1. Beilage rum Wiesbadener Tagblatt.
As. 164. Morgen-Ausgabe.
(5. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gin Frnhlingslranm.
Roman von Johannes van Aewalk.
Durch den leichten Tüll hindurch schimmerten Hals, Nacken und Arme wie weißer Atlas.
Während ich sie anschaute, kam mir unwillkürlich der Gedanke, ich weiß nicht wie, daß sie einstmals eine recht große, vornehme Dame werden müßte.
„ki'sst-cs-xas, eile est charmante?“
Ich sah hernieder auf Margot's lachendes, mich heimlich beobachtendes Gesicht, mit dem kleinen spitzen Hütchen auf den wirren, dunklen Locken und der kecken Hahnenfeder, welche obendrauf herausfordernd im Winde nickte.
Margot hatte sich den goldgestickten Baschlik etwas kokett um die schmalen Schultern gezogen und schaute mir mit ihren klugen grauen Augen spöttisch ins Gesicht, während sie sicb ziemlich familiär an mich anlehnte.
„Ja, Margot, Adda ist wirklich ein reizendes Mädchen, sie sieht heute aus wie ein Engel," erwiderte ich mit Ueberzeugnng.
„Soll ich ihr das wieder sagen?" frug sie neckend.
„Daß Sie sich nicht unterstehen, das hieße mein Vertrauen mißbrauchen, ma belle, ich würde Ihnen sehr böse sein, wenn Sie so etwas im Stande wären," sprach ich erschrocken und hielt sie fest.
„Schon gut, schon gut, Monsieur, ich werde dem Engel nichts verrathen. — Doch was bin ich denn?" frug sie dann schnell, mich keck dabei anschauend und den Kopf etwas in den Nacken werfend.
„Sie, Margot — Sie sind ein kleiner Kobold, ein wahres enkant terrible," erwiderte ich lachend.
„0 mon Vien! was denn noch mehr? — eine häßliche kleine Person, ein Backfisch, ein Nichtsnutz, ein wahrer Teufel . . . hahaha . . . man kennt daS schon. Aber das ist egal, ein Teufel möchte ich schon sein, dann würde ich Euch Alle mitnehmen in die Hölle, da gäb's lustige Gesellschaft."
„Pfui, Margot, — wer lehrt Sie nur solche Sachen sprechen? — lernen Sie das etwa in der Pension?" spottete ich, aber meine Worte machten keinen Eindruck auf sie.
„Papperlapapp," lachte sie mich aus, „erzählten Sie nicht neulich selbst erst Onkel Heine eine so hübsche Geschichte von einem Manne, der im Wirthshaus saß und sich den Himinel so poetisch ausmalte: — immer auf den nassen Wolken herumrutschen, sich den Schnupfen holen und in einem fort dabei Halleluja singen, — war es nicht so? Hahaha! ich möchte sie wohl Alle einmal so sehen, Mister Howard und Onkel Blunt und Adda und Sie, — o, das wäre zum TodtlachenI"
Ich vermochte meinen Ernst nicht länger zu bewahren und lachte auch, und so drängten wir uns durch die Menge, über die Landungsbrücke und an Bord nach dem Hinterdeck, wo das Leinwandzelt uns gegen die Sonnenstrahlen schützte.
In der Nähe des Steuers setzte ich mich ans die Bank und Margot rückte vertraulich zu mir und verbarg sich ein wenig hinter meiner Schulter.
„Verziehen Sie einmal keine Miene, Monsieur, und schauen Sie sich das diplomatische Corps einmal an, — bemerken Sie nichts?" flüsterte sie mir ins Ohr.
Samstag» de« 7. April.
„Mister Howard steht heute ein wenig angegriffen und
gelangweilt aus, wie mir scheint."
Sie bohrte die Spitze ihres Sonnenschirms in das Oberleder ihres Stiesels und fuhr wichtig fort:
„Sehen Sie, Monsieur, die Sache ist nämlich folgende,
— aber Sie dürfen mich um Alles in der Welt nicht verrathen," und dabei legte sie ihre Hand nachdrücklich auf meinen Arm, — „Mister Howard wird nämlich einmal sehr- reich, er ist aus einer sehr vornehmen Familie, obgleich nur ein zweiter oder dritter Sohn. — Sie wissen wohl, in England ist das Alles so komisch, da kriegt Einer Alles und die Anderen Nichts. Nun hat er einen reichen Onkel in London oder anderswo, einen Lord, je ne sais quoi, den soll er einmal beerben."
„Ja, aber Margot, was geht mich denn das Alles an?" frug ich ziemlich kühl.
„Warten Sie nur, Geduld, mon höbe', es kommt gleich die Pointe; — nämlich dieser Onkel und seine eigene Mutter haben ihm eine blonde, steinreiche Miß ausgesucht, damit die pounds hübsch beisammen bleiben." (Hier machte sie eine ihrer drolligen, charakteristischen Gesten.) „Er aber möchte lieber die Adda, den Engel, als jene magere Miß
— compris? — Trotzdem er nun, wie Sie bemerken werden, immer dasitzt, als hätte er eine Elle verschluckt, und seine rothen Hände ansicht, glüht er inwendig wie eine Schmiedeesse. Er himmelt sie an und möchte ihr immer etwas recht Schönes sagen, aber er bleibt stumm wie ein Fisch und verlangt, Adda soll in seinen Augen lesen, wie sehr er in love ist, hahaha!" (Wieder eine Geste.) „Er fürchtet nämlich, sich zu kompromittiren."
„So?"
„Ja, — aber Adda ist blind, — das heißt, sie thut nur so."
„Aber Adda, ach, sie merki's nicht.
Und sie sieht daß ihm das Herz bricht,
Und sie merkt's doch nicht."
— Nun hat heute Morgen endlich zwischen ihm und der
Tante Staatsräthin im Laubgange eine Auseinandersetzung stattgefnnden — die Gartenscene. Nun will er, daß Adda warte, bis seine Verhältnisse sich klären, er sitzt natürlich wie der Esel in der Fabel zwischen den zwei Bund Heu, zwischen seiner Miß, dem Onkel und den ponnd8 einerseits und der himmlischen Adda sans le sou andererseits, möchte die daheim nicht vor den Kopf stoßen und die Andere nicht missen, — enfin, heule Morgen kam es zum Anssprechen mit der Mutter — o, ich habe gar Mancherlei gehört, als ich hernach in den Stachelbeeren war! Zum Beispiel, wie die Tante ihm mit dürren Worten sagte, einpökcln könne sie doch ihre Tochter nicht für ihn, bis sie alt und häßlich geworden sei. er müßte sich entscheiden, so oder so, denn bei solchen Liebeleien käme nie etwas Gescheidtcs heraus, das litte sie nicht. — Ob Adda ihn liebte, das müßte er am besten wissen, ihr wäre er als Schwiegersohn von Herzen willkommen."-
„Aber, Margot, in der That, Sie sind über alle Beschreibung indiskret," sprach ich ernstlich aufgebracht.
„Lala^a, — ich bin noch lange nicht zu Ende. — Also ihr wäre er herzlich willkommen, sagte sie. O der arme Diplomat mit seinen Schleichwegen, — er ist meilenwcit vom Ziel! Adda läßt sich ruhig von ihm anhimmcln und an-
48. Jahrgang. 1900.
gähnen, aber sie macht sich nicht so viel aus ihm, sic fühlt
überhaupt nichts, das Helle Wässerchen, und geben Sie einmal Acht, ob Onkel Komödiant sie ihm nicht noch vor der Nase wegschnappt, ehe er sich's versieht!"
„Margot!" rief ich entrüstet, „welch' eine abscheuliche Idee!"
„Glauben Sie mir nur, — er ist sehr reich, er verzieht sie auf alle Weise, und vor Allem, er hat Tante Laura auf seiner Seite."
„Nun ist's genug, Margot!" rief ich, auf das Un« • angenehmste berührt. „Sie faseln!" — Der Gedanke, den alten Onkel Blunt mit seinen sechzig Jahren, seiner Perücke und seinen falschen Zähnen mir als den Gatten Addas zu denken, war absurd genug, aber zu glauben, daß eine so gütige und kluge Dame, wie Frau von Jvernois, eine Werbung seinerseits gulhcißen oder gar protegiren könnte, das schien mir geradezu abscheulich.
„Ei, Sie sind ja außerordentlich höflich, MonsieurI" fuhr Margot fort, „faseln? — comment? — fl donc, wie das klingt, mein Herr Bär! — Sie sehen wohl auch nicht weiter als Ihre lange Nase, wissen Sie das? O über diese klugen Deutschen! — O la Io, nur wir Franzosen haben esprit und Mutterwitz, ja, schauen Sie mich nur so brummig an als Sie wollen, es ist doch wahr, ich bin klüger, viel klüger als Sie!"
„Verzeihen Sic, Margot," sprach ich ein wenig spöttisch, „in welcher Klasse sind Sie eigentlich schon?"
„In der aller-, allerersten, Monsieur," erwiderte sie pikirt und machte eine etwas unwillige Geberde mit ihren Schultern, „ich sitze mit lauter jungen Damen zusammen, die viel älter sind als ich."
„Ja, peilte, das merkt man zur Genüge."
„So, Sie meinen, weil ich erst vierzehn Jahre alt bin,
müßte ich blind sein oder stupide wie-Nun ich will
nicht sagen wie, — aber ich habe sehr gute Augen und Ohren, Monsieur Wagner, und was Sie auch sagen mögen, ich habe doch Recht!"
Ich mar in eine seltsame Stimmung gerathen. Das Geschwätz der kleinen Person hatte mich allmählich in eine Aufregung versetzt, die mich selbst überraschte.
Es war nicht anders möglich, als sich über Adda zu interessiren. Und dies reizende, weiche Geschöpf mir als die Gattin des alten Gecken Blunt zu denken, — das machte mir geradezu Herzweh.
Ich hätte gerne die Worte Margots für die müßigen Erfindungen einer kleinen Pensionärin gehalten, aber ich konnte mir nicht verhehlen nach Allem, was ich bereits wußte, daß unter allen Uebertreibnngen dennoch ein Körnchen Wahrheit sein konnte, es durchzuckte niich bisweilen der Gedanke: wenn die Kleine dennoch Recht hätte! und mein ganzes Innere sträubte sich dann empor.
Eine Weile unterbrach mich Margot nicht in meinen Reflexionen, dann aber flüsterte sie von Neuem:
„Sehen Sie, Monsieur Wagner, Onkel Blunt ist schlau — o, so schlau! Er ist immer so galant zu ihr, er sagt zu Allem Ja, was sie thut, er schmeichelt ihr und studirt sie und die Tante, — o, er ist ein Fuchs, und er wird das Gänschen fangen... Und Tante Laura?" —
(Fortsetzung solgt.)
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