1. Anlage zum Wiesliaüener Tagblalt.
Uo. 134. Morgen-Ansgade.
Sonntag» den 1. April.
48. Jahrgang. 1900.
(Nachdruck verboten.)
Gin FrAhlingstraum.
Roman von Zohanucs van Icwall.
Erstes Kapitel.
Es giebt in unserm Dasein Augenblicke, welche sich dem Gedüchiniß so lebhaft einprügen, daß man sie niemals wieder rergißt; sie ragen aus dem Meeresspiegel unseres Lebens hervor, wie die Bojen und Schifferzeichen auS dem weiten Ocean.
Man braucht nur die Augen zu schließen, sich hintenüber zu lehnen und sie wallen heran, jene Bilder, — eines nach 3em andern, — ein langer, phantastischer Zug, sie treten vor unser geistiges Auge, ein wenig gedämpft zwar durch den Schleier der Vergangenheit, aber dennoch mit ergreifend lebendigen und leuchtenden Farben. — Noch einmal kommen sie uns nahe, noch einmal bewegen sie mächtig unsere Seelen, freudig oder trübe, je nachdem sie sich hineinwoben in den Kranz unseres Lebens als Helle oder dunkle Blumen.
Und wie es uns wohl ergeht, wenn wir des Abends im Grase liegen und hinaufschauen zum Firmamcnte, so ist's auch hier. Aus der Menge von blitzenden Punkten, die auf uns herniederschauen, treten einige lebhafter hervor: die Cassiopeja, der Orion, der große und der kleine Bär, die Venus. Diese fesseln uns mächtiger, während die andern zurücklreten wie bescheidene Statisten, mehr und mehr verschwinden und sich unser Auge einzig und allein nur noch mit jenen Lieblingssternen beschäftigt und alles Andere rings umher über sie vergißt.
So liege ich heute und schaue träumerisch in meine Vergangenheit zurück und lasse die alten Erinnerungen an mir vorüberziehen, liebe, traute Bekannte, die mich anlächeln und andufren, hinwallend eine nach der andern, langsam verschwindend dann bis auf eine.
Ich schließe meine Augen und sehe mich um vier Jahre zurückversetzt. Ich finde mich in einem schmalen, harten Belte liegend, mit blau und weiß gewürfelter Decke, in einem großen luftigen Saal, von dessen Wänden herab aus breiten, vergoldeten Rahmen alte Herren in Rüstungen und Perücken, mit Sternen, Ketten und Marschallsstäben geschmückt, unverwandt mich anschauen.
Rechts und links neben meinem Lager stehen in langen Reihen ebensolche eiserne Feldbetten mit Decken, aus denen überall blasse Gesichter und verbundene Köpfe hervorschaucn.
lieber das Parkett, auf welchem ein warmer Sonnenstrahl spielt, gleiten flüchtig, lautlosen Schrittes einzelne Schatten und Gestalten, — junge Damen sind es mit ihren glatten weißen Häubchen und Schürzen, welche den Verwundeten das Mittagessen bringen, — barmherzige Samariterinnen, die mit gleicher Liebe und Sorge hier pflegen Freund und Feind!
Hier und dort setzt sich eine jener Damen zu einem Kranken, hilft ihm sich emporrichtcn und reicht ihm seine Speise; sie stützt dabei den unbehülflichcn, ächzenden Mann mit derselben Sorgfalt, wie eine Mutter ihr Kind, während Andere Speisen und Getränke ausgeben, Verbände zurechtrücken oder tröstende Worte sprechen.
Ich hatte ein wenig geschlafen. — Ach, der Schlummer war damals ein seltener Gast an meinem Lager! — Das Klappern der Schüsseln und Löffel, das Geräusch der Schritte
halte mich geweckt. Aber ich sah Alles, was um mich her vorging, nur wie durch einen Schleier, meine Gedanken fanden sich noch nicht gleich zurecht, so matt mar ich noch und heruntergekommen durch Schmerzen und Blutverlust.
„Wollen Sie nicht Ihre Suppe essen, Herr Wagner? — Versuchen Sie es einmal, es wird Ihnen gut lhun," sprach eine bekannte Stimme neben mir, und mich vollends ermunternd erblickte ich Fräulein Malte, meine gütige Pflegerin, welche auf einem kleinen Brette Brod, Napf und Teller hielt und mich aus ihren freundlichen braunen Augen aufmunternd anlächelte.
Ich machte eine etwas hastige Bewegung, um ihrer Aufforderung Folge zu leisten, stieß mich dabei mit meinem zerschossenen Arm an die Bettstelle und sank mit einem Schmerzensschrei wieder auf mein Polster zurück.
Augenblicklich setzte Fräulein Malle das Brett auf einen Stuhl, beugte sich zu mir nieder und sah mir erschrocken ins Gesicht.
„O mein Gott!" rief sie, „Sie haben sich gestoßen! — Armer Herr Wagner, Sie thaten sich gewiß sehr weh!" und der guten Seele traten vor lauter Mitgefühl dabei die Hellen Thränen in die Augen.
Ich verbiß mir meinen Schmerz und machte sogar einen schwachen Versuch zu lächeln, aber es blieb eben nur bei diesem Versuche, denn im nächsten Augenblicke trat mir der kalte Schweiß auf die Stirn und ich fiel in Ohnmacht.
Als ich nach längerer Zeit aus derselben wieder zu mir selbst kam, stand der Arzt an meinem Bette und hielt meinen Puls zwischen seinen Fingern, während Andere beschäftigt waren, meinen Verband zu schienen.
Am Fußende meines Lagers aber erblickte ich fremde Gesichter, einen alten Herrn mit grauen Haaren und dicken schwarzen Augenbrauen, eine ältere Dame, die theilnehmend herüberschaute, und hinter diesen Beiden den Kopf eines jungen Mädchens. Und während sie mich nun verbanden, sah ich, meine Schmerzen verbeißend, immerfort hinüber nach diesem zarten, rosigen Gesicht mit den großen glänzenden Augen, welche, in Thränen schimmernd, voll Mitgefühl und Angst auf mir hafteten, bis es sich endlich wie ein rosafarbener Nebel wieder vor mir herabsenkte und meine Lider sich schlossen vor Ermattung. Aber wunderbar — auch mit geschlossenen Augen sah ich immer jene beiden glänzenden -Punkte, sie schienen mir wie zwei sanft erglänzende Sterne verheißungsvoll an einem endlosen Himmel zu stehen — sie lächelten mir zu und ich fühlte keinen Schmerz mehr, es wurde mir allmählich so leicht und wohl ums Herz, als flöge ich leise ihnen entgegen, dabei war mir's zu Muthe, als läge ich von einem süßen, kostbaren Traum umfangen.
„Er schläft, — lassen wir ihn so, — die Gefahr ist vorüber," vernahm ich leise wie von Weitem her die Stimm,, des Arztes.
Aber ich schlief nicht, ich lag nur in jenem durch Blutverlust hervorgebrachten Halbwachen Zustande, — viel später erst schlief ich wirklich ein.
* *
❖
Vier Jahre sind seitdem verflossen, aber jenes Bild steht noch heute so lebhaft vor meinem Innern, daß ich nur die Augen zu schließen brauche und ich sehe wieder Alles so, wie ich es eben beschrieben habe: Fräulein Malte mit ihrem freundlichen Lächeln, den kleinen, dicken Doktor Weber, den
alten Herrn, die große, vornehme Dame und jene süßen, verhängnißvollen Augen zwischen Beiden.
Zweites Kapitel.
Ich war fünfundzwanzig Jahre alt damals und hatte vor Kurzem in Berlin mein Staatsexamen als Baumeister abgelegt, da kam die Mobilmachung, der Krieg gegen Oesterreich im Jahre 1866 und ich wurde als Landwehrofftzier zu einem der rheinischen Jnfanterieregimenter eingezogen.
„Der König rief, und Alle, Alle kamen!"
Auch ich folgte ungesäumt der Ordre und eilte zu meiner Truppe. Ich focht mit bei der Elbarmee unter General von Herwarth.
Bei Münchengrätz am 28. Juni kam ich zum ersten Male ins Gefecht, und wenige Tage später, beim Sturme auf Problus, zerschmetterte eine feindliche Kugel meinen Unterarm. Ich hatte nur noch eben Kraft genug, mich zu einer Verbandstelle zu schleppen, dann brach ich vor Schmerz und Blutverlust zusammen.
Fünf Tage später langte ich mit der Eisenbahn in Dresden an und kam dort in das zum Spital umgewandelte Kadettenhaus in der Neustadt.
Einige Tage schwebte ich in Gefahr, meinen Arm zu verlieren, meine Wunde war schwer und die lange Fahrt hatte sie sehr verschlimmert, aber energische ärztliche Hülse und meine gute Natur halfen mir durch und machten zum Glück eine Amputation überflüssig, doch schritt meine Heilung nur sehr langsam und unter großen Schmerzen vorwärts.
Eine Woche etwa nach dem vorhin geschilderten Vorgänge trat eines Morgens der Arzt zur gewöhnlichen Visitcnzeit an mein Bett. Er verband mich, lobte das Aussehen meiner Wunde und war schon im Begriff, zu gehen, als er sich plötzlich noch einmal herumdrehte.
„Ja so, da hätte ich bald die Hauptsache vergessen," sprach er in seinem drolligen Dresdener Dialekte und neigte sich zu mir herab. „Möchten Sie nicht in Privatpflege gehen, Herr Leutnant?" fragte er, seine Stimme dämpfend.
„Wie, Doktor?" frug ich betroffen.
„Nun ja, — zu sehr guten Leuten, hören Sie, — es wäre für Sie am Ende besser dort, gutes Herrchen. — Sie sind mir so ein bischen angegriffen und nervös, und der Lärm hier und die vielen Menschen, das ist nichts für Sie. Transportabel sind Sie ja gottlob. — Sie würden's da sehr gut haben — sehr gut. — Na, überlegen Sie sich's, guten Morgen!" Damit trippelte er weiter, um Anderen Hülfe zn bringen.
Nach der ersten Ucberraschung begann ich denn auch in der That über des Doktors Vorschlag nachzudenken. — Wir waren im Kadettenhause sehr gut aufgehoben, die Pflege war in jeder Beziehung eine vortreffliche, indessen in einem Hause, wo dreihundert Verwundete, und noch dazu in großen Sälen zusammen liegen, sind einige Uebelstände nie ganz zu beseitigen, die der Schwerkranke nur zu schmerzlich empfindet: das unvermeidliche Geräusch, das fortwährende Zusammensein mit so vielen Menschen, deren Leiden man mit ansehen muß, deren Stöhnen und Rufen uns den Schlaf raubt, — selbst der ewige Geruch von Karbolsäure, — das Alles zusammen sind die unausbleiblichen Schattenseiten aller Kriegs- lazarethe, und sie berühren Den, welcher gezwungen ist, sie zu ertragen, gar peinlich und ohne Unterlaß.
(Fortsetzung kolgt.)
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