48. Jahrgang.
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Morgen - Ausgabe.
Politische Ueb erficht.
55er Kampf um die Flotte, der durch die heftigen Kämpfe um läx Hcinze und die Fleischbeschau-Vorlage einige Zeit hindurch ® Stillstand gebracht worden war, ist wieder tn den Vorder- rtriinb des politischen Interesses getreten. Eine wesentliche Klärung m Sachlage hat aber auch die Generaldebatte in der Budgetkommission des Reichstags nicht gebracht, denn, abgesehen vom <r-ntruni stand die Stellungnahme der Parteien im Wesentlichen vorher fest. Das Ceutrum aber hat in der Budgetkommission ,,, r erklärt daß es nichts erklären wolle. Der Abgeordnete Gröber üo' ausdrücklich betont, daß die Ccntrumsfraktion sich für ihre Entschließung freie Hand Vorbehalte. Das war vorauszusehen. h »"" ß Molitik des Ce
. denn
!>l'e Volitik des Cent,ums beruhte von jeher darauf, seine Trümpfe nickt vorzeitig aus der Hand zu geben. Da aber nach der bis- aen Stellungnahme der Parteien zur Flottenverstarkung un- oetäbr ein halbes Hundert Centrumsstimmen erforderlich sind, um dieser zum Sieg zu verhelfen, so wäre es verfrüht/ de» Ausgang des Kampfes um die Flotte mit Sicherheit vorauszusagen, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß die Acußeriingeu der Centrums- reduer erheblich entgegenkommender klingen, als dies noch vor Kurzem der Fall war. Jedenfalls glaubt man in den politischen Kreisen zumeist nicht daran, das; aus Anlas; der Flottcnforderungen ein erusthastcr Konflikt zwischen der Regierung und der Volksvertretung entstehen könnte, denn die unabweisiiche Nothwendigkeil einer entschlossenen Verstärkung unserer Seerüstuugen hat unterdes; sowohl in der Volksvertretung wie im Volk starke und erfreuliche
^°"sUtch"in^O e"st er reich ist der befürchtete Konflikt zwischen dem Kabinett Korber und der Reichsrathsmehrheit bisher ausgcblicbe», denn diese Mehrheit hat sich allgemach erheblich gelockert und ste hat ein Haar darin gefunden, den Tschechen die Kastanie» aus dem Feuer zu holen. Diese Erkenntniß aber, daß ein Theil der früher so konstanten Reichstagsmehrheit die Bundcsgenossenschaft mit den Tschechen einigermaßen satt bekommen hat, hat auf die letzteren ebenso deprimirend wie besänftigend gewirkt. Ja, in letzter Zelt haben die Tschechen auf der Wiener Ausgleichskonfcrenz ein solches Entgegenkommen gezeigt, daß man in Oesterreich bereits da? Gelingen der Alisglcichskonferenz als gesichert betrachtet. Es soll uns freuen, wenn sich diese Anschauung nicht als allzu oplunistiich entpuppt. Jedenfalls scheint uns das Kabinett Korber Ursache ziir Beherzigung der Lehre zu haben, daß man den Tag nicht vor dem Adeild loben solle. . ^ r
Weniger zart als die tschechische Opposition m Oesterreich erweist sich die oppositionelle Linke in Italien, welche die Obstruktion tu Permanenz erklärt und die ganze Woche hindurch den geordneten
E ,rtgunq der parlamentarischen Arbeit mit Erfolg verhindert hat.
ie diese parlamentarischen Kämpfe ausgehen sollen, ist zur Zeit unerfindlich, denn die bisherigen Versuche der Kammcrmchrheit zur Unterdrückung der Obstruktion sind ergebnißlos geblieben. Dem Kabinett Pelloux bleibt zwar als letztes Mittel die Auflösung der Kammer, aber Herr Pelloux hat wenig Neigung, zu diesem Mittel zu greifen, denn angesichts der zahlreichen Kandidaten, welche auf Minis cr-Portefeuilles spekuliren, fürchtet er vielleicbt nicht mit Unrecht, daß sein Kabinett die Auflösung der Kammer nicht überleben werde.
Sehr um sein zaites Leben besorgt ist auch das Kabinett Waldeck-Rousseau in Frankreich, welches nicht gern auf das Vergnügen verzichten möchte, als Weltausstellungs-Kabinett zu figurircn mid die ihm hierbei bevorstehenden Ehren einzuheimsen. Im Hinblick auf die lockende Weltausstellung hat es mit zäher Tapferkeit manchen Sturm abacschlagen und auch manche kleine Schlappe mit sauersüßer Miene eingesteckt, um nicht von seinem warmen Sitz weichen zu müssen. In der That scheint dies zähe Bemühen Erfolg zu haben, denn da uns nur noch 14 Tage von der Eröffnung der Weltausstellung trennen und nicht anzuuchmcn ist, daß das Kabinettsschiff noch im Hafen scheitern wird, so dürfte cs Herrn Waldeck-Rousseau beschicden sein, die Aera der Weltausstellung als Kabinettschef zu erleben und zu überleben.
Wenn die französischen Politiker zur Zeit noch für andere Dinge als die Weltausstellung Interesse hätten, dann würden sie
als die zur Zeit aktuellste und brennendste Frage die Delagoabai- Fragc erachten müssen, denn die jetzt erfolgte Veröffentlichung des Berner Schiedsgerichtsurtheils in Sachen her Delagoa- Frage hat die Entscheidung über das künftige Schicksal dieses für die Entwicklung der Dinge in Südafrika hochwichtigen Hafens in Fluß gebracht. Die außerordentlich hohe Entschädigungsfiimmc. zu deren Zahlung das Schiedsgericht Portugal verurthcilt hat, scheint dem Plan der Engländer förderlich zu sein, der dahin geht, dem finaM-ll schwachen Portugal diese Summe vorzuschieben und auf diesem Wege die Dclagoabai als Pfandobjckt in ihren Besitz zu bringen. Immerhin erscheint cs als fraglich, ob Portugal selbst geneigt sein dürfte, auf diese» außerordentlich werthvollen Hafen zu verzichten, und die portugiesische Regierung will ja — notabene wenn sic kann — die Summe ohne Weiteres bezahlen, und ferner darf nicht übersehen werden, daß auch andere Mächte, so in erster Linie Frankreich, das sich in feinen Interessen auf Madagaskar bedroht steht, ein Interesse daran habe», den Ucbcrgang der Dclagoabai in englischen Besitz z» verhindern. Man wird e§ somit noch als zweifelhaft erachten dürfe», ob England sich jetzt schon entschließt, den Versuch einer Realisirung seiner Absichten auf die Dclagoabai z» machen, denn cs erscheint nicht als ausgeschlossen, daß ein solches Vorgehen auf einen scharfen Protest einzelner Mächte, wobei man in erster Lime an den Zweibund zu denken hat, stoßen würde.
Daß den Engländern die Erwerbung der Dclagoabai gerade jetzt außerordentlich zu paß käme, liegt freilich auf der Haud, denn die durch die Occupirung der Dclagoabai ermöglichte Abschlicßnng und Einschnürung der Buren würde jedenfalls schneller und mit geringeren Opfern zum Ziele führen, als die jetzige Kriegsführung, die von den Engländern allgemach als sehr schwierig und sehr verlustreich erkannt worden ist. Der Optimismus, mit dem man m England nach den letzten Siegen die Lage auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatz betrachtet hat. ist allgemach einer nüchternen Auffassung gewichen. Man hat erkannt, daß die Buren, trotzdem sie gerade jetzt durch denTod des wackersten ihrerFührer, des Generals Joubert, einen unersetzlichen Verlust erlitten haben, doch nichts weniger als entmuthigt und zum äußersten Widerstände entschlossen sind. Schlagen die Absichten der Engländer auf die Dclagoabai fehl, so wird man sich jedenfalls noch auf einen recht langwierigen Verlauf des Krieges gefaßt machen müssen, wenn die Engländer uulerdeß nicht doch zu der Erkenntniß kommen, daß ein magerer Vergleich besser ist als ein fetter Prozeß.
Aus Stadt und §and.
Wiesbaden, 1. April.
— Entdeckte» Goidlagev. Wiesbaden ist eine von der Natur reich begünstigte Stadt, daß sic aber auch zum Theil auf goldenem Untergründe erbaut ist. dürfte doch nur Wenige» bekannt lein. Bei der tiefen Fundamenlirung des großen Neubaues in der Ncugasse holte kürzlich ein Arbeiter mit solch kräftigen Bergmannshieben aus, daß plötzlich die Hacke zerbrach und ein gelblicher Glanz sich seinen erstaunten Augen zeigte. Die herbeieilenden Mitarbeiter konskatirtcn eine angeschlagene Goldader. Mit verklärten Blicken umstanden Alle schweigend die phänomenale Entdeckung. Doch die gebieterische Stimme des Aufsehers weckte die Menge aus ihren ZukunftSträumen. Nicht weitergraben, sondern zuwerfen, lautete der strenge Befehl des Beamten. An eine Ausbeute des reiche» Fundes ist nicht zu denken, denn in Wiesbaden darf nicht tief gegraben werden, damit die Quellen — auch eine Goldgrube der Stadt — keinen Schaden leiden. Die Goldader scheint eine nordwestliche Nichtnng zu haben.
— Ein Uatnrspiel. Nachdem die Märztage im Anfang des Monats reichliche Niederschläge gespendet, haben wir seit einigen Tagen herrlichen Sonnenschein, der frisches Grün aus allen Sträuchcrn zaubert und auch die Menschen ans den dumpfen Winterkerkern hinauslockt. Doch auch sonst macht sich die Wunder- krafl der Mutter Sonne allcrwärts bemerkbar und beweist uns, daß sie die eigentliche Erzeugerin des irdischen Lebens und Webens. Uebcrall sprudeln die Wässerchen von den Bergen und sammeln sich im Wiescngrunde zuni Bache, der dann mit dem Strom zum Occan eilt. Obgleich wir in unserer herrlichen Umgegend gewiß keinen Mangel an silberhellen Quellen haben, hat uns doch unsere Waldfee mit einem neuen Bächlein beschenkt. Dasselbe entsteht etwa
20 Schritte hinter der Leichtweishöhle oben auf dem Kamm des gegenüberliegenden Hügels und springt in prächtige» Kaskaden ins Thälchc», sodaß man glaubt, es sei eine künstliche Schöpfung. Wenn das Wasser springt und die Sonne scheint, dann ist dies ein reizender Anblick, da sich feine Regenbogen bilden und den Beschauer entzücken. Wir haben nur den einen Schnierz, daß das städtische Wasser- und Gaswerk der Herrlichkeit schon in den nächsten Tagen ein Ende bereiten wird, denn das Wasser in seiner Reinheit soll der Wasserleitung zugeführt werden. Vielleicht rege» sich Naturfreunde und treten z» einer Vereinigung zusammen, die kräftig für die Erhaltung dieser bei uns einzigen Nalurschöuheit agitirt. Wenn dies der Fall, dann ist der Zweck dieser Zeilen erfüllt und wir hoffen, uns den Dank Vieler zu erwerben. Nächster Tage flebciuen wir eine Abbildung zum Besten unserer auswärtigen Leser zu bringen.
-n. Die nnstckibar machenden Strahlen. Das Forschungsgebiet der unsichtbaren Strahlen ist durch eine neue Entdeckung bereichert worden, die vielleicht in wissenschaftlicher Beziehung nickt interessanter sein mag, als die Röntgen'schen Strahlen ober btt zuletzt entdeckten Radiumstrahlen, andererseits aber eine praktische Verwendung von geradezu ungeheurer Tragweite erlauben wird. Die Konfeguenzen lassen sich überhaupt noch garnicht absehcn, und es werden vielleicht sogar Reichsgesctzc nöthig werden, um einem etwaigen Mißbrauch cntgcgenzutreten. Die ncugefmidenen That- sachcn bestehen, mit wissenschaftlicher Kürze zusammcngesaßt, tn Folgendem: Ein Pariser Gclchrten-Ehepaar hat. wie den „Allg. Miss. Ber." unter dem heutigen Datum telegraphirt wird, der ‘ dortigen Akademie der Wissenschaften mitgetheilt, daß es einen wahrscheinlich neuen Stoff gefunden habe, der eine besondere Art von Strahlen ansscnde. Der Stoff, der aus gewöhnlichem Kalk durch einen einfachen chemischen Prozeß gewonnen werden kann, also in der Natur weit verbreitet ist, hat den Namen Aktinium erhalten und hat das Aussehen eines bräunlichen Pulvers, die Strahlen selbst haben die verblüffende Eigenschaft, vollkommen undurchsichtig zu sein, und zwar in dem Maße, das; ihre Fortpflanzung im Raum auf eine Entfernung von mehreren Metern von ihrem Ausgangspunkt an verfolgt werden kann. Es ist zunächst selbstverständlich, daß die Phhsik mit dieser Entdeckung vor ein ganz unerwartetes Räthsel gestellt ist, dessen Lösung ohne Zweifel noch auf Jahre hinaus alle Gelehrten dieser Disciplin beschäftigen wird. Es drängen sich aber alsbald Gedanken an eine praktische Anwendung der Erfindung auf, die den Laien ungleich mehr iuteressiren muß. Man denke z. B., um bei einem aktuellen Thema zu bleiben, an den südafrikanischen Krieg. Wenn es den Engländern gelänge, jhi-e ganze Armee mit dem neuen Stoff zu versorgen, oder wenn anoersciis die französische Regierung ihre Burcnfreuudlichkett dadurch an den Tag legen wollte, daß sie den Buren zuerst der Nutzen der neuen Entdeckung zuwendete, so wäre der Krieg inrt einem Mal entschieden, denn wer vermag gegen einen unsichtbaren
S einb zu siegen? Einige Granim des neuen strahlenaussendenden tosses in die Uniformen eingenäht, würden genügen, den Soldaten dem Auge des Feindes vollständig zu entziehen. Selbstverständlich ist es auf ähnlichem Weg möglich, auch Geschütze gefahrlos tn lebe beliebige Nähe an de» Feind hcranzubringe». Das Vorhandensein des Aktinium wirkt eben auf die nähere Umgebung wie eine Nebelwolkc. Es ist leicht einzuschcn, daß es zu einer Frage von größter Bedeutung geworden ist, ob die neue Entdeckung von Frankreich als Staatsqeheimuiß betrachtet werden wird, und hinter der Wichtigkeit dieser Frage muß gegenwärtig alles Andere zurückstchen. Es ist zwar unmittelbar nach der erstenMitthcilung über einen neuen wissenschaftlichen Fund ein müßiges Beginnen, sich in die Konsequenzen vertiefen zu wollen, aber hier darf man der Phantasie doch noch etwas weiteren Spielraum lassen. Eine kleine Menge von Aktinium in der Tasche getragen, wird jedem Einzigen ein Gefühl der Sicherheit geben, wie es keine verborgene Waffe verleihen konnte. Gesetzt, daß man auf der Straße oder an einem anderen Ort belästigt oder überfallen würde, so brauchte inan dem Angreifer nur das undurchsichtige Strahlen entsendende Röhrchen ins Gesicht zu halten, um ihn' sofort des Augenlichtes zu beraube». Auch die lex Heiuze ist durch die neue Erfindung praktisch überflüssig gemacht, da jedes fromme und zartbesaitete Gemüth sich vor der Verletzung seines Schamgcsühls dadurch schützen kann, daß es einen anstößigen Anblick sofort durch Anwendung des Altimum- Röhrchens aus dem eigenen Gesichtskreis ausschließt, man
(Nachdruck verboten.)
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Lindeubcrg.
f rühliiigsfreude! — Winterlicher Rückblick. — Berliner Witz. — Uerlei Gesellschaftliches. — Eine Last statt eines Vergnügens. — Vom Theaterlcben. — Aus unseren Kunstsalons. — Auf nach Paris!
Frühlings Anfang verzeicbnete ja bereits der Kalender, und ein zartes, hoffnungsfreudiges Weben und Leben draußen in Feld und Hain, im Park und Garten scheint diesmal dem so oft trügenden und lügenden Kalcndermann Recht zu geben. Die Märzen- fonne meinte es zuweilen schon recht gut, Sonnenschirme tauchten schon auf und riesige Sommerhüte mit wahren Frucht-und Blumenbeeten, und wenn nach lang erprobtem Muster auch der April noch seine Tücken und Mucken uns zeigen wird, so dürfen wir dennoch hoffentlich endgültig die Akten über den Winter schließen. Er hat «ts in jeder Beziehung nur wenig des Erfreulichen gebracht und ohne ein Wort des Lobe? oder auch nur der Anerkennung lassen wir ihn ziehen — fahre hin. Du trauriger Gesell und verschone uns für alle Zukunft mit Deinesgleichen! Die berühmten „ältesten Leute" Berlins können sich nicht erinnern, daß jemals so viele
Krankheiten hier geherrscht, wie während der letzten sechs Monde, und die erprobtesten Kaffeeschwestern sollen ausgerechnet haben, daß seit Olims Zeiten noch nie so wenige Verlobungen stattgefnnden, wie in diesem Winter männlichen und weiblichen Mißvergnügens. Kein Wunder, wer so 'ne echte und rechte Influenza sein eigen nennt denkt nicht an Minnespiel und Ringewechseln, und das schönste Juugfräulein verliert durch einen gediegenen Stockschnupfen mit den üblichen äußeren Begleiterscheinungen an Reiz und Ansehen!
Auf politischem Gebiet -ja, ja, 's ist schon gut, ich
merke bte strafenden, beinahe spiralförmigen Blicke des Redakteurs und tauche die Feder zu einem anderen Thema ein. Aber so ganz ohne die lex tzemze komme ich diesmal doch nicht herum, wenn ich auch garnicht, des Näheren erzählen will von der begeisterten Stimmung bei Begründung des hiesigen Goethe-Bundes am letzten Sonntag, worüber des Langen und Breiten ja schon berichtet wurde; die einzelnen Redner hatten viele gute Einfälle und unterließen diesmal glücklicher Weife die Ausfälle, wodurch sich kürzlich der litterarische Hauptverfechter im erregten Streit der
Meinungen Vieler Shmpathieen verscherzt.. Es geht thatsachlich besser ohne persönliche Reibungen und Anspielungen ab!
Sonst hat das Gesetz mit dem Verbrechernamen, das anscheinend auf Nimmerwiedersehen verschwinden wird, bereits schreckliche Verwüstungen angcrichtct — auf dem Feld des Berliner Humors. Plan höre und falle nicht in Ohnmacht: seit jenes Gefetz über nuferen Häuptern schwebt, ladet man in Berlin nur noch Gesellschaften von sechs Personen ei», denn man wagt nicht mehr, an a u sge zo gen en Tischen zu essen! Bei Feuersgcfahr erkundigt sich die Feuerwehr immer erst, ob Personen ernstlich ge- fährdet'siud, daun rückt sie nicht mehr aus, da sie nicht nackte
Menschenleben retten darf!-Nun spüre ick die furchtbaren
Blicke der Leser und spritze schnell die Feder aus — sonst, falls man cs wünschte, könnte diese Liste noch bedeutend erweitert werden, fchade, daß sich die hübschesten dieser Witze nur erzählen lassen, und zwar ivcnn man so ganz, ganz unter fick ist!
Gesellschaftlich bat uns der abgelaufene Winter auch bös enttäuscht. Die plötzliche Hoftrauer wirkte hemmend auf die Vergnügungen jener Kreise, in denen die Goldstücke leicht ins Rollen gebracht werden, und die größeren öffentlichen Feste litten unter einer gewisfcn Abgespanutheit und Theilnahmlosigkeit der wohlhabenderen Vcvölkerungsschichten. Es scheint überhaupt, als ob in geselliger Beziehung mal eine gründliche Umwandlung nöthig wäre. Man ist der alten Leier satt geworden, satt in des Wortes doppelter Bedeutung. Das Schwergewicht bei unseren Gesellschaften ist mehr und mehr auf die materielle Unterhaltung als auf die geistige gelegt worden, man juckt das Beste und Theucrste bei Tisch zu geben, man sitzt stundenlang bei Tafel, mau überrascht die Ein- geladenen durch die erlesensten Leckerbissen und erstickt sie fast in Lampreten und Pasteten, und damit betrachtet man meistentheils die gastlichen Pflichten als erfüllt. Nun hält bekanntlich Essen und Trinken den Leib zusannucn, und ein guter Happenpappcn, wie, der Berliner fagt, ist ebenso wenig zu verachten wie ein ehrlicher Trunk, aber Beides darf man doch nicht als einziges Ziel einer fröhlichen Gesclligkcit betrachten, die durch endlose Diners und Soupers zu Grabe gebracht wird. Es ist fast immer dasselbe alte Spiel: man kommt, man begrüßt sich, man
setzt sich zu Tisch, mau wird ..abgefüttert", und nachdem man gerade mit seinen Nachbarinnen etwas Fühlung gewonnen, erhebt man sich wieder, worauf die Theilung der Ge
schlechter beginnt, „bitte, die Herren wollen rauchen? und die Damen mopsen sich untereinander, die Herren erzählen sich, ihre Geschichten, liier Limonade, dort Bier, dann gcht's an« Hande- schüttcln: „nein, so gut liaben wir uns noch nie amüsirt", die Gastgeber aber denken: „Gott sei Dank, daß wir das hinter uns haben , und die Gäste: „Gott sei Dank, das wäre ja auch erledigt", und was ein Vergnügen sein sollte, war eine Last! Ob nicht da doch die Pariser Geselligkeit empfehlenswerther ist, wo man erst nach dem Essen zusammeukommt, um zu plaudern, und sich hierbei — mit einigen Erfrischungen begnügt? Auch in London und Rom liebt man -in Beisammensein dieser Art, in Berlin jedoch verlaßt man zu ungern das altgewohnte Geleise, „man traut sich nicht . das ist die Entschuldigung selbst Derer, die cs gern möchten und konnten, und so geht der alte Schlendrian von Jahr zu Jahr weiter.
Auch in unserem Theaterleben war dieser Winter recht ergebnißlos. Den sichersten Treffer hat Wildenbruch gezogen, und cs ist kaum anzunehmen, daß die wenigen noch folgenden Bühnenncuigkciten den Erfolg seiner „Tochter des Erasmus erreichen, geschweige übertrumpfen werden. Otto Ernsts „äugend von heute" und Jos. L au ff ö „Eisenzahn" erfreuen sich neben dem Wildenbruch'jchen Reformationsstück andauernd starken Besuchs, und ebenso findet Siegfried Wagners „Bärenhäuter" regen Zuspruch. Die Leitung unserer Königlichen Bühnen kann un Allgemeinen, zumal mit den, klingenden Ergebniß, recht zufrieden sein, weit weniger werden dies unsere Privattheater sagen können, deren Er- Wartungen auf dauernde Kasseuerlräge arg getäuscht wurden. Bedenkliche Leere herrschte vielfach in den wetten Raumen verschiedener dieser Bühnen, und mehrere Direktoren sollen mit schweren Sorgen zu kämpfen habe». Ungetrübte Zufriedenheit durfte nur im Schiller-Theater zu finden sein, denn da kennt mau nur volle Häuser und ein beifallfrcndiges, herzlich zustimmendes Publikum. Diese Volksbühne hat sich unter ihrer geschickten Leitung binnen wenigen Jahren die allgemeinsten Shinpathieen zu erringen vermocht und zählt in allen Kreisen unserer Stadt die wärmsten Verehrer; die Einzelkräfte sind vortrefflich, das Zusammenspicl sehr gut. die Auswahl der Stucke äußerst sorgfältig, wobei — was man bei den billigen Preisen vermuthen sollte — durchaus nicht auf den „unteren" Geschmack Rücksicht genommen wird. Aufgaben, wie sie die „Antigone" und „Macbeth stellen, werden überraschend künstlerisch gelost und treffen, was
