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Der Roman.

! Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, t

Nr. 83.

Samstag» 10. April.

1915.

(13. Fortsetzung.)

Nachdruck verboten.

Herr Wilmien erholte sich nicht wieder von dem strllnagenden Schmerz, an dem er seit seiner Frau Tod

Äußerlich bemerkte man in -der ersten Zeit aller- dings nur, daß sein Gesicht faltig wurde und Haupt- haar und Bart ergraute. m ,

Dann aber mußte Moritz Thode, der erste Buch­halter und Vertreter des Kaufherrn, die traurrge Ent- Deckung machen, daß der Chef in geschäftlrchen .lnge- legenheiten gleichgültig und vergeßlich wurde.

Der dürre Moritz Thode hatte in seinem ganzen Leben noch nichts Geschäftliches vergessen und dachte trotz seiner schneeweißen Haare und der Gichtknoten an den Händen, trotz der ewig feuchten Hände und eines chronischen Schnupfens, der stets mit einem halben Dutzend verschiedenfarbiger Schnupftücher von gewal­tiger Ausdehnung bekämpft wurde, Moritz Thode dachte trotz aller Leiden des Alters noch an alles. Und daher sah gerade Moritz Thode ein bedenkliches Zeichen darin, baß Herr Wilmsen so vergeßlich wurde.

Wenn der treue Alte ihn dann an etwas erinnerte, ärgerte Wilmsen sich, daß er sich vor seinem greisen Angestellten, der unter dem alten Herrn Lorenz Wold- sen von der Pieke auf gedient hatte, wieder eine Bloße gegeben hatte, und einmal ließ er sich sogar dazu hin- reißen, dein Buchhalter Tiedemann gegenüber zu äußern:Donner erinnern Sie inich doch unauf­

fällig. wenn ich mal etwas vergessen habe."

Nachher hatte er allerdings das unangenehme Ge- fühl, sich dem jilngen Buchhalter gegenüber etwas ver- geben zu haben, aber er hatte es nun einnral gesagt und Henning lachte sich ins Fäustchen, spionierte bei den: Alten herum, was Herr Wilmsen wohl wiederausge- schwitzt" haben könnte. Und wenn der Chef dann ernst und in sich gekehrt in das Kontor trat und sich tief m Gedanken an sein Pult setzte, schob ihm Tiedemann einen Zettel hin. ,

Herr Wilmsen empfand wohl selbst das Unwürdige dieser Heimlich!uerei, aber schließlich- es war ja alles einerlei, was sollte dieses Streben? Für wen arbeitete man? Es war ja so gleichgültig, so klein.

Und Henning Tiedemann war doch auch wirklich solch strebsamer Mensch. In jedem Monat, wenn die Gehälter gezahlt wurden, kam er zil Herrn Wilmsen und bat ihn, ihm einen Teil des Geldes aufzuheben. Ja, Henning Tiedemann sparte und war pünktlich uird flctfetö»

Die Zeit ging dahin. Gehilfen kamen und nahmen andere Stellungekl, Lehrlinge wurden angenommen pnd lernten aus. Andere Gesichter grickten durch das kleine Kontorfenster, andere Gestalten warteten hinter dem Ladentisch, um die Kunden zu bedienen.

Herr Wilmsen war im Alter von gut fünftm Jahren so weiß wie sein alter Buchhalter Bioritz Thode. Und Henning Tiedemann konnte korrespondieren und buch- sichren und blieb als geschätzte Kraft im Hause Wilmsen.

Var adlige Zreihaur.

Roman von Albert Petcrsrn.

Mit Moritz Thode hielt er klüglich -gute Freund- schaft, und der gutmütige alte Mann war zu harmlos, um den glatten Streber zu durchschauen. Die Gehilfen und Lehrlinge aber schalten und höhnten über den Buchhalter, der sie voir oben herab in herrischem Tone behandelte. ^ rr . '

Hennings Ersparnisse wuchsen. Aber was half solch kleine Summe. Und manchmal packte ihn in stillen Stunden etwas wie Mutlosigkeit. Bis zum Freihaus war es doch ein zu langer Weg. Und dann damals hatte er schon gefürchtet, der Hamburger Paridom Puttfarken könnte sich mit Grethenfraucke verheiraten und das Geschäft übernehmen. Die Gefahr war glück­lich Überständer,, aber konnte nicht ein anderer kommen? ^

Eines Tages sab das Personal des Wilmsenschen Ge- schäfts, daß drüben am Hafen die Leute zusammenliefen. Ein Arbeiter sollte mit einer schweren Kiste so unglück­lich von der Quaimauer in den Hafen gefallen sein, daß die Last auf ihn: lag und er sich nicht befreien konnte. ES war zur Edbezeit, nur in der schmalen Fahrrinne befand sich Wasser, der Arbeiter aber war im Schlick

^ Und als sie den Verunglückten jetzt durch die Straßen trugen, erfuhr Henning, daß sein Vater tot war.

Herr Wilmsen ries seinen Buchhalter zu sich, sprach ihm sein Beileid aus und sagte:Herr Tiedemann, so wie ich Sie kenne, werden Sie Ihre Mutter unterhal­ten wollen. Ich bin aber bereit, aus meiner Tasche die Hälfte dieses llnterhalts zu bestreiten. Sagen Sie das bitte Ihrer Mutter, es mag ihr ein kleiner Trost in die- sen schweren Tagen sein." ^

Henning stammelte seinen Dank. Als er aber allein war, lachte' er höhnisch auf. Er hatte gar nicht daran gedacht, seine Mutter zu unterstützen.

Hatte die nicht ihr Haus schuldenfrei, und gingen nicht auch andere Frauen als Waschfrauen ans? Wollt, seine Mutter etwa faulenzen?

Tilde Tiedemann jammerte und weinte.

Ach Gott, er is ja immer halb in Tran gewesen, hat ja immer gedöst. Nu hat er natürlich nicht ausge- paßt un is hu: Hafen gefallen. Ach, ich arme, arm« 3'rau "

Sullt'st -dich was schaniern, Tilde, anstatt über dein' armen Mann zu trauern, bedauerst du dich selbst", schalt die Nachbarin, welche zu der Witwe gekommen war, um zu trösten.

Tilde wischte sich rasch die Tranen von den welken Backen, starrte die andere an und ries dann:Du »hl Waschwief, rnak dat du rutkummst." .

In dem würdigen Gang, wie er ihn sich ferner Stellung gemäß angewöhnt hatte, trat Henning rn ote

kleine Stube. .. r

Vater ist tot", sagte er lerse. nnpck^r.

Ja, Vater ist tot", rief Tilde und brach wreder m lautes Schluchzen aus,mt steh ich arme Frau allem