollte dann helfen?"

Immer stiller wurde das junge Mädchen.

Die Linden des Friedhofs standen im bunten Schmuck des Herbstes. Ans den Wegen lagen gelb- sind braungescheckte Haufen welker Blätter. Auf den Gräbern blühten die Georginen.

Die Morgensonne guckte über die Gardbyer Dächer, glänzende Tropfen hingen an den Gräsern, rannen an deni glatten Gestein der Denkmäler herab.

Schlichte schwarze Kreuze, Denksteine, wuchtige, eiserne Kruzifixe erzählten in stummen Reihen von denen, die einst durch Gardbys Straßen gegangen. Die fremdartig klingenden Namen däiiischer Amtmänner und Offiziere, Geburts- und Sterbsdaten von Ange­hörigen Altgardbyer Familien, Schiffernamen von den Inseln, inrd auf alle Gräber sanken ohne Unterschied leise und sacht die fallenden Blätter von^ den Linden, schien ohne Bevorzugung die gelbe Herbstsonne.

Da lagen sie friedlich nebeneinander, die Thodsens und Callisens, Genzens und Harksens, Jegsens und Lorenzens. Da ruhte neben dem alten Dragoner- abersten Monrad der würdige Stadtdiener Nis Have- niand, dem >man Säbel und Tschako mit ins Grab ge­geben hatte. Vom Freihause her drang das Pferde.

wiehern bis zu Peder Tiedemanns Hügel, und der scharfe Spatenklaug des neuenKuhlengräbers" scholl zum Grabe des greisen Knut Friedrichsen, der vierzig ränge Jahre den Gardbyern das letzte Bett bereitet hatte.

Der alte Knut hatte die Angewohnheit gehabt, bei jedem SpatenstichDort, dod, Dübel" zu sagen, und der Nachfolger glaubte mit den: Amt auch die Angewohn­heit seines Vorgängers übernehmen au müssen. Und während er an diesem sonnigen Herbsttag aus dem Be­gräbnisplatz der Familie Woldsen Wilmsen ein neues Grab ausschaufelte, murmelte er ununterbrochen: Dori, dod, Dübel."

Dann und wann hielt er inne und wischte sich, auf den Spaten gestützt, die Schweißtropfen von der Stirn.

Ja, ja, der hat nun auch ausgelebt, der Herr Wilmsen. Ja, ja, man kann sich auf nichts mehr ver­lassen in der Welt. Waren doch als langlebige Familie bekannt, die Wilmsens. Ja, ja, stimmt auch nicht mehr. Na möge er ruhen in Frieden."

Den Vorzug hatten die Gardbyer Toten unter dem neuen Kuhlengräber, daß ihnen jetzt stets eine Leichen« rode ins Grab vorausgeschickt wurde.

Ja, er ruhte in Frieden, der Kaufherr Wilmsen. Ganz plötzlich, ohne Kampf war er gestorben. Da, wo er so manche arbeitsreiche Stunde seines Lebens zuge» bracht hatte, im Kontor war er plötzlich unrgefallen.

Was nun?" fragte der alte Buchhalter, fragte das Personal.Was nun?" fragte ganz Gardby.Was nun?" hatte sich Henning Tiedemann sogleich gefragt, und sein Plan war fertig.

Noch war Herr Wilmsen nicht zum Friedhof ge­tragen, da bat Liedsmann seine neue Herrin um eine Unterredung.

Ein wenig befremdet lud Grethenfraucke ihn ms Vorderzimmer.

Willst du nicht Platz nehmen", sagte sie mit leiser Stinnne, durch welche noch der Schmerz um den Toten zitterte.

Henning hatte sich hundertmal vorher jedes Wort überlegt, welches er zu Grethenfraucke sprechen wollte. Jetzt aber übermaunte ihn doch wieder die alte Ver­legenheit, und verwirrt stand er da und suchte nach

Worten.

Nun, Henning, du wolltest mich sprechen? fragte sie freundlich.

Ich ich wollte dich Litten du weißt ja, wir wir spielten früher immer zusammen mein Großvater hat treu bei euch gedient ich ich wollte dich bitten, mich zu deinem Geschäftsführer zu machen.",,

Das Gesicht des jungen Mädchens trug plötzlich einen finsteren Zug. m ,

Schäme dich", rief sie,noch ist mein armer Vater nicht zur Ruhe, und du denkst schon an solche Sachen."

Als sie ihn aber in unbeschreiblicher Hilflosigkeit mit zuckenden Lippen dastehen süh, tat er ihr leid, und sie