1. Anlage mm Wiestmüemr Tagblatt.
Ko. 166. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 8. April.
48. Jahrgang. 1806.
(6. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gin Frühlingstraum.
Roman von Johannes van Aewall.
„C, die spricht ja nur immerfort zur Tante Räthin von rinem 8ort, und heute sagte sie noch, daß Adda ein verwöhntes Mädchen sei und arm, daß sie bald heiralhen müßte, und daß ein älterer, gesetzter Mann für ein Gemüth, wie das ihre, viel besser passe als ein junger. — Adda sei so zart, so bildungsfähig, so wenig selbstständig, die bedürfe einer gediegenen Stütze im Leben und so weiter. — Und dann meinte Tante Räthin mit Thränen unter der blauen Brülle, es wäre aber doch nur ein verfehltes Leben, einen alten Mann zu Tode u pflegen."
„Und dann meinte Tante Laura wieder. Alles hätte seine zwei Seiten natürlich, der Ausdruck schien ihr aber doch sehr übertrieben, Onkel Blunt sei noch sehr rüstig und Mister Howard paßte doch gar nicht zu Adda, selbst wenn auch sonst Alles stimmte, was nicht der Fall wäre. — Er wäre egoistisch und anspruchsvoll, er würde das arme Kind tyrannisiren und unterdrücken, und dann sprach Frau Räthin wieder und hernach wieder Tante Laura, bis sie sich zuletzt Beide die Hände schüttelten und sich versicherten, wie lieb sie einander hätten."
Die kleine Indiskrete war über alle Begriffe drollig, als sie mir diese Unterredung erzählte und in Stimme und Gesten ihre beiden Tanten nachäffte, und doch schnitt es mir durch die Seele wie ein Messer. Die arme Adda — wie unbeschreiblich leid sie mir that!
„O," rief Margot plötzlich, „wäre ich nur sie!" und brach Hann in ein lautes Lachen aus.
„Nu», und was würden Sie an ihrer Stelle thuu, petite?" frag ich ernst.
„Ich schlüge ihnen Allen miteinander ein Schtlippchen und nähme Den, welchen ich wollte!" Dabei machte sie eine halbe Pirouette und lief nach vorn, wo die Andern saßen und die Aussicht bewunderten.
Nach einer Weile folgte ich Margot dorthin. — Das Verdeck war voller Menschen und ich hatte daher einige Mühe, mit meinem geschienten Arm mich hindurchzuwinden.
Kaum erblickte mich die Staatsräthin Schulz, so nahm sie mich auch sofort in Beschlag und begann vom Häuserverkauf zu sprechen.
Ich hörte aber nur mit halbem Ohre zu und blickte immerfort verstohlen nach Adda hinüber, welche neben Onkel Blunt und Mister Howard saß und sich fast ausschließlich mit diesen Beiden unterhielt.
Ich schaute gar nicht nach den hübschen Ufern, welche rechts und links im Sonnenschein vorüberglitten; ich genoß nichts von der Aussicht, von den prachtvollen Villen und den prächtigen Laubpartiecn, die neben uns vorbeizogeu, denn ich sah nur immer die Drei dort an und beobachtete argwöhnisch eine jede ihrer Mienen, jedes Lächeln und jeden Blick. — Keine Regung entging mir. — —
Als das Dampfschiff nach einer halben Stunde an der Loschwitzer Führe anlegte, stand ich dann mit fast erleichtertem Herzen auf von meinem Sitze und dachte in meinem Innern: «Gottlob, das ist Alles nur dummes Zeug; sie denkt nicht an sie — weder an den Einen, noch an den Andern, sie ist
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völlig unbefangen und ahnt offenbar nicht einmal, was Jene gegen sie im Schilde führen. — Es wäre auch wahrscheinlich schade um das schöne Geschöpf!" — Eine ordentlich ausgelassene Laune kam damit plötzlich über mich.
Wir stiegen nun ans Ufer.
Margot hing sich gleich wieder an meinen Arm, wir ivaren heute unzertrennlich, wie es schien. Adda nickte uns freundlich zu und schloß sich uns au.
„Sie verziehen die kleine Person recht," sprach sie lächelnd und gab ihrer Cousine einen leichten Schlag mit dem Fächer, weil diese begann, den Gang des Prokurators Heine, — den Schwager Addas, — welcher zufällig dicht vor uns ging, in ihrer drolligen Art und Weise zu kopircn.
„Was soll man machen?" erwiderte ich, auf den jungen Uebermuth herabsetzend, „sie ist nun einmal ein loser Vogel, man muß lachen über sie, niag man wollen oder nicht."
„So — man muß lachen über sie!" äffte nun Margot mir selbst nach, „en eklet, als ob das was Unrechtes wäre!" — Dann schielte sie einen Augenblick zu Adda hinüber und ich sah es in ihren Augen funkeln von Schabernack und Neckerei.
Sie that als ob sie schmollte, und zog ganz langsam ihren Arm aus dem meinen.
„Aii rovoir, monsieur, Sie sind heute etwas langweilig," sprach sie mit einem kleinen Seufzer, „ich trete Sie meiner schönen Cousine ab. — Aber wenn Sie bei der Rose sind, dann denken Sie hübsch an die Dornen, lassen Sie auch Ihr Herz nicht daran hängen und seien Sie nicht „in ihrem Bunde der Dritte", — au revoir!" Damit eilte sie davon und hing sich an Mister Howards Arm, der ein ganz verwundertes Gesicht machte über dieses unvermuthete Attentat.
Adda war roth geworden, sie sah verlegen zur Erde und mir ging es nicht besser. Ich verwünschte die kleine, abscheuliche Person, die Margot.
„Sie ist ein wahrer Kobold," sprach ich nach einer Weile, um doch etwas zu sagen, „aber man muß ihr schon etwas zugute halten, sie meint es nicht böse."
Adda antwortete nicht sogleich, und ich begann von Neuem:
„Sie sind nicht gespannt, ob wir heute etwas Passendes finden werden? Ich wünschte Ihnen so gern eines jener hübschen Schlösser dort oben im Grünen — welche liebliche Idylle!"
Sie schaute jetzt ganz unbefangen zu mir auf.
„Offen gesagt," entgegncte sie, „ich glaube gar nicht, daß Mama ernstlich daran denkt, sich hier anzukaufen, und ganz gewiß thut sie dies nicht eher, als bis mein Vater herkommt, — nein, gewiß nicht ohne Papa. So etwas muß man sich doch auch erst bereden und überlegen, ehe man sich entschließt. Mama hat immer ihre Wenn und Aber. — Wenn cs nach mir ginge, Herr Wagner," fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, „dann kaufte ich, offen gesagt, keine von allen diesen Besitzungen, und wäre es selbst ein Palast. Im Sommer mag es sich hier wohl leben lassen, einen oder zwei Monate lang, aber im Winter, -r wie einsam, wie trist, so fern von allem Verkehr, von allen Menschen, da würde ich ganz melancholisch."
„Aber die Natur ist doch so reizend hier, Fräulein Adda," entgegnete ich warm, „und im Winter, nun, da zieht man dann in die Stadt, wenn es Einem gar zu einsam dünkt."
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„Ja, dann müßte man aber dort auch noch ein Haus haben," unterbrach sie mich lebhaft. „O, wenn das wäre, das ließe ich mir schon gefallen, aber dazu müßte man reich sein, Herr Wagner, und ein Beamter in Rußland mit sechs Kindern, Sie wissen wohl, der pflegt nicht im Golde zu wühlen. Dort ist Alles doppelt so thener als hier. — Ach, wenn mau doch so recht, recht reich wäre!" fügte sie mit einem kleinen Seufzer nach einer Weile hinzu.
„Ist das Ihr Ernst?" frug ich erstaunt, „halten Sie Reichlbum wirklich für ein großes Glück, Fräulein Adda?"
„Allerdings," erwiderte sie mit Nachdruck und schaute mir voll ins Gesicht, „denken Sie nicht ebenso? — O, wenn mau reich ist, dann gehört Eineni ja die ganze Welt. Geld öffnet alle Pforten. Jeden Genuß kann man sich und Anderen verschaffen, man kann reisen, sich schön und geschmackvoll kleiden, man kann Pferde und Wagen haben,
. . . aber mein Gott, warum sehen Sie mich so erstaunt an?"
„Ich bitte Sie, fahren Sie nur fort, mein gnädiges Fräulein," sprach ich sarkastisch.
„Nun wohl, ich würde ein großes Haus machen, würde reisen, vielleicht sogar in Paris oder in Italien leben können, ich würde eine Loge haben in der Oper, die prachtvollsten Bälle besuchen, ... ich —"
„Darf ich mir wohl eine Frage erlauben, mein Fräu» lein?" unterbrach ich hier die junge Dame innerlich entrüstet; „kommen diese Gedanken aus ihrem eigenen Herzen?"
„Wie so — wie meinen Sie das?" entgegnete siekleinlaut und betroffen über den Ton meiner Stimme und mein ernstes Gesicht.
„Achten Sie das wirklich Alles so sehr, trachten Sie nur nach solchen Dingen, halten Sie das Geld für ein hohes Gut?" sprach ich mit wachsendem Eifer und unwillkürlich wärmer werdend. „Ach, wenn Sie wüßten, wie viel herrlichere Schätze es giebt, mein gnädiges Fräulein, als das leidige Geld, wie viel reicher Sie selbst sind als Viele, welche Tonnen GoldeS haben!"
Adda erröthete.
„Sie sind jung, gesund, gefeiert, schön, — was hülfe cs Ihnen, wenn Sie noch so reich wären und hätten alle jene hohen Körper- und Geistesgaben nicht, welche den Menschen auszcichnen und schmücken, welche uns und Anderen Glück und Befriedigung gewähren! — Ja, ist Ihnen noch nie der Gedanke gekommen, daß Sie gerade durch Reich- thum recht arm und unglücklich werden könnten? Wer Schätze bewahren muß, der hat Sorgen, und dann — ein armes Mädchen zum Beispiel weiß, daß man es liebt und freit um seiner selbst willen, ein reiches Mädchen wird gar oft nur des Geldes wegen begehrt und weiß niemals, woran es ist . . ."
„Aber wenn man nun selbst recht reich hcirathete, Herr Wagner?" frug sie nach einer Weile naiv. — „Nun, Sie antworten ja nicht?"
„Weil ich in Verlegenheit bin, was ich Ihnen darauf erwidern soll, weil ich Ihnen nicht antworten kann, wie ich wohl möchte, — lassen Sie uns dieses Gespräch lieber ab- brechen, Fräulein Adda, es thut mir weh. — Welch' ein herrlicher Tag heute, welch' prächtige Luft, diese zart geschwungenen Linien der Berge! . . ."
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