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«8. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. - Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusamnien.

Verlag: Langgasse 27.

l^,©©© Avonnenten.

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"Z l Z r die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. -AtlNkHUtk iiächsterscheincndeu Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur

157.

Fernsprecher No. 52.

Dienstag, den 3. April.

Fernsprecher No. 52.

1800.

Abend-Ausgabe.

Ausstellungs-Politik.

Unser Pariser ^-Korrespondent schreibt uns: Der Präsident Loubel hat den richtigen psychologischen Augenblick wahrgenommen, um eine Reihe von Begnadigungsakten zu vollziehen, welche allgemein einen vorzüglichen Eindruck machen und mehr zur Beruhigung der Parteileidenschaften beilragen, als dies ein unter stürmischen Debatten dem Parlament abgeauältes Amnestiegesetz je thun könnte. Er hat seinen persönlichen Angreifer, denHelden von Auteuil", den zu 4 Jahren Gefängniß verurtheilten Baron de Christian!, auf freien Fuß setzen lassen. Gleichzeitig hat er auch den jugend­lichen Taugenichtsen, die ihren Freiheils- und Glcichheitsdrang gegen Kircheustühle belhätigten, den Rest ihrer Strafen ge­schenkt und auch eine Reihe militärischer Verurtheilier, deren Vergehen auf die politischen Aufregungen zurückzuführen sind, begnadigt. Die Zahl der Fälle, auf welche eine Amnestie anwendbar wäre, wird so immer geringer und das Gesetz selbst unnöthig. Aeußerlich ist zwar in der Presse von einer Abrüstung der Parteien nicht viel zu be­merken. Man fährt fort, sich gegenseitig in den kräftigsten Ausdrücken zu beschuldigen, einander Ehre und Gewissen abzusprechen. Aber die Leser fangen nachgerade an, den Spaß etwas müde zu werden. Sie verlieren den Glauben an ihr Leibblatt, nehmen seine Behauptungen nur mit Vor­behalt auf. Die gegenseitigen Uebertreibungen der Tages­polemik behalten nur noch als Ausfuhrwaare einigen Werth, insofern, als gewisse Berichterstatter, welche das Bedürfniß haben, ihren Lesern mitSchlagern" zu imponiren, beharrlich fortfahren, dieselben mit einer Auslese des Krassesten aus dem Extremsten zu bedienen. Wer am meisten schimpft und zusammen­lügt, ist ihnen der beste Gewährsmann, weil er ihnen den Stoff bietet, um dem verblüfften Philister draußen täglich zweimal denNiedergang Frankreichs" mit phantasievollen Ziffern dar­zulegen. Unterrichtete lächeln darüber. Ein Volk, das emsig arbeitet, spart und von seinem Wahlrecht den guten Gebrauch macht, sich von sehr klugen Männern regieren zu lassen, ist nicht im Niedcrgehen begriffen. Die Taktik des Ministeriums, die Zeit wirken zu lassen, wird, wie man am Verlauf der letzten Jnterpellaiionsstürme wiederumMesehen Hat, von der großen Mehrheit des Parlaments durchaus gebilligt und von der großen Mehrheit der Wähler nicht _ minder. Diese Taktik gebietet, zunächst für das Nächste, das heißt, für den würdigen und glänzenden Verlauf der Ausstellung zu sorgen und alles Weitere der Zukunft zu überlassen. Darum will man keine Minister­krisis haben. Darum wird auch der Senat die Budget- berathnng beschleunigen. Darum wird man während sechs oder sieben Monaten von nichts Anderem sprechen, für nichts Anderes Ohr und Sinn haben, als für die Wellausstellung. Das französische Volk und insbesondere Paris hat sich eine weiße Schürze vorgebunden, seine liebenswi'ndigste Miene . angenommen und bereitet sich, seine Enste zu em­pfangen. Darin geht jetzt seine gai ze Politik auf. Selbst demPrussien", selbst dem jetzt noch verhaßteren Engländer wird ein freundliches Gesicht gezeigt, denn man begreift seine Pflichten als Hausherr, und schließlich ist auch das Geld dieser Leute kein Blei. Ein patriotischer

Gottesfrieden entwaffnet die Parteien gegeneinander; mögen sie auch im Stillen denken mit dem Chor in derBraut von Messina":Aber treffen wir uns im Freien, dann mag der blutige Kampf sich erneuen!" bis zum Oktober wird so viel Seinewasser am Ausstellungsgelände vorbeigeflossen sein, daß die Ausstellungspolitik zur dauernden Strömung geworden sein und sich ihr Bett tief in das nationale Leben eingegraben haben wird.

Professor Dettirnck über die lox Heinze.

Der bekannte Historiker und Herausgeber derPreußischen Jahrbücher". Hans Delbrück, schreibt in dem eben erschienenen Aprilheft dieser Zeitschrift zu den Angriffen der Reaktion auf das geistige Leben und zu der dadurch hervorgerufenen Bewegung u. A.: Unsere Volksvertretungen sind keineswegs das Miniaturbild des ganzen deutschen Volkes, noch weniger etwa gar die Elite, sondenr nichts als der Ausdruck der öffentlichen Meinung im gewöhnlichen, d. h. schlechten Sinne des Wortes. Hinter dieser ordinären öffentlichen Meinung steht aber eine andere, höhere, geistige, die keine offizielle Vertretung hat und gar nicht haben kann, der gute Genius unseres Volks, der zu vornehm ist, sich mit dem alltäglichen Krimskrams und den materiellen Interessen der Politik viel abzugeben, aber nicht vergeblich angcmfen wird, so oft Gefahr droht, und dann mit sieghafter Gewalt die offizielle Volksvertretung ergreift und unter seinen Willen beugt. Immer wieder seit dem Sturm gegen das Zedlitz'sche Volksschulgesctz ist diese geheimnißvollc Macht in den drangvollen Augenblicken beobachtet worden, wie sie plövlich erschien, den politischen Machern die Zügel aus der Hand riß und unter dem Zujauchzen des Volks den Wagen zum Ziel lenkte . . . Das Gesetz selber enthält, wie nicht unausgesprochen bleiben darf, einige nickt nur annehmbare, sondern höchst wünschenswcrtlie Bestimmungen. Auch der Wort­laut der angefochtenen Paragraphen ist so, daß ein_ unbefangenes Gciuüth daran zunächst nicht den geringsten Anstoß nimmt, sondern gern Beifall spenden möchte. Warum sollen nichtSchriften, Ab­bildungen oder Darstellungen, welche das Schamgefühl gröblich verletzen und zu gejchäftlicben Zwecken öffentlich in Aergermß er­regender Weise ausgestellt oder jungen Leuten verkauft oder an- qeboten werden" straffällig sein? Wie oft hat nicht JederZchon selbst ein solches Aeraerniß empfunden und den Straf­richter herbeigewünscht! Es darf dennoch nicht sein, well alle die Begriffe, die hierbei in Betracht kommen, keine juristischen sind. Die feineren sitt­

lichen Vorstellungen lassen sich eben schlechterdings nicht tti Paragraphen fassen. Versucht man es dennoch,, so liefert man Kunst und Litteratnr der Polizei und dem S t r a f r i ch t e r a u s. Das ist zu allen Zeiten gefährlich gewesen. Der erstaunliche Niedergang alles katholischen VvlkSthums an geistiger Kraft in der ganzen Welt und auch in Deutschland, nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in Kunst und Litteratnr ist wesentlich, auf, die gar z>i engen Schranken zurückzuführen, in die die Disziplinargewalt des Beichtstuhls die geistigen Kräfte bannt. Etwas Aehn- lichcs, wenn auch nicht entfernt in dem Maße, ich will noch nicht einmal sagen würde, aber könnte doch dieses Gesetz mit seinen Strafrechtsschranken über die ganze deutsche Kunst und Litteratnr verhänge». Denn wenn man selbst den Wortlaut noch so unver­fänglich macht, man darf dabei nicht vergessen den Geist, der heute in unserem Richtcrstande lebt. Alle Welt weiß, was aus denl harmlosen Paragraphen über den groben Unfug durch die Judikatur allmählich geworden ist. Nufere Zeit hat sich in diesem Punkte gegen die böse reaktionäre Periode unter Friedrich Wilhelm IV. sehr zu ihren Ungunsten verändert. Damals war das Richtcrthum die letzte Zuflucht für eine einigermaßen freie geistige Bewegung in Deutschland. Heute drohen uns gerade von hier aus die schwersten Gefahren. Professor Lipps in München hat darüber ein nur zu wahres Wort gesprochen. Es ist daher völlig wahr, daß diese lex, so wie sie allmählich unter dem Einfluß des Eentrums gestaltet worden ist, als die Fortsetzung , jener ver­unglückten Umsturzgesetzgebung angesehen werden muß, die die wahre Quelle der Socialdemokratie in den Universitäten suchte und die kranke Welt durch die Unterbindung der freien wissenschaftlichen Forschung heilen wollte.

Deutsches Keich.

* Hof- uni» Nrrfonal-Uachrichte». DerReichs-Anzeiger" publizirt die Versetzung des Regierungs-Präsidenten v. Moltke zu Oppeln in gleicher Amtseigenschaft an die Regierung zu Potsdam. Das Befinden des Abgeordneten vr. Lieder ist, derGermania" zufolge, jetzt wieder ein durchaus befriedigendes. Bezüglich seiner Uebcrsiedelung nach Camberg ist jedoch mit Rück­sicht auf die ungünstige anhaltend rauhe Witterung »och nichts Definitives bestinimt.

* Krrli«, 3. April. Wie dieKrcuzzeitung" berichtet, wird demnächst noch ein Landrath, der wegen der Abstiinniung über die Kanalvorlagc zur Disposition gestellt worden war, in den Staats­dienst wieder eingestellt, und zwar handelt cs sich um die Berufung in die Oberrechnungskammer.

DieBerliner Korrespondenz" erfährt heute, daß die Be- schliifse der Kommission zur Vorberathung der Waarenhaussteuer-Vorlagc, welche dem Zweck des Gesetzes durchaus widersprechen und eine Erdrosselung der Waarenhäuser deutlich erkennen lassen, für die Staatsregierung unan­nehmbar seien.

DerJndi'pendance Belge" wird aus London von besonderer Seite gemeldet, daß die Veröffentlichung des deutsch-englischen Gehcinivertrags durch die deutsche Regierung nahe bevorstehc. Dieser Vertrag hätte nämlich durch die neueren Ereignisse in Afrika seine prartische Bedeutung verloren.

o. Militärisches. Aus Anlaß des Reichshaushalts-Etnts für 1900 sind vom l. April ab neu errichtet worden: a) je eine Kommandantur für die Truppenübungsplätze bisher Fcldartillerie- Schießplätze Hammerslein mit dem Standort in der Stadt Hammerstein und Lonsdorf mit dem Standort vorläufig in Neiße, sowie für den neuen Truppenübungsplatz Posen mit dem Stand­ort auf diesem; d) eine FortifikationFeste Kaiser Wilhelm II." mit dem Standort Mutzig. Diese Fortifikation ist dem Gouvernement Straßburg i. E. und der 5. Festungs-Inspektion unterstellt; o) 5 Äczirkskommandos: II Dortmund. Elberfeld, II Essen, Gclscnkirchen und Hameln. Das Bezirkskommando II Munster ist unter entsprechender Neubezeichnung nach Coesfeld verlegt worden. Vom 1. Oktober er. ab werden neu fornnrt: ä. 3 Eskadrons Jäger zu Pferde, und zwar eine bei dem VII. Armeecorvs mit dem Standort zu Wesel vorläufig auf dem dortigen Truppenübungsplatz und unter Angliederung an das 2 . Westfälische Husarenregiment Nr. 11, zwei bei den, XI. Nrmee- corps mit dem Standort Langensalza; sie erhalten die Bezeichnung 1. und 2 . Eskadron und werden dem Husarenregiment Nr. 14 angcglicdcrt. e. 19 fahrende Batterieen, und zwar je 1 für die Feld­artillerie-Regimenter, welchen eine solch« bisher noch fehlte; k. bei ver Feldartillcric-Schicßschule: ein Stab des Lehr-Regimcnts, eine die III. Lehr-Abtheilung. Zu einem noch näher festzusetzenden Zeitpunkt w ird eine n e u e ll n t e r o f f i zi e r s ch u l e in Treptow a. R. errichtet. Die ctatsmäßiqen Mannschaften tragen die Uniform der Untcroffizierfchule Marienwerder, jedoch gelbe Schulterklappen. Vom 1. April ab sind 32 Munitioustragepferde dem Etat des Badischen Train-Bataillons hinzugetretcu. Hiervon sind je 8 überwiesen: dem Magdeburgischen Jäger-Bataillon Nr. 4, dem Rheinischen Jäger-Bataillon Nr. 8. dem Haunoverscheu Jäger- Bataillon Nr. 10 und dem Grobherzoglich Mecklenburgischen Jäger - Bataillon Nr. 14. Außerdem wurden mit dem 1 April bei dem Kriegsministerium, bei den Kommandanten, beim Generalstabe, den Bezirkskommandos, den verschiedenen Schulen, der Kavallerie und Feldartillerie re., eine große Zahl neuer Stellen errichtet und die Gehalte, Löhnungen und Zuschüsse für Schreiberrc. vielfach erhöht. Ain 1. Oktober wird in Frankfurt a. M. em Filial-Artilleriedepot errichtet. Neu errichtet werden die Stellen von Oberkricgsgerichtsräthen, Kricgsgcrichtsräthen, M'litar- gerichtsschrcibern bei den kommandirenden Generalen und dem Gouverneur von Berlin, Militärgerichtsschrcibern bei den Divisionskommandeuren, Gouverneuren und Kommandanten, Militärgcrichtsboten. Diese Beamten sind sämmtlich servis­berechtigte Militärbeamte; die Bestimmung ihrer Uniform hat sich der Kaiser Vorbehalten. Die Oberkricgsgerichtsrathe ge­hören zur vierten, die Kriegsgerichtsräthe zur fünften Rangttasse der höheren Provinzlalbcamten. Den Mannschaften der Fuß- trnppcn, der fahrenden Artillerie und des Trains, die freiwillig ein drittes Jahr aktiv dienen, wird ein Lvhnnngszuschub von 3 Mk. monatlich und ein Kapitulations-Handgeld von 50 Mk.

(Nachdruck verboten.)

Serltr»er Thenlrrdricf.

(Eigener Aufsatz für dasWiesbadener Tagblatt".)

Es kommt immer anders. Wir hatten uns schon daran gewöhnt, die Thcatersaison der Jahrhundertwende nur als einen Winter unseres Mißvergnügens anzusehen, sic über­legen lächelnd abznthun, uns über sie mit den Wiesbadener Freunden heimtückisch zu mokiren, da ändert sich noch in letzter Stunde das Bild. Und statt ein Satyrspiel der tragikomischen Unfallchronik deS Winters nachzuschicken, muß man in dieser Märzbilanz ernst von ernsten Dingen sprechen.

Das war in diesem Monat fast ausnahmslos ernst zu nehmende Kunst auf unseren Bühnen. Ein Konzilium vornehmster Geister kam zu Stande. Sophokles, Moliöre, Ibsen, Björnson füllten die Häuser, daß die Dioskurcn Blumenthal und Kadelburg. als sie wiederkamen, erblichen und daß das weiße Rößl die Farbe wechselte und scham- roth wurde.

Nach der Stagnation in uilserem Thcaterlcbcn regt sich's jetzt wieder und ernstere Interessen bethäligen sich. Paul Lindau, der am Abend freilich in usum delpliinorum et Äelphinarura fpielen muß, hat litterarische Nachmittagsvor­stellungen eingeführt, die viel Gegenliebe finden. Ein Akademischer Verein für Kunst und Litteratur hat sich gebildet, der gleichfalls Aufführungen streng künst­lerischer Qualität erstrebt. Ein Nachwuchs taucht auf, Prätendenten künftiger Thcaterthronc, rührige, junge, künst­lerische Intelligenzen. Einer von ihnen, vr. Martin Zickel, der sich durch die Aufführungen der SecesstonSbühne,

d'AnnunziosGioconda" und Frank Wedckiuds, bc- achtungsvoll eiuführte, wird schon nächsten^ Winter ein eigenes Theater leiten. Der Andere, I)r. Hans Ober­länder, wie Zickel aus dem Litterarhistorikerlager hervor­gegangen, Schüler Erich Schmidts, hat ztvei Sophokles- Aufführungen inscenirl, die ungetheilte Anerkennung fanden.

Allen diesen Bestrebungen ist eins gemein und unter­scheidet sie vorlhcilhaft von den vielen pilzartig entstandenen und meist über Nacht schon verkümmerten Bühnenvereinen, die kluge Erkenntniß, daß die augenblickliche deutsche Produktion im Stillstand ist und keine dankbare Aufgabe bietet. Sie bescheiden sich also, versuchen nicht par koros neue Talente zu entdecken, das Theater als Brutanstalt für lebensunfähige Geschöpfe zu benutzen; sie legen den Schwer­punkt nicht auf dasWas", sondern auf dasWie", und ihr Wahlspruch ist:Wie machen wir, daß Alles neu?" Die Auffassung, die Jnscenirung, die Darstellung soll das neue Leben geben, und versuchen wollen sie das gern an älteren Stücken oder wenig bekannten des Auslandes.

So ist jetzt eine Renaissance deS antiken Dramas, zu­nächst des SophokleS-WcrkeS, gekomnien. Sie geht von dem Einfluß einer der stärksten Persönlichkeiten unserer Univer­sität aus, des Professors Ulrich v. Willamowitz- M öl len darf. Die Knust dieses Mannes ist lebendig machen. Er istklassischer Philologe", dem abgcgreuzlen Ressort nach, aber man sagt nicht zu viel, wenn man ihn einen rückwärts gewendeten Propheten nennt. Bei ihm wird Alles zurAnschauung. Er rekonstruirt in Bildern, Sceuen, Portrails altgriechisches Leben; er weiß die höchsten Lebens­regungen, Philosophie undKunstanschanung, wie die niederen.

den Erwerbstrieb in all seinen Formen, auS den ursächlichen Bedingungen abzuleiten. Er sieht Alles und er macht sichtbar.

Wenn Mommsen mit dem Cäsarcnkvpf der letzte Römer ist. so gleicht Willamowitz mit den bartlosen, intelligenz- bewegten Zügen, mit dem regen dialektischen Mund, der mit sokratischer Folgerungstcchnik Gedanken zeugt, mit bcn leb­haften Augen, die sich über das sichere Funklionsspiel der Gedankcnfabrik,wo ein Tritt tausend Fäden regt", zu freuen scheinen, einem hellenischen Sophisten, einem nn- besieglichen Champion in der Arena des Geistes.

Dieser untheorctischste der Professoren veröffentlicht eine Ucbcrsctzung der griechischen Tragiker aus seinem Geist heraus, die Antike nicht respektvoll fern zu rücken, sondern nahe zu führen.

Und wie Mommsen in seiner Römischen Geschichte stch nicht scheut, der Verständniß- und Interesse-Erweckung zu Liebe einen alten Begriff durch ein modernes Wort zu heben, so nutzt auch Willamowitz alle Mittel, besonders im Dialog, die ferne Welt uns vom Olymp herabzuholen.

Und sie ist uns gar nicht fern. DerOedipus" wurde aufgeführt, und das Werk in seiner raffinirten Technik, die athcmlos mit halben Worten spannt, mit seine» furcht­baren Schicksalsironieen, seiner geballten konzentrirten Tragik umwitterte die Hörer mit jenen Verhängnißschaucrn, deren wir vor den Theaterlampen längst entwöhnt schienen.

Freilich war's nicht nur die neueUmdeutschung, sondern jenes schon bei diesem ersten Versuch glücklich gelöste:Wie machen wir, daß Alles neu?"

Es gall, dem antiken Drama einen neuen Stil zu finden.

Der Art der griechischen Aufführung es anzuähneln,