I Beilage Mm Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 135. Abend-Ausgabe.
Laß Dir's nicht zu Herzen gehen, Wie man von Dir denkt und spricht. Wenn die Bessern Dich verstehen, Knmm're Dich die Menge nicht.
Bürger.
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(Nachdruck verboten.)
Am Hofe zrr Fredensborg.
Dem Dänischen des ZZeatus Aodt nacherzählt von Kmik Jonas.
I. Buch.
Stillleben.
1. Kapitel.
Die Familie Sieger.
An der Chaussee zwischen Fredensborg und Friederichs- bnrg, etwa 30 Kilometer von Kopenhagen, lag vor vielen Jahren ein hübscher kleiner Landsitz. Jetzt ist er, ebenso wie Diejenigen, welche in seinen Mauern Freud und Leid mit einander theilten, längst verschwunden. Aber obwohl kein Stein mehr von ihm vorhanden ist und nur einige wenige Sträucher und Pflanzen, die zwischen Nesseln und Farrenkräutern verwildert dort stehen, die Stelle bezeichnen, an der einst das Haus stand, so heißt diese Stelle dennoch beim Volke noch immer das Doktorhaus.
Zu jener Zeit indessen, von der die Rede ist, als der Mond zwar kein Kind mehr, aber doch mehr als ein Jahrhundert jünger war als heute, — als noch die Sonne des vorigen Jahrhunderts unseren Ahnen Leben und Gesundheit spendete, auf deren Grabhügeln sie jetzt das Gras sprossen läßt — damals schimmerten die weißen Mauern des Doktorhauses freundlich die üppigen Obstbäume ringsherum. In ihrem Schatten lag es von einem dichten Walde umgeben, dessen Dickicht die Stelle, an der es stand, noch heute schützt, wie ein freundliches, friedliches Asyl, zu welchem mancher Wanderer mit Sehnsucht hinschaute, wenn er, von der Hitze des Tages und dem Staub des Weges ermüdet, vorüberging. — Alles, das Haus sowohl wie seine Umgebungen, zeugten von einer anheimelnden, sorgfältigen Ordnung und einem behaglichen Wohlstände, der wohl weit mehr als Rcichthum und Macht das Leben zu einem Hellen, freundlichen Tag gestaltet, vor dessen Abend wir nicht bangen. Die grünen, wohlgepflegten Pflanzen des Gartens, die reinlichen, gut gehaltenen Steige, die zierlich gezogenen Lauben, die üppigen Weinranken und Pfirsichbäume, die sich an Spalieren zum Dache cmporranklen, deuteten darauf, daß nichts gespart wurde; aber der große Küchengarten, der den größten Theil des Terrains einnahm, zeugte auch davon, daß nichts versäumt wurde.
Es war ein lauer, milder Nachmittag am Schlüsse des vorigen Jahrhunderts, in der Zeit, wo Frühling und Sommer in einander übergehen; der jugendlich sprossende Buchenwald stand frisch und lichtgrün da; sein Laub war so üppig und dicht, daß die Sonnenstrahlen kaum bis zu dem herrlichen Nasen hindurchdringen konnten, der mit einem bunten Teppich von weißen, blauen und gelben Anemonen bedeckt war. Von Zweig zu Zweig hüpften die Vögel zwitschernd im Wonnegefühl der Sommerluft, während Hirsch und Hindin mit leichtem Schritt unter dem grünen Dach einherwanderten, hier und da die frischen, saflvollen Blätter benagend. Von den Fruchtbäumen im Garten fielen die weißen Blüthen wie Schneeflocken auf den grünen Rasen hinab, während eine Menge Blumen die Luft mit ihrem Duft erfrischten.
So friedlich, einladend und lächelnd wie wie Umgebung war es auch im Hause selbst. In seinem Arbeitszimmer, das mit mächtigen Bücherregalen bekleidet war, saß vor einem großen Schreibtisch der Eigenthümer Professor Markus
Montag, den 2. April.
©leger, eifrig mit seinen Büchern beschäftigt. Es war ein hoher Mann mit weißem Haar, in dessen üppigem Antlitz ein Ausdruck von Gedankenfülle und milder Frömmigkeit lag. Er war Arzt und als solcher sehr gesucht, aber bei seinem Hange zum Forschen und Studiren hätte er im Grunde am liebsten seine ausgebrcitete Praxis aufgegeben, wenn sich das nur mit seinen Vermögensumständen hätte vereinigen lassen. Dies war indessen durchaus nicht der Fall, denn obgleich er ein bedeutendes Einkommen hatte, behielt er doch nie etwas übrig, ja er würde bisweilen an deni Unentbehrlichsten Noth gelitten haben, wenn nicht seine Frau ihm mit Rath und That zur Seite gestanden hätte. Er war nämlich dienstbereit und gefällig bis zum Aeußersten und, wie so viele Gelehrte, in hohem Grade vergeßlich — äroei Eigenschaften, mit denen der vermögendste Mann leicht voni Federbett auf den Srrohsack kommt.
In der Gartcnstube, deren Thür nach dem Zimmer des Professors jetzt offen stand, saß seine Frau neben einem gedeckten Kaffeetisch, und an ihrer Seite ihre Tochter, ein Mädchen von sechzehn bis siebzehn Jahren. Die Frau, die hoch in den Dreißigern zu sein schien, war eine kleine, etwas korpulente Dame mit einem runden, gutmüthigen Gesicht, auf welchem sich jedoch ein Ausdruck von Bestimmtheit ausprägte, der wohl am meisten dadurch erzeugt war, daß sie nun schon seit so vielen Jahren Alles und Jedes im Hause geleitet hatte, da der Professor sich niemals um diese Angelegenheiten bekümmerte.
Die Tochter, die trotz des kindlichen Ausdrucks, der über ihrem ganzen Wesen ausgebreitet lag, doch vollständig erwachsen war, schien in ihrem Gesicht die Züge ihrer Eltern zu vereinigen; denn wie die rothen Wangen, der kleine, knospende Mund , um welchen gewöhnlich ein schelmisches Lächeln spielte, ein Erbtheil der Mutter waren, so gehörte die hohe Stirn, die fein gebogene Nase und das milde klare Auge dem Vater an. Beide Damen hatten bisher schweigend dagesesseu, und während die Mutter eifrig an einem Tuche, das sie an einem Nähkiffen befestigt hatte, arbeitete, wurde die Tochter jeden Augenblick in ihrer Arbeit durch die Kaffeekanne unterbrochen, die immer und immer wieder überzukochen drohte.
„Herr Gott, Vater!" rief die Frau endlich, „Du setzest doch Alidas Geduld auf eine harte Probe, und wenn Du nicht bald kommst, so wird der Kaffee ihr endlich doch fortlaufen."
„Ja, oder ich ihm", flüsterte das junge Mädchen, „denn ich habe wirklich weit mehr Lust, da draußen in dem herrlichen Wetter spazieren zu gehen, als hier zu sitzen und Vaters unendliche Strümpfe zu stopfen."
„Still, still, schweige doch nur; hört Vater, daß Du Dich darüber beklagst, so geht er lieber mit Löchern bis ganz oben auf die Beine hinauf."
„So müssen wir wieder frischen Math fassen — obgleich ich gestehen muß, daß, wenn man das Loch hier an den Zehen ernst betrachtet, selbst der tapferste General bange werden könnte — und ich bin doch nur ein einfältiges Frauenzimmer."
„Nun kommst Du doch, Vater!" fuhr die junge Frau in ihrer Ermahnung fort, indem sie zu der Bemerkung der Tochter lächelnd den Kops schüttelte.
„Ja, ja, Mutter! Jetzt komme ich ganz gewiß", ent- gegnete der Professor und erhob sich halb in dem Lehnstuhl. Seine Augen blieben indessen auf das Buch geheftet, von dem er sich nicht gut loszureiben vermochte.
Alida dagegen, die eben den rebellischen Kaffeekesscl zur Vernunft gebracht hatte, bog sich ein wenig über den Tisch, und indem ein pfiffiges Lächeln ihren Mund umspielte, rief sie:
„Höre Vater! Ist die Frau des Hofjägermcisters von Sparre nicht Schauspielerin gewesen? Mutter und ich sprachen gerade davon."
48. Jahrgang. 1900.
„Aber, was sprichst Du doch, Kind!" rief der Professor, indem er sich rasch erhob und herantrat. „Nein, es war nur in einer augenblicklichen Noth, daß sie zum Theater zu gehen beschloß und auch wohl in einen, einzigen Stücke mitspielte; aber Schauspielerin in dem Sinne, wie Du es meinst, ist sie niemals gewesen."
„Ja, das ist nicht gut zu wissen, in welchem Sinne ich das nahm; — vielleicht nahm ich es in gar keinem Sinne!" und dabei reichte sie dem Vater eine Tasse Kaffee. „Aber wenn ich es auch in dem allerschrecklichsten meinte, ist es denn so schlimm, mit einer Schauspielerin verheirathet gewesen zu sein?"
„Ja, meine Tochter, in gewisser Hinsicht ist es nicht ohne Gefahr; denn da der Geist der Schauspieler leicht beweglich ist, was nach meiner Ansicht unentbehrlich ist, wenn sie wahre Künstler sein sollen, so sind sie auch gewöhnlich leichtsinnig."
„Ja, Du mußt entschuldigen, Vater, aber wie Du es nennst, „die Logik" verstehe ich nicht: denn einen lebhaften Sinn haben ja die meisten jungen Mädchen, und wenn sie außerdem hübsch war und ein gutes Herz hatte, so sehe ich nicht ein, welches Unglück daraus entstehen sollte, daß sie leichten Sinnes war."
„Nun, nun Alida", sagte der Professor lächelnd, „so will ich denn sagen, daß sie gewöhnlich einen veränderlichen Sinn haben, und wenn ich sagte, daß sie leichtsinnig seien, so muß ich dies dahin erklären, daß es schwer ist, sich auf sie zu verlassen. Was ich eigentlich meinte, war, daß Herr Niels Sparre sowohl was den Verstand als was das Herz anbetrifft, stets ein so gebildeter Mann gewesen ist und einen so ernsten und festen Charakter offenbarte, daß es eine Beleidigung gegen ihn wäre, anzunehmcn, daß er sich von dem Oberflächlichen hätte angezogen fühlen können; und doch vermag man sich bei einer Schauspielerin kaum etwas Anderes zu denken. Die Zeit wird wohl indessen auch hier eine Veränderung zum Besseren bringen; denn die Bildung, die der, welcher seinen schönen Beruf wirklich liebt, erstreben muß, wird auch wohlthätig auf seine Sitten wirken."
„Und ihn weniger leichtsinnig machen!" bemerkte Alida. „Jetzt verstehe ich Dich; ich fürchtete nämlich, daß die Beschuldigung, leichtsinnig zu sein, die die Mutter manchmal gegen mich erhebt, allzu schwerwiegend sein würde."
„Was das betrifft, so kannst Du ruhig sein. Ich meine es mehr figürlich und in Bezug auf Dein Fußzeug und Deine Kleider, die Du draußen an Disteln und Dornen kurz und klein reißt", entgegnete die Mutter.
„Ich glaube, wir lassen dies Thema vorläufig fallen", sagte der Professor schnell, da er eine kleine ökonomische Vorlesung befürchtete, „und beschließen es mit dem AuS- sprechen der frohen Ucberzeugung, daß, wenn die Schuhsohlen entzwei gehen und die Kleider manchmal ein ziemlich plötzliches Ende nehmen, doch Alidas Wangen röther und ihre Glieder geschmeidiger und kräftiger bei diesen Uebungen werden. — Willst Du mir noch ein bischen einschenken?"
„Aber es ist schon die dritte Tasse, Vater I" rief seine Frau ängstlich. „Wird es Dir auch nicht schaden?"
„Es ist immer eines Versuchs werth; und wenn Alida mehr in der Kanne hat, so habe ich ja auch eine schöne Gelegenheit, niein aufrührerisches Blut zu zeigen, und daß ich auch einen Willen habe."
„Ja, wenn Du Dich dabei nur nicht überzeugen mußt,
daß es damit nicht allzu weit her ist!-Aber da wir
von so etwas sprechen", fuhr seine Gattin fort, — „wie geht es mit Herrn von Sparredort droben auf Sparreholm? Warst Du nicht kürzlich da?"
„Ja, was soll ich sagen, .Mutter", entgegnete der Professor, traurig den Kopf schüttelnd, „gut steht es nicht, und ich fürchte, daß meine Kunst und Wissenschaft hier erfolglos sein wird."
(Fortsetzung folgt.)
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