*8. Jahrgang.
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Fernsprecher No. 52 .
Donnerstag, den 5. April.
Fernsprecher No. 52 .
1900*
Abend «Ausgabe.
Die zweijährige Dienstzeit in Frankreich.
Unser Pariser ^.-Korrespondent schreibt uns: Nach dem Kriege von 1870 führte man in Frankreich, wie man überhaupt alle deutschen Einrichtungen nachahmte, auch die allgemeine dreijährige Dienstpflicht ein, mit welcher die Deutschen gesiegt hatten. Das war unstreitig ein großer Fortschritt gegen das napoleonische Ziehung?- und Loskanfsystcm mit siebenjährigem Dienste der armen Teufel, die sich keinen Stellvertreter kaufen konnten. Daneben adoptirte man auch das „Einjährig-Freiwilligen-System", machte es aber zu einem Privilegium der Besitzenden, indem man neben einem sehr bescheidenen Maß von Kenntnissen eine Steuer von 1500 Francs zur Bedingung machte. Und als ob dies noch nicht der Ungleichheit genug gewesen wäre, theilte man, da das stehende Heer nicht groß genug war. um drei Altersklassen aufzunehmen, die jährliche Aushebung durch die wieder eingeführte Loosziehung in zwei Kontingente, von denen das eine drei, beziehungsweise für Kavallerie, Artillerie rc. 4 Jahre, und das andere, das der hohen Nummern, acht Monate zu dienen hatte. Die Hceres- vermehrung in Deutschland 1893 bestimmte Frankreich, ebenfalls seine Friedensstärke zu erhöhen; während aber Deutschland gleichzeitig die Dienstzeit für die Infanterie auf zwei Jahre ermäßigte, ließ man es hier wie zuvor bei drei Jahren bewenden und begnügte sich damit, das Kontingent der Achtmonatlichen, d. h. die Loosziehung, abzuschaffen. That- sächlich setzte freilich die Regierung den Dienst für einen großen Theil der Mannschaften aus Ersparnißgründen auf ungefähr zwei Jahre herab, indem dieselben für den Rest ihrer Dienstzeit Großurlaub erhielten. Allein das führte nun zu einem System der reinen Willkür. Ein Soldat, der sich mit dem Hauptmann gut stellte oder dessen Angehörige irgend eine Fürsprache durch einen Abgeordneten oder Beamten bei den Armeebehörden hatten, kam frei; ein anderer, der aus irgend einem Motiv „mißliebig" war, mußte sein drittes Jahr bis zur Neige ausdienen.
Mit Recht verlangten die Republikaner gleiche Militär- Pflicht für Jedermann. Mochte auch allenfalls der einjährige Dienst für Studirende, deren Bildungsgang nicht leicht unterbrochen werden kann, entschuldbar erscheinen, weil sie diese Vergünstigung durch Uebernahme von Verpflichtungen gegen den Staat wettmachen, so sollte wenigstens die große Masse der Heerespflichtigen nur noch mit einem Blaßstäb gemessen werden. Bisher wandte mau gegen diese Forderung ein, es sei unmöglich, sie zu erfüllen, ohne den Friedens- Präsenzstand der Truppen-Einheiten allzusehr zu schwächen und damit die Truppenausbilduug in Frage zu stellen. Mit anderen Worten: es müssen so und so viele junge Leute drei Jahre unter den Fahnen bleiben, damit die Compagnie nicht unter die Stärke von 250 Mann sinkt; die Compagnie, hieß es, muß zu viel Leute als Ehrenposten, Köche, Schuh
macher, Schneider rc. abgeben. Der Einwand ist ziemlich 1 dürftig. Auch hat sich der Armee-Ausschuß der Kammer und der Kriegsminister de Gallifet nicht von ihm aufhalten lassen. Beide haben sich für die Einführung der gesetzlichen allgemeinen Dienstpflicht ausgesprochen, und ihr dürfte wohl auch das Einjährigen-Vorrecht — ausgenommen allenfalls für Reserve-Offiziers-Aspiranten — zum Opfer fallen. Nur einen Vorbehalt hat der Kriegsminister gemacht; mit den: dreijährigen Dienst geht der Armee eine gewisse Anzahl von Unteroffizieren der dritten Jahresklasse verloren; für diese Einbuße muß Ersatz geschaffen werden, _ indem man für freiwillige Einsteher und Solche, die Berns zum Unteroffizier fühlen, höhere Prämien zahlt. Das ist ein ver- hältnißmäßig untergeordneter Geldpunkt, in welchem das Parlament sich nicht geizig zeigen wird.
Deutsche» Deich.
Zur inneren Lage.
L. Berlin, 4- April.
Die Verständigung zwischen der Regierung und dem Centrum über die Flottenvorlage und die Deckungsfrage ist noch nicht perfekt, aber es hat nach den Vorgängen der letzten Tage immer mehr den Anschein, daß sie thatsächlich zu Stande kommen wird. Wenn es neuerdings heißt, daß die Marincverwaltung fürs Erste auf die Bewilligung der Auslandsschisfe verzichten dürfte, so mag die Mittheilung ebenso ein bloßer Fühler sein, wie deren mehrere ausgestreckt morden sind. Aber es kann nicht als ausgeschlossen betrachtet werden, daß in der That ein Kompromiß ans dieser Grundlage angestrebt wird, vielmehr ein Kompromiß dahin, daß die eventuelle Streichung der Auslandsschiffe nur eine Zurückstellung des Baubeginns um einige Jahre zu bedeuten hätte. Ein in der ersten Lesung der Vorlage fallen gelassenes Wort wird jetzt wieder hervorgezogen, nämlich die Bezeichnung des Gesetzes als einer bloßen Resolution, genauer gesagt, als eines bloßen Rahmens künftiger Bewilligungen. Wenn die Regierung sich auf diesen Standpunkt ebenfalls stellen will, so könnte cs also immerhin möglich sein, daß die Vorlage eine Mehrheit findet, zu der das Centrum wohl gar ohne nennenswerthe Absplitterung gehören würde. Es ist doch unverkennbar, daß weder innerhalb der Negierung noch beim Centrnm die Neigung besteht, die Situation zu verschärfen und es zu einem Wahlkampfe kommen zu lassen. Diese Feststellung kann ganz objektiver Weise von jedem Parlei- standpnnkt aus gemacht werden, die Thatsacheu zeigen cs. Sie zeigen es sogar zum offenkundigen Verdruß des Ostelbierthums, das die Gelegenheit, im Trüben zu fischen, mehr und mehr schwinden sieht. Sollte sich die Regierung damit begnügen, einige der geforderten Schiffsneubauten für jetzt absetzen zu lassen, so hätte das Centrum die Genugthuung, vor seinen Wählern konstatiren zu können, daß diese Milderung der Vorlage seinen Bemühungen zu danken sei. Die Lage ist nun aber derartig, daß es am Ende auch sehr wohl möglich sein könnte, daß ein für die Herstellung der Mehrheit hin
reichender Bruchtheil des Centrums die unverkürzte Vorlage annimmt, in welchem Falle sich die Negierung freilich verpflichten müßte, in der Deckungsfrage ganz andere und größere Zugeständnisse zu machen, als sie bei nur theil» weisem Zustandekommen der Vorlage zu machen brauchte. Nun steht es so, daß das Centrum zwar den Mund sehr voll ninimt, wenn von der Deckungsfrage die Rede ist, daß es aber unter Ilmstünden einen ziemlich lebhaften Schreck bekommen könnte, wenn die Regierung die Partei beim Worte nehmen wollte und nun etwa mit ausgearbeiteten Vorschlägen zur Einführung direkter Reichssteuern käme. Voraussichtlich wird das Centrum es vorziehen, sich einer Reduktion der Vorlage entsprechend mit kleineren Zugeständnissen der Regierung zu begnügen und die Forderung einer Reichs-Erbschaftssteuer auf unbestimmte Zeit in die Tasche zu stecke». Es ist doch auch zu berücksichtigen, daß keineswegs die Centrumsleitung als solche nach einer Reichs-Erbschaftssteuer verlangt hat, sondern daß nur Herr- Gröber in ziemlich unverbindlicher Weise die Meinung geäußert hat, die Sache könnte sich auf diesem Wege machen lassen. * * *
* Berlin, 5. April. Die neuerdings in auswärtigen Blättern wieder aufgetanchte Behauptung, daß das viel besprochene geheime deutsch-englische Abkommen über Südafrika nächstens veröffentlicht werden soll, entbehrt der Begründung. Es liegt im ganzen Charakter dieses Abkommens, das bekanntlich ein Eveutualvertrag ist, daß eS nicht eher veröffentlicht werden kann, als bis cs durch den Eintritt der darin vorgesehenen Eventualität in Kraft gesetzt wird.
* Uolkszähilmg. Die Bestimmungen über die Vornahme
einer Volkszählung am 1. Dezember 1900 sind nunmehr vom Bundesrath getroffen. Im Allgemeinen entsprechen sie den Anordnungen früherer Jahre. Außer der ortsanwesenden Bevölkerung werden diesmal auch diejenigen Personen, welche sich am 1. Dezember 1900 auf deutschen Seeschiffen in fremden Häfen oder in Fahrt befinden, gezählt. Die Ausführung dieser Zählung erfolgt durch das Kaiserliche Statistische Amt. Ferner wird diesmal eine Statistik der Blinden und Taubstummen mit der Volkszählung vereinigt werden. _
Ausland.
* Frankreich. Der Untersuchungsrichter ließ in Vaucresson den früheren Leiter des Blattes .,Soir" wegen Unterschlagung von 1,800,000 Francs verhaften, welche Summe ihm in seiner Eigenschaft als Vormund anvertraut worden war. — Der Prinz von Joinville hat au den Herzog von Orleans einen Brief gerichtet, worin er das Schreiben des Herzogs an den Zeichner Mette bezüglich der Karikaturen der Königin Victoria heftig tadelt. Er sagt in seinem Schreiben, daß die verstorbenen Herzöge von Aumale und Nemour, wenn sie noch lebten, denselben Tadel ausgesprochen hätten. Der Prinz schließt mit den Worten: Die größte Strafe 'werden Ihre Gewissensbisse sein.
* Großbritannien. Die Königin ist in Dublin eingetroffen und am Weichbild der City mit großem Ceremonicll vom Lordmayor empfangen worden. Die Königin erwiderte auf die Begrüßungsansprache, es bereite ihr große Genugthuung, daß sie im Stände sei, wieder einmal das Vaterland so vieler wackerer Männer zu besuchen, die bei der Vertheidigung der Krone des Reiches hervorragende Tapferkeit bewiesen hätten, wie nur je in ihrer glorreichen Vergangenheit.
* Kulgauie«. Aus Cannes wird gemeldet: Der Fürst von Bulgarien wird sich sofort nach seinem Eintreffen dahier mit der Großfürstin Helene von Rußland vermählen.
(Nachdruck verboten.)
Georg Hermegh.
(Erinnerungsblatt zum 25-jährigen Todestag eine! halbvergesscnen Dichters.)
Von vr. Julius Pasig.
Der 7. April ruft die Erinnerung wach au einen Dichter welcher, obwohl heute wenig mehr genannt, es doch nich verdient, ganz der Vergessenheit anheimzufallcn, an Georc Herwegh, der an diesem Tag vor 25 Jahren die Augei ZUM ewigen Schlummer schloß. Er gehört zu denjenigei Sängern, die, getragen von Begeisterung für ein großes deutsches Vaterland und überzeugt von der Nothwcndigkei einer Neugestaltung des zerstückelten Deutschland, durch ihr Lieder den schlafenden „Deutschen Michel" aufzurülteln ver suchten. Brausend wie junger feuriger Most und Fanfaren geschinelter gleich, ließ er seine Lieder ertönen, freilich auct ^ ohne zu bedenken, daß der Dichter auf einer Höheren Wart '' als auf den Zinnen der Partei stehen müsse, lind daß c eben zuletzt allzu sehr und fast ausschließlich seine Poesie ii den Dienst der Partei stellte, mag nicht zum Wenigsten mi der Grund gewesen sein, daß seine Worte schließlich un beachtet verhallten und sein Ruhmesstern ins Erbleichen kam Georg Herwegh wurde am 31. Mai 1817 in Stnttgar als Sohn unbemittelter Eltern geboren. Er besuchte zunächj das Gymnasium seiner Vaterstadt, kam nachher, da er nae dem Wunsche seiner Eltern Geistlicher werden sollte, in bei theologische Seminar zu Maulbronn und trat dann in da protestantisch-theologische Stift zu Tübingen ein. Da cr abc in dem theologischen Studium keine Befriedigung finden konnte gab er dasselbe wieder auf und ging nach Stuttgart zurück wo er als Mitarbeiter an der von August Lewald heraus gegebenen Zeitschrift „Europa" Beschäftigung fand. In diese Thätigkeit wurde er durch seine Aushebung znm Militärdien' unterbrochen. Zwar wurde er wegen seines Talents anf un bestimmte Zeit beurlaubt, doch verwickelte ihn bald darauf di
Beleidigung eines Offiziers in eine Untersuchung, die ihnver- anlaßte, sein Vaterland zu verlassen und in die Schweiz zu flüchten. Er wandte sich zunächst nach Emmishofen im Kanton Thurgau und bethciligte sich hier an der „Volkshalle", einer von dem bayrischen Flüchtling Wirth in Konstanz heraus- gegcben Zeitschrift,derenkritischen Theil er namentlich mit geistvollen Beiträgen versah. Da ihm aber die Besonnenheit, mit der das Blatt trotz seiner liberalen Tendenz redigirt wurde, und seine dadurch bedingte persönliche Beschränkung nicht bchagte, zog er sich nach einiger Zeit von der Redaktion zurück und siedelte nach Zürich über. Hier veröffentlichte er im Jahre 1841 die „Gedichte eines Lebendigen", die er dem Fürsten Pückler-Mnskau, dem Verfasser der „Briefe eines Ver- storbe»en", widmete. Diese Gedichte sind Poesiecn voll jugendlichen Feuers, welche so harmonisch in die von Frei- heitsbestrebnngen erfüllte Zeitstimmnng hineinklangen, daß sie rasch populär wurden und. trotzdem sie in Dentschland verboten waren, in kurzer Zeit sieben Auflagen erlebten. Herwegh erhielt dadurch die Mittel, nach Paris zu reisen und nach einem kurzen Aufenthalte daselbst int Jahre 1842 eine Reise durch Deutschland zu machen, um Mitarbeiter für eine von ihm geplante Zeitschrift zu gewinnen. Seine Lieder hatten aller Orten so zündend gewirkt, daß diese Reise einem wahren Triumphzuge glich. Ueberall wurde er mit Jubel begrüßt, und in Berlin widerfuhr ihm sogar die Auszeichnung, daß sich König Friedrich Wilhelm IV. durch seinen Leibarzt Schönlein den so gefeierten Dichter vorstellen ließ. Der König hatte mit Herwegh eine lauge Unterredung, die er mit den Worten eröffuele: „Ich achte eine
gesinnungsvolle Opposition," und reichte ihni schließlich zum Abschied die Hand mit den Worten: „Wir wollen ehrliche Feinde 'sein!" Herwegh besaß leider wenig Takt und Meuschenkenntniß, diese Zusammenkunft mit dem König fruchtbar zu machen. Kaum war er auf seiner weiteren Reise in Königsberg angekommen, so erfuhr er, daß seine geplante Zeitschrift noch vor dem Erscheinen von dem
preußischen Ministerium verboten worden sei, und richtete, anstatt den Monarchen in angemessener Forni um Zurücknahme des Verbots zu bitten, einen recht taktlosen Brief an ihn, in welchem er sich dem mächtigen Herrscher als ebenbürtig gegcnüberstellte und ihn mit Vorwürfen überhäufte. Wie peinlich diese Taktlosigkeit selbst die Gesinnungsgenossen des Dichters berührte, geht daraus hervor, daß Freiligrath ihm, dem „neuen Held Sankt Jürgen", der durch' Deutschland gezogen, „im Fluge zu erwürgen den Molch der Tyrannei", die Worte zurief:
Du trotziger Diktator,
Wie bald zerbrach Dein Stabt Dahin der Agitator,
Und übrig nur — der Schwab I Verwelkt schon Deine Blume!
Dein Kranz, o Freund, hängt schief!
Du schriebst dem eignen Ruhme,
Ach, den Uriasbriefj
und ih>l zum Schluß crmahilte, „die alten Ehren mit Liedern einzubringcn" und „den Schwabenstreich auszuwetzen". Der König selbst in seiner Herzensgüte hätte vielleicht dem Brief- schreibcr seine Taktlosigkeit verziehen; da aber bald darauf der Brief, wenn auch gegen den Willen HerweghS, in den deutschen Blättern veröffentlicht wurde, was allerdings seine Popularität noch erhöhte, erfolgte die Ausweisung des Dichters ans dem preußischen Staate. Er kehrte nach der Schweiz zurück, aber selbst in der freien Republik war die Mißstimmung gegen ihn so groß, daß verschiedene Kantone ihm das Asylrecht verweigerten. Endlich erlangte er von einer kleinen Gemeinde im Kanton Baselland das Bürgerrecht und verhcirathete sich mit Emma Siegmund, der Tochter eines reichen Banquiers, die er in Berlin kennen gelernt hatte. Doch war seines Bleibens in der Schweiz nicht lange. Nach einer Reise von Südfrankreich und Italien nahm er, obgleich inzwischen vom Köllig von Württemberg amnestirt, seinen dauernden Wohnsitz in Paris, wo er mit Heine, mit Beranger und George Sand, sowie mit polnischen
