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iesbadkm laawatt.
€8. Jahrgang.
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Verlag: Sanggaffe 27.
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Mittwoch, hei» 4. April.
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1900.
Abend-Ausgabe.
ahndet, gepönt oder sonstwie auf eine möglichst mittelaller- liche Weise bestraft werdeu kann. Der Großmacht Anhalt gebührt die Ehre des Voriritts. Anderswo ist man gefolgt, in
Haiiptbestimlilungen auch in der werden, da das Centrnm und die verfügen.
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zweiten Lesung aufrecht erhalten Konservativen über die Mehrheit
Deutsches Deich.
Die Waarenhaussteuer.
L. Berlin, 3. April.
Immer schärfer tritt es zu Tage, daß dieselbe Un- vernunft einer konservativ-klerikale» Mehrheit, die in ihrer nervösen Hast den Tag des Sieges nicht erwarten kann, gerade durch das Uebermaß der Ansprüche für die Vereitelung ihrer gefährlichsten Pläne sorgt. Es bleibt alsdann freilich noch genug des Gefährlichen übrig. So war cs bei der lex Heinze, so wird cs muthmaßlich bei der Fleischbeschauvorlage geschehen, so geschieht es jetzt in Sachen der Waarenhaussteuer. Im Grunde genommen braucht man nicht unzufrieden damit zu sein, tvenn der hitzige Eifer einer verblendeten Gesellschaft ein Zuviel herbeiführt, das naturgemäß den Rückschlag herausfordern inuß. ^ Mit ihren Beschlüssen zur Verschärfung der Waarenhaussteuer hat es die Kommissions - Mehrheit erreicht, daß die Regierung jetzt erklären muß, sie könne Abänderungen nicht znstimmen, denen die Tendenz einer Erdrosselung der Waarenhäuser beiwohnt. Nun ist damit freilich nicht gesagt, daß das Gesetz eine weniger schädliche Form erhalten werde. Selbst wenn die Mehrheit des Abgeordnetenhauses sich damit begnügte, die Regierungsvorlage anzunehnicn, so wäre es wahrhaftig schlimm genug; denn die Vorlage ist von vornherein ein verderbliches Zugeständniß an Parteileidenschaften, denen eine verständige Regierung niemals auch nur die geringste Konzession hätte machen dürfen. Aber es wird doch wohl noch etwas schlimmer kommen, als es nach der Regierungsvorlage allein kommen sollte. Wenn offiziös gehofft wird, daß im Plennni eine die Zweckbestimmung der Vorlage sichernde Einigung zwischen der Mehrheit und der Staat'sregierung zu Stande kommen werde, so heißt das soviel, als daß die Negierung noch um ein Beträchtliches über die ursprüngliche Fassung hinausgehen wird. In irgend einer ans alle Fälle schädlichen Form wird das Gesetz also ganz zweifellos perfekt werden. Die bedrohten Interessen und Interessenten sollten sich deshalb nicht gar zu lebhaft über die Zurückweisung der Kommissionsbeschlüsse durch die Negierung freuen. Man muß im Auge behalten, daß diese Mehrheit nicht, wie eS bei den anderen beiden verwandten Materien der Fall ist, ruf ihrem Scheine bestehen, sondern sich mit dem begnügen ivird, was sie bekommen kann.
Ausnahmegesetze für Landarbeiter.
Auch in der Politik giebt es Moden. Die Kappe, die Einer trägt, und sei sie noch so unpraktisch, muß von dem Anderen nachgemacht werden; er will es eben so schön- oder häßlich haben. Die neueste Mode ist die Ausfindigmachung von Paragraphen, mit denen der Kontraktbruch ländlicher Arbeiter auf dem Wege der Landesgcsetzgebnng gebüßt, ge-
Prenßen möchte man gern folgen, in den Renß'schen Staaten ist man soeben dabei, zu fordern. Wir lassen uns hier nicht ans eine Kritik der Nenß'schen Vorlage ein, wir sind auch nicht so sehr Theoretiker, daß wir es nicht verstehen sollten, wenn Leute, die die Macht haben, diese gute Gabe dazu benutzen, sie auch ausznüben. Dagegen sei in aller Bescheidenheit gesagt, daß wir es nicht verstehen könne», wie man glauben kann, die Landflucht der ländlichen Arbeilcr dadurch zu hemmen, daß diesen Arbeitern der Entschluß, ans das Land zu gehen, noch mehr als bisher schon verleidet wird. Hier ist der springende Punkt der Frage. Wenn eine Landarbeiternoth herrscht, so ist es doch, weil den Leuten größere Vorthcile in der Stadt winken. Können die Besitzer höhere Löhne nicht zahlen, wie sie behaupten, so ist das für sie gewiß sehr schlimm. Durch Strafgesetze aber, die den Landarbeitern das Gefühl geben müssen, einer unwürdigen Kaste anzugehörcn, wird man doch unmöglich die Arbciwr dazu verlocken können, die gemiedenen Erwerbsstellcn plötzlich anfzusuchen, zumal der etwaige Gcgenwerth einer Vcrbessernng der Lebenshaltung nach wie vor fehlen soll. Die Erscheinung, daß in so unbegreiflich oberflächlicher Weise an den äußeren Kennzeichen eines tiefersitzenden Leidens hernmkurirt wird, könnte durch ihren unfreiwilligen Humor mit diesem Treiben versöhnen, wenn die Kostenrechnung nicht so groß wäre. Sie wird uns fortwährend überreicht in Gestalt einer immer weiteren Abschwächung der politischen Einsicht. Der unselige Glaube, daß Strafgesetze etwas ändern und bessern können, was die Folge einer uoth- weudigen wirthschaftspolitischenEntwickclung ist, muß schließlich vcrdnmpfeud und geradezu verdummend wirken, tvenn sich stets von Neuem zeigt, wie vergeblich jedes Vorhaben dieser Art ist. * *
* Berlin, 4. April. Die „Post" glaubt, daß über die Grundzüge der nach den Osterferien von Seiten der Negierung zu machenden Vorschläge für die Flottendecknngsfrage bereits ein Einvernehmen erzielt ist, und daß es sich jetzt um die Ausarbeitung dieser Vorschläge im Einzelnen handelt.. Andernfalls wäre bt'e Urlaubsreise des Staatssekretärs des Neichsschatzanits, Thielmanu, unerklärlich. Das genannte Blatt erinnert, nochmals daran, daß die verbündeten Regierungen mit sachdienlichen Vorschlägen zur Deckungsfrage die Schlüssel für einen befriedigenden Verlauf der Flottenangelegenheit in der Hand haben, und daß sie in erster Linie die Verantwortung tragen, wenn die Dinge nicht den günstigen Verlauf nehmen, zu welchem alle Voraussetzungen vorliegen.
Die „Germania" schreibt: Infolge der Darlegungen des
Bischofs von Anzer über die Lage der Mission in China erhielt das Auswärtige Amt auf ausdrücklichen Befehl desKaifcrs eine Anweisung, an' den Gesandten in Peking auf diplomatischem Wege einen Druck auszuüben znnc Schutze der deutschen Mission. Der Bischof hat also den Zweck seiner Reise nach Berlin völlig erreicht.
In der 13. Kommission des Abgeordnetenhauses zur Vorberathung der Waarenhansstener-Vorlage, die nach den Osterferien zur zweiten Lesung gelangen wird, dürften nach der „Mit- i theilung eines parlamentarischen Berichterstatters die verschärften
Kölner Oberbürgermeister Becker folgendes Tclegramni gesandt:
Es soll auf nieinen Befehl in diesem Frühjahr eine Torpedoboot- Division den Rhein hinauffahren. Sie hat Ordre, Köln an- znlaufen unb vom Meere einen Gruß zu überbringen. Ich empfehle sie den gastfreien und lebensfrohen Bürgern von Köln. Alaaf Köln! Wilhelm. I. ß."
* Rundschau im Reiche. Mit den: 1. April d. Zs. hat die Provinzialhauptstadt Posen durch Eingemeindung dreier Vororte eine Seelenzahl von rund 120,000 Einwohnern erreicht._ _
Zur lex Heinze.
Herr Roercn ist von einem Mitarbeiter der „Kölnischen Volkszeitung" über die lex Heinze interviewt worden. Dabei ist aber ein litterarischer Exkurs herausgekommen, der deutlich zeigt, was die Litteratnr zu erwarten hat, wenn den Vater» der lex dieses Instrument zur Verfügung gestellt wird. Nach Herrn Rocren ist Arno Holz jeden Augenblick bereit, sich in der Gosse zu wälzen; Spielhngen ist ein parfüniduftender Salon-Romancier; Richard Boß hat eine delt- rirende Weltanschauung und eine Morphiumpocsie; Ernst v.Wilden- brnch arbeitet ausschließlich auf den rohen theatralischen Effekt hinaus, da ihm zum wirklich niodernen Tragiker Alles fehlt; Sudermanu ist von realistischer Unverfrorenheit unb widerlicher Sentimentalität; Gerhart Hauptmann ist öde und seine Sprache ist liederlich. Auf die Frage, ob auch Paul Heyse unter die lex Heinze fallen könnte, antwortete Roeren:
„Ich glaube, er wäre juristisch schwer zu fassen, aber das ändert nichts an meiner ehrlichen Ucberzeugung, daß er kolossal überschätzt worden ist und in nur zu Iveiten Kreisen den Geschmack in bedenklichster Weise beeinflußt hat. Ich halte ihn für einen dichterischen Claurcn, für einen der unsittlichsten und schädlichsten Dichter der Ncuzcit, lvenn er auch im Gegensatz zu seinen groben und rohen Nachtretern das schleichende Gift scutimentaler Lüsternheit in Krystallflaschcn verabreicht."
Weitere Frage: Könnte die lex Heinze auch auf längst verstorbene Klassiker wie Heine und Goethe angewandt werden? Antwort des Herrn Roeren: Er ersuche, die Beiden nicht in einem Athen, zu nennen, obwohl Heine „dem schwachen, abgelebten Gott von Weincar dieses Schicksal voransgesagt habe". Aber über seine „ästhetischen Salonthecromane hinaus" habe Goethe „auch O'b- scönitäten begangen, die einfach in die Littcraturrubrik der geheimen Sünden gehören". „Angesichts der Goethe-Manie, die in detr geschmacklosen Verhimmelungen der Schwächen eines großen Mannes den Sinn für das Große vergiftet, hat man das Bcdürfniß, sich Luft zu machen." — Wir meinen, das genügt. Herr Roeren hat sich noch des Langen und Breiten über die Bewegung gegen die lex Heinze als einer „geistigen Epidemie" ausgesprochen. ' Das sei ihm verziehen im Hinblick auf die Offenherzigkeit, mit der er die kulturfeindlichen Ziele der lex damelegt hat. ' Für den weiteren Kampf ist das von erheblichem Werth.
Nun vergleiche man mit diesen fossilen Ansichten die Acußernng eines Blattes, das vielleicht sogar Roeren als „zweifelsohne" gelten lassen wird, obzwar cs ein protestantisches Organ ist. Die ^Christliche Welt" schreibt: ^
„Der Gesetzentwurf, der den Namen des Zuhälters und Todt- schlägcrs Heitize trägt, scheint verloren. Die Schuld daran trägt die Regierung. Denn indem sie die Strafbestlminnngen wider Mißbrauch der Herrengewalt und Verführung Jugendlicher, die dem moralischen Empfinden ebenso der Reichstagsmehrheit wie der ungeheuren Mehrheit des Volkes entsprachen, aus unverständlichen Gründen verwarf, besaß sie nicht mehr die Autorität, um den Kampf für die übrigen Gesetzesvorschläge wirksam zu führen. Schwierig war unter allen Umständen der Kunst- und Theater-Paragraph. Es ist
, (Nachdruck verboten.)
Kebensproktill.
(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Von Franz Deutschinger.
Mehr Religiosität, mehr Sittlichkeit! — ist der Ruf, der mahnend von oben an die Völker ergeht und von den sogenannten staatserhaltcnden Elementen weiter' gegeben wird. Solcher Ruf von dieser Stelle hat etwas Tragikomisches im Augenblick, da die leitenden Staatsmänner Europas einem aller Moral und aller Menschlichkeit Hohn sprechenden Ranbzug ruhig zusehen, wie dem der Engländer gegen die Buren, ohne den Mund aufzuthnn oder eine Hand zu rühren. Und das in der Zeit der Abrüstungs- und Friedenskonferenzen! Mit etwas mehr christlicher Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeitsgefühl hätte sich eine solche schmachvolle Menschen- ichlächtercr wohl verhindern lassen. Da wäre es angczcigt, ferner ittlichcn Entrüstung über die Gottlosen Luft zu machen, wie e8 .a auch von Seiten der civilisirten Völker geschieht, deren moralisches und rechtliches Bewußtsein sich in diesem Fall als sehr entwickelt erwiesen hat, cs steht in überwältigender Mehrheit auf Seiten der Vergewaltigten. Solche Widersprüche sind aber ganz dazu ange- than, das sittliche Bewußtsein zu verwirren.
Mehr Religiosität — höhere Sittlichkeit! Man sicht, der Ruf ist gerecht — möge er an der rechten Stelle gehört werden. Man wolle nur nicht Religiosität und Sittlichkeit mit blindem Glauben an Kirchcnsatznngen verwechseln und die auf selbständige Sittlichkeit abzielenden Bestrebungen als gottlos und staatsgefährlich anschen. Die Völker sind nicht mehr eine gedankenlose Masse — die Ueber- zeugung, daß Aufklärung und Wissenschaft für alle Gebiete mcnsch- icher Kulturthätigkeit, für jeden Beruf immer unentbehrlicher wcrdeti, ist bereits tief in die Volksseele gedrungen — das Selbst- kestnnniunasrecht, das Menschenrecht hat sich kräftig entwickelt. Mit der Ausübung desselben sind aber auch schwere Pflichten verbunden, zu deren Erfüllung die Menschen in ihren breiteren Schichten nicht ohne Weiteres befähigt sind. Absolutismus und Hierarchie können nicht mehr zur Ordnung des Einzel- und Ge- metndelebens dienen, es bedarf anderer Autoritäten, um selbstständige tüchtige Persönlichkeiten zu entwickeln, die mit Bewußtsein und Freiheit ihre Pflicht erfüllen.
So lange nicht eine Generation hcraMewachscn, die nach einem aus der modernen wissenschaftlichen Weltanschauung ruhenden ErziehungSshstem gebildet worden, wird es nicht an mannigfachen Irrungen und Verwirrungen fehlen. Heute herrscht darin noch Halbheit, nur unsicher und verzagt geht man an diese unausschieb-
bare Arbeit, die allein eine friedliche Entwicklung verbürgt. Wohl wird unsere Jugend mit einer Masse gewiß sehr schätzenswerthcr Kenntnisse vollgepfropft, aber man sucht sie auch ängstlich in gläubiger Beschränktheit und Gebundenheit zu halten. Was ist die Folge davon, wenn unsere Jugend ins Leben tritt? Schwere innere und äußere Kümpfe, ans denen nur Wenige unbeschadet hervorgchen. Die Meisten begnügen sich mit nuverstandcncn zeit- geläufigen Schlaaworten, die schmeichelnd an ihr Ohr dringen: freies Denken wird dann zur Ungebnndenheit und Zuchtlosigkeit, freie Selbstbestimmung zu Gesetzlosigkeit und Willkür. Alle solche Halbbildung artet in Erwerbs- und Genußsucht, in Strebcrthum lind Heuchelei ans, denn von dem wahren Werth unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse haben sie nichts erfahren, nichts von den Aufschlüssen, die sic uns geben über eine vernnnftgcmäße Sittlichkeit, über unser Menschcn'thmn und über den Zusammenhang derselben mit dem Wcltaanzen, mit der Natur, deren Beherrschung außer sich und in sich die Ausgabe des Menschen ist.
Nicht in der modernen wissenschaftlichen Weltanschauung liegen die Gefahren für die Menschen unserer Zeit, woht aber in der ängstlichen Verschleierung derselben in den Jahren der größten Aufnahmefähigkeit. Beschränktheit und Unwissenheit sind die schlimmsten Feinde menschenwürdiger Entwicklung. Wir sind nun einmal vcrnnnftbcgabie Geschöpfe —, das legt uns die Verpflichtung auf, davon den richtigen Gebrauch zu machen und nicht in Stumpfsinn oder Gleichgültigkeit zu verharren.
Jedes klärende Wort in dieser Richtung ist von allen Freunden eines vernünftigen Fortschritts freudig zu begrüßen. So die beiden sich ergänzenden Schriften von vr. Johannes Unold: „Grund
legung' für eine moderne Lcbensanschannng" (Leipzig — Hirzcl) —,
gg — G. B. Teubuer).—
„Ans Natur- und Geistcswelt", 12. B. (Leipzig „Mit der ursprünglichen und packenden Wärme des Menschen- und Volksfreundes verkündet der Verfasser die Ergebnisse seiner Forschungen — epochemachend, weil es endlich wieder den Menschen als Ganzes erfassend, die körperliche und sittliche Tüchtigkeit als ein »ntrcnnbarcsZiisammengchörlgcs, als den Inhalt einer wahren, umfassenden LebcnSkunde hmstcllt" —, schreibt Prof. vr. Bücher darüber.
Die alten socialen Bindegcwaltcn, Sitte (Stammes- und Standcssitte) und väterliche (patriarchalische) Autorität (geistliche und weltliche), die den unmündigen, gläubig gebundenen Menschen einst Halt und Weisung gegeben, haben sich zu lockern, zu lösen begonnen. Es bedarf neuer Stützen, die die alten allmählich ersetzen und den erwachsenen mündigen Menschen den Halt und die Mittel bieten, um ihr Einzel- und Gesammtdascin in richtiger Weise zu ordnen. Wir müssen für die neue Zeit neue Menschen
bilden. Das ist der Ausgangspunkt der Unoldschen Schriften —, c§ lohnt sich wohl, etwas länger dabei zu verweilen.
Die erste Forderung der neuen Zeit an die neuen Menschen ist eine naturgemäße Lebensführung,Z>ie an der Hand der
Naturwissenschaften geprüft werden muß. — Wer erinnert sich dabei nicht des Gocthcschen Ausspruchs:
„Willst Du ins Unendliche schreiten,
Geh' nur im Endlichen nach allen Seiten!"
Der für alle lebenden Organismen geltende Lebenszweck — führt vr. Nnold ungefähr aus — besteht in der Erhaltung, Anpassung und Fortpflanzung des Einzelnen. Weiterer Zweck ist die Entwickelung des Ganzen zu reichster Mannrg- faltigkeit und größten Tüchtigkeit der Einzelnen wieder Gattung. — An diese Entwickelung schließt sich die Vcrv o l l- kommnnnq, die nichts Anderes als die menschliche Fortsetzung der organischen Entwicklung zu größter Tüchtigkeit bedeutet. In streng ethischem Sinne besteht dieser allgemeine menschliche Vcr- vollkommnungSprozeß in der Veredelung: Vervollkommnnng und Veredelung des Ganzen — des Volkes, der Menschheit. — Durch Veredelung und Vervollkommnung der Einzelnen ist der letzte Zweck nicht mehr des allgemein organischen, sondern nur deS fliezifischen menschlichen Lebens, den wir nicht mehr ans der Natur-, wohl aber ans der Kulturgeschichte zu erkennen vcrniögcn.
Dieses Vcrcdelnnqsstrebe» äußert sich nun als Humani- sirnngspro zeß: nicht nur einzelne hochbegabte Individuen sollen sich auf Kosten der unterdrückten Menge zu „Uebermcnschcn" erheben, sondern eine immer größere Zahl von Angehörigen der niodernen Kulturvölker soll allmählich anfdicvondcnsührcndeil Geistern erreichte Höhe geistiger und sittlicher Bildung gelangen. — Allein dieser höchste Zweck des Menschenlebens, die Veredelung, äußert sich nicht nur als Hnmanisirmms-, sondern auch als Jndividnalisirungsprozeß, als Streben »ach Hernns- bildnng selbstbewußter, sich selbstbcstimmcndcr Einzel-Persönlichkeiten. ' Aus dem letzten Abschnitt der Menschhcitsentwicklung läßt sich auch dieses Vercdlungsstreben in einem Socialisirungs- pro zeß erkennen. Die Bcdeutilng der Gemeinschaft, der Gesellschaft verlangt ihre Rechte — das Persönlichkeitswcal tritt in enge Bezichung zu den socialen und nationalen Aufgaben und Pflichten.' — Unverkennbar ist dieser Kliltiirfortschritt der Menschcit lind Völker. — Freilich nur Schritt für Schritt ist diese Verbesserung der Menschen und Zustände vernünftiger Weise zu erwarten und z» erstreben — nur Schule und Erzielmng können ihn beschleunigen T
Zwei falsche Lebensauffassungen sind cs aber, die in ilirc Einseitigkeit einem gleichmäßigen Fortjchrciten gefährlich werde«
