48 . Jahrgang.
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IßT« Fernsprecher No. 52. 9.
Fernsprecher No. 52.
1900.
Abend'Aüsgabe.
(Nachdruck verboten.)
Der siidaftilranische Krieg und die Friede,isgesrUschaften.
Vorschläge zur Bildung eines neuen Vereins.
II.
Entgegen den Ansichten, welche, wie bereits angegeben, den Statuten des Vereins zu Grunde zu liegen scheinen, darf man wohl als allgemeine Regel annehmen, daß alle civilisirten, der Produktion huldigenden Völker nichts sehnlicher als 'den Frieden wünschen, weil er ihre Arbeit fördert und weil ihnen die Menschenschlächterei überhaupt schon Mitleid und Abscheu einflößt. Somit bedarf es eigentlich keiner Friedensvereine, um solche Völker lange darüber zu belehren, was ihnen selbst am Herzen liegt und wofür sie bereits eine so ausgeprägte Empfindung besitzen. Der kritische Punkt ist eher der, eine Methode zu finden, wie sich jene, ich möchte fast sagen, latente Kraft in eine Erfolg sichernde, aktive umsetzen läßt. Die Organe der Friedensgesellschaft klagen über den bisherigen Mangel an Sympathie, welchen ihr Streben bei der Presse und dem größeren Publikum gefunden habe, und möchte» diese für die geringen Resultate der Friedensbewegung verantwortlich machen. Eine selche Auffassung wird aber den Verhältnissen nicht genügend gereckt. Wie die Dinge nun einmal liegen, sehen die Völker die Schwierigkeit einer Aufgabe, wie sie die Friedensbeivegiing sich gestellt hat, sehr wohl ein. Ihnen ist, als ob ihre Kraft nicht ausreiche, um eine Art von himmlischem Frieden in die heutigeGestaltung der Völkerverhältnisse zu tragen und sich mit Aussicht auf Erfolg Zuständen entgegen zu werfen, welche der Ausfluß eines widerstrebenden mächtigen Naturgesetzes und einer ziemlich waschäcbten, _ menschlichen Beanlagung sind. Aus dem Umstand ergiebt sich natürlich eine gewisse Entmuthigung und Indifferenz gegenüber solchen Bestrebungen. Ganz besonders aber dürfte sich diese Haltung da fühlbar machen, wo die für die Lösung einer so titanenhaften Aufgabe aufgebolenen Mittel in, man kann fast sagen, so zahmer Form ins Leben treten. Die heutige Welt ist nun einmal anders wie früher. Ihr ist Zeit Geld. Sie verliert das Verständniß für den schneckenartigen Gang riner weitausholenden, von Hoffnung getragenen, idealen Bewegung, wo die Umstände sofortige Hülfe verlangen. Mit einem Wort: die Well von heute bewundert Energie; sie verlangt nach Thaten und will Erfolge sehen. Und wenn sie dann den Vortheil davon, wo möglich an der eigenen Tasche, verspüren kann, so ist ihr die Sache noch angenehmer. Wo also diesen Anforderungen annähernd Rechnung getragen ist, da wird sich auch die Menge mehr für ideale Bestrebungen begeistern und die Träger derselben nicht länger im Licht von edlen Träumern betrachten. — Freilich verhehle ich mir nicht, daß der raschere Weg unter Umständen seine Gefahren mit sich bringen kann. Es ist leichter, den Wassern eines großen Bassins einen Weg durch den Wall zu bahnen, als die entfesselten, durchbrechenden Fluthen wieder einzudämmen. So geht es mehr allgemein mit den socialen Fragen. Aber mit der nöthigen Vorsicht läßt sich die Sache in dem gegenwärtigen Fall schon machen.
Es ist nur ein Zeichen desselben oben erwähnten Zeit- ^lfles, wenn wir heute sehen, wie die Glieder der Friedens- Gesellschaft selbst über den Rahmen der statutenmäßigen, schlichten Belehrung und Besprechung hinausgehen und in 6le politischen Wirren mit oft scharf gehaltenen Adressen nnzugreifen suchen. Dieses mag ja, einerseits, ein erfreuliches Zeichen sein; andrerseits aber ist hervorzuheben, daß dazu dann mindestens ein geordnetes System gehört. Es kann doch nie und nimmer angehen, den einzelnen Ortsgruppen zu gestatten, ihre Gefühle und Ansichten über vorliegende politische Verwicklungen zu Papier zu bringen und als Friedens-Adressen in die Welt zu senden. Es liegen in der That hier Fälle vor, in denen die Ungeschicklichkeit der Form und des Ausdrucks der betreffenden Schriften nur noch von der Unkenntniß des darin be- s"bdelten Gegenstandes übertrosfen wird! Solche Dokumente schaden der Sache des Friedens gewiß weit mehr, als sie yr nutzen. Ueberhaupt das viele Petitioniren wird an und
. nch schon den schwer geplagten Staatsmännern leicht >t>g und untergräbt die Aussichten der Agitation.
Moment für die Erhaltung- des Friedens geworden ist. Zn ' viel Eifer hat nie getaugt. Auch der Verein könnte hier auf Wege gelangen, bei denen es schließlich zur Modesache oder zur angenehmen Zerstreuung für die Friedensfreunde wird, der Reichsregierung jedesmal die Fenster einzuwerfen, wenn es sich um Fragen handelt, welche irgendwie den Ansichien der Friedensfreunde zuwider laufen. Daß ein solches Verhalten den nationalen Unwillen erregen und dahin führen wird, daß die Friedeusgesellschaft ihren bis jetzt in Deutschland errungenen Einfluß wieder verlieren wird, liegt doch so ziemlich auf der Hand.
Mit all dem noch nicht genug, es kommen letzt auch Anzeichen von Spaltungen, die sich in dem Verein entwickeln. Die „Friedensblütter" (Ausgabe Nr. 2 vom Februar d. I.) bringen einen beachtenswerthen Artikel über die Aufgaben der Friedensgesellschaften betreffs des Transvaalkrieges. Der Korrespondent sagt dabei u. A.:
„In Wahrheit ist genau das Umgekehrte der Fall. Die Aufgabe der Friedensbewegung hat den einzelnen Krieg nicht, oder doch nur ganz nebensächlich zum Gegenstände. Sie kann gar nicht auf die Verhütung oder Beendigung des einzelnen thatsüchlichen Krieges gerichtet sein, weil der Friedensbewegung die Macht völlig fehlt, in dieser Richtung mit irgend welcher Sicherheit, ja nur mit Wahrscheinlichkeit des Erfolges aufzutrelen. Die Friedensbewegung ist darauf beschränkt, ihre Stimme zu erheben und wird und muß dies immer wieder thun."
An einer anderen Stelle äußert sich der Verfaß er über die Petitionen, wie folgt:
„Aber die nüchterne Betrachtung kann sich nicht verhehlen, daß eine solche, durch die Zahl der Unterschriften noch so imposante Kundgebung in Bezug auf das praktische Ziel doch nur ein Schlag ins Wasser sein wird. Die Regierungen werden sich an der bisher eingehaltenen Linie der Politik nicht abdrängen lassen. Insonderheit zu glauben, daß die deutsche cs thun werde, dazu gehört eine ganz besondere Stärke des Einbildungsvermögens, dazu müßten öffentliche Meinung und Volkswille sich eine ganz andere Stellung und Bedeutung geschaffen haben, als sie zur Zeit besitzen."
Die Redaktion der „Friedensblätler" bemerkt zu dem Aufsatz: der Verfasser vertrete einen „eigenartigen Standpunkt." — . , ,
So scheint denn die Friedensgeselllchaft recht _ trüben Zeiten entgcgenzusehen, wenn sie sich nicht Klarheit über ihre Aufgabe und Wege verschafft und, gegebenen Falls, die Vereinsstatuten den neuen Verhältnissen mehr aiizupasscn lucht.
Meine Ansicht ist die, daß es besser märe, lieber einen ganz neuen Verein zu schaffen, der bessere Aussicht hat, bei Verfolgung derselben Ziele sich die Herzen des Volkes zu erobern. Als allgemeine Regel ist nämlich auch mit dem Hernmflickeu an Unternehmungen, welchen_ das größere Publikum einmal seine Grinst versagt hat, nicht mehr viel zu erreichen. Und die Niederlage der heutigen Fnedens- agitation wird diese Lage gewiß nicht verbessern. . Die Vorschläge, die ich in der Hinsicht machen möchte, sind rasch entstanden und beanspruchen keine Unfehlbarkeit; aber sie bringen, wie ich hoffe, einmal andere Ideen und diskutir- bares Material, und das ist manchmal auch schon etwas wcrth. (Fortsetzung folgt.)
Deutsches Reich.
Die tobenden Agrarier.
in Zukunft nach dem Geheiß der Agrardemagogie
oder aber auf der bewährten Grundlage der geltenden Tarifverträge nusgestaltet werden soll. Dem Inhalt nach ist die Erklärung auch insofern nicht gerade etwas Neues, als der Bund schon wiederholt versucht hat,-- der konservativen Parteileitung seinen Willen aufzuzwingen. Nicht gerade mit dem Grafen Mirbach, öfter dagegen mit dem Freiherrn von Manteuffel ist der Bund bereits zusammengestoßen. Was jedoch die neueste Kundgebung der Bundesleitung vor den früheren Anrempelungen auszeichnet, das ist der bösartig verleumderische Ton, den die Berfaffer für angemessen gehalten haben. Es kann selbstverständlich nicht unsere Aufgabe sein, die Herren Graf Mirbach und v. Manteuffel gegen den Vorwurf des VerlrauensbruchS zu schützen oder sie daraufhin zu prüfen, ob sie, wie es die Bundesleiter behaupten, ihre Stellung zur Fleischbeschaufrage nach gouvernementalen und persönlichen Rücksichten nehmen. Die in die Schußlinie des Bundesvorstandes gerathenen konservativen Führer werden selber wissen, wie sie sich gegen diese spitzen Pfeile zu wehren haben, woniit mir nicht sagen wollen, daß sie es auch wirklich fertig bekommen werden, sich zu wehren. Denn das ist die Tragik des Konservatismus, daß er beinahe völlig abgedankt hat zu Gunsten des Bundes der Lyndwirthe, daß er zu einer Filiale des Bundes geworden ist, daß er andere als die agrarischen Interessen nicht mehr kennt. Und so mag es den Konservativen ganz recht geschehen, wenn sie die Peitsche des Bündlerzorns zu schmecken bekommen. Auf der andern Seite freilich sind die Erfahrungen, die man mit dem Auflrumpfen der agrarischen Heißsporne gemacht hat, keineswegs derartig, daß ihr Schreien Jemanden einzuschüchtern brauchte, der sich nicht einschüchtern lassen will. Der Bund wird zetern, wenn die Flcischbeschaufrage durch ein von der Mehrheit der Konservativen gebilligtes Kompromiß erledigt werden wird, er wird die Behauptung, daß jetzt der Ruin der deutschen Laudwirthschaft besiegelt sein müsse, besonders dick unterstreichen, und dann wird es sein wie vorher, d. h. die Laudwirthschaft wird es nicht schlechter haben und der Bund wird seine ingrimmige Freude daran haben, daß er die Gelegenheit bekommt, das uachlaffende Feuer der künstlich geschürten Erregung wieder ein wenig anfachen zu können. Diese ganze Hetze gegen die Regierung, gegen die nichtagrarischen Parteien und auch gegen die konservative Parteileitung selber möchte nun allerdings Niemand missen, der jeden Anlaß, in die Psychologie des Agrarierthums einzudringen, mit Genugthunng wahrnimmt. Es steckt so viel reizende Naivetät in dem bündlerischen Wesen und Unwesen, daß man der Gesellschaft kaum gram sein kann.
Ein- wahrhaft dichterische Uebertreibung gehört hier
zur Mache. Wie heroisch klingt es nicht beispielsweise, wenn sich ein Herr v. Kamecke dahin vernehmen läßt, er könne es wohl verstehen, daß man als guter Pommer lieber den ehrenvollen Tod im Felde gegen England sterben will auch ohne Flotte, als den wirthschastlichen, schrecklichen und langsamen unter der jetzigen Regierung! Und dann die Schlichtheit und Selbstverständlichkeit, mit der die Bündler ihre Stellung zur Flottenfrage ganz danach einrichten, wie sich die Negierung zur Fleischbeschaufrage stellen will. Daß die Politik' ein Geschäft ist, daß das Geschäftliche in ihr zum Mindesten mitspricht, das ist noch niemals so deutlich geworden wie jetzt, dank der Agnalionsweise des Bundes. Alan fühlt sich ordentlich erfrischt durch die Unbekümmertheit, mit der von den agrarischen Führern alle Dinge beim derbsten Rainen genannt werden.
eine andere Erscheinung trat leider bei diesem Rainpfesmurh zu Tage: Mitglieder des Friedens-Vereins wen im Namen des Friedens in Flugschriften gegen bie tei }ö°tUg c ein. Die Preßorgane der Gesellschaft öffnen L! L tt)5 ? Spalten einer „sanften" Opposition gegen dieselbe, mü s m,r klar ersichtlich, was die Friedens-Gesellschaft inneren Angelegenheiten des Reichs und dessen «eyrrraft zu thun hat, so lange der Verein nicht mindestens "^nen Beweis dafür erbringen kann, daß solche Ü! 0e J! Wehrkraft rein aggressive Zwecke verfolgen. ©tAriS* n doch kaum einem Zweifel, daß gerade die ^ "ung der deutschen Militärmacht zu einem wichtigen
L. Berlin, 8. April.
Der Bund der Landwirthe hat sich auf den Kriegspfad begeben. Es wird demnächst keine Partei, keine wirthschafts- politische Richtung, keine im öffentlichen Leben stehenden Männer geben, die nicht von der wild um sich schlagenden Leitung des Bundes in Acht und Aberacht gethan sein werden, wofern die Angegriffenen nicht rechtzeitig unter das Joch kriechen und die Ausschließung des amerikanischen Fleisches vom deutschen Markt nach dem Willen der Wangenheim und Rösicke gutheißen. Ob dieser aQxax\)({)z Jakobinismus seinen Höhepunkt schon erreicht hat, läßt sich schwer sagen. Von jedem, bisher im Dturmlauf genommenen Gipfel der rücksichtslosesten Forderungen hat sich der Bund immer noch um Einiges höher zu schwingen gewußt, und so könnte es schon sein, daß er noch lange nicht am Ende seiner Thaten, vielmehr seines heißen Begehrens nach Thaten ist, obwohl die jüngste Leistung einen höchst achtungSwerthen Rekord auf dem Gebiet der wirthsckaftö- politischen Excesse darstellt. Die in den heftigsten Worten abgefaßte Erklärung der Buudesleitung gegen den Grafen Mirbach und den Freiherrn v. Manteuffel wegen ihrer öffentlich bekundeten Geneigtheit zu einem Kompromiß in der Fleischbeschaufrage ist zwar nicht dem Inhalt, wohl aber der Form nach das Stärkste, was das Bündlerthum sich bisher geleistet hat. Dem Inhalt nach wird nur wiederholt, was man schon wußte, nämlich, daß das Gebiet der Fleisch- , beschaufrage zum Kampfplatz gewählt worden ist, aus J dem sich entscheiden soll, ob unsere WirthschastspolMk
Zur Flottendeckungsfrage.
Die Verdoppelung des Lotteriestempels, die als eines der Mittel zur Deckung der Flottenkosten vorgeschlagen worden ist soll eine Mehreinnahme von über 18 Millionen Mark liefern. Das ist immerhin ein hübsches Sümmchen, und die Regierung brauchte auch nicht zu fürchten, daß die Steuer etwa infolge eines Generalstreiks der Menschen, die in der Lotterie zu spielen bisher gewohnt gewesen sind, plötzlich einen Minderertrag geben könnte. Dagegen muß das Bedenken laut werden, daß nach Einführung dieses verdoppelten Lottericstempels die Möglichkeit, von den Staatslotterieen jemals frei zu werden, fortan als völlig ausgeschlossen zu betrachten ist. Wie sollten die deutschen Regierungen wohl dazn kommen, die Lotterieen zu beseitigen, wenn zu den gesteigerten finanziellen Interessen der EiMlstaaten
an dieser Einnahmequelle noch das entsprechende
Interesse des Reichs hinzukäme? Auch eine Chanwagncr- steuer ist, wie bekannt, zur Deckung der erhöhten Mrrme- ausgaben vorgesckstagen morden. Aber viel wird davon nicht an ermatten fein. Der französische Ehampagner zahlt Hegen- würtig an die deutsche Zollkasse einen Tribut von etwa 2'/4 Millionen Mark. Eine Erhöhung des Zolles um 50 pCt. würde etwas über 1 Million, eine Erhöhung um 100 pCt. etwas über 2 Millionen Mark einbringen. Mit diesen winzigen Summen wird man kaum die Flaggen bezahlen können, die an den Masten der neuen Schiffe wehen werden. Andererseits ist eine Zollerhöhung nicht unbe- denklich, insofern sie andere Staaten zu Gegenmqhregel»
