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1. Sei läge zum Wiesbadener Tagblatt.

Mo. 132. Merger,-A„»Kabe.

(Schluß.) (Nachdruck verboten.)

Hiedeskämpfe.

Von Mcrnhard von Mandenvurg.

Sei still," herrschte sie den Kobold an, „geh' mir ans den Augen — was kümmert es Dich, wer mit mir spricht?"

Doch bei sich erwog sie, daß dies der Mann wäre, vor dem sie M beugen müsse und vor dem ihr Wille wider­standslos schmolz, das war der Mann, den ihr gutmüthiger Later ihr zum Gebieter prophezeite.-

Endlich stand Brandes in dem kleinen Vorzimmer und erwartete den anmeldenden Lakaien zurück. Gott sei Dank, nun war es so weit, Erlösung und Gewißheit nahten.

„Durchlaucht befehlen!" — mit festen Schritten folgte er der Aufforderung, gleich darauf sah er sich allein der Prinzeß gegenüber.

Sic hatte ihr bequemes Lager gegen einen tiefen Stuhl tingetaoscht, in dem ihre kleine, hagere Figur trotz der Menge unterstützender Kissen fast versank. Sic hustete noch und in dem scharfen Frühlingslicht bemerkte Brandes, wie leidend ihr Ausdruck war und welche heißen, rothcn Flecken auf den spitzen Backenknochen brannten.

Mit leichter Bewegung dankte sie für seine Begrüßung und wies auf einen kleinen Sessel ihr gegenüber.

„Ich kann nicht viel sprechen," begann sie leise, „ich bin recht" krank gewesen und mehr als alles Uebrige hat mir die furchtbare Erregung der letzten Tage geschadet." Er senkte beschämt den Kopf. „Nichts ist ja quälender, als Kummer und Leid in nächster Nähe zu sehen und doch nicht helfen zu können."

Sie schwieg erschöpft und Brandes dachte: „Daß sie auch krank und moü sein nmß! Wenn sie mich wenigstens mit Vorwürfen und Schmähungen überhäufte — ich ertrüge sie leichter als diese Klagen!"

Mir wollen uns nicht weiter aufhalten," fuhr die alte Prinzeß fort, „wir wissen Beide, um was es sich handelt." Ihre Stimme wurde etwas stärker: „Sie haben ein schweres Unrecht begangen, Herr von Brandes, ein Unrecht, das Sie nie sühnen können. Sie haben Leid und Sorge in ein junges, reines Herz getragen und wußten doch, daß Sie die lwfkeimruden Wünsche und Hoffnungen, die sich an diese unglückliche Neigung knüpften, nie würden erfüllen können. Ich weiß nicht, wie weit Sie Ihre Kavalicrspflicht und Ihre Ehre noch vergessen hätten, loeun nicht die Entdeckung, das oDnie Gestündniß des armen Kindes zu einem jähen Ende Zchres freventlichen Beginnens geführt haben würden." Brandes streckte flehend beide Hände aus. „Das Wort der Herzogin, nie wieder in Beziehungen zu Ihnen zu treten, versichert mich nach der einen Seite, nun fordere ich das­selbe von Ihnen."

Brandes seufzte tief auf. Dann fragte er verzweifelt: „3fi keine Möglichkeit, Durchlaucht, keine — eine andere Lösung herbeiznführen? Mein Gott, ich weiß ja, daß es eine unsagbare Kühnheit von mir ist — ich bin ihrer un­würdig nach jeder Richtung — aber ich liebe sie so heiß, so leidenschaftlich — ich kann nicht leben ohne sie! Ich habe gesündigt, ab.r nur aus wahnsinniger Liebe — Er­barmen, Durchlaucht, Erbarmen!"

Er war von d m Seffel gesunken und kniete vor ihr,

Samstag, de» 31 . März.

die Hände vors Gesicht geschlagen, während ein heftiges Schluchzen seinen Körper erschütterte.

„Immer wieder dasselbe," murmelte die alte Durchlaucht und nickte vor sich hin. „Alles ist schon einmal dagewesen und erneuert sich immer wieder und bringt dieselben Schmerzen! Wie er ihm heute ähnlich steht — gerade so lag er damals vor mir und wir meinten Beide vergehen zu müssen — und haben es doch ertragen und durch so viel freudlose Jahre geschleppt! Er hat es besser gehabt als ich

— er tröstete sich mit einer schönen Frau und vielen Kindern

— und das wird der da vor mir auch thun! Ja, ja, nur wir armen Fürstentöchter dürfen nicht wählen, wir bleiben einsam und verlassen, wenn wir uns nicht opfern lassen wollen! Aber schön ist er wie ein junger Gott — nein, ich darf nicht weich werden, Mitleid ist verboten!"

„Stehen Sie auf." gebot sie. Er gehorchte und biß die Zähne aufeinander. Mit einem langen, forschenden Blick glitt ihr Auge über seine Gestalt. „Es ist unmöglich, Herr von Brandes, Sie wissen es so gut wie ich." Er nickte wie geistesabwesend. „Alles, was Sie zu thun haben, ist, jedes Gerede zu vermeiden, keinen Gewaltstreich zu begehen," sie wies bedeutsam auf ihre Schläfe, „der Sie zwar be­freien, die Herzogin aber auf ewig kompromittiren würde. Prägen Sie sich ein, daß Sie jedes Opfer bringen müssen, um den Leuten den Mund zu stopfen, das ist die einzige Sühne, die ich von Ihnen verlange. Daher müssen Sie auch hier bleiben — anfänglich beschloß ich anders —, ebenso vorläufig die Herzogin, bis jeder Schatten eines Ver­dachtes verschwunden ist. Hat Ihre That noch Mitwissende außer Fräulein Waldson?"

„Ja," antwortete er zögernd.

„Wer ist es?"

„Fräulein von Hagemann."

„Um Gotteswillen," entfuhr es der Prinzeß, „die bösen Zungen der Mutter und Tochter sind berühmt — aus meinem guten, alten Leibarzt haben sie einen verschüchterten, jämmerlichen Hasenfuß gemacht! Also hören Sie. um jeden Preis verhindern Sie die Plaudertasche am Klatschen, und wenn Sie sie dafür heirathen müßten — sonst kennt sie keinen Pardon."

„Ich werde sie heirathen müssen," sagte Brandes lang­sam mit traurigem Lächeln.

Aha — also würde auch er sich mit einer Frau trösten, obgleich er neben dieser nicht auf Rosen wandeln würde!^

Durchlaucht seufzte, da war er, der widerwärtige Schluß einer verbotenen Neigung. Aber eingedenk des verkümmerten Gesichtes ihres alten Doktors sagte sie doch:

„Sie Armer — aber, Sie müssen es ertragen! Nun gehen Sie, wir haben uns nichts mehr zu sagen und ich wollte —" sie schluckte ein paar Mal, weil sie seine traurigen Augen auf sich fühlte —, „nun, daß es anders geendet hätte, da es doch einmal begonnen, anders, als wir Alle es nun hinnehmen müssen!"

Er dankte ihr durch einen ehrfurchtsvollen Handkuß für die große Güte, die in ihren Worten lag, trotzdem sie seine letzte Hoffnung ans Lebensglück für immer vernichteten, und er verließ ste wie ein Verbrecher, dessen Todesnrtheil in iebenslängliche Zuchthausstrafe umgemandelt worden ist.

Durchlaucht lag noch immer regungslos in ihrem Stuhl. „Nun ist ihr Schicksal besiegelt," dachte sie, „nun gilt es,

48. Sftlji'gftng. 1900*

entsagen lernen und das eigene Glücksbedürfniß in der Sorge für Waisenkinder und alte Sliftsherrschaften zu ver­gessen — nun hat die Harmlosigkeit, das herrliche Hinein- leben in den Tag aufgehört —■ Ueberwindung und Selbst­beherrschung sind die ersten Wegweiser über die uferlose, dürre Haide, die man das Leben nennt."

Und vor ihren geschloffenen Lidern tauchte das schöne, in Freude und Liebe strahlende Bild Elisabeths unter dem brennenden Weihnachtsbanm auf. wie eine holde, gütige Fee, die nur Gutes vertheilt und ewigen Sonnenschein dafür eut- gegcnninimt, aber „der Mensch stehet, was vor Angen ist!"

„Sie wollen also wirklich fort?" fragte Jngeborg und beugte sich über ein paar Crocus.

„Ja," antwortete Mondal eifrig, „cs wird nicht anders! Ich habe von Anfang an kein Zutrauen zu diesem über­stürzten Kontrakt gehabt — weiß Gott, was den Intendanten damals bewogen hat, mich zu fesseln! Nun wollen sie mich wieder los sein — weiß freilich auch wieder nicht, weshalb! Aber irgend etwas wird gegen mich intriguirt, so interessant bin ich! Der Baron machte allerlei geheimnißvolle An­deutungen, der Hof wolle mir nicht wohl, er müsse sich allerhöchsten Wünschen fügen, und wenn eine Durchlaucht sehr nahe stehende Dame als Bittstellerin bei ihm erschiene, so wüßte er doch natürlich, von wem diese geheimen Winke eigentlich känien, wenngleich ja Alles sehr diskret ansgedrückt wäre —"

„Aha, die Rache der Frau Oberhofmarschallin," dachte Jngeborg, „nun meint sie, mich sicher zu treffen."

und so weiter. Dann kam eine ganz lange Rede von ungemeiner Schätzung, Anerkennung, zukünftigen! Stern Europas, das konnte mich ja doch Alles nicht täuschen! Ich wischte den Zucker von der Pille, schluckte sie und sagte: „Sie wollen, daß ich gehe — gut, abgemacht!" Denken Sie nur, dieser sonst berüchtigte Geizhals bot mir sogar als Schadenersatz die Hälfte meiner ersten Jahresgage, ich lehnte stolz und großmülhig ab!"

„Sie läßt es sich etwas kosten," schloß Jngeborg weiter.

„Aber ich bat, mich von den Gastrollen in dieser Saison zu entbinden. Das geschah nach kurzem Ueberlegen. Nun bin ich vogelfrei — aber Sie sollen sehen, Fräulein Jngeborg, wie rasch ich etwas Neues finden werde. Ich fühle die Stärke eines Herkules in mir und würde es mit der ganzen Welt aufnchmen, mir kann es nicht fehlschlagen!"

„So glücklich sind Sie, daß Sie uns verlassen," scherzte Jngeborg, doch klang ihre Heiterkeit etwas gezwungen.

„Ja," enlgegnetc er fest, „ich bin dankbar dafür. Ich sehne mich fort, hier drücken mich oft allerlei alte, thörichll und längst überstandene Träume — ich will reine Luft und eine andere Scene! Und wenn diese wundervolle ncnL Bühne mit lebenden Conlissen und wahrem, unverfälschtem Sonnenschein gefunden ist, wenn ich wieder singen kann, als stände ich allzeit in einer Kirche, vor Gottes Antlitz, und brauchte nie mehr die Angen uiederznschlagen, dain« komme ich wieder! Jngeborg, was sagst Du dazu — Jngeborg?"

Sie reichte ihm den Strauß ihrer FrühlingLkinder und antwortete mit seligem Lächeln:

„Auf Wiedersehen, WalterI"

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