nlage jittn Wiesbadener Tagklall.
Uo. 136 . Morzen-Anssabe.
Drenstsg» den 3. April.
48. Jahrgang. 1966.
<1. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gin Frnhlrngslranm.
Roman von Johannes van Dewall.
Ich überlegte deshalb. — Ich fürchtete, Fräulein Malt würde mich undankbar nennen, wenn ich mich ihrer Pflege entzöge, und das thal mir weh; es war mir auch peinlich, irgend einer Familie zur Last zu fallen, die ich nicht kannte, die vielleicht in einer großherzigen Laune sich zur Pflege erboten hatte und später dies möglicherweise bereute. — Aber wie es oft mit solcher Erwägung geht im Leben, so gab auch hier eine Zufälligkeit den Ausschlag und neigte das Zünglein der Waage zu dem Vorschläge des Doktors hinüber.
Wir hatten nämlich einen neuen Wärter erhallen für unseren Saal, welcher seine erste Wache that und zwar so geräuschvoll — er saß nämlich die ganze Nacht hindurch im Lehnstuhl und sägte einen Ast nach dem andern — daß ich verzweifelt beschloß, in Privatpflege zu gehen, und den Nest der Dunkelheit damit zubrachte, mich zu fragen, wer mich wohl nehmen und wie es dort sein würde. — — —
„Nun, wie ist's?" frug am andern Morgen der Doktor, „haben Sie sich die Sache überlegt?"
„Ja," erwiderte ich, „ich hätte wohl Lust, es ist am Ende doch besser für mich, — wenn ich nur wüßte, Doktor —"
„Was wollen Sie wissen, hören Sie," rief dieser — „wo Sie hinkommen? Na, ich werde Ihnen doch nichts Schlechtes rekommandiren, gutcster Herr Leutnant, ei, das fehlte noch! — Fürstlich sollen Sie es haben — fürstlich! Schlagen Sie nur ein!"
Und ich dachte an das Schnarchkonzert, die schlaflos verbrachte Nacht und die Karbolsäure und sagte: „Topp -- ich schlage einl" — die Sache war somit abgemacht.
Noch an demselben Nachmittage wurde ich nebst meinem Burschen vorsichtig in eine Droschke gepackt und fuhr hinüber nach der Ostra-Allee zu einer Frau von Jvernois, wie auf dem kleinen Zettel stand, welchen ich erhielt. Diese Dame war so gütig gewesen, sich zur Aufnahme eines verwundeten Offiziers bereit zu erklären.
Es war ein prachtvoller Augusttag, als ich durch die Straßen der Neustadt der Brücke zufuhr.
Glatt wie ein Spiegel lag der breite Strom zu meinen Füßen, in welchem sich die Thürme und Paläste der Stadt, Bäume und Schiffe beschauten.
Auf den Straßen, auf der Brücke, überall wogte reges Treiben. Geputzte Menschen, Reiter und Karossen, Gewühl und Verkehr wohin man sah.
War e8 dieses heitere Bild, war eS die frische, nerven stärkende Luft, welche über den Strom herüberkam, — zum ersten Male nach langen, schmerzvollen Tagen zog ein so ganz eigenthümlichcs Weben durch meine Brust, ein schmerz lich süßes Gefühl von Theilnahme, von neu erwachender Lebenslust; mir schienen der Himmel so blau, die Bäume so grün, die Menschen alle so fröhlich und festlich wie nie zuvor. — Gewaltig, übermächtig stürmte es auf den armen, zerschossenen Krüppel ein, ein seltsames Empfinden, welches mir aus dem Herzen heraufwuchs nach dem Halse und diesen gewaltsam einschnürte.
Mein ehrlicher Heinz, uiein Bursche, schaute seitwärts
mit dicken Thränen in den Augen, und seine Thronen waren doch nur der Wiederschein von denen, welche mir selbst die eingefallenen Wangen herabliefen in den Bart hinein, ohne daß ich es bemerkte.
Und als ich, mich derselben schämend, nun verstohlen mit der gesunden Hand nach meinem Gesichte fuhr, sah Heinz mich freundlich an und sprach: „Lassen Sie nur gut sein, Herr Leutnant, — es kommt Alles wieder in Schick. — Hier draußen werden Sie schon wieder gesund werden."
Ich drückte ihm gerührt die Hand, nickte ihm zu und schwieg.
Auch mir klang es durch die Seele: — nun wirst du genesen, Alles wird gut werden!
Wir hielten vor einem stattlichen Hanse. Heinz stieg zuerst herab und zag die Klingel, während ich im Wagen sitzend mein neues Asyl musterte. Es war ein mittelgroßes, vielversprechendes Gebäude mit hohen, hellen Fenstern und einem Balkon. — Aber schon öffnete sich die Thür, ein alter Manu mit einem freundlichen, guten Gesichte trat heraus, noch ehe die Klingel ihre Schuldigkeit gethan haben konnte.
■ Man halte uns also offenbar erwartet.
„Die gnädige Frau wird sich sehr freuen, daß Sie kommen, Herr Leutnant," sprach der Portier, au den Wagen tretend und sein Käppchen ziehend, dann half er mir den Tritt herab, nahm meine wenigen Effekten an sich und geleitete mich ins Haus.
„Die Herrschaften sitzen im Garten bei dem schönen Wetter, ich werde sic aber sogleich benachrichtigen," fuhr er fort und dann blickte er mitleidig auf meinen Arm und sprach: „Ich war auch einmal Soldat, Herr Leutnant, Anno 12, unter dem großen Kaiser!"
Seine Augen blickten lebhaft auf unter dem Eindrücke der alten Erinnerungen und sein Körper streckte sich; dann, als wollte er das Versäumte nachholen, eilte er schnell über den Hof und in den Garten.
Langsam folgte ich ihm, so gut es gehen wollte bei meinem geschwächten Körper. Ich schritt durch das Gitter, dann einen schattigen Gang hinab, bis ich Stimmen vernahm und helle Gewänder durch das Grün schimmern sah.
Zwei weibliche Gestalten kamen schnell mir entgegen und nahmen mich in Empfang.
Auf den ersten Blick erkannte ich dieselben wieder. Es waren die beiden Damen, welche damals an meinem Bette gestanden halten, als ich aus meiner Ohnmacht erwachte. Schon begrüßte mich die ältere derselben und jetzt hob sich auch der breite Strohhut hinter derselben ein wenig und ich erblickte sie wieder, jene glänzenden, süßen Augen, von denen ich so oft geträumt halte seitdem.
Ehe ich noch meine Anrede stottern konnte, streckte Frau von Jvernois mir schon ihre beiden Hände entgegen und hieß mich von ganzem Herzen willkommen in ihrem Hause.
Nach den ersten Begrüßungen wollte sie mich dann auf das für mich bestimmte Zimmer führen, aber die Sonne hier unten war mir so wohlihätig, daß ich sie bat, einen Augenblick noch verweilen zu dürfen.
„Sie glauben nicht," sprach ich bewegt, „wie gut einem die frische Luft thut und das Grün der Bäume nach so langer Entbehrung, gnädige Frau," und Frau von Jvernois nahm meinen gesunden Arm in den ihren und führte mich vorwärts den breiten Laubgang hinab.
„Ich hoffe, daß Sie sich ganz wie zu Hause fühlen werden, Herr Leutnant Wagner," sprach sie freundlich und ließ ihren Blick theilnehmend auf meinem bleichen Gesichte ruhen. — „Sie sollen sich hier recht in Ruhe und Muße wieder erholen von Ihren Strapazen und Wunden. — O, dieser schreckliche Krieg!"
Ich dankte warm für so viele Güte.
So kamen wir zu einer Laube, in welcher ich einige Personen sitzen sah, welche bei unserem Rüherkommen sich erhoben. .
„Lassen Sie sich nun gleich in unseren kleinen Kreis einführen," sprach Frau von Jvernois heiter, — „Herr Leutnant Wagner, — Frau Staatsräthin Schulz, meine Schwester, meine Nichte Adda (das war die junge Dame mit dem Strohhut), Herr Legationssekretär Howard."
Ich machte eine Verneigung und ließ mich dann auf den Sessel nieder, den Fräulein Adda mir hinstellte.
So war ich denn eingeführt in der Familie, deren Schooß sich mir so freundlich auflhat, und während ich die mancherlei Fragen, die man an mich richtete, beantwortete, hatte ich Zeit, meine neue Umgebung zu mustern.
Frau von Jvernois ivar eine stattliche, noch schöne Frau von etwa fünfzig Jahren. Sie hatte ein kluges, von breiten grauen Locken eingerahmtes Gesicht, in welchem Herzensgute und feste Willenskraft gleichmäßig ausgeprägt waren.
Ihr dunkler Anzug war elegant und nach der neuesten Mode, ein Zeichen, daß die Dame trotz ihrer Jahre noch große Stücke auf ihre Person hielt.
Wie ich später erfuhr, war sie schon seit langer Zeit Wittwe.
Ihre Schwester, die Frau Staatsräthin, war um ein Bedeutendes kleiner wie Frau von Jvernois, und trotzdem sie die Jüngere von Beiden war, trug ihr Gesicht doch die Spuren der Jahre deutlicher und erschien ihre Haltung nicht mehr so straff und aufrecht, als die der Frau des Hauses.
Ihre Unterhaltung war lebhaft und abspringend. Sie trug eine blaue Brille, welche den Ausdruck ihrer Auge» verbarg. Ihr Gesicht war außerordentlich zart und mußte einstmals sehr lieblich gewesen sein, jetzt freilich war es eine Ruine.
Eine auffallende Erscheinung war der Gesandstchafts- sekretär. Sein blondes, regelmäßiges Gesicht hatte etwas Starres und Jnsichgekehrtes, etwas Puritanisches, welches ebensowenig, wie seine bolzgerade frostige Haltung, seinem Alter angemessen erschien.
Uebrigens lag sonst über seiner ganzen Per,önl,chkeit ein gewisses vornehmes Air auSgegossen, und wenn er bisweilen sich belebte oder gar lächelte, dann gewann er sichtlich und konnte sogar für einen schönen Alaun gelten. Sein Anzug war von tadelloser Eleganz und hatte jenen gewissen englischen Schnitt, den kein Bekleidmigskünstler des Kontinents völlig nachzuahmen versteht.
Mir gegenüber saß Adda mit einer kleinen Handarbeit, welche ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen rckiien. Selten nur gönnte mir der breite Rand ihres Stroh- Hutes den vollen Anblick ihres Gesichts, nur das Oval eines hübsch geformten Kinns schaute unter demselben hervor und eine breite Flechte aschblonden Haares, auf welcher ein Sonnenstrahl spielte.
(Fortsetzung folgt.)!
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