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1. Mage zum Wiesbadener Tngblntt.
Ko. 160. Morgen-Ausgabe.
(3. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gin Friihlingstraurr».
Roman von Johannes van AewaN.
Drittes Kapitel.
' Etwa acht Tagen waren seitdem vergossen.
Ich hatte mich sichtlich erholt, meine Wunde begann zu heilen und mein Körper hatte einen kleinen Theil seiner verloren gegangenen Kräfte wieder erlangt.
Den Arm in der Schiene, durfte ich bereits im Zimmer umhergehen und bei gutem Wetter eine Stunde im Freien zubringen.
Wenn ich auch nicht gerade „fürstlich" — wie der gute Doktor gesagt hatte — gehalten wurde, so hatte ich doch Alles, was das Herz sich wünschen darf. Ich bewohnte ein trauliches und freundliches Zimmer, mit der Aussicht auf den Garten und darüber hinaus auf die Villen und Höhen bei Loschwitz, genoß die sorgsamste und liebevollste Pflege und eine allerdings fast zu opulente Bewirthung.
Beinahe den ganzen Tag war Jemand von der Familie selbst, oder eine der im Hause einheimischen Personen bei Mir und bemühte sich, mich zu zerstreuen und mir die Zeit so angenehm wie möglich zu vertreiben.
Da kam am Morgen schon Frau von Jvernois, frug nach meinem Befinden und brachte mir die neuesten Zeitungen und Journale auf mein Zimmer. Gegen zehn Uhr mit dem Doktor erschien gewöhnlich Adda, frisch und lieblich wie eine Rose, in ihrem hellen Morgenkleide und brachte mir Blumen und plauderte mit mir wie mit einem alten Bekannten. Bisweilen begleitete sie auch Mister Blunt, der häufig auf eine Viertelstunde bei mir vorsprach, oder die Staatsräthin. Dann lief das Gespräch gewöhnlich über das Kapitel von Häuserkaufen. Oesters erzählte mir die Näthin auch von ihrem Manne und von den eigenthümlichen gedrückten Verhältnissen in ihrer Heimath.
Sie selbst, eine geborene Deutsche, war nämlich die Frau Unes russischen Beamten, ihr Gatte war Staatsrath in Milan, und sie konnte mir nicht genug erzählen, wie schwierig % Stellung der deutschgesinnten Bevölkerung und namentlich der Angestellten den russischen Behörden gegenüber in den letzten Jahren geworden sei.
_ Auch Mister Howard kam häufig, um mit mir vom Kriege und von Politik zu sprechen und eine Partie Schach Mt mir zu spielen, in der er gewöhnlich unterlag.
Es gab auch noch eine Schwester von Fräulein Adda in Dresden, eine Madame Heine, welche mit einem sächsischen Beamten verheirathet war, eine hübsche junge Frau von etwa dreißig Jahren; auch diese besuchte mich bisweilen und selbst ihr Gatte, obwohl er ein eingefleischter Partikularist ^and Preußenhasser war, streckte manchmal seinen brillen- oewaffueten Kahlkopf zur Thür herein, um zu politisiren oder seine Galle ein wenig auszuschütten. Am meisten aber Irequentirte mich eine junge Dame, Fräulein Marguerite d'Jvernois, eine kleine Französin aus Orleans und die Richte der Frau vom Hause, welche in einem Dresdener Pensionat erzogen wurde, das damals wegen der unruhigen Zeiten Ferien hatte, und die ihre Mußestunden nun zum großen Theile mir, dem xanvre blosso, opferte.
Fgl__ r. — -., . _
Donnerstag, den 5. April.
Mademoiselle Marguerite, im engeren Kreise nur Margot genannt — glich der schönen Gemahlin Heinrichs IV. — war das häßlichste, niedlichste, graziöseste und Plauderhafteste junge Mädchen, welches man sich nur denken kann, und bei ihrer scharfen Beobachtungsgabe und Naivität ein wahres enkant terrible.
Mir kam es immer vor, als betrachtete sie mich wie eine Art großer Puppe, als ein lebendiges Spielzeug, denn nachdem einmal das Eis zwischen uns gebrochen war und als sie merkte, daß ich Gefallen an ihrem Geplauder fand, nahm sie mich beinahe völlig in Beschlag. Sie öffnete mir die Falten ihres Herzens, erzählte mir die verborgensten Mysterien der Pension, verlangte aber auch gebieterisch eine gleiche Offenherzigkeit von meiner Seite und gab sich nicht übel den Anschein, mich ein wenig zu protegiren.
Auch über das, was im Hause vorging, erhielt sie mich immer im Laufenden. Sie liebte sehr ihre Tante Laura (Frau von Jvernois), etwas weniger Adda „In colombo", sie verspottete unbarmherzig Onkel Blunt, sie meinte, er wäre ein vieux comeäien, und machte sich über Mister Howard lustig. Vermittelst zweier Taschentücher mit Knoten, die sie über die Finger zog, ließ sie die beiden ehrenwerthen Gentlemen lange Gespräche mit einander führen und äffte Beide dabei mst einer so genialen Drolligkeit nach, daß ich, obgleich von Natur ziemlich ernsthaft, oft bis zu Thrünen lachen mußte und um Gnade für mich und die Armen bat.
Ja — es wLr ein angenehmes, glückliches Dasein, welches ich damals führte.
ZVenn ich bisweilen nach dem Essen unten in der Laube saß, wenn die Gönne warm durch das Blätterdach zu meinem Haupte herabschirn uyd vom Strome her ein leiser Lufthauch erfrischend herültzrzva, wenn wir Alle dann behaglich um den Gartentisch verMimelt waren, ach, dann kam mir das Ganze vor wir ein süsser Traum, und ich wünschte wohl, daß er niemals endigen möchte.
Mich däuchte das wiedererwachende Leben so schön, so federleicht und sorgenlos, der Augenblick so wonnevoll —
O daß die Zeit nicht Flügel hätte!
Und noch eine fernere Woche und ich war wie ein Kind im Hause und kräftig auf dem Wege zur Genesung.
Und drollig — manchmal kam ich mir nun vor, wie der „Vetter" in Venedig köstlichem Lustspiel, und ich muß noch heute lächeln, wenn ich daran denke, wie damals Einer nach dem Andern auf mein Zimmer kam, mich zu zerstreuen, und wie aus dem harmlosen Geplauder, erst ganz leise, dann aber immer häufiger und bestimmter, eine vertrauliche Mittheilung wurde über Dies und Jenes, wie ein kleines Ge- ständniß nach dem anderen herausschlüpfte, wie man mich um Rath und Beistand bat; wie man sich schließlich mir völlig anvertraute und mich zum Geheimrath und Beichtvater avanciren ließ.
Ich betrachtete mich daun im Spiegel und überlegte: ja was habe ich denn an mir, daß die Leute mir so gern Vertrauen schenken, und fand nichts, als höchstens meine trockene Gutmüthigkeit und mein ehrliches Gesicht, was sie dazu verführen könnte, — aber wie dem auch sei, ~ damals schwirrte mir ordentlich der Kopf von allen den vielen kleinen und großen Geheimnissen und Geständnissen, die man mir anvertraute.
48. Jahrgang. I960.
Und wollte man mich fragen: aber was in aller Welt gab es denn hier nur anzuvertraucn und zu beichten, so könnte ich antworten: o, gar Mancherlei, alte und neue Geschichten, Sorgen und Wünsch ein Hülle und Fülle.
Der glatte, heitere Strom des täglichen Lebens in diesem gastlichen Hause floß dahin über gar mancherlei Untiefen und Klippen, es gab Strudel und Strömungen unter der Oberfläche, wie ja überall im Leben, und manchmal wurde dieselbe gekräuselt oder schlug Wellen, ohne daß man gerade einen äußerlichen Einfluß wahrnahm, selbst bei scheinbar ganz klarem Himmel. Ja, manchmal gerade beim schönsten Wetter sah der Eingeweihte c§ plötzlich aufbrausen und stürmen, — ach, stille Wasser sind tief!
Nur Eine hatte nichts zu vertrauen und nicht um Nath zu bitten, und gerade um diese, ohne daß sie es zu ahnen schien, drehten sich im engeren und weiteren Kreise beinahe alle die Wellen und Strudel. Ahnungslos wie eine zierliche Libelle schaukelte Adda sich in den Strahlen von Halm zu Halm, von Blume zu Blume, still und anmuthig, ein süßes Lächeln auf den Lippen, und auch nicht der leiseste Schatten trübte anscheinend die Klarheit dieser unbefleckten Mädchenseele.
Wenn man sie sah, so lieblich und weich, wenn man in ihre großen, sanften Augen schaute, so glaubte mau bis auf den Grund ihres freundlichen Herzens zu blicken, dann fühlte man es oft unwillkürlich wie ein leises Gebet auf seine Lippen steigen: O möchten Dir, Du schönes Wesen, die Prüfungen des Lebens erspart bleiben, möchten Deine Augen immer so kindlich und strahlend blicken wie heute!
Ich empfand es bald an mir selbst, wie fesselnd diese holde Mäd.chenblume war, wie begehrcnswerth, und begriff daher auch recht wohl die lebhafte späte Zuneigung des Onckel Blunt, ebenso wie die frostige, aber zähe Anbetung des Gesandtschaftssekretärs. Dies verhinderte mich aber durchaus nicht, das Benehmen des alten Herrn sehr abgeschmackt und das des Mister Howard geradezu unbegreiflich zu finden. Der Erstere benahm sich, meiner Meinung nach, Wie ein alter Geck, indem er den Zärtlichen und Jugendlichen spielte, und der Andere warb ohne Feuer, ohne Leidenschaft.
Sie sind ihrer Beide nicht werth — sie verstehen solch' ein weiches, sinniges Müdchenherz gar nicht genug zu schätzen; es ist ihre Schönheit; ihre Liebenswürdigkeit, die kostbarste Perle, die Seele dieses Mädchens, bleibt ihren blöden Augen verborgen, — den Schatz verstehen sie nicht zu heben.
Wer würde wohl der Glückliche, Beneidenswerthe einst
seizr? . . . Ein Anderer? . . . Vielleicht ich selbst?-
Thorheit! — Ich war ja nur ein armer Krüppel augenblicklich, mit einem zerschossenen Arm, und nur ein bescheidener, angehender Baumeister ohne großes Vermögen, ohne eine feste Stellung im Leben, gar nicht im Stande, eine Frau wie Adda zu ernähren ... Ach! diese Blume blühte nicht für mich; ich durfte ihren Duft wohl athmen, mich über ihre Pracht und Zartheit freuen, aber ein Anderer
würde sie pflücken und an seine Brust stecken.-Es
klopfte an meine Thür.
„Erlauben Sie? Ich bin's. Bon jour monsieur, comment allez-vous aujourd’hui?"
(Fortsetzung folgt.)
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